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Diplomatische Umschrift
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66.
9. April 1918.

Lieber, Verehrter,

Dank für Brief u. die Mühe mit meinen
BearbeitungsSachen. Möglicherweise ist der erste Teil der Klavierübung gemeint, welche Busoni Huber und dem Konservatorium Basel widmete (Willimann 1994, S. 62). Vgl. auch den Brief vom 24. Mai. Schweitzer in seinem
„Bach“ rettet sehr warm meine Ehre. Busonis Bach-Interpretationen wurden, ebenso wie seine Bearbeitungen, zumeist heftig kritisiert (Stuckenschmidt 1967, S. 73), da Busoni sich für eine modernisierende Interpretation (Meyer 1969, S. 13) bzw. eine entsprechende Übertragung dieser Werke einsetzte (Stuckenschmidt 1967, S. 66). Schweitzer, diesem Verständnis nahestehend (ibid., S. 122), hebt Busoni in seiner Bach-Monographie mehrfach lobend hevor; so betont er Busonis Qualitäten als Bearbeiter von Orgelwerken (Schweitzer 1928, S. 295), als Bach-Interpret generell (ibid., S. 329) sowie besonders als Herausgeber der Bach’schen Klavierwerke (ibid., S. 354).
– Der junge Hirth erfreute mich gestern
mit seinem tüchtigen KlavierSpiel. Huber hatte Franz Josef Hirt in seinem Brief vom 16. Januar 1918 erwähnt und um die Empfehlung eines Lehrers gebeten.
– Die Neue Fr. Presse brachte am 5. April
ein ganzes seiner berühmten Feuilletons
über meine beiden kleinen Opern. Stefan Zweigs euphorische Besprechung der Opern Arlecchino und Turandot, die bereits am 11. Mai 1917 in Zürich mit großem Erfolg uraufgeführt worden waren (Stuckenschmidt 1967, S. 42). Zweig war seit 1911 mit Busoni persönlich bekannt (Busoni / Beaumont 1987, S. 125).
– Ich schlug im Paul nach, den ich
zufällig hier habe, und las, daß Strindberg
auf ein mir unbekanntes Stück „das Band“
anspielt, das er sich als Oper denkt, u.
mich dabei nennt. Adolf Paul erwähnt in Strindberg-Erinnerungen und -Briefe Busoni als möglichen Kandidaten für die Aufführung oder Bearbeitung des Einakters Das Band, und zwar im Rahmen eines von Strindberg an ihn (Paul) gerichteten Briefes vom 7. Juli 1894. Dort schreibt Strindberg: „Was sagst Du zu dem Band als Opera? Busoni kann es französisch lesen, bei – ? – Unter den Linden! (Paul 1924, S. 209). Wie Busonis Erstaunen zeigt, kam eine solche Zusammenarbeit nie zustande. Adolf Paul ist ein
Ex-Schüler von mir aus Helsingfors 1889
(älter als sein Lehrer) u. er schloss sich
in Berlin Str. an. Strindberg selbst be-
gegnete ich persönlich niemals; leider, –
– – vielleicht zum Glück. Wiewohl Busoni Strindberg sehr schätzte, stand er dessen „dunklen, psychopathischen Seiten“ (Stuckenschmidt 1967, S. 139) nicht uneingeschränkt positiv gegenüber (Stuckenschmidt 1967, S. 139 f.).A. Paul ist Schwede,
nicht Finnländer. Wir bildeten mit
dem “Schüler” Sibelius u. den Brüdern
Jaernefelt Eero und Armas Järnefelt. ein anregendes Coenaculum. Lat.: (im oberen Stockwerk gelegenes) Speisezimmer; hier im Sinne von gesellschaftlichem Beisammensein.
Nach meinem Neufundländer Hund
Lesko, nannten wir uns die „Leskowiter“. Busoni hatte 1888 eine Position als Klavierlehrer am Musikinstitut Helsinki angetreten, wo sich um ihn zügig ein fester Freundeskreis bildete, bestehend aus Jean Sibelius, Armas und Eero Järnefelt sowie Adolf Paul. Neben ihrem recht aktiven Nachtleben disktutierte die Gruppe Themen u. a. aus Malerei oder Literatur sowie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Der bei den Treffen meist anwesende Hund Busonis avancierte zum Namenspaten der Gruppe. Die einzelnen Sätze der „Geharnischten Suite“ sind jeweils einem dieser Freunde gewidmet: Vorspiel (Sibelius), Kriegstanz (Paul), Grabdenkmal (Armas Järnefelt) und Ansturm (Eero Järnefelt) (Hong 2010, S. 57 ff.).

9. April 1918.

Lieber, Verehrter,

Dank für Brief und die Mühe mit meinen Bearbeitungssachen. Möglicherweise ist der erste Teil der Klavierübung gemeint, welche Busoni Huber und dem Konservatorium Basel widmete (Willimann 1994, S. 62). Vgl. auch den Brief vom 24. Mai. Schweitzer in seinem „Bach“ rettet sehr warm meine Ehre. Busonis Bach-Interpretationen wurden, ebenso wie seine Bearbeitungen, zumeist heftig kritisiert (Stuckenschmidt 1967, S. 73), da Busoni sich für eine modernisierende Interpretation (Meyer 1969, S. 13) bzw. eine entsprechende Übertragung dieser Werke einsetzte (Stuckenschmidt 1967, S. 66). Schweitzer, diesem Verständnis nahestehend (ibid., S. 122), hebt Busoni in seiner Bach-Monographie mehrfach lobend hevor; so betont er Busonis Qualitäten als Bearbeiter von Orgelwerken (Schweitzer 1928, S. 295), als Bach-Interpret generell (ibid., S. 329) sowie besonders als Herausgeber der Bach’schen Klavierwerke (ibid., S. 354). – Der junge Hirt erfreute mich gestern mit seinem tüchtigen Klavierspiel. Huber hatte Franz Josef Hirt in seinem Brief vom 16. Januar 1918 erwähnt und um die Empfehlung eines Lehrers gebeten. – – Die Neue Freie Presse brachte am 5. April ein ganzes ihrer berühmten Feuilletons über meine beiden kleinen Opern. Stefan Zweigs euphorische Besprechung der Opern Arlecchino und Turandot, die bereits am 11. Mai 1917 in Zürich mit großem Erfolg uraufgeführt worden waren (Stuckenschmidt 1967, S. 42). Zweig war seit 1911 mit Busoni persönlich bekannt (Busoni / Beaumont 1987, S. 125). – Ich schlug im Paul nach, den ich zufällig hier habe, und las, dass Strindberg auf ein mir unbekanntes Stück, das Band, anspielt, das er sich als Oper denkt, und mich dabei nennt. Adolf Paul erwähnt in Strindberg-Erinnerungen und -Briefe Busoni als möglichen Kandidaten für die Aufführung oder Bearbeitung des Einakters Das Band, und zwar im Rahmen eines von Strindberg an ihn (Paul) gerichteten Briefes vom 7. Juli 1894. Dort schreibt Strindberg: „Was sagst Du zu dem Band als Opera? Busoni kann es französisch lesen, bei – ? – Unter den Linden! (Paul 1924, S. 209). Wie Busonis Erstaunen zeigt, kam eine solche Zusammenarbeit nie zustande. Adolf Paul ist ein Ex-Schüler von mir aus Helsingfors 1889 (älter als sein Lehrer), und er schloss sich in Berlin Strindberg an. Strindberg selbst begegnete ich persönlich niemals; leider, – – – vielleicht zum Glück. Wiewohl Busoni Strindberg sehr schätzte, stand er dessen „dunklen, psychopathischen Seiten“ (Stuckenschmidt 1967, S. 139) nicht uneingeschränkt positiv gegenüber (Stuckenschmidt 1967, S. 139 f.).Adolf Paul ist Schwede, nicht Finnländer. Wir bildeten mit dem „Schüler“ Sibelius und den Brüdern Järnefelt Eero und Armas Järnefelt. ein anregendes Coenaculum. Lat.: (im oberen Stockwerk gelegenes) Speisezimmer; hier im Sinne von gesellschaftlichem Beisammensein. Nach meinem Neufundländer Hund Lesko nannten wir uns die „Leskowiter“. Busoni hatte 1888 eine Position als Klavierlehrer am Musikinstitut Helsinki angetreten, wo sich um ihn zügig ein fester Freundeskreis bildete, bestehend aus Jean Sibelius, Armas und Eero Järnefelt sowie Adolf Paul. Neben ihrem recht aktiven Nachtleben disktutierte die Gruppe Themen u. a. aus Malerei oder Literatur sowie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Der bei den Treffen meist anwesende Hund Busonis avancierte zum Namenspaten der Gruppe. Die einzelnen Sätze der Geharnischten Suite sind jeweils einem dieser Freunde gewidmet: Vorspiel (Sibelius), Kriegstanz (Paul), Grabdenkmal (Armas Järnefelt) und Ansturm (Eero Järnefelt) (Hong 2010, S. 57 ff.).

Strindberg hat in meinem Empfinden bereits drei Perioden durchgemacht: stieß mich erst ab, feuerte mich zur Begeisterung an, und nun beginne ich seine Schwächen peinlicher zu empfinden. – Aber mit seinem einzigen Traumspiel und den Kammerspielen Unter der Gattungsbezeichnung Kammerspiele verfasste Strindberg zwischen 1907 und 1909 einen Zyklus von Werken: Wetterleuchten, Die Brandstätte, Gespenstersonate, Der Scheiterhaufen, Fröhliche Weihnacht sowie die Fragment gebliebene Toten-Insel. 20 weitere Werke sollten folgen. Strindbergs Absicht war es, die intime Gattung der Kammermusik auf dramatische Werke zu übertragen, etwa durch Konzentrierung ihrer Motivik und Ausgestaltung (Paul 1979, S. 87 f.). hat er nach Schiller, und nach Ibsen, wieder einmal dem Theater eine neue Physiognomie gegeben, was ich von anderen nicht zu behaupten wüsste. – Unsympathisch ist mir sein Verweilen und Bohren in „les petites misères“ Frz.: „den kleinen Nöten“. des Alltäglichen und eine gewisse künstlerische Nachlässigkeit in Form und Ausdruck (letzteres soll im schwedischen Original minder fühlbar sein). Wie bei Voltaire und bei Heine erkenne ich in ihm eine große Sehnsucht nach Liebe, Güte und Schönheit und einen Ingrimm, diese bei den Menschen immer wieder vermissen zu müssen. – Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, und dieses haben Sie gewiss selbst schon gedacht.

Ich grüße Sie allerherzlichst und verehrungsvoll als Ihr treu ergebener

F. Busoni

                                                                
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(2)

Strindberg hat in meinem Empfinden
bereits drei Perioden durchgemacht: stiess mich
erst ab, feuerte mich zur Begeisterung an,
u. nun beginne ich seine Schwächen peinlicher
zu empfinden. – Aber mit seinem
einzigen „Traumspiel“ u. den „Kammerspielen“ Unter der Gattungsbezeichnung Kammerspiele verfasste Strindberg zwischen 1907 und 1909 einen Zyklus von Werken: Wetterleuchten, Die Brandstätte, Gespenstersonate, Der Scheiterhaufen, Fröhliche Weihnacht sowie die Fragment gebliebene Toten-Insel. 20 weitere Werke sollten folgen. Strindbergs Absicht war es, die intime Gattung der Kammermusik auf dramatische Werke zu übertragen, etwa durch Konzentrierung ihrer Motivik und Ausgestaltung (Paul 1979, S. 87 f.).
hat er nach Schiller, und nach Ibsen, wieder
einmal dem Theater eine neue Physiognomie
gegeben, was ich von Anderen nicht zu
behaupten wüßte. – Unsympathisch ist
mir sein Verweilen u. Bohren in
„les petites misères“ Frz.: „den kleinen Nöten“. des Alltäglichen und
eine gewisse künstlerische Nachlässigkeit
in Form u. Ausdruck .(letzteres soll im
Schwedischen original minder fühlbar sein.)
Wie bei Voltaire u. bei Heine erkenne
ich in ihm eine grosse Sehnsucht nach
Liebe, Güte u. Schönheit u. einen Ingrimm,
diese bei den Menschen immer wieder
vermissen zu müssen. – Mehr kann ich
Ihnen nicht sagen u. dieses haben Sie gewiss
selbst schon gedacht.

Ich grüße Sie allerherzlichst
u. verehrungsvoll als Ihr treu ergebener

F. Busoni

                                                                
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