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Mus. Nachl. F. Busoni B I, 533 Mus. ep. F. Busoni 36
(Busoni-Nachl. B I)
Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin

Hochverehrter
Herr u. Freund. –

Dass sich in einem Menschen
Intelligenz u. Güte und Bildung
vereinen ist nicht verwunderlich,
Iinsofern als ich die Existenz
oder den Werth einer dieser
Eigenschaften ohne die beiden
anderen bezweifle; erfreulich
und wohlttuend ist es jedoch,
wenn man ihnen doch vereint
begegnet und noch dazu in einer
so harmonischen Innigkeitwie
es bei Ihnen, werther Freund, zutrifft.

Hochverehrter Herr und Freund. –

Dass sich in einem Menschen Intelligenz und Güte und Bildung vereinen, ist nicht verwunderlich, Iinsofern als ich die Existenz oder den Wert einer dieser Eigenschaften ohne die beiden anderen bezweifle; erfreulich und wohltuend ist es jedoch, wenn man ihnen doch vereint begegnet und noch dazu in einer so harmonischen Innigkeit,wie es bei Ihnen, werter Freund, zutrifft.

Ihr freundlicher Briefe und Ihre Sendungen, die mich ebenso überraschten als wahrhaft erfreuten, verdienten eine ausführliche Erwiederung, die musikalische Sendung eine sachliche Besprechung: – durch meine eiligen Reisen und zusammengehauften Tätigkeiten,konnte ich aber dieser Forderung nicht gerecht werden, kann es auch heute kaum – schon deshalb, weil das Huber'sche Konzert Gemeint ist hier höchst wahrscheinlich Hans Hubers Klavierkonzert Nr. 3 in D-Dur aus dem Jahre 1899 (op. 113). nicht vor mir aufliegt; – doch darf ich auch nicht länger säumen, ohne meine Gewissensunruhe anwachsen zu lassen und durch den Vorwurf Unhöflichkeit und Undankbarkeit zu verfallen.

Nachlaß Busoni

Haben Sie also vor Allem herzlichsten Dank. Ich erhielt Ihren Brief , Huber's Konzert und die magnanime Weinsendung

die ich höchlich zu würdigen weiß. Ob ich das Klavierconcert Ihres Freundes und hochgeschätzten Komponisten Huber nach verdientem Maß zu würdigen verstehe, ist weniger feststehend. Der Name des Meisters ist die Tatsache, dass Sie, verehrter Freund, für das Stück eintreten, bürgen für den Wert – der unleugbar ist –, lassen aber allzuviel erhoffen, das sich nicht unwiederlegbar das einstellt. Die bezwingende Macht des Genialen, welches über die kleineren Mängel hinwegbefiehlt und die Kritik zu Boden drückt, scheint mir vor Allem zu fehlen... Sodann ist im Klaviersatze ein Schwanken zwischen musikalischem und Virtuosen, das dem ersten zwar nicht schadet, dem zweiten aber etwas zu hindern scheint.

Bei der nicht unerschöpflichen Fantasie des Autors war es aber ein entschiedener Fehler, (es scheint mir der Hervorragenste) die Komposition mit einem Variationswerke zu eröffnen. Huber scheint darin alle Rhythmen und Figuren, die ihm zur Verfügung fanden, angewandt zu haben, mit ... ohne ökonomischen Bedacht auf das Folgende zu nehmen. Wie ein Familienvater, der durch Vorschüsse in der ersten Hälfte des Jahres sein ganzes Jahreseinkommen aufgezehrt hat, so hat Huber in diesem – immerhin bedeutenden und Achtungerzwingenden Variationensatz – sich stark verausgabt. Sie müssen zugeben, dass Scherzo und Finale nicht sonderlich Neues aufweisen, auch unter einander bedenklich gleichartig

                                                                
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Ihr freundlicher Briefe und
Ihre Sendungen, die mich eben-
so überraschten als wahrhaft
erfreuten, verdienten eine
ausführliche Erwiederung, die
musikalische Sendung eine
sachliche Besprechung: – durch
meine eiligen Reisen und zusammen-
gehauften Tätigkeitenkonnte
ich aber dieser Forderung nicht
gerecht werden, kann es auch
heute kaum – schon deshalb,
weil das Huber'sche Concert Gemeint ist hier höchst wahrscheinlich Hans Hubers Klavierkonzert Nr. 3 in D-Dur aus dem Jahre 1899 (op. 113).
nicht vor mir aufliegt; – doch
darf ich auch nicht laenger
saumen, ohne meine
Gewissensunruhe anwachsen
zu lassen und durch den Vorwurf
Unhöflichkeit und Undank-
barkeit zu verfallen.

Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin
Nachlaß Busoni

Haben Sie also vor Allem
herzlichsten Dank. Ich erhielt
Ihren Brief , Huber's Concert und
die magnanime Weinsendung

                                                                
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3)

die ich höchlich zu würdigen weiss.
Ob ich das Clavierconcert Ihres
Freundes und hochgeschätzten
Componisten Huber nach verdientem
Maass zu würdigen verstehe, ist
weniger feststehend. Der Name
des Meisters ist die Tatsache,
dass Sie, verehrter Freund, für
das Stück eintreten bürgen für
den Werth – der unleugbar ist –
lassen aber allzuviel erhoffen,
das sich nicht unwiederlegbar
das einstellt. Die bezwingende
Macht des Genialen, welches
über die kleineren Mängel
hinwegbefiehlt und die Kritik
zu Boden drückt, scheint mir vor
Allem zu fehlen.. Sodann
ist im Claviersatze ein Schwanken
zwischen musikalischem und
Virtuosen, das dem ersten
zwar nicht schadet, dem zweiten
aber etwas zu hindern scheint.

                                                                
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Bei der nicht unerschöpflichen
Fantasie des Autors war es aber
ein entschiedener Fehler, –
(es scheint mir der Hervorragenste)
die Composition mit einem
Variationswerke zu eröffnen. Hu-
ber
scheint darin alle Rhythmen
und Figuren, die ihm zur Verfügung
fanden, angewandt zu haben,
mit ... ohne ökonomischen
Bedacht auf das Folgende zu
nehmen. Wie ein Familien-
vater der durch Vorschüsse, in
der ersten Hälfte des Jahres
sein ganzes Jahreseinkommen
aufgezehrt hat, so hat Huber
in diesem – immerhin
bedeutenden und Achtung-
erzwingenden Variationensatz –
sich stark verausgabt. Sie
müßen zugeben, dass Scherzo
und Finale nicht sonderlich
Neues aufweisen, auch unter
einander bedenklich gleichartig

                                                                
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