Ferruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst

Ausgaben 1907, 1916 und Synopse

Christian Schaper

Ferruccio Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst erschien 1907 zunächst als Anhang eines Sammeldrucks mit zwei Opernlibretti (Der mächtige Zauberer, nicht vertont; Die Brautwahl, komponiert 1906–11) sowie einzeln als gut 30-seitige Broschüre, beides im Verlag von Busonis Jugendfreund Carlo Schmidl in Triest. Eine englische und eine russische Ausgabe folgten 1911 bzw. 1912.

Verbreitung weit über Kennerkreise hinaus fand der Entwurf erst in einer revidierten und bedeutend erweiterten Neuausgabe, die 1916 in der populären „50-Pfennig-Reihe“ der Insel-Bücherei erschien. Im progressiven wie im konservativen Lager löste sie heftige Reaktionen aus: Arnold Schönberg und Paul Hindemith hinterließen reich annotierte Exemplare; Hans Pfitzners Erwiderung in Form des Pamphlets Futuristengefahr (1917) ließ die Auflage weiter nach oben schnellen, so dass innerhalb eines Jahres an die 10.000 Exemplare des Entwurfs verkauft werden konnten.

Die locker gereihten Abschnitte des Entwurfs fügen sich mosaikartig zur Vision einer zukünftigen Musik, die alle Fesseln der von Busoni so genannten „Gesetzgeber“ abstreift, indem sie alle Zwänge von Gattung, Form und Instrumentarium, von Notations- und Tonsystem hinter sich lässt: „Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung.“ Busoni dringt dabei bis zur Skizzierung der „verfeinerten Chromatik“ eines Sechsteltonsystems vor; dem anbrechenden Zeitalter völlig stufenloser elektrischer Klangerzeugung sieht er euphorisch entgegen.