Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Wien, 6. Oktober 1909

Stand: 4. Februar 2018 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Wien am 6. Oktober 1909 verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 6. Oktober 1909 (autograph)

Umfang

1 Bogen, 4 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4551 | olim: Mus.ep. A. Schönberg 12 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Hand des Absenders Arnold Schönberg, der die Anschriftzeilen im Adressstempel mit bräunlicher Tinte unterstrichen hat
    • unbekannte Hand, welche die Anschriftzeilen im Adressstempel mit breitem Buntstift unterstrichen hat
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift die Foliierung vorgenommen und Signaturen eingetragen hat.
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
    • Adressstempel des Absenders Arnold Schönberg, mit violetter Tinte

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Schönberg befürchtet hinter Busonis ausbleibender Antwort eine Verstimmung; vermeldet die Fertigstellung des Monodrams Erwartung; hat einen 10-Jahres-Vertrag mit der Universal-Edition abgeschlossen, bittet Busoni um entsprechende Mitteilung an Breitkopf & Härtel; schlägt Verlegung eines geplanten Konzerts mit eigenen Werken vor, um Busoni bei dessen Wien-Aufenthalt für eine Aufführung der Klavierstücke op. 11 zu gewinnen; ersucht um eine generelle Zusage Busonis, die Klavierstücke öffentlich zu spielen.
  • Incipit

  • ich vermisse schon seit Langem
  • Edition

    Verantwortlich

    Bearbeitet von

  • Jakob Schmidt
  • Christian Schaper
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4551
    [1]
    6/10. 1909
    Arnold Schönberg
    – – – Wien – – –
    IX. Liechtensteinstraße 68/70

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    ich vermisse
    schon seit Langem irgend eine Nachricht
    von Ihnen und zerbreche mir den Kopf
    um den „Grund mir aufzufinden“ der Ihr
    plötzliches Stillschweigen veranlaßt hat.
    Ich kann nicht darauf kommen und
    muß annehmen, daß irgend ein Miß=
    verständnis vorliegt, denn ich bin mir
    nicht im Entferntesten bewußt auch nur
    irgend etwas getan zu haben, was ich
    beabsichtigt hätte und das Sie hätte verletzen
    dürfen. Oder habe ich etwas unterlassen?
    Das könnte eher sein. Mein Schwung reicht
    stets nur fürs Sachliche und erlahmt
    immer am rein Formalen im Ver=
    kehr. Ich habe noch nie jemandem eine
    warme Höflichkeit sagen können
    und versuche das auch nie. Meine Sympathie

    Mus.ep. A. Schönberg 12 (Busoni-Nachl. B II)

    6.10.1909
    Arnold Schönberg
    – – – Wien – – –
    IX. Liechtensteinstraße 68/70

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    ich vermisse schon seit langem irgendeine Nachricht von Ihnen und zerbreche mir den Kopf, um den „Grund mir aufzufinden“, der Ihr plötzliches Stillschweigen veranlasst hat. Ich kann nicht darauf kommen und muss annehmen, dass irgendein Missverständnis vorliegt, denn ich bin mir nicht im Entferntesten bewusst, auch nur irgendetwas getan zu haben, was ich beabsichtigt hätte und das Sie hätte verletzen dürfen. Oder habe ich etwas unterlassen? Das könnte eher sein. Mein Schwung reicht stets nur fürs Sachliche und erlahmt immer am rein Formalen im Verkehr. Ich habe noch nie jemandem eine warme Höflichkeit sagen können und versuche das auch nie. Meine Sympathie

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    und meine Hochschätzung äußern sich mehr
    indirekt:; dadurch daß ich jemandem
    das Bedürfnis bezeige mit ihm zu ver=
    kehren, mit ihm zu reden.

    Deshalb, da mir also bewußt jede
    Absicht gefehlt haben muß, und mir Ihre
    Verstimmung sehr schmerzlich wäre, beschwöre
    ich Sie, mir zu sagen, was vorliegt.
    Ich bin sicher, ich kanns aufklären.

    Ich selbst habe bis vor zwei Tagen
    sehr angestrengt, zuerst an der Komposition
    und dann an der Instrumentation meines
    neuesten Werkes gearbeitet. Es ist ein
    Monodram
    (für die Bühne) und ich
    glaube es ist mir außerordentlich gelungen.
    Der Rest der Zeit, war mit Unterhandlungen
    ausgefüllt, die ich mit meinem früheren
    Verlag Dreililien und meinem zukünftigen
    der Universal-Edition hatte. Letztere
    hat mir Anfangs September einen Antrag
    gemacht, der mich nach unserem gestrigen

    und meine Hochschätzung äußern sich mehr indirekt: dadurch, dass ich jemandem das Bedürfnis bezeige, mit ihm zu verkehren, mit ihm zu reden.

    Deshalb, da mir also bewusst jede Absicht gefehlt haben muss und mir Ihre Verstimmung sehr schmerzlich wäre, beschwöre ich Sie, mir zu sagen, was vorliegt. Ich bin sicher, ich kann’s aufklären.

    Ich selbst habe bis vor zwei Tagen sehr angestrengt zuerst an der Komposition und dann an der Instrumentation meines neuesten Werkes gearbeitet. Es ist ein Monodram (für die Bühne), und ich glaube, es ist mir außerordentlich gelungen. Der Rest der Zeit war mit Unterhandlungen ausgefüllt, die ich mit meinem früheren Verlag Dreililien und meinem zukünftigen, der Universal-Edition, hatte. Letztere hat mir anfangs September einen Antrag gemacht, der mich nach unserem gestrigen

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    [2] Entschlusse für die nächsten 10 Jahre bindet.
    Und so muß ich Ihnen nun auch herzlichst
    dankend mitteilen, daß ich bei Breitkopf
    und Härtel
    nicht verlegen darf. Ich wollte
    Ihnen nicht früher darüber schreiben, denn
    es sah lange Zeit so aus, als ob ich mich
    mit der Univ. Ed[.] nichts werden sollte und
    da wollte ich mich nicht zwischen zwei
    Stühle setzen. Außerdem wußte ich nicht,
    daß die U. E. auf mein gesammtes
    Schaffen reflektieren werde. Da das nun
    aber doch geschehen ist, bitte ich Sie Br. u.
    H.
    davon zu benachrichtigen.

    Ich habe gelesen, daß Sie im De=
    cember in Wien sind. Nun wollen der
    Tonkünstler=Verein und der Verein
    für Kunst und Kultur
    einen Abend
    mit neuen Sachen von mir machen.
    Ließe sich das nicht machen, daß wenn man
    das in die nahe Ihres Konzerts verlegte, Sie

    Entschlusse für die nächsten zehn Jahre bindet. Und so muss ich Ihnen nun auch herzlichst dankend mitteilen, dass ich bei Breitkopf & Härtel nicht verlegen darf. Ich wollte Ihnen nicht früher darüber schreiben, denn es sah lange Zeit so aus, als ob mit der Universal-Edition nichts werden sollte, und da wollte ich mich nicht zwischen zwei Stühle setzen. Außerdem wusste ich nicht, dass die U. E. auf mein gesamtes Schaffen reflektieren werde. Da das nun aber doch geschehen ist, bitte ich Sie, Br. & H. davon zu benachrichtigen.

    Ich habe gelesen, dass Sie im Dezember in Wien sind. Nun wollen der Tonkünstler-Verein und der Verein für Kunst und Kultur einen Abend mit neuen Sachen von mir machen. Ließe sich das nicht machen, dass wenn man das in die Nähe Ihres Konzerts verlegte, Sie

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    eventuell die 3 Klavierstücke spielten? Ich
    bin nämlich zu neubegierig, sie von Ihnen zu
    hören und das wäre ja eine Gelegenheit.
    Allerdings, wenn Sie sie für Ihr eigenes
    Konzert angesetzt hatten, wäre mir das
    noch lieber, denn ich bin viel lieber mit
    dem regelmäßigen Publikum in Ver=
    bindung, als mit dem außerordentlichen.

    Nun noch eine Bitte: Die Universal
    Edition
    , die diese drei Klavierstücke
    auch bringen will, möchte vorher von Ihnen
    eine Zusage haben, daß Sie sie öffentlich
    spielen. Ich selbst hätte auch gerne diese
    Gewißheit, die mir große Freude
    machte. Darf ich Sie um eine derartige
    Erklärung sehr bitten.

    Ich hoffe recht bald von Ihnen Nachricht
    zu haben und empfehle mich mit herzlicher Hoch=
    achtung und Verehrung

    Ihr ganz ergebener

    Arnold Schönberg.

    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin
    Nachlaß Busoni

    eventuell die drei Klavierstücke spielten? Ich bin nämlich zu begierig, sie von Ihnen zu hören, und das wäre ja eine Gelegenheit. Allerdings, wenn Sie sie für Ihr eigenes Konzert angesetzt hatten, wäre mir das noch lieber, denn ich bin viel lieber mit dem regelmäßigen Publikum in Verbindung als mit dem außerordentlichen.

    Nun noch eine Bitte: Die Universal-Edition, die diese drei Klavierstücke auch bringen will, möchte vorher von Ihnen eine Zusage haben, dass Sie sie öffentlich spielen. Ich selbst hätte auch gerne diese Gewissheit, die mir große Freude machte. Darf ich Sie um eine derartige Erklärung sehr bitten.

    Ich hoffe recht bald von Ihnen Nachricht zu haben und empfehle mich mit herzlicher Hochachtung und Verehrung

    Ihr ganz ergebener

    Arnold Schönberg.