Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Wien, 4. September 1910

Stand: 7. Februar 2018 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Wien am 4. September 1910 verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 4. September 1910 (autograph), 5. Oktober 1910 (Poststempel Wien)

Umfang

2 Bogen, 4 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten; Umschlag oben links unvollständig infolge Aufriss (ohne Textverlust).
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4554 | olim: Mus.ep. A. Schönberg 15 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung die Signaturen mit Bleistift eingetragen hat.
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
    • Adressstempel des Absenders Arnold Schönberg, mit violetter Tinte
    • Poststempel (schwarze Tinte)

    Foliierungen

    • Foliierung mit Bleistift oben rechts durch das Archiv.

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Schönberg begründet seine verspätete Antwort mit der Arbeit an Harmonielehre, Gurre-Liedern und Glücklicher Hand; äußert sich bewundernd über den in der Fantasia contrappuntistica realisierten „Stil“ als Ausweis der „Gesamtpersönlichkeit“ Busonis; bittet um Zusendung von Werken Busonis, die das im Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst Geforderte einlösen; bietet Zusendung seines Streichquartetts op. 10 an.
  • Incipit

  • bitte vielmals, seien Sie mir nicht böse
  • Edition

    Verantwortlich

    Bearbeitet von

  • Jupp Wegner
  • Christian Schaper
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    [1]
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4554
    Mus.ep. A. Schönberg 15 (Busoni-Nachl. B II)
    4./9.1910

    Lieber verehrter Herr Busoni,

    bitte vielmals, seien Sie mir
    nicht böse, weil ich so lange nicht geschrieben habe. Ich habe sehr
    sehr viel gearbeitet; habe eine Harmonielehre fertig gemacht,
    den Zweiten Theil meiner Gurre-Lieder instrumentiert; ein
    Drama mit Musik
    (etwas allerdings sehr Kurzes) gedichtet und
    noch viel Anderes gemacht. Da fand ich nicht die Ruhe und
    war immer zu müd Ihr so kompliziertes Klavierwerk mit
    jener Sorgfalt anzusehen, die eine so ernste Arbeit bean=
    sprucht. Und ein oberflächliches Wort möchte ich Ihnen
    dann doch nicht darüber sagen. Wenn ich [es] jetzt doch tun muß

    4.9.1910

    Lieber verehrter Herr Busoni,

    bitte vielmals, seien Sie mir nicht böse, weil ich so lange nicht geschrieben habe. Ich habe sehr sehr viel gearbeitet; habe eine Harmonielehre fertig gemacht, den Zweiten Teil meiner Gurre-Lieder instrumentiert; ein Drama mit Musik (etwas allerdings sehr Kurzes) gedichtet und noch viel anderes gemacht. Da fand ich nicht die Ruhe und war immer zu müd, Ihr so kompliziertes Klavierwerk mit jener Sorgfalt anzusehen, die eine so ernste Arbeit beansprucht. Und ein oberflächliches Wort möchte ich Ihnen dann doch nicht darüber sagen. Wenn ich es jetzt doch tun muss,

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    so geschieht es um Ihnen meinen guten Willen zu bezeigen.
    Ich liefere mich dem Verdacht Oberflächliches, Konventionelles
    zu sagen lieber aus als dem Verdacht der Unhöflichkeit. Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin

    Was ich also zunächst bewundere, ist daß Sie es fertig ge=
    bracht haben, sich so restlos in die Stil= und Gedankenwelt
    des Bachschen Themas einzuleben, daß in derie Harmonik,
    die ja der modernsten stellenweise sehr nahekommt,
    doch nicht aus dem Ton des Ganzen herausfällt. Mir ist
    das ein Beweis für eine Idee, die ich schon lange hege: daß
    der Stil, […] wenn er überhaupt ein wirkliches (und
    nicht etwa bloß ein eingebildetes, oder unwesentliches) Merkmal
    eines Kunstwerkes ist, keineswegs gebunden ist an jene

    so geschieht es, um Ihnen meinen guten Willen zu bezeigen. Ich liefere mich dem Verdacht, Oberflächliches, Konventionelles zu sagen, lieber aus als dem Verdacht der Unhöflichkeit. Was ich also zunächst bewundere, ist, dass Sie es fertig gebracht haben, sich so restlos in die Stil- und Gedankenwelt des Bach’schen Themas einzuleben, dass die Harmonik, die ja der modernsten stellenweise sehr nahekommt, doch nicht aus dem Ton des Ganzen herausfällt. Mir ist das ein Beweis für eine Idee, die ich schon lange hege: dass der Stil, wenn er überhaupt ein wirkliches (und nicht etwa bloß ein eingebildetes oder unwesentliches) Merkmal eines Kunstwerkes ist, keineswegs gebunden ist an jene

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    [2] von den Theoretikern festgehaltenen Beobachtungen technischer
    Natur, sondern, daß esr an etwas ganz Anderen ist liegt.
    An der Gesamtpersönlichkeit!

    Aber ich werde mir Ihr Werk noch viel genauer ansehen und
    Ihnen dann noch Anderes darüber sagen.

    Und nun etwas, um das ich Sie schon lange ersuchen wollte:
    Ich möchte gerne andere Werke von Ihnen kennen. Solche die
    das in die Tat umsetzen, was Ihre Brochure verheißt.
    Darf ich Sie darum bitten?

    Interessiert es Sie mein Quartett op 10 (mit Gesang) kennen
    zu lernen, so kann ich Ihnen die Partitur senden.

    Verzeihen Sie ich muß schließen. Ich muß heute Briefe
    die mehr als vier Wochen alt sind, erledigen, denn morgen

    von den Theoretikern festgehaltenen Beobachtungen technischer Natur, sondern dass er an etwas ganz anderen liegt. An der Gesamtpersönlichkeit!

    Aber ich werde mir Ihr Werk noch viel genauer ansehen und Ihnen dann noch anderes darüber sagen.

    Und nun etwas, um das ich Sie schon lange ersuchen wollte: Ich möchte gerne andere Werke von Ihnen kennen. Solche, die das in die Tat umsetzen, was Ihre Broschüre verheißt. Darf ich Sie darum bitten?

    Interessiert es Sie, mein Quartett op. 10 (mit Gesang) kennen zu lernen, so kann ich Ihnen die Partitur senden.

    Verzeihen Sie ich muss schließen. Ich muss heute Briefe, die mehr als vier Wochen alt sind, erledigen, denn morgen

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    will ich wieder arbeiten.

    Mit vielen herzlichen Grüßen in Ergebenheit Ihr

    Arnold Schönberg

    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin
    Nachlaß Busoni

    will ich wieder arbeiten.

    Mit vielen herzlichen Grüßen in Ergebenheit Ihr

    Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 5Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Faksmilie, Seite 6Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    13/5 Wien 100
    5. IX. 10–1
    * a *
    Mus.ep. A. Schönberg 15
    Nachlaß Busoni B II
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4554-Beil.