Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Berg, 29. August 1911

Stand: 10. Februar 2018 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Berg (Starnberger See) am 29. August 1911 verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 29. August 1911 (autograph)

Umfang

1 Bogen, 4 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4555 | olim: Mus.ep. A. Schönberg 16 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift die Signaturen eingetragen und die Foliierung vorgenommen hat
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
    • Hand eines Postbediensteten, der den Umschlag mit blauem Stift beschriftet hat
    • Poststempel (schwarze Tinte)

    Foliierungen

    • Foliierung mit Bleistift unten rechts auf den Vorderseiten durch das Archiv.

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Nach knapp einjähriger Unterbrechung des Briefwechsels berichtet Schönberg Busoni von der erzwungenen Abreise mit seiner Familie aus Wien an den Starnberger See und den daraus resultierenden finanziellen Problemen, die Schönberg angesichts eines ohnehin erwogenen Umzugs nach Berlin mit Busonis Hilfe lösen möchte.
  • Incipit

  • ich erfuhr, daß Sie sich für die Uebersiedlung nach Berlin
  • Edition

    Verantwortlich

    Bearbeitet von

  • Maximilian Furthmüller
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.Nachl. F. Busoni
    B II, 4555
    Mus.ep. A. Schönberg 16
    (Busoni-Nachl.B II)
    29/8.1911
    Berg am Starnberger-See
    bei Zimmermeister Widl, Bayern

    Verehrte[r] Herr Busoni,

    ich erfuhr, daß Sie sich für die Ueber=
    siedlung nach Berlin, die man mit mir vor hat, interessieren.
    Da jetzt durch ein unglückseliges Ereignis zu diese[r] Angelegenheit
    ein beschleunigendes Element hinzugetreten ist, das eine
    Situation erzeugt hat, zu deren Entwirrung eine starke Hand
    nötig ist, wende ich mich an Sie.

    Ich kann Ihnen die ganze Geschichte nicht erzählen; sie
    ist zu lang und zu unglaublich. Ich sage morgen alles
    Fried, der Ihnen Bberichten wird. Die Hauptsache ist
    folgendes: Ein mit mir im selben Hause in Wien wohnender
    Unmensch, der zweifellos wahnsinnig ist (was sich aber
    vorderhand ärztlich nicht konstatieren läßt) bildet sich
    ein, daß er mich umbringen muß. Was er als Grund
    für seine Wut angiebt sind Lügen, aber sel[b]st als solche
    so belanglos, daß sie diese Wut, die mir nach
    dem Leben trachtet, nicht zu rechtfertigen geeignet
    ist. Der Gefahr entweder selbst umgebracht, zu werden
    oder wegen Ueberschreitung der Notwehr eingesperrt
    zu werden und den damit verbundenen Aufregungen,
    mußte ich, nach verschiedenen vergeblichen Versuchen mir
    durch die Behörden, oder sogar durch den Revolver, Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin
    [1]

    29.8.1911
    Berg am Starnberger See
    bei Zimmermeister Widl, Bayern

    Verehrter Herr Busoni,

    ich erfuhr, dass Sie sich für die Übersiedlung nach Berlin, die man mit mir vorhat, interessieren. Da jetzt durch ein unglückseliges Ereignis zu dieser Angelegenheit ein beschleunigendes Element hinzugetreten ist, das eine Situation erzeugt hat, zu deren Entwirrung eine starke Hand nötig ist, wende ich mich an Sie.

    Ich kann Ihnen die ganze Geschichte nicht erzählen; sie ist zu lang und zu unglaublich. Ich sage morgen alles Fried, der Ihnen berichten wird. Die Hauptsache ist Folgendes: Ein mit mir im selben Hause in Wien wohnender Unmensch, der zweifellos wahnsinnig ist (was sich aber vorderhand ärztlich nicht konstatieren lässt), bildet sich ein, dass er mich umbringen muss. Was er als Grund für seine Wut angibt, sind Lügen, aber selbst als solche so belanglos, dass sie diese Wut, die mir nach dem Leben trachtet, nicht zu rechtfertigen geeignet sind. Der Gefahr, entweder selbst umgebracht oder wegen Überschreitung der Notwehr eingesperrt zu werden, und den damit verbundenen Aufregungen musste ich, nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, mir durch die Behörden, oder sogar durch den Revolver,

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, am 4. August
    mich durch eine Flucht mit meiner Familie vor=
    läufig z entziehen. Deshalb kam ich hieher.
    Nun aber hoffte ich, die Angelegenheit durch den
    Advokaten inzwischen in Ordnung zu bringen, sehe
    aber nach mehreren hin und her=Schreibereien, daß
    ich keine Aussicht habe mir den zweifellos Tob=
    süchtigen
    , der einstweilen noch weiter tobt!!!
    vom Hals zu schaffen.

    So kann ich also nicht nach Wien
    zurück!! Und deshalbSo ist die Frage meiner
    Uebersiedlung durch diesen Unglücksfall, der
    die „force majeur“ spielt nicht mehr von meinem
    Willen abhängig, sondern ich stehe unter einem
    Zwang.

    Trotzdem könnte ich nicht ohne weiteres einen
    so tollkühnen Streich, wie es diese Ueber=
    siedlung mit meiner Familie wäre unternehmen,
    ohne daß ich eine Sicherheit habe, daß ich
    wenigstens eine Saison, solange bis ich mich
    eingearbeitet habe, in Berlin zuschauen kann.

    Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, am 4. August mich durch eine Flucht mit meiner Familie vorläufig entziehen. Deshalb kam ich hieher. Nun aber hoffte ich, die Angelegenheit durch den Advokaten inzwischen in Ordnung zu bringen, sehe aber nach mehreren Hin-und-Her-Schreibereien, dass ich keine Aussicht habe, mir den zweifellos Tobsüchtigen, der einstweilen noch weiter tobt!!!, vom Hals zu schaffen.

    So kann ich also nicht nach Wien zurück!! So ist die Frage meiner Übersiedlung durch diesen Unglücksfall, der die „force majeure“ spielt, nicht mehr von meinem Willen abhängig, sondern ich stehe unter einem Zwang.

    Trotzdem könnte ich nicht ohne weiteres einen so tollkühnen Streich, wie es diese Übersiedlung mit meiner Familie wäre, unternehmen, ohne dass ich eine Sicherheit habe, dass ich wenigstens eine Saison, solange bis ich mich eingearbeitet habe, in Berlin zuschauen kann.

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Lieber Herr Busoni, mißverstehen Sie mich nicht:
    das ist kein „genialer“ Streich; kein Versuch auf
    fremde Kosten schmarotzen zu wollen! keine Absicht
    nicht arbeiten zu wollen und dgl mehr. Im Gegen=
    teil: ich bin wohl einer der arbeitsamsten Men=
    schen, die es heute giebt! Wenn ich also so etwas
    fordern muß, was die Oeffentlichkeit mir
    wegen meiner Leistungen wohl bewilligen sollte
    ohne daß ich darum bitte, so tue ich es mit größtem
    Widerstreben! Trotzdem ich ein Anrecht darauf
    fühle!!

    Nun aber steht die Sache so: Mein Geld
    geht zu Ende. Ich hatte diese hohen Kosten, die
    mich sonst ruiniert hätten durch Freunde auf=
    gebracht und nur so war es mir möglich
    vom 4. August bis jetzt hier zu leben.

    Anfangs September müßte ich in Wien
    sein; Aber ich kann nicht. Und d in 14
    Tagen werde ich nicht mehr das Geld zur
    Rückfahrt haben.

    Bitte:, mißverstehen Sie mich nicht:
    Ich pumpe Sie nicht an; im Gegenteil,[2]

    Lieber Herr Busoni, missverstehen Sie mich nicht: das ist kein „genialer“ Streich; kein Versuch, auf fremde Kosten schmarotzen zu wollen! keine Absicht, nicht arbeiten zu wollen und dergleichen mehr. Im Gegenteil: ich bin wohl einer der arbeitsamsten Menschen, die es heute gibt! Wenn ich also so etwas fordern muss, was die Öffentlichkeit mir wegen meiner Leistungen wohl bewilligen sollte, ohne dass ich darum bitte, so tue ich es mit größtem Widerstreben! Trotzdem ich ein Anrecht darauf fühle!!

    Nun aber steht die Sache so: Mein Geld geht zu Ende. Ich hatte diese hohen Kosten, die mich sonst ruiniert hätten, durch Freunde aufgebracht, und nur so war es mir möglich, vom 4. August bis jetzt hier zu leben.

    Anfangs September sste ich in Wien sein; aber ich kann nicht. Und in 14 Tagen werde ich nicht mehr das Geld zur Rückfahrt haben.

    Bitte, missverstehen Sie mich nicht: Ich pumpe Sie nicht an; im Gegenteil,

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    ich wünsche sogar, daß Sie sich selbst an
    der Geldbeschaffung nur durch Ihren Einfluß
    beteiligen und sonst durch nichts!!!!

    Aber um daß bitte ich Sie: Ich habe keine
    Woche mehr Zeit [a]ber schreckliche Sorgen um
    die Zukunft. Schließlich, wir sind vier Per=
    sonen; das ist nicht so einfach! Und warum
    soll ich, der Werte schafft, im Dreck leben!
    Ich bitte Sie also um Eines: tun Sie
    das Äußerste bei Ihren Freunden und Be=
    kannten für mich, aber vor Allem: tun Sie es rasch!!

    Es tut mir furchtbar leid, daß ich Ihnen
    mit solchen Sachen kommen muß. Aber
    ich meine: einem Künstler, das ist einer der
    ein Vollmensch ist, kann man mit Allem
    kommen. Und ich soll mich doch hoffentlich nicht
    an die Feinde wenden.

    Ich hoffe bald Nachricht von Ihnen zu
    haben und bin

    mit vielen herzlichen Grüßen

    Ihr Arnold Schönberg

    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin
    Nachlaß Busoni

    ich wünsche sogar, dass Sie sich selbst an der Geldbeschaffung nur durch Ihren Einfluss beteiligen und sonst durch nichts!!!!

    Aber um das bitte ich Sie: Ich habe keine Woche mehr Zeit, aber schreckliche Sorgen um die Zukunft. Schließlich, wir sind vier Personen; das ist nicht so einfach! Und warum soll ich, der Werte schafft, im Dreck leben! Ich bitte Sie also um eines: Tun Sie das Äußerste bei Ihren Freunden und Bekannten für mich, aber vor allem: tun Sie es rasch!!

    Es tut mir furchtbar leid, dass ich Ihnen mit solchen Sachen kommen muss. Aber ich meine: einem Künstler, das ist einer, der ein Vollmensch ist, kann man mit allem kommen. Und ich soll mich doch hoffentlich nicht an die Feinde wenden.

    Ich hoffe, bald Nachricht von Ihnen zu haben, und bin

    mit vielen herzlichen Grüßen

    Ihr Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 5Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
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    Faksmilie, Seite 6Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4555-Beil.
    Nachlaß Busoni B II
    Mus.ep. A. Schönberg 16