Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Berg, 19. September 1911

Stand: 13. März 2016 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Berg (Starnberger See) am 19. September 1911 verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 19. September 1911 (autograph)

Umfang

1 Bogen, 4 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten; Briefumschlag auf der Vorderseite links leicht beschädigt (infolge Aufriss).
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4556 | olim: Mus.ep. A. Schönberg 17 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Hand des Archivars, der die Foliierung in Bleistift vorgenommen hat
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Bleistift vorgenommen hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
    • Poststempel (schwarze Tinte)

    Foliierungen

    • Foliierung in Bleistift oben rechts der jeweiligen Vorderseiten durch das Archiv.

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Schönberg äußert sich kritisch zu den Vorankündigungen seines Umzugs nach Berlin und bittet Busoni um vermittelnde Unterstützung bei der Finanzierung des Umzugs sowie um Hilfe, um in Berlin beruflich Fuß fassen zu können.
  • Incipit

  • herzlichen Dank für Ihren sehr lieben Brief. Ich war schon sehr beunruhigt
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Maximilian Furthmüller
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    [1]
    Mus.ep. A. Schönberg 17 (Busoni-Nachl.BII)Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4556
    Berg am Starnberger-See
    Bayern, pr. Ad. H. Widl
    19/9. 1911

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    herzlichsten Dank für Ihren sehr lieben
    Brief. Ich war schon sehr beunruhigt, als ich keine Antwort
    erhielt. Ich konnte mirs gar nicht erklären und vermutete,
    daß ich ohne es zu wollen, irgendwo angestoßen sei. Nun klärte
    es sich glücklicherweise anders auf.

    Nun zur Sache selbst: Sie haben wohl sehr recht, daß der
    zwar gut gemeinte Aufruf, etwas wenig wirksam ist. Vor
    Allem fehlt ihm die nötige sachliche Klarheit. Derlei Dinge
    dürfen nicht mit ungewöhnlichen Worten und schönklingenden
    Satzkonstruktionen gesagt werden, sondern nur mit den nüchternsten
    Worten. Ich kenne Kerr nicht und bin ihm sehr dankbar für
    seine Absicht. Aber ich bin sicher, wenn Sie es vorher gelesen
    hätten, wärs günstig gewesen.

    Ich meine die ganze Aktion müßte etwas energischer
    angefaßt werden. Ich habe beispielsweise Herrn Clark einen
    Entwurf für eine Ankündigung meiner Kurse geschickt. Ich
    hätte es für sehr gut gehalten, wenn man den in ein paar
    Blättern veröffentlicht hätte.

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)

    Es wäre sehr gut, wenn ich in Berlin sein könnte
    und deshalb möchte ich Ihnen später noch einiges sagen.
    Vor Allem, weil ich zur Sicherung meiner Existenz noch

    Berg am Starnberger See
    Bayern, privat Adresse H. Widl
    19/9. 1911

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    herzlichsten Dank für Ihren sehr lieben Brief. Ich war schon sehr beunruhigt, als ich keine Antwort erhielt. Ich konnte mir’s gar nicht erklären und vermutete, dass ich, ohne es zu wollen, irgendwo angestoßen sei. Nun klärte es sich glücklicherweise anders auf.

    Nun zur Sache selbst: Sie haben wohl sehr recht, dass der zwar gut gemeinte Aufruf etwas wenig wirksam ist. Vor allem fehlt ihm die nötige sachliche Klarheit. Derlei Dinge dürfen nicht mit ungewöhnlichen Worten und schönklingenden Satzkonstruktionen gesagt werden, sondern nur mit den nüchternsten Worten. Ich kenne Kerr nicht und bin ihm sehr dankbar für seine Absicht. Aber ich bin sicher, wenn Sie es vorher gelesen hätten, wär’s günstig gewesen.

    Ich meine, die ganze Aktion müsste etwas energischer angefasst werden. Ich habe beispielsweise Herrn Clark einen Entwurf für eine Ankündigung meiner Kurse geschickt. Ich hätte es für sehr gut gehalten, wenn man den in ein paar Blättern veröffentlicht hätte.

    Es wäre sehr gut, wenn ich in Berlin sein könnte, und deshalb möchte ich Ihnen später noch einiges sagen. Vor allem, weil ich zur Sicherung meiner Existenz noch

    Faksmilie, Seite 2

    noch einiges unternommen habe und noch Manches dazutun
    will. So habe ich Max Reinhart meine zwei Bühnenwerke
    zur Aufführung eingereicht (zwei kurze Stücke: „Monodram“ und
    „Die glückliche Hand“) und mit ihm darüber verhandelt, daß
    ich sie selbst dirigiere. Mich ihm gleichzeitig, als Dirigenten
    angetragen für die andern Musikwerke, die er in dieser
    Saison aufführen will. Er war sehr geneigt und ich
    glaube, wenn ich ihn noch einmal sprechen könnte, wäre
    die Sache gemacht. Dabei hoffte ich, daß er auch
    von Ihnen etwas macht. Das wäre mir eine große
    Freude und höchst interessant, das zu dirigieren. Können
    Sie nicht darauf Einfluß nehmen? Reinhardt war
    bis dahin sehr dafür! Und ich hoffe bestimmt, wenn
    er noch von Ihnen, dazu angeregt wird, daß er mich
    en[…]gagiert. – Sie brauchen keine Sorge zu haben, daß
    ich kein guter Dirigent bin. Ich bin ganz gewiß sogar
    ein hervorragender! Warum sollte ich es nicht sein, da
    ich imstande bin, meine Sachen einzustudieren!!!
    Was schwierigers giebt es doch nicht und das Studieren
    ist doch das Wichtigste! Und manuell bin ich entschieden
    geschickt! Also, das Mißtrauen, das Mediokre immer
    haben ist so ungerechtfertigt, wie je!

    Ich glaube Kontrapunkt ist noch schwierger , als dirigieren!

    einiges unternommen habe und noch manches dazutun will. So habe ich Max Reinhardt meine zwei Bühnenwerke zur Aufführung eingereicht (zwei kurze Stücke: „Monodram“ und „Die glückliche Hand“) und mit ihm darüber verhandelt, dass ich sie selbst dirigiere. Mich ihm gleichzeitig als Dirigenten angetragen für die andern Musikwerke, die er in dieser Saison aufführen will. Er war sehr geneigt, und ich glaube, wenn ich ihn noch einmal sprechen könnte, wäre die Sache gemacht. Dabei hoffte ich, dass er auch von Ihnen etwas macht. Das wäre mir eine große Freude und höchst interessant, das zu dirigieren. Können Sie nicht darauf Einfluss nehmen? Reinhardt war bis dahin sehr dafür! Und ich hoffe bestimmt, wenn er noch von Ihnen dazu angeregt wird, dass er mich engagiert. – Sie brauchen keine Sorge zu haben, dass ich kein guter Dirigent bin. Ich bin ganz gewiss sogar ein hervorragender! Warum sollte ich es nicht sein, da ich imstande bin, meine Sachen einzustudieren!!! Was Schwierigeres gibt es doch nicht, und das Studieren ist doch das Wichtigste! Und manuell bin ich entschieden geschickt! Also, das Misstrauen, das Mediokre immer haben, ist so ungerechtfertigt wie je!

    Ich glaube, Kontrapunkt ist noch schwieriger als dirigieren!

    Faksmilie, Seite 3
    [2]

    Was nun weiter meine Uebersiedlungsm[ö]glichkeiten
    anbelangt, so rechne ich sehr auf die Mitwirkung der
    in Aussicht gestellten Mäcene. Und da setze ich meine große
    Hoffnung auf Sie. Ein Wort von einem Mann, wie Sie, der
    wie ich selbst sehen konnte, mit Recht so verehrt wird, muß
    sicher genügen.

    Aber diese Sache, wie ich schon g in meinem ersten
    Brief schrieb, eilt sehr. Und ist jetzt noch dringender als
    damals, da ich bald vis-a-vis du rien stehe! Es wäre
    also nötig, daß die Herren Geldmänner schon in den aller=
    =[nä]chsten Tagen ihre Hände öffneten und mich in die Lage
    versetzten, wieder etwas zu tun.

    Allerdings am allerliebsten wäre es mir, wenn
    Sie es möglich machten, daß man mir so rasch wie
    möglich jene Summe giebt die ich zur Uebersiedlung
    brauche. Ich bin sicher in Berlin gehts dann weiter.
    Es handelt sich leider nur um eine recht große Summe,
    denn ich muß in Wien meine Wohnungsmiete bezalen
    um meine Mobel frei zu bekommen, muß die Trans=
    portkosten haben und etwas für die erste Zeit zum Leben.
    Ich glaube unter 2000 Mark ist das nicht zu machen. Aber
    3000 wären wohl günstig.

    Wenn Sie mir das durchsetzen könnten und vor Allem
    so rasch, daß ich noch Ende dieser oder Anfangs nächster

    Was nun weiter meine Übersiedlungsmöglichkeiten anbelangt, so rechne ich sehr auf die Mitwirkung der in Aussicht gestellten Mäzene. Und da setze ich meine große Hoffnung auf Sie. Ein Wort von einem Mann wie Ihnen, der, wie ich selbst sehen konnte, mit Recht so verehrt wird, muss sicher genügen.

    Aber diese Sache, wie ich schon in meinem ersten Brief schrieb, eilt sehr. Und ist jetzt noch dringender als damals, da ich bald vis-à-vis du rien stehe! Es wäre also nötig, dass die Herren Geldmänner schon in den allerchsten Tagen ihre Hände öffneten und mich in die Lage versetzten, wieder etwas zu tun.

    Allerdings am allerliebsten wäre es mir, wenn Sie es möglich machten, dass man mir so rasch wie möglich jene Summe gibt, die ich zur Übersiedlung brauche. Ich bin sicher, in Berlin geht’s dann weiter. Es handelt sich leider um eine recht große Summe, denn ich muss in Wien meine Wohnungsmiete bezahlen, um meine Möbel frei zu bekommen, muss die Transportkosten haben und etwas für die erste Zeit zum Leben. Ich glaube, unter 2000 Mark ist das nicht zu machen. Aber 3000 wären wohl günstig.

    Wenn Sie mir das durchsetzen könnten, und vor allem so rasch, dass ich noch Ende dieser oder Anfang nächster

    Faksmilie, Seite 4

    Woche nach Berlin könnte wäre ich sehr gut daran! Ich glaube,
    ich muß dort sein. Ich habe soviele Pläne, daß ich unbe=
    dingt alles durchsetzen werde, was ich will.

    Ich will neben dem Unterrichten auch als Dirigent wirken
    und habe dazu schon eine Verbindung angeknü[pft], die mir
    sehr nützlich sein wird.

    Mit einem Wort, wenn die Mäcene einstweilen
    wenigstens für die Uebersiedlung herhalten und später zusagen, später
    noch ein wenig nachzuhelfen, wenn es nicht gleich ins
    Rechte Geleise kommt, so habe ich wenig Sorge, daß die
    Sache gelingt.

    Aber ich meine: es muß äußerst rasch geschehen!

    Wenn Sie da etwas dazu tun könnten!

    Seien Sie nicht bös, daß ich Sie belästige. Aber ich
    ahne, daß einem groß angelegten Menschen, wie Sie, derartige
    Dinge nicht fremd vorkommen.

    Ich hoffe bald von Ihnen Nachricht zu erhalten und

    bin
    mit vielen herzlichen verehrungsvollen Grußen Ihr

    Arnold Schönberg

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)
    Nachlaß Busoni

    Woche nach Berlin könnte, wäre ich sehr gut daran! Ich glaube, ich muss dort sein. Ich habe so viele Pläne, dass ich unbedingt alles durchsetzen werde, was ich will.

    Ich will neben dem Unterrichten auch als Dirigent wirken und habe dazu schon eine Verbindung angeknüpft, die mir sehr nützlich sein wird.

    Mit einem Wort, wenn die Mäzene einstweilen wenigstens für die Übersiedlung herhalten und zusagen, später noch ein wenig nachzuhelfen, wenn es nicht gleich ins rechte Geleise kommt, so habe ich wenig Sorge, dass die Sache gelingt.

    Aber ich meine: Es muss äußerst rasch geschehen!

    Wenn Sie da etwas dazu tun könnten!

    Seien Sie nicht bös, dass ich Sie belästige. Aber ich ahne, dass einem groß angelegten Menschen, wie Sie, derartige Dinge nicht fremd vorkommen.

    Ich hoffe, bald von Ihnen Nachricht zu erhalten, und

    bin mit vielen herzlichen verehrungsvollen Grüßen Ihr

    Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 5

    Herrn Ferruccio Busoni
    Berlin W.
    Viktoria Luiseplatz 11
    (Berg [b]. Star[nberg] 19
    Sep
    5–6 nm
    […])

    Herrn Ferruccio Busoni
    Berlin W.
    Viktoria-Luise-Platz 11

    Faksmilie, Seite 6

    Arnold Schönberg
    Berg, am Würmsee, Bayern
    pr. Adr. H. Widl
    Nachlaß Busoni
    B II

    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4556-Beil. Mus.ep. A. Schönberg 17

    Arnold Schönberg
    Berg, am Würmsee, Bayern
    privat Adresse H. Widl