Ferruccio Busoni an Arnold Schönberg Dokument exportieren

Berlin, 27. Juli 1912

Stand: 28. Dezember 2015 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Datierung in der Quelle: 27. Juli 1912 (autograph)

Umfang

2 Blatt, 4 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • USA | Washington, D. C. | The Library of Congress | Music Division | Arnold Schoenberg Collection
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Arnold Schönberg
  • Zusammenfassung

  • Incipit

  • Ich liess – mit Clark – im Gespraech
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Clemens Gubsch
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien
    (* The * Library * of * Congress *)

    Mein sehr verehrter
    Arnold Schoenberg.

    Ich liess – mit Clark – im
    Gespraech eine Idee fallen, die
    nur im Augenblick und in
    meinem Gehirne entstanden war.
    Sie haben die fallen-gelassene
    Idee mit Ihrer Impulsivität
    sofort aufgehoben und aus
    eigener, bei Ihnen immer
    thätigen Fantasie, bereichert –
    es sei denn, dass Ihnen der
    Bericht entstellt vorgetragen
    worden. Ich hatte – bei meiner
    Äusserung – weder von meinen
    Meisterkursen, noch von Ihrer
    Gesamtleitung gesprochen.

    Mein sehr verehrter Arnold Schönberg.

    Ich ließ – mit Clark – im Gespräch eine Idee fallen, die nur im Augenblick und in meinem Gehirn entstanden war. Sie haben die fallengelassene Idee mit Ihrer Impulsivität sofort aufgehoben und aus eigener, bei Ihnen immer tätigen Fantasie, bereichert – es sei denn, dass Ihnen der Bericht entstellt vorgetragen worden ist. Ich hatte – bei meiner Äußerung – weder von meinen Meisterkursen, noch von Ihrer Gesamtleitung gesprochen.

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    Es waere wünschenswerth
    (so lautete, wenn auch nicht
    wörtlich, meine Rede, […]
    dass einmal eine Art Musik-
    -schule auf rein künstlerischer
    Voraussetzung gestellt
    würde. Dazu waere Schoenberg
    in erster Linie in Betracht zu
    ziehen; von Petri und Kindler
    bürge ich, dass Sie – in ihren
    Fächern – ihm im rechten
    Sinne beistünden. Dazu waere fer-
    -ner Kapital nötig, das Unternehmen
    von wirtschaftlichen Spekulationen
    unabhängig zu machen und
    ein künstlerisch sich bietendes
    "Heim" zu gründen. (Ich beichte,
    dass meine Verehrung für Sie
    und mein Glaube an Sie, so

    Es wäre wünschenswert (so lautete, wenn auch nicht wörtlich, meine Rede, dass einmal eine Art Musikschule auf rein künstlerischer Voraussetzung gestellt würde. Dazu wäre Schönberg in erster Linie in Betracht zu ziehen; von Petri und Kindler bürge ich, dass Sie – in ihren Fächern – ihm im rechten Sinne beistünden. Dazu wäre ferner Kapital nötig, das Unternehmen von wirtschaftlichen Spekulationen unabhängig zu machen und ein künstlerisch sich bietendes "Heim" zu gründen. (Ich beichte, dass meine Verehrung für und mein Glaube an Sie, so

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien


    sicher und tief sie auch sind,
    nicht so weit herrschen, um
    mir an Ihnen einen Vor-
    gesetzen zu schaffen: was nicht
    Sie betrifft — den ich als
    Freund und Meister begrüsse –
    sondern meine schwer und
    langsam errungene Unabhängigkeit.)
    Dieses nur in Parenthese.

    Meine Idee richtet sich also
    dahin, wirkliche Künstler zu
    einem paedagogischen Werthe
    zu vereinen und in diesem eine
    Freiheit und Breite zu wahren,
    wie sie an Konservatorien fehlt.
    Es würden allelauter Meisterkurse
    werden in zwanglosem
    Verkehr mit Schülern, innerhalb
    geschmackvoller Räume. Eine
    Gesamtleitung schien mir
    unwichtig, die Begründer würden
    sich berathen.

    sicher und tief sie auch sind, nicht so weit herrschen, um mir an Ihnen einen Vorgesetzen zu schaffen: was nicht Sie betrifft — den ich als Freund und Meister begrüße – sondern meine schwer und langsam errungene Unabhängigkeit.) Dieses nur in Parenthese.

    Meine Idee richtet sich also dahin, wirkliche Künstler zu einem pädagogischen Werte zu vereinen und in diesem eine Freiheit und Breite zu wahren, wie sie an Konservatorien fehlt. Es würden lauter Meisterkurse werden in zwanglosem Verkehr mit Schülern, innerhalb geschmackvoller Räume. Eine Gesamtleitung schien mir unwichtig, die Begründer würden sich beraten.

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    Nocheinmal:
    Dazu gehörte viel Geld; dann
    aber dürfte die Sache mit einem
    Schlage in erster Reihe stehen.


    Dass wir uns selten sehen u.
    Sie mir die Schuld dafür anrech-
    -nen ist (beides) bedauerlich.

    Ich glaube nicht, dass ich
    Jemanden so viel aufrichtiges
    u. thätiges Interesse widmete,
    als Ihnen: umgekehrt habe
    ich nichts empfangen.
    Ich bin auch 8 Monate des
    Jahres unterwegs und, wie
    Sie wissen, außerordentlich
    thätig. Ich bitte Sie, es wenigstens
    quantitativ zu betrachten.

    Mit herzlichen Grüssen
    Ihr ergebener

    Ferruccio Busoni

    den 27. Juli, 1912.

    Noch einmal: Dazu gehörte viel Geld; dann aber dürfte die Sache mit einem Schlage in erster Reihe stehen.

    Dass wir uns selten sehen und Sie mir die Schuld dafür anrechnen ist (beides) bedauerlich.

    Ich glaube nicht, dass ich Jemanden so viel aufrichtiges und tätiges Interesse widmete, als Ihnen: umgekehrt habe ich nichts empfangen. Ich bin 8 Monate des Jahres unterwegs und, wie Sie wissen, außerordentlich tätig. Ich bitte Sie, es wenigstens quantitativ zu betrachten.

    Mit herzlichen GrüßenIhr ergebener

    Ferruccio Busoni

    den 27. Juli, 1912.