Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Carlshagen, 28. Juli 1912

Stand: 8. Dezember 2015 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Carlshagen am 28. Juli 1912 verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 28. Juli 1912 (autograph)

Umfang

2 Bogen , 3 beschriebene Seiten, fol. 1r, 2v und 3r

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II,4561 | olim: Mus.ep. A. Schönberg 22 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Hand des Archivars, der die Foliierung in Bleistift vorgenommen hat.

    Foliierungen

    • Foliierung in Bleistift unten rechts der jeweiligen Vorderseiten durch das Archiv.

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Incipit

  • Sie tun mir und meiner Fantasie unrecht.
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Clemens Gubsch
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Arnold Schönberg
    Berlin-Zehlendorf-Wannseebahn
    Machnower Chaussee, Villa Lepcke.

    zz. Ostseebad Carlshagen auf Usedom
    Villa Concordia
    28/7. 1912

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    Sie tun mir
    und meiner Fantasie unrecht. Ich will nicht be=
    streiten, daß sie sich schon gelegentlich für einen
    Gegenstand entzündet hat, dessen tatsächlicher Wert
    nur ihr Werk war. Vielleicht hat sie das, da sie
    es ja von den Kunstwerken an deren Entstehen ich
    ihr mitzuwirken gestattete, vielleicht hat sie, da sie
    das von daher gewöhnt war, es immer nur so getan: selbst
    die Gegenstände, ihren Wert und das feuer ge=
    schaffen, aber hier liegt die Sache noch etwas
    nüchterner.

    Nämlich: Clark hat mir das, was ich Ihnen
    schrieb, als Ihre Absicht mitgeteilt. Weiter nichts.
    Ich habe gar nichts dazu getan! Wirklich
    nichts! denn die Dinge zu denen ich
    etwas tue (oder gar dazutue, wobei also
    schon etwas dagewesen sein muß) sind von
    vornherein weiter! Sie verzeihen: aber ich
    kann meiner Fantasie unmöglich unrecht
    tun lassen. Denn meine Fantasie, das
    bin ich selbst, bidenn ich bin selbst nur ein
    Geschöpf dieser Fantasie. Und niemand Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4559Mus.ep. A. Schönberg 20 (Busoni-Nachl. B II) (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)
    [1]

    Arnold Schönberg
    Berlin-Zehlendorf-Wannseebahn Machnower Chaussee, Villa Lepcke.
    zz. Ostseebad Carlshagen auf Usedom Villa Concordia
    28/7. 1912

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    Sie tun mir und meiner Fantasie unrecht. Ich will nicht bestreiten, dass sie sich schon gelegentlich für einen Gegenstand entzündet hat, dessen tatsächlicher Wert nur ihr Werk war. Vielleicht hat sie das, da sie es ja von den Kunstwerken an deren Entstehen ich ihr mitzuwirken gestattete, vielleicht hat sie, da sie das von daher gewöhnt war, es immer nur so getan: selbst die Gegenstände, ihren Wert und das Feuer geschaffen, aber hier liegt die Sache noch etwas nüchterner.

    Nämlich: Clark hat mir das, was ich Ihnen schrieb, als Ihre Absicht mitgeteilt. Weiter nichts. Ich habe gar nichts dazu getan! Wirklich nichts! Denn die Dinge zu denen ich etwas tue (oder gar dazutue, wobei also schon etwas dagewesen sein muss) sind von vornherein weiter! Sie verzeihen: aber ich kann meiner Fantasie unmöglich unrecht tun lassen. Denn meine Fantasie, das bin ich selbst, denn ich bin selbst nur ein Geschöpf dieser Fantasie. Und niemand

    Faksmilie, Seite 2

    Faksmilie, Seite 3

    [2]

    Faksmilie, Seite 4


    läßt seine Eltern beleidigen.

    Setzen Sie, verehrter Herr Busoni, wirklich
    voraus, dass meine Fantasie sich im Verhält=
    nis zu Ihnen an einem Unterrichtsinstitute, an
    dem Sie Meisterkurse halten, während ich die
    Gesamtleitung habe, sich nur so […]sollte
    denken können, daß einer der Vorgesetzte
    des Andern sein müßte? Steht nicht der,
    der Meisterkurse hält von vornherein außer=
    halb dieser Gesamtleitung? Ist aber nicht
    einer der 10 Monate in Berlin bleibt eher
    in der Lage die Gesamtleitung zu übernehmen,
    als einer der „8 Monate von Berlin fern ist
    und außerdem außerordentlich tätig
    “?

    Ich will nicht weiter polemisieren. Vielleicht
    ist nur Schuld, daß Sie etwas Unverbindliches
    gesagt haben, was man mir als etwas Verbindliches
    mitgeteilt hat. Sie sagem mir ja manches an=
    dre Verbindliche in Ihrem Brief und halten damit
    sorgfältig die Grobheit ein, die Sie mir eigent=
    lich sagen wollen. Sie müssen mir also erlau=
    ben auch das für unverbindlich zu nehmen.
    Ich wünsche immer Klarheit und da stören mich
    solche Einpackungen. Sie erlauben, daß ich das
    verbindliche Packmaterial, in das Sie die Grob=
    heit einhüllen, dort aufbewahre, wo ich sonst
    (ich bin, wie man Ihnen bestätigen kann, ein leiden= (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)

    lässt seine Eltern beleidigen.

    Setzen Sie, verehrter Herr Busoni, wirklich voraus, dass meine Fantasie sich im Verhältnis zu Ihnen an einem Unterrichtsinstitute, an dem Sie Meisterkurse halten, während ich die Gesamtleitung habe, sich nur so sollte denken können, dass einer der Vorgesetzte des Andern sein müsste? Steht nicht der, der Meisterkurse hält von vornherein außerhalb dieser Gesamtleitung? Ist aber nicht einer der 10 Monate in Berlin bleibt eher in der Lage die Gesamtleitung zu übernehmen, als einer der „„8 Monate von Berlin fern ist und außerdem außerordentlich tätig““?

    Ich will nicht weiter polemisieren. Vielleicht ist nur Schuld, dass Sie etwas Unverbindliches gesagt haben, was man mir als etwas Verbindliches mitgeteilt hat. Sie sagem mir ja manches andre Verbindliche in Ihrem Brief und halten damit sorgfältig die Grobheit ein, die Sie mir eigentlich sagen wollen. Sie müssen mir also erlauben auch das für unverbindlich zu nehmen. Ich wünsche immer Klarheit und da stören mich solche Einpackungen. Sie erlauben, dass ich das verbindliche Packmaterial, in das Sie die Grobheit einhüllen, dort aufbewahre, wo ich sonst (ich bin, wie man Ihnen bestätigen kann, ein leiden-

    Faksmilie, Seite 5


    Packmaterial aufbewahre, den wirklichen
    Inhalt, aber, die eingehüllte Grobheit, dort,
    wo ich mir derartiges merke. Und Sie
    erlauben, daß ich den Inhalt Ihres Briefes
    hier kurz anmerke: die Zurückweisung
    meiner Anmaßung, daß ich Ihr Vorgesetzter
    sein will, als Ausfluß meiner lebhaften
    Fantasie!

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin) Nachlaß Busoni
    [3]

    In hochachtungsvoller Ergebenheit Ihr

    Arnold Schönberg

    [2]

    Packmaterial aufbewahre, den wirklichen Inhalt, aber, die eingehüllte Grobheit, dort, wo ich mir derartiges merke. Und Sie erlauben, dass ich den Inhalt Ihres Briefes hier kurz anmerke: die Zurückweisung meiner Anmaßung, dass ich Ihr Vorgesetzter sein will, als Ausfluss meiner lebhaften Fantasie!

    In hochachtungsvoller Ergebenheit Ihr

    Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 6
    Faksmilie, Seite 7
    [4]
    Faksmilie, Seite 8