Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Wien, 14. November 1916

Stand: 30. Mai 2016 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Datierung in der Quelle: 14. November 1916 (autograph)

Umfang

1 Blatt, 1 beschriebene Seite

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II,4564 | olim: Mus.ep. A. Schönberg 26 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Adressstempel des Absenders Arnold Schönberg, mit violetter Tinte
    • Hand des Archivars, der die Signatur mit Bleistift eingetragen hat.
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Incipit

  • ich höre, daß Sie in Zürich sind,
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Christian Schaper
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.ep. A. Schönberg 26 (Busoni-Nachl. B II)
    Mus.Nachl. F. Busoni B II,4564
    Arnold Schönberg
    Wien, XIII. Gloriette=
    gasse 43. Tel. 84373
    14.XI.1916

    Lieber verehrter Herr Busoni,

    ich höre, daß Sie in Zürich sind, daß Sie
    einen Aritkel über den Frieden geschreiben haben, daß Sie also der
    Krieg bedrückt – da muß ich Ihnen gleich schreiben.

    Ich leide furchtbar unter diesem Krieg. Wie viele intime Beziehun=
    gen […]zu den feinsten Menschen hat er mir […] zerrissen; wie hat er mein
    halbes Denken mit Beschlag belegt und mir gezeigt, daß ich mit der andern
    Hälfte sowenig weiter existieren kann, wie mit der mit Beschlag belegten.

    Bitte schicken Sie mir, Ihren Artikel über den Frieden und lassen Sie
    sonst vor sich hören. Dürften wir zwei und unseres gleichen in allen
    Ländern
    uns zusammen setzen und über einen Frieden beraten. In […]
    einer Woche würden wir ihn der Welt schenken und tausende Ideen dazu,
    die für eine halbe Ewigkeit, für einen halbwegs ewigen Frieden reichten.

    Ja, die Menschen sind böse. Aber nicht so böse, daß man nicht Schieds=
    richter zwischen ihnen sein könnte. Sie sind furchtbar böse – das hat erst der
    Krieg gezeigt. […] Im Frieden hat es sich wenigstens nicht so gezeigt –
    fast darf man glauben: da waren sies noch nicht. Gewiß wird ein
    Schiedsrichter einen Stecken brauchen, der jeden erreicht, der schuld ist.
    Aber muß man sie vorher böse und unglücklich werden lassen? Sehen Sie
    böse und unglücklich, das ist im Materiellen identisch. Im Geistigen
    heißts anders: unglücklich, daher gut!

    Bitte lassen Sie von sich hören. Ich grüße Sie vielmals und von
    ganzem Herzen.

    Ihr Arnold Schönberg

    Ich war zehn Monate Soldat ; jetzt bin ich enthoben, weil ich schließlich
    nicht frontdiensttauglich war. Ich habe natürlich viel mitgemacht! Denken
    Sie: mit 42 Jahren als Lehrbub beim Militär; wenn man schließlich sein ganzes
    Leben hindurch zur Wahrung seiner Selbständigkeit die größten Opfer gebracht hat,
    nun plötzlich Lehrjunge zu sein und sich von Idioten befehlen lassen!

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)
    Nachlaß Busoni
    Arnold Schönberg
    Wien, XIII. Gloriettegasse 43. Tel. 84373
    14.XI.1916

    Lieber verehrter Herr Busoni,

    ich höre, dass Sie in Zürich sind, dass Sie einen Aritkel über den Frieden geschreiben haben, dass Sie also der Krieg bedrückt – da muss ich Ihnen gleich schreiben.

    Ich leide furchtbar unter diesem Krieg. Wie viele intime Beziehungen zu den feinsten Menschen hat er mir zerrissen; wie hat er mein halbes Denken mit Beschlag belegt und mir gezeigt, dass ich mit der andern Hälfte sowenig weiter existieren kann, wie mit der mit Beschlag belegten.

    Bitte schicken Sie mir Ihren Artikel über den Frieden und lassen Sie sonst vor sich hören. Dürften wir zwei und unseres gleichen in allen Ländern uns zusammen setzen und über einen Frieden beraten. In einer Woche würden wir ihn der Welt schenken und tausende Ideen dazu, die für eine halbe Ewigkeit, für einen halbwegs ewigen Frieden reichten.

    Ja, die Menschen sind böse. Aber nicht so böse, dass man nicht Schiedsrichter zwischen ihnen sein könnte. Sie sind furchtbar böse – das hat erst der Krieg gezeigt. Im Frieden hat es sich wenigstens nicht so gezeigt – fast darf man glauben: da waren sie's noch nicht. Gewiss wird ein Schiedsrichter einen Stecken brauchen, der jeden erreicht, der schuld ist. Aber muss man sie vorher böse und unglücklich werden lassen? Sehen Sie böse und unglücklich, das ist im Materiellen identisch. Im Geistigen heißts anders: unglücklich, daher gut!

    Bitte lassen Sie von sich hören. Ich grüße Sie vielmals und von ganzem Herzen.

    Ihr Arnold Schönberg

    Ich war zehn Monate Soldat ; jetzt bin ich enthoben, weil ich schließlich nicht frontdiensttauglich war. Ich habe natürlich viel mitgemacht! Denken Sie: mit 42 Jahren als Lehrbub beim Militär; wenn man schließlich sein ganzes Leben hindurch zur Wahrung seiner Selbständigkeit die größten Opfer gebracht hat, nun plötzlich Lehrjunge zu sein und sich befehlen lassen!

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin