Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

Bottmingen, 17. September 1910

Stand: 27. April 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Bottmingen am 17. September 1910 verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 17. September 1910 (autograph)

Umfang

1 Bogen, 4 beschriebene Seiten
  • Infolge eines Verweiszeichens Busonis von der Mitte der zweiten zur dritten Seite ergibt sich eine veränderte Lesereihenfolge: 1, 2 (erster Absatz), 3, 4. Wo der zweite Absatz der zweiten Seite einzuordnen ist, lässt sich keiner entsprechenden Kennzeichnung entnehmen; vermutlich handelt es sich um eine nachträgliche Umwidmung zum Postskriptum bei regulärer Schreibreihenfolge 1, 2, 3, 4.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der die Foliierung mit Bleistift vorgenommen hat.
    • Vmtl. Hand des Archivars, der die Ziffer 3 auf dem Brief eingetragen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Busoni drückt sein Verständnis für Hubers Absage zum Klavierabend aus; reflektiert über die Zukunft des Klavierspiels.
  • Incipit

  • Wenn Sie für Ihre Rétraite Verstaendnis finden wollten
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Juliane Imme
  • Christian Schaper
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    3.
    Bottmingen
    den 17 Sept.
    1910

    Hochverehrter
    Herr u Meister.

    Wenn Sie für Ihre Rétraite
    Verstaendnis finden wollten,
    so konnten Sie sich an keinen
    Geeigneteren wenden als an
    mich. Ich billige Ihre Zurück-
    gezogenheit umso freudiger,
    als sie mir die Möglichkeit
    verschafft, Ihr wachsendes
    Clavier Concert zu sehen,
    von dem ich mir manche
    Erfüllung erwarte.

    Ich selbst bin voller
    Verstaendnis für Ihre
    Situation, da ich mich
    in einer aehnlichen u.
    leider gezwungeneren
    befinde.

    Bottmingen den 17. September 1910

    Hochverehrter Herr und Meister.

    Wenn Sie für Ihre Retraite Verständnis finden wollten, so konnten Sie sich an keinen Geeigneteren wenden als an mich. Ich billige Ihre Zurückgezogenheit umso freudiger, als sie mir die Möglichkeit verschafft, Ihr wachsendes Klavierkonzert zu sehen, von dem ich mir manche Erfüllung erwarte.

    Ich selbst bin voller Verständnis für Ihre Situation, da ich mich in einer ähnlichen und leider gezwungeneren befinde.

    Faksmilie, Seite 2

    Die Partitur meiner Oper
    ist wieder unterbrochen u.
    dafür weisshabe ich an den
    Chopin Stücken zu laboriren,
    die ich bereits seit 25 Jahren
    zu beherrschen glaube u. doch
    immer wieder erobern muß.
    Dem Geiste ist das nun
    keine neu=befruchtende
    Nahrung u. ich gehe ernstlich
    mit dem Gedanken um,
    meine Finger= u. Handwerk
    im Stich zu laßen. –

    Sehr leid thut es mir
    zu hören, dass Sie leidend
    sind und da ist es Ihre
    Pflicht, der nothwendigen
    Diät zu folgen. Ich wünsche,
    dass diese einen endgiltigen
    Erfolg habe, und bald.

    Die Partitur meiner Oper ist wieder unterbrochen, und dafür habe ich an den Chopin-Stücken zu laborieren, die ich bereits seit 25 Jahren zu beherrschen glaube und doch immer wieder erobern muss. Dem Geiste ist das nun keine neu-befruchtende Nahrung, und ich gehe ernstlich mit dem Gedanken um, mein Finger- und Handwerk im Stich zu lassen. –

    Sehr leid tut es mir zu hören, dass Sie leidend sind, und da ist es Ihre Pflicht, der notwendigen Diät zu folgen. Ich wünsche, dass diese einen endgiltigen Erfolg habe, und bald.

    Faksmilie, Seite 3
    (2)

    Das Saint-Saëns’sche
    Buch, das Sie mir so freundlich
    senden, hat mich nicht
    gerade ermuthigt. Die Kapitel
    über Liszt u. Rubinstein
    stellen Einem die Zwecklosig-
    keit jedes weiteren Clavier-
    -spielens in grausamer Weise
    vor Augen. – Immerhin,
    ich bin zu sehrhabe genug in die
    Tiefen dieser kleinen Kunst
    blicken dürfen, um annoch nicht
    an “Wunder” zu glauben.
    Liszt wirkte durch den
    Konstrast mit seinen Vor-
    gängern und Saint-Saens
    berichtetspricht darüber seine
    „Jugend“-Eindrücke aus der
    Erinnerung. aus Rubinstein
    habe ich selbst gehört –
    Wohin steuert nun dieses
    Klavierspiel? Soll aus ihm
    noch Weiteres werden, so

    Das Saint-Saëns’sche Buch, das Sie mir so freundlich senden, hat mich nicht gerade ermutigt. Die Kapitel über Liszt und Rubinstein stellen einem die Zwecklosigkeit jedes weiteren Klavierspielens in grausamer Weise vor Augen. – Immerhin, ich habe genug in die Tiefen dieser kleinen Kunst blicken dürfen, um nicht an „Wunder“ zu glauben. Liszt wirkte durch den Kontrast mit seinen Vorgängern, und Saint-Saëns berichtet darüber seine „Jugend“-Eindrücke aus der Erinnerung. Rubinstein habe ich selbst gehört. – Wohin steuert nun dieses Klavierspiel? Soll aus ihm noch Weiteres werden, so

    Faksmilie, Seite 4

    brauchen wir eine neue
    Literatur
    und ein bereichertes
    Instrument
    . Während die
    Orgelbauer fast an jedem
    neuen Instrument Vervoll-
    kommnungen und neue
    Einrichtungen anbringen,
    hat istsich das Clavier seit 50 Jahren
    nicht von der Stelle gerührt.
    Meine Vorschläge an
    Clavierbauer sind alle
    souverainement abge-
    wiesen worden. – Enfin! –

    – Ich werde mich immer
    unendlich freuen, Sie wie-
    derzusehen, aber nehmen
    Sie keine Rücksicht das mein
    „altes“ Klavierspiel zu
    versäumen. Sie Ich grüße
    Sie ebenso herzlich als
    hochachtend u. bin Ihr

    sehr ergebener

    Ferruccio Busoni

    brauchen wir eine neue Literatur und ein bereichertes Instrument. Während die Orgelbauer fast an jedem neuen Instrument Vervollkommnungen und neue Einrichtungen anbringen, hat sich das Klavier seit 50 Jahren nicht von der Stelle gerührt. Meine Vorschläge an Klavierbauer sind alle souverainement abgewiesen worden. – Enfin! –

    – Ich werde mich immer unendlich freuen, Sie wiederzusehen, aber nehmen Sie keine Rücksicht, mein „altes“ Klavierspiel zu versäumen. Ich grüße Sie ebenso herzlich als hochachtend und bin Ihr

    sehr ergebener

    Ferruccio Busoni