Stand: 28. April 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Basel vmtl. am 15. Oktober 1910 verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 15. Oktober 1910 (Poststempel Basel)

Umfang

2 Briefkarten, 4 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten. Briefumschlag auf der Vorderseite rechts sowie auf der Rückseite links unvollständig (infolge Aufriss), mit geringfügigem Textverlust (behebbar).
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2245 | olim: Mus.ep. H. Huber 18 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Hans Huber, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift.
    • Hand des Archivars, der die Signaturen mit Beistift eingetragen hat.
    • Hand des Archivars, der die Foliierung mit Bleistift vorgenommen hat.
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift eingetragen hat.
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Poststempel (schwarze Tinte)
    • Vmtl. Hand des Empfängers Ferruccio Busoni, der auf der Umschlagrückseite die Zuordnung „Huber“ mit Bleistift notiert hat.
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Hans Huber
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Huber drückt sein Missfallen über Karls Nefs Zeitungskritik an Busonis Basler Konzert aus; beteuert die allgemein vorherrschende (inkl. seiner eigenen) Wertschätzung für Busoni in Basel; lädt Busoni nach Mülhausen ein.
  • Incipit

  • There are more things in heaven and earth, Horatio
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Juliane Imme
  • Christian Schaper
  • Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.ep. H. Huber 18
    (Busoni-Nachl. B II)
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2245
    [1]

    Mein lieber Freund!

    „There are more things in heaven and earth, Horatio,
    Than are dreamt of in your philosophy. –“

    Ja diese deutsche Schulweisheit! Der Lehrer
    dieses Skribenten in den B. MN. heißt Professor Kret[z]schmear
    in Berlin, der sich mit seinem zweiten Thema in der
    Brahm[s]’schen Passacaglia (e moll Symph.) unsterblich blamirt
    hat. Es kom̅t im̅er darauf heraus, daß derjenige, der
    Profession von der Sache macht, nicht die Sache liebt
    sondern den Erwerb. Da fällt mir die reizende franz.
    Anekdote ein, die Schopenhauer irgendwo erzählt von
    einem französischen curé, der, um nicht wie die anderen
    Bürger mußten, die Straße vor seinem Hause zu pflastern,
    den biblischen Spruch anführte: paveant illi, –

    Mein lieber Freund!

    „There are more things in heaven and earth, Horatio,
    Than are dreamt of in your philosophy.“

    Ja, diese deutsche Schulweisheit! Der Lehrer dieses Skribenten in den Basler Nachrichten heißt Professor Kretzschmar in Berlin, der sich mit seinem zweiten Thema in der Brahms’schen Passacaglia (e-Moll-Symphonie) unsterblich blamiert hat. Es kommt immer darauf heraus, dass derjenige, der Profession von der Sache macht, nicht die Sache liebt, sondern den Erwerb. Da fällt mir die reizende französische Anekdote ein, die Schopenhauer irgendwo erzählt von einem französischen curé, der, um nicht, wie die anderen Bürger mussten, die Straße vor seinem Hause zu pflastern, den biblischen Spruch anführte: „paveant illi, –

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    ego non pavebo! Das überzeugte den ungelehrten
    syndaco! – Nur mit der deutschen Kritik steht es
    um kein Haar besser – mit sehr wenig Ausnahmen.

    Jedenfalls stehen Sie mir mit Ihrer
    vollständig ausgebildeten Individualität – meinetwegen
    mit ohder ohne Tiefe – tausendmal höher da, wie die
    Herren, die als erstes Wort „Classizität“ & als zweites
    „Tradition“ im Munde führen. Was hat uns nur die
    Tradition schon für Unheil gebracht! –

    Die Angelegenheit mit Dr. Nef hat
    unter Umständen ein Nachspiel, da Letzterer sich
    mit solcher Unart dem Urtheile unseres Präsidiums
    entgegenstellte, daß Herr His die Sache nicht auf sich
    beruhen lassen will. N. ist unser angestellter Lehrer,
    der überdieß dem Institute zu allem Danke verpflichtet sein
    soll. –

    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin

    Noch überall tönt der Name Busoni,

    ego non pavebo“! Das überzeugte den ungelehrten sindaco! – Nur mit der deutschen Kritik steht es um kein Haar besser – mit sehr wenig Ausnahmen.

    Jedenfalls stehen Sie mir mit Ihrer vollständig ausgebildeten Individualität – meinetwegen mit oder ohne Tiefe – tausendmal höher da wie die Herren, die als erstes Wort „Klassizität“ und als zweites „Tradition“ im Munde führen. Was hat uns nur die Tradition schon für Unheil gebracht! –

    Die Angelegenheit mit Dr. Nef hat unter Umständen ein Nachspiel, da Letzterer sich mit solcher Unart dem Urteile unseres Präsidiums entgegenstellte, dass Herr His die Sache nicht auf sich beruhen lassen will. Nef ist unser angestellter Lehrer, der überdies dem Institute zu allem Danke verpflichtet sein soll. –

    Noch überall tönt der Name Busoni,

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    ep. 18 B II, 2245
    [2] & als ich gestern abend im Kreise gescheidter
    Menschen dem edlen Veltliner zusprach, wurde
    manch’ erfreuliches (für Sie!) Wort laut & man
    fand allgemein Ihre Briefbemerkungen zu
    dem dreidimensionalen Deutschland gescheidt &
    muthig. – Im In̅ersten danke ich Gott, daß ich
    in Bescheidenheit dießseits des Rheins meine
    wenigertiefen Erzeugniße schreiben darf! –

    Das Konzert hat im̅er noch keinen Abschluß!
    Sobald der letzte Strich etwas Gutes bedeutet, so erlaube
    ich mir, Ihnen die Partitur zuzusenden! –

    und als ich gestern Abend im Kreise gescheiter Menschen dem edlen Veltliner zusprach, wurde manch’ erfreuliches (für Sie!) Wort laut, und man fand allgemein Ihre Briefbemerkungen zu dem dreidimensionalen Deutschland gescheit und mutig. – Im Innersten danke ich Gott, dass ich in Bescheidenheit diesseits des Rheins meine weniger tiefen Erzeugnisse schreiben darf! –

    Das Konzert hat immer noch keinen Abschluss! Sobald der letzte Strich etwas Gutes bedeutet, so erlaube ich mir, Ihnen die Partitur zuzusenden! –

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Wir sind nun wieder in ruhiger Aktion.
    Im Hofe hört man nur noch Baslerditsch & die
    Theegöttin Frau Stehelin denkt mit Wehmuth
    an die „goldenen“ Zeiten des Meisterkurses! –

    Und nun Addio! Schreiben Sie wieder
    einmal & wen̅ es Ihnen möglich ist, so
    kom̅en Sie nach Mülhausen.

    In herzlichster Freundschaft
    & mit vielen Grüßen an Sie & Ihre liebe
    Frau

    bin [ich] Ihr treu ergebener

    Huber

    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin

    Wir sind nun wieder in ruhiger Aktion. Im Hofe hört man nur noch Baslerditsch und die Theegöttin Frau Stehelin denkt mit Wehmut an die „goldenen“ Zeiten des Meisterkurses! –

    Und nun Addio! Schreiben Sie wieder einmal, und wenn es Ihnen möglich ist, so kommen Sie nach Mülhausen.

    In herzlichster Freundschaft und mit vielen Grüßen an Sie und Ihre liebe Frau

    bin ich Ihr treu ergebener

    Huber

    Faksmilie, Seite 5Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Basel 20
    15. X 10.–6
    Äussere St Alban
    Basel [20]
    15. X 10.[–6]
    Äussere [St Alban]
    Herr Ferruccio Buson[i]
    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin
    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin
    Herr Ferruccio Busoni
    Faksmilie, Seite 6Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Huber
    Nachlaß Busoni B II

    Mus.ep. H. Huber 18

    Mus.Nachl. F. Busoni B II,
    2245-Beil.