Stand: 10. März 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Zürich am 18. Oktober 1915 verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 18. Oktober 1915 (autograph), 18. Oktober 1915 (Poststempel)

Umfang

4 Blatt, 4 beschriebene Seiten
  • Nur Vorderseiten beschrieben; Briefschluss auf der letzten Seite am linken Rand quer.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der die Nummerierung der Seiten mit Bleistift vorgenommen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Busoni drückt sein Bedauern über das Verpassen eines Streichquartett-Abends aus, macht Vorschläge bezüglich des Programmes weiterer, von ihm und Huber geplanter musikalischer Veranstaltungen und berichtet von seinen literarischen Präferenzen.
  • Incipit

  • a festa finita, post festum
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Anton Hoffmann
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    7.

    Carissimo Maestrone,

    a festa finita, post festum,
    erfuhr ich von dem Schweizer
    Kammermusikabend des hiesigen
    Streichquartettes, den ich – zu
    meinem gelinden Aerger – nun
    versäumt hatte! – Gerne hätte
    ich dem bedächtigen Weber,
    dem philosophischen Suter u.
    dem naturfreudigen, jüngsten
    dieser Meister, H. H., näheres
    durch das Gehör erfahren! Ça
    reviendra, erhoffen wir’s.

    – Danke für den werthvollen
    Brief, u. lassen wir dem Liszt-
    Abend die vorläufig vereinbarte
    Form. – Für den Bachvortrag
    kann ich Ihnen was Gutes
    versprechen. Außer den Goldberg-
    Variationen
    , (die Ihr Publikum
    hoffentlich nicht ganz so vertraulich
    inne hat, als dass es nicht meine
    discrete Bearbeitung hinnähme,
    oder gar überhörte –) schlage ich

    Carissimo Maestrone,

    a festa finita, post festum, erfuhr ich von dem Schweizer Kammermusikabend des hiesigen Streichquartettes, den ich – zu meinem gelinden Ärger – nun versäumt hatte! – Gerne hätte ich dem bedächtigen Weber, dem philosophischen Suter und dem naturfreudigen, jüngsten dieser Meister, H. H., Näheres durch das Gehör erfahren! Ça reviendra, erhoffen wir’s.

    – Danke für den wertvollen Brief, und lassen wir dem Liszt-Abend die vorläufig vereinbarte Form. – Für den Bachvortrag kann ich Ihnen was Gutes versprechen. Außer den Goldberg-Variationen (die Ihr Publikum hoffentlich nicht ganz so vertraulich innehat, als dass es nicht meine diskrete Bearbeitung hinnähme, oder gar überhörte –) schlage ich

    Faksmilie, Seite 2

    (2) noch die Übertragung eines größeren
    Orgelwerkes
    , ferner

    und noch anderes vor. Sollte die
    Chaconne, oder die Chrom. Fantasie,
    am Platze sein?

    (Einem befreundeten Cellisten
    zu Liebe, habe ich – strange to
    say! – die chrom. Fantasie für
    Violoncell gesetzt. Brechen Sie
    über diese Vermessenheit nicht
    den Stab, bis Sie es nicht gehört
    haben. Es klingt ("tönt") nämlich
    überraschend gut.) —

    Von Homer meint Lessing,
    wenn ihm Etwas an Jenem nicht
    gefiele, es läge – so viel hätte er
    gelernt – nicht an Homer.
    Wenn ich auch kein Lessing bin,
    ist deswegen Spitteler ein Homer?
    Liegt es an meinem Mangel an
    Jugendlichkeit, oder an seinem?
    Von Multatuli weiß ich wahrlich
    Nichts. Ich schaute in einige Bände

    noch die Übertragung eines größeren Orgelwerkes, ferner

    und noch anderes vor. Sollte die Chaconne oder die Chromatische Fantasie am Platze sein?

    (Einem befreundeten Cellisten zu Liebe habe ich – strange to say! – die Chromatische Fantasie für Violoncell gesetzt. Brechen Sie über diese Vermessenheit nicht den Stab, bis Sie es nicht gehört haben. Es klingt („tönt“) nämlich überraschend gut.) —

    Von Homer meint Lessing, wenn ihm etwas an jenem nicht gefiele, es läge – so viel hätte er gelernt – nicht an Homer. – Wenn ich auch kein Lessing bin, ist deswegen Spitteler ein Homer? Liegt es an meinem Mangel an Jugendlichkeit oder an seinem? Von Multatuli weiß ich wahrlich nichts. Ich schaute in einige Bände

    Faksmilie, Seite 3

    (3) dieses Mannes, dessen Pseudonym
    mir schon nicht ganz geschmack-
    voll vorkam, und fand Sie nicht
    einladend. Ich liess Sie, weiter mich
    dem Instinkt anvertrauend, der
    mich durch die Literatur seit
    meiner Kindheit begleitete, liegen.

    Ich bin an gewissen großen Erfolgen,
    selbst in der Zeit empfänglichen Zeit
    der ersten Jugend, theilnahmslos
    vorübergegangen. Dazu gab, Gott
    sei’s geklagt, die Zeit – in die meine
    Jugend fällt – Veranlassung genug.
    (Felix Dahn,G. Ebers,Scheffel und
    Gefährten.) Diese Erfahrungen
    schließen auch den Schriftsteller
    R. Wagner ein. – Im Manness
    Alter wurde mein Instinkt, durch
    Kritik, weniger verläßlich; jetzt
    fühle ich – wie in vielen anderen
    Dingen – daß ich auch darin das Wesen meiner
    Kindheit zurückgewinne. –

    Wenn ich […] Diese Selbsterkenntnisse
    sind – fürchte ich – Ihnen,
    der Sie mich im grunde nicht
    kennen, wenig interessant.

    dieses Mannes, dessen Pseudonym mir schon nicht ganz geschmackvoll vorkam, und fand Sie nicht einladend. Ich ließ Sie, mich dem Instinkt anvertrauend, der mich durch die Literatur seit meiner Kindheit begleitete, liegen.

    Ich bin an gewissen großen Erfolgen, selbst in der empfänglichen Zeit der ersten Jugend, teilnahmslos vorübergegangen. Dazu gab, Gott sei’s geklagt, die Zeit – in die meine Jugend fällt – Veranlassung genug. (Felix Dahn,G. Ebers,Scheffel und Gefährten.) Diese Erfahrungen schließen auch den Schriftsteller R. Wagner ein. – Im Mannesalter wurde mein Instinkt, durch Kritik, weniger verlässlich; jetzt fühle ich – wie in vielen anderen Dingen –, dass ich auch darin das Wesen meiner Kindheit zurückgewinne. –

    Diese Selbsterkenntnisse sind – fürchte ich – Ihnen, der Sie mich im grunde nicht kennen, wenig interessant.

    Faksmilie, Seite 4
    (4)

    Verzeihen sie also, das ich
    mich gehen liess und halten
    Sie’s meiner – – Jugendlichkeit
    zu Gute. –

    Zu den Programmen zurückkehrend,
    bitte ich sie noch Ihre Wünsche
    u. Vorschläge weiter zu äußern.
    Die letzten Hefte Bagatellen
    Beethovens möchte ich in den
    Plan aufnehmen. Vielleicht ein
    Variationswerk? Opus 106?
    Von Chopin spiele ich ziemlich
    Alles, die Mazurken u. Walzer
    ausgenommen; sehr gern die
    vierte Ballade, u. mit Vorliebe
    die Etüden. –

    Ist Ihnen das kraftgenialische
    Jugendwerk Liszt’sFantaisie
    romantique sur deux motifs
    suisses
    “ bekannt? (Troix
    morceaux de Salon, Op. 5.) Darin
    kommt Die Weise vom Heimweh
    zuerst vor. – Ich habe Heimweh
    allerwärts, Amerika ausgenom̅en;
    warum sollte ich es nicht m auch
    nach diesem feinem Lande empfinden?
    Vorläufig empfinde ich heimisches
    Behagen, zu dem Sie und andere
    treffliche Confrères sehr Vieles beitragen.

    Haben Sie dafür innigen Dank u. seien
    Sie verehrungsvoll gegrüsst von Ihrem
    herzlich ergebenen

    F. Busoni

    Verzeihen sie also, das ich mich gehen ließ, und halten Sie’s meiner – – Jugendlichkeit zu Gute. –

    Zu den Programmen zurückkehrend, bitte ich sie noch, Ihre Wünsche und Vorschläge weiter zu äußern. Die letzten Hefte Bagatellen Beethovens möchte ich in den Plan aufnehmen. Vielleicht ein Variationswerk? Opus 106? – Von Chopin spiele ich ziemlich alles, die Mazurken und Walzer ausgenommen; sehr gern die vierte Ballade, und mit Vorliebe die Etüden. –

    Ist Ihnen das kraftgenialische Jugendwerk LisztsFantaisie romantique sur deux motifs suisses“ bekannt? (Troix morceaux de Salon, Op. 5.) Darin kommt Die Weise vom Heimweh zuerst vor. – Ich habe Heimweh allerwärts, Amerika ausgenommen; warum sollte ich es nicht auch nach diesem feinem Lande empfinden? Vorläufig empfinde ich heimisches Behagen, zu dem Sie und andere treffliche Confrères sehr vieles beitragen.

    Haben Sie dafür innigen Dank und seien Sie verehrungsvoll gegrüsst von Ihrem herzlich ergebenen

    F. Busoni

    Faksmilie, Seite 5
    [Rückseite von Textseite 1, vacat]
    Faksmilie, Seite 6
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]
    Faksmilie, Seite 7
    [Rückseite von Textseite 3, vacat]
    Faksmilie, Seite 8
    [Rückseite von Textseite 4, vacat]