Stand: 27. Juni 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Zürich am 14. April 1916 verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 14. April 1916 (autograph), 14. April 1916 (Archiv)

Umfang

3 Blatt, 3 beschriebene Seiten
  • Nur die Vorderseiten sind beschrieben.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der eine Nummerierung und Foliierung mit Bleistift vorgenommen sowie die Datierung auf die erste Seite übertragen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Busoni erläutert den Begriff „Theater“ als ungünstiges Konglomerat von Oper und Drama; zitiert umfangreich aus dem poetologischen Prolog zum Doktor Faust; kann sein Studienexemplar der Indianischen Fantasie vor der Basler Aufführung am 29. April nicht weitergeben.
  • Incipit

  • ich danke für die nachsichtige Aufnahme meiner Bedenken
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Sebastian Schade
  • Christian Schaper
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    18.14 April 1916

    Lieber Doktor
    u. verehrtester Freund,

    ich danke für die nachsichtige
    Aufnahme meiner Bedenken zum
    Bellinda-Text. Diese bezogen sich
    nicht auf den Stoff, sondern auf
    die Worte u. dichterische Gestaltung.
    Ich habe ja immer behauptet
    (u. wiederhole) dass die Voraussetzungen
    des Dramas andere sind, als die der
    Oper, u. dass der gemeinsame Begriff
    ‹Theater›
    diese beiden vereint, u. also verwechselt.
    Darum steht mir die Zauberflöte
    als MusterBeispiel da; darum
    hatte ich in Rom einen über-
    zeugenden (zum Theil ergreifenden)
    Eindruck von einem – – Marionetten=
    Theater, worauf eine kostbare
    kl. kom. Oper des 20-jähr. Rossini
    dargestellt und gesungen wurde!
    („L’occasione fa il ladro“.)

    Lieber Doktor und verehrtester Freund,

    ich danke für die nachsichtige Aufnahme meiner Bedenken zum Bellinda-Text. Diese bezogen sich nicht auf den Stoff, sondern auf die Worte und dichterische Gestaltung. Ich habe ja immer behauptet (und wiederhole), dass die Voraussetzungen des Dramas andere sind als die der Oper und dass der gemeinsame Begriff ‚Theater‘ diese beiden vereint und also verwechselt. Darum steht mir die Zauberflöte als Musterbeispiel da; darum hatte ich in Rom einen überzeugenden (zum Teil ergreifenden) Eindruck von einem – – Marionettentheater, worauf eine kostbare kleine komische Oper des 20-jährigen Rossini dargestellt und gesungen wurde! („L’occasione fa il ladro“.)

    Faksmilie, Seite 2

    (2) Zu meinem geplanten Musikdrama (?)
    habe ich, der Dichtung, eine Einleitung
    in "Oktaven" (um den Klavierspieler
    nicht ganz zu verleugnen) verfasst,
    darinnen folgende Zeilen figurieren:

    Die Bühne zeigt vom Leben die Geberde
    Un-Echtheit steht auf ihrer Stirn gezeigt,
    Auf dass sie nicht zum Spiegel-Zerrbild werde
    Als „Zauberspiegel“ wirk’ sie schön u. echt.
    Gebt zu, dass sie das Wahre nur entwerthe
    Dem Unglaubhaften wird sie eh’r gerecht
    Und wenn ihr sie als Wirklichkeit belachtet,
    zwingt sie zum Gruß, als reines Spiel
    betrachtet.
    M In dieser Form allein ruft sie nach Toenen,
    Musik steht dem Gemeinen abgewandt,
    Ihr Körper ist die Luft, ihr Klingen Sehnen,
    sie schwebt: das Wunder ist ihr Heimathland.
    D’rum hielt ich Umschau unter allen Jenen,
    Die mit dem Wunder wirkten Hand in Hand:
    Ob gut, ob böse; ob verdam̅t, ob selig,
    sie zieh’n mich an mit Macht unwiderstehlich.

    Sie sehen, wir sind einer Meinung!

    Zu meinem geplanten Musikdrama (?) habe ich der Dichtung eine Einleitung in „Oktaven“ (um den Klavierspieler nicht ganz zu verleugnen) verfasst, darinnen folgende Zeilen figurieren:

    Die Bühne zeigt vom Leben die Gebärde
    Un-Echtheit steht auf ihrer Stirn gezeigt,
    Auf dass sie nicht zum Spiegel-Zerrbild werde
    Als ‚Zauberspiegel‘ wirk’ sie schön und echt.
    Gebt zu, dass sie das Wahre nur entwerte
    Dem Unglaubhaften wird sie eh’r gerecht
    Und wenn ihr sie als Wirklichkeit belachtet,
    Zwingt sie zum Gruß, als reines Spiel betrachtet.
    In dieser Form allein ruft sie nach Tönen,
    Musik steht dem Gemeinen abgewandt,
    Ihr Körper ist die Luft, ihr Klingen Sehnen,
    Sie schwebt: das Wunder ist ihr Heimatland.
    D’rum hielt ich Umschau unter allen jenen,
    Die mit dem Wunder wirkten Hand in Hand:
    Ob gut, ob böse; ob verdammt, ob selig,
    Sie zieh’n mich an mit Macht unwiderstehlich.

    Sie sehen, wir sind einer Meinung!

    Faksmilie, Seite 3
    (3)

    Ich freue mich zu hören,
    dass ich Lügen gestraft worden
    durch Wirkung u. Erfolg Ihres
    Werkes
    , freue mich darüber
    allerherzlichst.

    Die „indianische“ besitze
    ich nur in einem Studien Ex.,
    dessen ich vorläufig für die
    Basler Aufführung benöthige.
    Dann sollen Sie es haben,
    da Sie ein so sehr freundliches
    Interesse danach bekunden.

    Zum neuen Werke,
    dem Gletscher-Aufstieg,
    wünsche ich alles Erhebende.

    Seien Sie verehrungsvoll
    gegrüsst

    von Ihrem herzlich ergebenen

    F. Busoni

    Zürich, am 14. April 1916.

    Ich freue mich zu hören, dass ich Lügen gestraft worden durch Wirkung und Erfolg Ihres Werkes, freue mich darüber allerherzlichst.

    Die „indianische“ besitze ich nur in einem Studienexemplar, dessen ich vorläufig für die Basler Aufführung benötige. Dann sollen Sie es haben, da Sie ein so sehr freundliches Interesse danach bekunden.

    Zum neuen Werke, dem Gletscher-Aufstieg, wünsche ich alles Erhebende.

    Seien Sie verehrungsvoll gegrüßt

    von Ihrem herzlich ergebenen

    Ferruccio Busoni

    Zürich, am 14. April 1916.
    Faksmilie, Seite 4
    [Rückseite von Textseite 1, vacat]
    Faksmilie, Seite 5
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]
    Faksmilie, Seite 6
    [Rückseite von Textseite 3, vacat]