Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

vmtl. Zürich, 4. Juni 1917

Stand: 2. Juni 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde am 4. Juni 1917 vmtl. in Zürich verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 4. Juni 1917 (autograph)

Umfang

3 Blätter, 3 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der Datierung und Nummerierung mit Bleistift vorgenommen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Busoni bedankt sich für Hubers Unterstützung in der Hans Pfitzner-Kontroverse; beklagt seine stereotype Herabsetzung durch die Deutschen; berichtet vom Erfolg mit Arlecchino und Turandot; arbeitet an einer Ausgabe von Liszts Don-Juan-Fantasie; kündigt Aufführungsbesuch von Hubers Symphonie in Basel an.
  • Incipit

  • es war so gut von Ihnen
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Till Erik Sawallisch
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    53.4. Juni 1917

    Lieber verehrter,

    es war so gut von Ihnen auch
    bei diesem geringen Anlaße Ihre
    freundliche Theilnahme zu zeigen.

    Wohl hätte ich in ganz
    anderem Tone erwiedern können
    an den Herrn Doktor von der
    Münchner Festwoche
    , (die uns
    keine neuesten Nachrichten bringen
    wird!) aber um ihn mit solchenden
    Waffen der Grobheit zu schlagen
    hätte ich gemein werden müßen,
    was wiederum sein Sieg gewesen
    wäre. Völlig ungerecht ist er
    bei dem Argument, dass ich mit
    der Kritik der Schlagwörter
    “musikalisch” und “tief”
    den Deutschen Unterricht ertheilen
    wolle. Es verhält sich ganz umgekehrt.

    Lieber Verehrter,

    es war so gut von Ihnen, auch bei diesem geringen Anlasse Ihre freundliche Teilnahme zu zeigen.

    Wohl hätte ich in ganz anderem Tone erwidern können an den Herrn Doktor von der Münchner Festwoche (die uns keine neuesten Nachrichten bringen wird!), aber um ihn mit den Waffen der Grobheit zu schlagen, hätte ich gemein werden müssen, was wiederum sein Sieg gewesen wäre. Völlig ungerecht ist er bei dem Argument, dass ich mit der Kritik der Schlagwörter „musikalisch“ und „tief“ den Deutschen Unterricht erteilen wolle. Es verhält sich ganz umgekehrt.

    Faksmilie, Seite 2
    (2)

    Ich bin’s, der ich in Deutschland,
    seit Kindheit auf u. noch als
    reifer Mann, fortwährend unter-
    richtet wurde; und jeder Noten-
    -K[…]Kopist, jeder Provinz-Stammtischler
    konnte u. durfte mich mit d jenen
    beiden Wörtern einschüchtern, u.
    sich über mich stellen. Ähnlich
    erging es mir mit dem gangbaren
    Wort „Gefühl“, u. man hat es
    fertig gebracht, mir die Etikette
    anzukleben “des Mannes von
    Intellekt ohne Seele.”
    – Nein,
    die durften nicht bedingungslos
    siegen, Sie haben ganz Recht.
    Nun werden Sie meine Revolte
    gegen die Kanonisierung Reger’s
    (durch Suter) eher verstehen, als
    damals: das ging nicht gegen
    Suter u. kaum gegen Reger: es
    ging gegen ein Prinzip, das
    aufrecht zu halten ich die
    Schweizer für undeutsch genug
    halten möchte.

    Ich bin’s, der ich in Deutschland, seit Kindheit auf und noch als reifer Mann, fortwährend unterrichtet wurde; und jeder Notenkopist, jeder Provinz-Stammtischler konnte und durfte mich mit jenen beiden Wörtern einschüchtern und sich über mich stellen. Ähnlich erging es mir mit dem gangbaren Wort „Gefühl“, und man hat es fertiggebracht, mir die Etikette anzukleben „des Mannes von Intellekt ohne Seele“. – Nein, die durften nicht bedingungslos siegen, Sie haben ganz Recht. Nun werden Sie meine Revolte gegen die Kanonisierung Regers (durch Suter) eher verstehen als damals: das ging nicht gegen Suter und kaum gegen Reger: es ging gegen ein Prinzip, das aufrecht zu halten ich die Schweizer für undeutsch genug halten möchte.

    Faksmilie, Seite 3
    (3)

    Alle Verehrung vor den größten
    Deutschen! Die mediokren füttern
    sich aber von Schlagwörtern u.
    sprechen im Heerden-Ton „wir“.
    Wir hallten durch“, das ist
    das neueste. —

    Am 31. Mai fand eine 4. Auf-
    führung meiner Spiele statt, mit
    glaenzendem Erfolge. – Nun arbeite
    ich an einer „grossen, kritisch-in-
    struktiven Ausgabe“
    von Liszt’s Don
    Juan Fantasie
    , worin ich Manches
    niederlege – –

    Ich rechne, zu Ihrer Symphonie
    nach Basel zu kommen und
    freue mich auf Musik und
    Geselligkeit. Die Symphonie ist
    doch am Samstag? Möchten Sie
    mir das kurz bestätigen?

    Verzeihen Sie die Mühe und
    seien Sie nochmals bedankt
    von Ihrem verehrungsvoll

    u. herzlich ergebenen

    F. Busoni

    4 Juni 1917

    Alle Verehrung vor den größten Deutschen! Die mediokren füttern sich aber von Schlagwörtern und sprechen im Herdenton „wir“. Wir halten durch“, das ist das neueste. —

    Am 31. Mai fand eine vierte Aufführung meiner Spiele statt, mit glänzendem Erfolge. – Nun arbeite ich an einer „großen, kritisch-instruktiven Ausgabe“ von Liszts Don- Juan-Fantasie, worin ich Manches niederlege – –

    Ich rechne, zu Ihrer Symphonie nach Basel zu kommen, und freue mich auf Musik und Geselligkeit. Die Symphonie ist doch am Samstag? Möchten Sie mir das kurz bestätigen?

    Verzeihen Sie die Mühe und seien Sie nochmals bedankt von Ihrem verehrungsvoll

    und herzlich ergebenen

    F. Busoni

    4. Juni 1917
    Faksmilie, Seite 4
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    Faksmilie, Seite 5
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    Faksmilie, Seite 6
    [Rückseite von Textseite 3, vacat]