Stand: 8. Juni 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Locarno am 9. November 1917 verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 8. November 1917 (Empfänger), 9. November 1917 (autograph: „Venerdi“)

Umfang

1 Bogen, 3 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2296 | olim: Mus.ep. H. Huber 70 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Hans Huber, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift.
    • Hand des Archivars, der Signaturen und Foliierung mit Bleistift eingetragen hat.
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses sowie die Nummerierung mit Rotstift vorgenommen hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Hand des Empfängers Ferruccio Busoni, die die Datierung mit schwarzer Tinte vorgenommen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Hans Huber
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Huber fragt nach der Aufnahme einer Busoni-Aufführung vom 6. November 1911; bedauert, nicht mit Busoni zu einer Aufführung seiner eigenen Oper Die schöne Bellinda kommen zu können.
  • Incipit

  • Was haben die Philister & die Neider
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Anton Hoffmann
  • Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2296
    [1] Mus.ep. H. Huber 70 (Busoni-Nachl. B II)
    Locarno Grand Hôtel
    Venerdi
    8. Nov. 191722

    Carissimo maestro!

    Was haben die Philister & die Neider in
    Zürich zu Ihren Geisteskindern gesagt?
    Ich suchte in der Zürcherztg. & finde im̅er noch
    nichts! Wenn nur diese Leute bei aller
    Armuth schließlich nicht so eitel wären!
    Dazu jeder ein Egoist & die Eitelkeit ist mindestens
    eine Cousine des Egoismus & vielleicht noch
    näher verwandt! – Dan̅ gibt es wenig
    Gegnerschaften im Leben, mit denen man so
    beharrlich zu kämpfen hat wie mit der Neid=
    ham̅elei. Uebrigens sind Sie in der Behandlung
    dieser Dinge, wie meine Wenigkeit, sanguinisch
    genug, um solche Demütigungen & Unterschätzungen
    leicht zu nehmen! Und, indem Sie alles
    links liegen laßen, strafen [Sie] Menschen & Dinge

    Locarno Grand Hôtel Venerdi

    Carissimo maestro!

    Was haben die Philister und die Neider in Zürich zu Ihren Geisteskindern gesagt? Ich suchte in der Zürcher Zeitung und finde immer noch nichts! Wenn nur diese Leute bei aller Armut schließlich nicht so eitel wären! Dazu jeder ein Egoist, und die Eitelkeit ist mindestens eine Cousine des Egoismus und vielleicht noch näher verwandt! – Dann gibt es wenig Gegnerschaften im Leben, mit denen man so beharrlich zu kämpfen hat wie mit der Neidhammelei. Übrigens sind Sie in der Behandlung dieser Dinge, wie meine Wenigkeit, sanguinisch genug, um solche Demütigungen und Unterschätzungen leichtzunehmen! Und, indem Sie alles links liegen lassen, strafen Sie Menschen und Dinge

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    mit Verachtung, den̅ – wen̅ Einer die Kraft
    hat, an ein Kunstwerk heranzutreten, dabei die
    Erlösung – Befreiung & Glück – zu finden,
    so sindheißt dieser Mann Busoni,
    verehrter Freund!

    Sie sehen, Kampfeslust zieht wieder durch
    meine Adern – ergo – muß es mir beßer
    gehen. Aber die Briefschreiberei fließt im̅er
    noch aus einem trüben Wäßerlein, das Beherrschen
    des Gegenstandes geht mir noch ab, obwohl
    es schon bedeutend besser zur Aussprache gelangt
    als vor einigen Wochen!

    Eigentlich möchte ich so gern mit
    Ihnen am Son̅tag im Zürchertheater sein; Sie
    hören ja kein modernes Werk mit einer spekulativen
    Absicht im Hintergrund, sondern eine einfache Musik,
    die ich in fröhlicher Lebensstim̅ung in Vitznau
    schrieb, ohne […]an kampfsüchtige Musikäußerungen
    zu denken. Ähnlich wie Schubert seine Feder
    spazieren ließ – in den Schwächen ihm gleichend,
    in den starken Dingen ihm leider weit

    mit Verachtung, denn – wenn einer die Kraft hat, an ein Kunstwerk heranzutreten, dabei die Erlösung – Befreiung und Glück – zu finden, so heißt dieser Mann Busoni, verehrter Freund!

    Sie sehen, Kampfeslust zieht wieder durch meine Adern – ergo – muss es mir besser gehen. Aber die Briefschreiberei fließt immer noch aus einem trüben Wässerlein, das Beherrschen des Gegenstandes geht mir noch ab, obwohl es schon bedeutend besser zur Aussprache gelangt als vor einigen Wochen!

    Eigentlich möchte ich so gern mit Ihnen am Sonntag im Zürchertheater sein; Sie hören ja kein modernes Werk mit einer spekulativen Absicht im Hintergrund, sondern eine einfache Musik, die ich in fröhlicher Lebensstimmung in Vitznau schrieb, ohne an kampfsüchtige Musikäußerungen zu denken. Ähnlich wie Schubert seine Feder spazieren ließ – in den Schwächen ihm gleichend, in den starken Dingen ihm leider weit

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    [2] zurückbleibend – so habe ich den Musen geopfert.
    Wißen Sie, dass ich nach dem Buchstabenspiel aus
    den Rippen Schubert’s stam̅e?

    (Sc)huber(t)

    Quelle bêtise!

    Mit dieser bösen Kinderei will ich schließen!
    Aber steckt in der Kinderstube nicht am meisten
    Optimismus? Haben die Kinder nicht das
    natürliche Talent zum Glücklichsein?

    Herzlichste Grüße Ihres treuen (wenn ich auch
    nicht schreibe!)

    Hans Huber

    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin

    zurückbleibend – so habe ich den Musen geopfert. Wissen Sie, dass ich nach dem Buchstabenspiel aus den Rippen Schuberts stamme? (Sc)huber(t) Quelle bêtise!

    Mit dieser bösen Kinderei will ich schließen! Aber steckt in der Kinderstube nicht am meisten Optimismus? Haben die Kinder nicht das natürliche Talent zum Glücklichsein?

    Herzlichste Grüße Ihres treuen (wenn ich auch nicht schreibe!)

    Hans Huber

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    [Rückseite von Textseite 3, vacat]