Stand: 18. Juni 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde am 5. März 1918 in Locarno verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 5. Februar 1918 (autograph), 5. März 1918 (Poststempel Muralto), 6. März 1918 (Poststempel Zürich)

Umfang

1 Bogen, 4 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2303 | olim: Mus.ep. H. Huber 77 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Hans Huber, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift.
    • Vmtl. Hand des Empfängers Ferruccio Busoni, der mit Bleistift die Zuordnung „Huber“ eingetragen hat.
    • Hand des Archivars, der die korrigierte Datierung mit Bleistift eingetragen hat.
    • Hand des Archivars, der die Foliierung mit Bleistift vorgenommen hat.
    • Hand des Archivars, der die ursprüngliche Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Bleistift vorgenommen hat.
    • Hand des Archivars, der die erneute Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Bleistift vorgenommen hat.
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat.
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Poststempel (schwarze Tinte)
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Hans Huber
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Huber berichtet von der Bekanntschaft mit Ludwig Rubiner; legt sein Verhältnis zu den Werken Schönbergs und Tolstojs dar; schildert seine Korrespondenz mit Robert Freund; beantwortet Busonis Frage nach dem Fortschritt von Mors et vita.
  • Incipit

  • die Kunde von Ihrer unzeitgemäßen Erkrankung
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Maximilian Furthmüller
  • Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.ep. H. Huber 77 (Busoni-Nachl. B II) [1]
    Locarno 5/2 18
    (? – 5.3.)

    Mein lieber Freund!

    Die Kunde von Ihrer unzeitgemäßen
    Erkrankung drang von allen
    Seiten & Leuten zu mir ins Teßin!
    Betrachten Sie das Geschick als eine
    wahrscheinlich nöthige Ausschaltung
    der physischen Anstrengungen & als
    kurze Pause des „Unkörperlichen“!

    Mit der Bekan̅tschaft Ihres
    sympathischen Freundes Rubiner
    verband ich logischerweise auch die
    Ken̅tnißnahme der letzten Tagebücher
    von Tolstoi. Neben hohen & tiefen
    Gedanken, die dieser slavische Prophet
    niederschreibt, finde ich doch sehr
    Vieles, zu dem ich weder einen Anschluß
    noch nur ein s y pimples Verhältniß Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2303

    Locarno 5/2 18

    Mein lieber Freund!

    Die Kunde von Ihrer unzeitgemäßen Erkrankung drang von allen Seiten und Leuten zu mir ins Tessin! Betrachten Sie das Geschick als eine wahrscheinlich nötige Ausschaltung der physischen Anstrengungen und als kurze Pause des „Unkörperlichen“!

    Mit der Bekanntschaft Ihres sympathischen Freundes Rubiner verband ich logischerweise auch die Kenntnisnahme der letzten Tagebücher von Tolstoi. Neben hohen und tiefen Gedanken, die dieser slawische Prophet niederschreibt, finde ich doch sehr vieles, zu dem ich weder einen Anschluss noch nur ein simples Verhältnis

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    anbinden möchte. Für mich, der
    zudem die lyrische Philosophie
    haßt, besi[t]zt Tolstoi in seinem
    Denken zu viel von der Naivität
    der Alttestamentler oder zu wenig
    von der Induktionslehre eines
    Socrates – item menschlicher gesagt:
    ich kan̅ das Gefühl des Dilettantischen
    & Autodidaktischen nicht überwinden.
    Was wäre Tolstoi in Deutschland
    oder in England geboren? Man
    muß seine eigene Naivität nicht
    preisgeben & sich den Werken dieser
    Rußen gegenüber ungefähr so geberden,
    wie ich es einem Schönberg gegenüber
    thue., zu deßen letzten Dingen ich mich
    absolut ablehnend verhalte, so gut
    mir einige frühere Werke gefallen, weil
    ich in der Entwi[c]klung des Künstlers
    keinen Zug ins Große mehr ent=

    anbinden möchte. Für mich, der zudem die lyrische Philosophie hasst, besitzt Tolstoi in seinem Denken zu viel von der Naivität der Alttestamentler oder zu wenig von der Induktionslehre eines Sokrates – item menschlicher gesagt: ich kann das Gefühl des Dilettantischen und Autodidaktischen nicht überwinden. Was, wäre Tolstoi in Deutschland oder in England geboren? Man muss seine eigene Naivität nicht preisgeben und sich den Werken dieser Russen gegenüber ungefähr so gebärden, wie ich es einem Schönberg gegenüber tue, zu dessen letzten Dingen ich mich absolut ablehnend verhalte, so gut mir einige frühere Werke gefallen, weil ich in der Entwicklung des Künstlers keinen Zug ins Große mehr ent-

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    [2] decken kan̅ & mich Aalles Spätere, speculativ
    empfunden, anwiedert.

    R. Freund schrieb mir vor einiger
    Zeit zwei Briefe mit contentem, sein
    Alter mit Dignität behandelnden
    Inhalts. Aus Letzterem freute mich
    namentlich eine prächtige Schätzung
    Ihrer Kunst, Ihres Gesam̅twerkes &
    Ihrer Persönlichkeit. In meiner Antwort
    betonte ich namentlichvor allen Dingen die Bitte,
    doch wieder in seine eigentliche Heimat
    zurückzukehren, in der es zu den
    ersten Regeln der Lebensweisheit gehört,
    über Fehlendes, namentlich wen̅ es
    nicht schwerer wiegt als das Gute,
    das ja in diesem Falle genügend
    vorhanden ist, hinwegsehen zu lernen.

    Mit meinem symphonischen
    Oratorium
    mache ich nur in̅erlich
    Fortschritte; vor allen Dingen bin ich
    jetzt über das Formale sicher; im Kopfe
    befestige ich das Motivische, der für
    solche Dinge ein gutes Gedächtniß
    einschließt, so daß ich Werke jahrelang
    fertig aufbewahren kan̅. Aus Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin

    decken kann und mich alles Spätere, spekulativ empfunden, anwidert.

    Robert Freund schrieb mir vor einiger Zeit zwei Briefe mit kontentem, sein Alter mit Dignität behandelnden Inhalt. Aus Letzterem freute mich namentlich eine prächtige Schätzung Ihrer Kunst, Ihres Gesamtwerkes und Ihrer Persönlichkeit. In meiner Antwort betonte ich vor allen Dingen die Bitte, doch wieder in seine eigentliche Heimat zurückzukehren, in der es zu den ersten Regeln der Lebensweisheit gehört, über Fehlendes, namentlich wenn es nicht schwerer wiegt als das Gute, das ja in diesem Falle genügend vorhanden ist, hinwegsehen zu lernen.

    Mit meinem symphonischen Oratorium mache ich nur innerlich Fortschritte; vor allen Dingen bin ich jetzt über das Formale sicher; im Kopfe befestige ich das Motivische, der für solche Dinge ein gutes Gedächtnis einschließt, so dass ich Werke jahrelang fertig aufbewahren kann. Aus

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    exegetischen Gründen schickte ich den
    Text noch einmal an einen gelehrten
    Pater
    in Soletta, um denselben nach
    der Vulgata & den liturgischen Büchern
    einzuschätzen.

    Noch eine Frage! Darf ich Ihnen im
    Som̅er einige Freude bringende
    Schüler zu Ihrem pädagogischen
    Nachmittage in Zürich schicken?
    Damit lenke ich wieder ins
    tägliche Brodgebiet über, das Brod,
    das sogar in der Schweiz je länger je
    schlechter wird & für das man kein
    beßeres Surrogat einsetzen kan̅,
    als die Gesundheit, welche ich uns
    Beiden mit Inbrunst herwünsche.
    Damit aber noch viele herzliche
    Grüße

    Ihr erg. und in Treuen

    Hans Huber

    exegetischen Gründen schickte ich den Text noch einmal an einen gelehrten Pater in Soletta, um denselben nach der Vulgata und den liturgischen Büchern einzuschätzen.

    Noch eine Frage! Darf ich Ihnen im Sommer einige Freude bringende Schüler zu Ihrem pädagogischen Nachmittage in Zürich schicken? – Damit lenke ich wieder ins tägliche Brotgebiet über, das Brot, das sogar in der Schweiz je länger je schlechter wird und für das man kein besseres Surrogat einsetzen kann als die Gesundheit, welche ich uns beiden mit Inbrunst herwünsche. Damit aber noch viele herzliche Grüße

    Ihr ergebener und in Treuen

    Hans Huber

    Faksmilie, Seite 5Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Ferruccio Busoni
    Zürich
    Scheuchzerstr. 36.
    Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin
    Muralto
    -5 III 18-
    Ferruccio Busoni
    Zürich
    Scheuchzerstr. 36.
    Faksmilie, Seite 6Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Huber
    [Z]u[r]ich
    -6.III.18.IX–
    VIII
    Brf. Exp.
    Nachlaß Busoni B II
    Mus.ep. H. Huber 77

    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2303-Beil.