Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

vmtl. Zürich, 9. April 1918

Stand: 19. Juni 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde am 9. April 1918 vmtl. in Zürich verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 9. April 1918 (autograph)

Umfang

2 Blatt, 2 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der eine Nummerierung innerhalb der Korrespondenz mit Bleistift vorgenommen hat.
    • Hand des Archivars, der die Foliierung mit Bleistift vorgenommen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Busoni betrachtet seine Erwähnung in Albert Schweitzers Bach-Monographie als Ehrenrettung; weist auf die Besprechung seiner Opern „Arlecchino“ und „Turandot“ durch Stefan Zweig hin; erinnert sich an seinen Kreis der „Leskowiter“ in Helsinki; legt sein Verhältnis zu August Strindberg dar.
  • Incipit

  • Dank für Brief u. die Mühe mit meinen Bearbeitungssachen.
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Maximilian Furthmüller
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    66.
    9. April 1918.

    Lieber, Verehrter,

    Dank für Brief u. die Mühe mit meinen
    BearbeitungsSachen. Schweitzer in seinem
    Bach“ rettet sehr warm meine Ehre.
    – Der junge Hirth erfreute mich gestern
    mit seinem tüchtigen KlavierSpiel.
    – Die Neue Fr. Presse brachte am 5. April
    ein ganzes seiner berühmten Feuilletons
    über meine beiden kleinen Opern.
    – Ich schlug im Paul nach, den ich
    zufällig hier habe, und las, daß Strindberg
    auf ein mir unbekanntes Stück „das Band
    anspielt, das er sich als Oper denkt, u.
    mich dabei nennt. Adolf Paul ist ein
    Ex-Schüler von mir aus Helsingfors 1889
    (älter als sein Lehrer) u. er schloss sich
    in Berlin Str. an. Strindberg selbst be-
    gegnete ich persönlich niemals; leider, –
    – – vielleicht zum Glück. A. Paul ist Schwede,
    nicht Finnländer. Wir bildeten mit
    dem “Schüler” Sibelius u. den Brüdern
    Jaernefelt ein anregendes Coenaculum.
    Nach meinem Neufundländer Hund
    Lesko, nannten wir uns die „Leskowiter“.

    9. April 1918.

    Lieber, Verehrter,

    Dank für Brief und die Mühe mit meinen Bearbeitungssachen. Schweitzer in seinem „Bach“ rettet sehr warm meine Ehre. – Der junge Hirt erfreute mich gestern mit seinem tüchtigen Klavierspiel. – – Die Neue Freie Presse brachte am 5. April ein ganzes ihrer berühmten Feuilletons über meine beiden kleinen Opern. – Ich schlug im Paul nach, den ich zufällig hier habe, und las, dass Strindberg auf ein mir unbekanntes Stück, „das Band“, anspielt, das er sich als Oper denkt, und mich dabei nennt. Adolf Paul ist ein Ex-Schüler von mir aus Helsingfors 1889 (älter als sein Lehrer), und er schloss sich in Berlin Strindberg an. Strindberg selbst begegnete ich persönlich niemals; leider, – – – vielleicht zum Glück. Adolf Paul ist Schwede, nicht Finnländer. Wir bildeten mit dem „Schüler“ Sibelius und den Brüdern Järnefelt ein anregendes Coenaculum. Nach meinem Neufundländer Hund Lesko nannten wir uns die „Leskowiter“.

    Faksmilie, Seite 2
    (2)

    Strindberg hat in meinem Empfinden
    bereits drei Perioden durchgemacht: stiess mich
    erst ab, feuerte mich zur Begeisterung an,
    u. nun beginne ich seine Schwächen peinlicher
    zu empfinden. – Aber mit seinem
    einzigen „Traumspiel“ u. den „Kammerspielen
    hat er nach Schiller, und nach Ibsen, wieder
    einmal dem Theater eine neue Physiognomie
    gegeben, was ich von Anderen nicht zu
    behaupten wüßte. – Unsympathisch ist
    mir sein Verweilen u. Bohren in
    „les petites misères“ des Alltäglichen und
    eine gewisse künstlerische Nachlässigkeit
    in Form u. Ausdruck .(letzteres soll im
    Schwedischen original minder fühlbar sein.)
    Wie bei Voltaire u. bei Heine erkenne
    ich in ihm eine grosse Sehnsucht nach
    Liebe, Güte u. Schönheit u. einen Ingrimm,
    diese bei den Menschen immer wieder
    vermissen zu müssen. – Mehr kann ich
    Ihnen nicht sagen u. dieses haben Sie gewiss
    selbst schon gedacht.

    Ich grüße Sie allerherzlichst
    u. verehrungsvoll als Ihr treu ergebener

    F. Busoni

    Strindberg hat in meinem Empfinden bereits drei Perioden durchgemacht: stieß mich erst ab, feuerte mich zur Begeisterung an, und nun beginne ich seine Schwächen peinlicher zu empfinden. – Aber mit seinem einzigen „Traumspiel“ und den „Kammerspielen hat er nach Schiller, und nach Ibsen, wieder einmal dem Theater eine neue Physiognomie gegeben, was ich von anderen nicht zu behaupten wüsste. – Unsympathisch ist mir sein Verweilen und Bohren in „les petites misères“ des Alltäglichen und eine gewisse künstlerische Nachlässigkeit in Form und Ausdruck (letzteres soll im schwedischen Original minder fühlbar sein). Wie bei Voltaire und bei Heine erkenne ich in ihm eine große Sehnsucht nach Liebe, Güte und Schönheit und einen Ingrimm, diese bei den Menschen immer wieder vermissen zu müssen. – Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, und dieses haben Sie gewiss selbst schon gedacht.

    Ich grüße Sie allerherzlichst und verehrungsvoll als Ihr treu ergebener

    Ferruccio Busoni

    Faksmilie, Seite 3
    [Rückseite von Textseite 1, vacat]
    Faksmilie, Seite 4
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]