Stand: 14. Juni 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Locarno am 10. April 1919 verfasst; Tag und Monat sind angegeben, das Jahr ist über Busonis Antwort vom „3. A. 1919“ erschließbar.
  • Datierung in der Quelle: 10. April 1919 (autograph: „10.April“)

Umfang

1 Bogen, 4 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2304 | olim: Mus.ep. H. Huber 78 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Hans Huber, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift.
    • Hand des Archivars, der Datierung, Foliierung und Signaturen mit Bleistift eingetragen hat.
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Hans Huber
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Huber beglückwünscht Busoni zur Wiederaufnahme des Konzertierens bei den Zürcher „populären Konzerten“; reflektiert anlässlich der Arbeit an seinem Oratorium Mors et vita Liszts Verhältnis zur Gregorianik; kündigt Rückkehr nach Vitznau an; hofft auf ein Wiedersehen und auf einen Besuch von Schoeck-Opern.
  • Incipit

  • Ihre Furcht vor den Regelmäßigkeiten im Leben
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Sebastian Schade
  • Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    [1] Mus.ep. H. Huber 78 (Busoni-Nachl. B II)
    Locarno 10 April.[1918?]

    Mein sehr lieber Maestro!

    Ihre Furcht vor den Regelmäßig=
    keiten im Leben, speziell im Betriebe
    der Briefschreiberei hatte auch
    mich erfaßt, obwohl ich Ihnen gern
    hie & da ein liebes Wort oder – als
    Abon̅ent der Zürcherztg. & als Mitwißer
    aller Ihrer Thaten … ein Zeichen
    meiner stillen Bewunderung zuge=
    schickt hätte! Daß Sie, trotz
    aller in̅erer Wuth, noch einmal
    das „pianistische Wort“ der Welt
    ergriffen haben, zeugt für Ihren
    großen Standpunkt in der Musik!
    Nur daß Sie nach Allem, was man
    aus den Coulißen vernim̅t, auf
    der gesunden Höhe Ihrer anderer
    Lebensaufgabe stehen, so darf Mus.Nachl. F. Busoni B II, 2304

    Locarno, 10. April.

    Mein sehr lieber Maestro!

    Ihre Furcht vor den Regelmäßigkeiten im Leben, speziell im Betriebe der Briefschreiberei hatte auch mich erfasst, obwohl ich Ihnen gern hie und da ein liebes Wort oder – als Abonnent der Zürcherzeitung und als Mitwisser aller Ihrer Taten … ein Zeichen meiner stillen Bewunderung zugeschickt hätte! Dass Sie, trotz aller innerer Wut, noch einmal das „pianistische Wort“ der Welt ergriffen haben, zeugt für Ihren großen Standpunkt in der Musik! Nur dass Sie nach allem, was man aus den Kulissen vernimmt, auf der gesunden Höhe Ihrer anderen Lebensaufgabe stehen, so darf

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    ich Sie über die hohen Mauern
    der Alpen als unseren „grand patron“
    (wie Sarasate einmal Joachim nan̅te)
    & als unseren Man̅ der Zukunft
    begrüßen! –

    Wen̅ ich in Basel gewesen
    wäre, so hätten Sie das Program̅
    der Zürcher populären Konzerte
    auch den Baslern schenken müßen,
    statt dieselben mit den 4 Symphonien
    von Brahms zu embätiren, wie es
    jetzt unbegreiflicher Weise unser
    Freund Suter thut. –

    Der Winter hat in Locarno
    keine Gewaltthaten ausgeübt &
    blieb in den zarten Grenzen der
    stets anregenden Helligkeit Helios’s,
    die gerade nothwendig ist, um einem
    bescheidenen Schaffen einiges Gedeihen
    zu geben. Mein Oratorium wächst
    in der Athmosphäre der gregorianischen Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin

    ich Sie über die hohen Mauern der Alpen als unseren „grand patron“ (wie Sarasate einmal Joachim nannte) und als unseren Mann der Zukunft begrüßen! –

    Wenn ich in Basel gewesen wäre, so hätten Sie das Programm der Zürcher populären Konzerte auch den Baslern schenken müssen, statt dieselben mit den vier Symphonien von Brahms zu embätiren, wie es jetzt unbegreiflicher Weise unser Freund Suter tut. –

    Der Winter hat in Locarno keine Gewalttaten ausgeübt und blieb in den zarten Grenzen der stets anregenden Helligkeit Helios’, die gerade notwendig ist, um einem bescheidenen Schaffen einiges Gedeihen zu geben. Mein Oratorium wächst in der Atmosphäre der gregorianischen

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    [2] Melodik & zugleich auch in dieser
    merkwürdigen Rhytmik; ich stehe
    somit mit Allem ein wenig auf
    historischem Boden, wen̅ ich so sagen darf.
    Wolfrum’s Einleitung zu der Ausgabe
    der Kirchenchöre
    von Liszt bestätigte
    mich in Vielem in meinen Arbeiten.
    Und doch bin ich nicht recht klar
    darüber, ob Liszt eigentlich in den
    60ger Jahren den Grundcharakter
    der gregorianischen Gewalt schon
    begriffen hatte, oder mehr mit
    seinen künstlerischen Intuitionen
    nach Außen, nach Innen – als Genius –
    den Hauptzug der katholischen damaligen
    Dichtung in der genialen Art
    umändern wollte, wie er es gethan
    hat. Ich bewundere die Thaten
    & diese merkwürdige Seite Liszt’s
    immer mehr & fühle mich arm &
    – bescheiden! –

    Nach Ostern ziehe ich mit dem
    Hab & Gut wieder nach Vitznau
    & rücke Ihnen somit um Vieles Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin

    Melodik und zugleich auch in dieser merkwürdigen Rhythmik; ich stehe somit mit allem ein wenig auf historischem Boden, wenn ich so sagen darf. Wolfrums Einleitung zu der Ausgabe der Kirchenchöre von Liszt bestätigte mich in vielem in meinen Arbeiten. Und doch bin ich nicht recht klar darüber, ob Liszt eigentlich in den 60er Jahren den Grundcharakter der gregorianischen Gewalt schon begriffen hatte oder mehr mit seinen künstlerischen Intuitionen nach außen, nach innen – als Genius – den Hauptzug der katholischen damaligen Dichtung in der genialen Art umändern wollte, wie er es getan hat. Ich bewundere die Taten und diese merkwürdige Seite Liszts immer mehr und fühle mich arm und – bescheiden! –

    Nach Ostern ziehe ich mit dem Hab und Gut wieder nach Vitznau und rücke Ihnen somit um vieles

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin


    näher! Hoffentlich führt uns das
    Geschick dan̅ wieder einmal in die
    Sphären eines gesunden Kolloquiums!

    Zu den Opern von
    dem lieben Schoeck käme ich
    gern; allein solche Dinge kan̅ ich
    noch nicht wagen. Vielleicht
    geht es von Vitznau aus, wen̅
    die Werke (es sind doch zwei Opern?)
    dan̅ noch auf dem Repertoire stehen!

    Gott befohlen &
    Frühlingsgrüße von Ihrem
    getreuen

    Hans Huber

    näher! Hoffentlich führt uns das Geschick dann wieder einmal in die Sphären eines gesunden Kolloquiums!

    Zu den Opern von dem lieben Schoeck käme ich gern; allein solche Dinge kann ich noch nicht wagen. Vielleicht geht es von Vitznau aus, wenn die Werke (es sind doch zwei Opern?) dann noch auf dem Repertoire stehen!

    Gott befohlen und Frühlingsgrüße von Ihrem getreuen

    Hans Huber