Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

Zürich, 16. September 1916

Stand: 15. November 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Zürich am 16. September 1916 verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 16. September 1916 (autograph), 16. September 1916 (Archiv)

Umfang

4 Blatt, 4 beschriebene Seiten
  • Nur die Vorderseiten beschrieben.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift Nummerierung und Foliierung vorgenommen und das Datum auf die erste Seite übertragen hat.
    • Unbekannte Hand, die eine römische Nummerierung mit Bleistift eingetragen hat.
    • Unbekannte Hand (Anstreichungen mit Rotstift am linken Rand).

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Busoni nimmt den bleibenden Schmerz über den Tod Umberto Boccionis zum Anlass einer Kritik des „allgemeinen Soldatentums“; fühlt sich arbeitsunfähig und infolge der Kriegspolitik Italiens „völlig isoliert und auch wirtschaftlich eingeschränkt“; hält seine Honorarforderung für die Basler Klavierabende aufrecht; hat die Studie über Das musikalische Opfer an Breitkopf & Härtel geschickt; will sich nun Doktor Faust zuwenden.
  • Incipit

  • Ich begrüsse Sie, lieber Meister, herzlichst in Locarno
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Christian Schaper
  • Unter Mitwirkung von

    • Patrick Becker

    Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    24.16. Sept. 1916

    Ich begrüsse Sie, lieber Meister,
    herzlichst in Locarno, wo ich Ende
    Juni durchfuhr, undals ich mich von
    Boccioni verabschiedent hatte!

    Bitter steigt in mir auf die
    Erinnerung, u. verschiedene Zu-
    schriften aus Italien (mit dem
    Sie meinetwegen in L. liebäugeln
    mögen) hat die Wunde immer
    wieder aufgerissen. – Die Welt
    nimmt doch Alles zu selbst-
    verstaendlich (u. wiederum
    steht sie vor dem Gemeinplätzig-
    sten auf dem Kopf) – das Grosse,
    wie das Erschreckende, wie das
    Aussergewöhnliche. – Die
    dolccilité stupide, mit der
    heute Leute Alles sich gefallen
    lassen, wardas in früheren Zeiten
    nur solchen von Neigung u. Beruf

    Ich begrüße Sie, lieber Meister, herzlichst in Locarno, wo ich Ende Juni durchfuhr, als ich mich von Boccioni verabschiedet hatte!

    Bitter steigt in mir auf die Erinnerung, und verschiedene Zuschriften aus Italien (mit dem Sie meinetwegen in Locarno liebäugeln mögen) haben die Wunde immer wieder aufgerissen. – Die Welt nimmt doch alles zu selbstverständlich (und wiederum steht sie vor dem Gemeinplätzigsten auf dem Kopf) – das Große wie das Erschreckende wie das Außergewöhnliche. – Die docilité stupide, mit der heute Leute alles sich gefallen lassen, das in früheren Zeiten nur solche von Neigung und Beruf

    Faksmilie, Seite 2

    (2)
    zum “edelen” Kriegshandwerke
    betraf, erstaunt mich mehr, als
    die Handlungen, die je sie
    hervorrufen. Diese schöne
    Einrichtung des allgemeinen
    Soldatenthums (man hat mich
    belehrt, dass man sie der Schweiz
    verdanke) ist ein bewunderungs-
    würdiges System, das Individuum
    zu ducken. – Schwert und Bibel
    und Regenschirm (als ob ein
    Tropfen wasser ebenso ungesund
    waere, als ein Kanonenschuss) u.
    fröhliches Bajonettenblitzen (wie
    ich ersst am 1. Aug. hier zu erleben
    die historische Freude hatte!) nebst
    einigem wohlgestimmten Männer-
    gesang ...... Für ein solches Kultur-
    bild bin ich sehr empfänglich.

    zum „edelen“ Kriegshandwerke betraf, erstaunt mich mehr als die Handlungen, die sie hervorrufen. Diese schöne Einrichtung des allgemeinen Soldatentums (man hat mich belehrt, dass man sie der Schweiz verdanke) ist ein bewunderungswürdiges System, das Individuum zu ducken. – Schwert und Bibel und Regenschirm (als ob ein Tropfen Wasser ebenso ungesund wäre als ein Kanonenschuss) und fröhliches Bajonettenblitzen (wie ich es am 1. August hier zu erleben die historische Freude hatte!) nebst einigem wohlgestimmten Männergesang … Für ein solches Kulturbild bin ich sehr empfänglich.

    Faksmilie, Seite 3
    (3)

    Ich arbeite seit drei Tagen
    nicht, u. das bekommt mir, wie
    Sie merken, recht schlecht. – Die kluge
    That meines Vaterlandes
    hat mich völlig isoliert und
    auch wirthschaftlich einge-
    -schränkt. (Dieses nebenbei, aber
    immerhin fühlbar.) Darum
    muss ich aus meinen 10 Fingern
    schöpfen, um mich zu halten.

    Wenn das Konservatorium
    in Basel ein Unternehmen be-
    -ginnt, an dem es einiges Gefallen
    zu haben scheint (es gereicht mir
    dieses zur Ehre) so sollte es auch
    Etwas dafür aufbringen wollen u.
    sich sagen, dass es das Fehlende
    zu dem vorgeschlagenen Honorar
    aus eigenen Mitteln hinzufügt.

    Ich arbeite seit drei Tagen nicht, und das bekommt mir, wie Sie merken, recht schlecht. – Die kluge Tat meines Vaterlandes hat mich völlig isoliert und auch wirtschaftlich eingeschränkt. (Dieses nebenbei, aber immerhin fühlbar.) Darum muss ich aus meinen zehn Fingern schöpfen, um mich zu halten.

    Wenn das Konservatorium in Basel ein Unternehmen beginnt, an dem es einiges Gefallen zu haben scheint (es gereicht mir dieses zur Ehre), so sollte es auch etwas dafür aufbringen wollen und sich sagen, dass es das Fehlende zu dem vorgeschlagenen Honorar aus eigenen Mitteln hinzufügt.

    Faksmilie, Seite 4
    (4)

    Denn dergleichen Abende
    kosten mir an Zeit u. Arbeit mehr,
    als ein normales „Engagement“,
    für welches mir derselbe Betrag
    eingehändigt wird.

    (Finden Sie das von mir
    hässlich?) –

    Der Saal des Konservatoriums
    ist übrigens auch als Rahmen
    etwas klein ....u.... ich selbst beab-
    sichtige nicht Konzerte anzu-
    kündigen. –

    Ihre Widmungs Arbeit ist
    also direkt zum Verlage gegangen,
    sie hat mich einige Tage über
    Einiges hinweggetäuscht .....

    Ich beginne – so hoffe ich –
    nun mein „Hauptwerk“.

    Gott mit Ihnen,

    Ihr treu ergebener

    F. Busoni

    Z. 16. S. 1916.

    Denn dergleichen Abende kosten mir an Zeit und Arbeit mehr als ein normales „Engagement“, für welches mir derselbe Betrag eingehändigt wird.

    (Finden Sie das von mir hässlich?) –

    Der Saal des Konservatoriums ist übrigens auch als Rahmen etwas klein … Ich selbst beabsichtige nicht, Konzerte anzukündigen. –

    Ihre Widmungs-Arbeit ist also direkt zum Verlage gegangen, sie hat mich einige Tage über einiges hinweggetäuscht …

    Ich beginne – so hoffe ich – nun mein „Hauptwerk“.

    Gott mit Ihnen,

    Ihr treu ergebener

    Ferruccio Busoni

    Zürich, 16. September 1916.
    Faksmilie, Seite 5
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    Faksmilie, Seite 6
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]
    Faksmilie, Seite 7
    [Rückseite von Textseite 3, vacat]
    Faksmilie, Seite 8
    IIIIV
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