Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

Zürich, 25. September 1916

Stand: 15. November 2017 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Zürich am 25. September 1916 verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 25. September 1916 (autograph), 25. September 1916 (Archiv)

Umfang

3 Blatt, 3 beschriebene Seiten
  • Nur die Vorderseiten beschrieben.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift Nummerierung und Foliierung vorgenommen und das Datum auf die erste Seite übertragen hat.
    • Unbekannte Hand, die eine römische Nummerierung mit Bleistift eingetragen hat.
    • Unbekannte Hand (Anstreichungen am linken Rand und Foliierung, mit Rotstift).

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Busoni bittet um Entschuldigung für seinen schlecht gestimmten vorherigen Brief; hat nach vom Militär geprägten Feiern zum Nationalfeiertag („widerwärtig“) ein verändertes Bild von der Schweiz; fürchtet nach der Kriegserklärung Italiens an Deutschland um seine künstlerische und wirtschaftliche Existenz; sucht Ablenkung in der Arbeit an Doktor Faust; verzeichnet eine zunehmende Lustlosigkeit beim Klavierüben.
  • Incipit

  • dass mein Brief Sie verschnupft hat
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Christian Schaper
  • Unter Mitwirkung von

    • Patrick Becker

    Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    25.125. Sept. 1916

    Lieber Verehrter
    Carissimo e veneratissimo

    dass mein Brief Sie „verschnupft“
    hat, rechne ich mir zur unverzeih-
    lichen Schuld: Sie verdienen solche
    Briefe, die erwärmen, wie die Ihren
    es (infallibilmente) thun!

    „Allein die Schuld liegt nicht
    an mir“

    ausschliesslich; überall sehe ich zu
    viel des Hässlichen u. Bösen in Wirkung
    u. Erscheinung treten, u. es ist nur
    gekränkte Güte, verletzter Gerechtigkeit[s]sinn
    an mir, wenn ich selber hässlich u.
    böse werde, oder scheine. – Schiessen
    im Kriege u. Kassierer-Vorträge im
    Frieden sind Dinge die mich irritieren.
    Ich vermeide sie, ignoriere sie so lange
    als es geht (es geht am glücklichsten wenn
    ich sehr interessiert arbeite) – aber
    wenn ich mit ihnen zusammengeführt
    werde, ist es mir schwer den wohlwollenden
    Ton zu wahren. – Die Sache mit den
    Bajonetten am Abend des ersten August
    in Zürich war u. bleibt widerwärtig, u.

    Lieber Verehrter, Carissimo e veneratissimo,

    dass mein Brief Sie „verschnupft“ hat, rechne ich mir zur unverzeihlichen Schuld: Sie verdienen solche Briefe, die erwärmen, wie die Ihren es (infallibilmente) tun!

    „Allein die Schuld liegt nicht an mir“ ausschließlich; überall sehe ich zu viel des Hässlichen und Bösen in Wirkung und Erscheinung treten, und es ist nur gekränkte Güte, verletzter Gerechtigkeitssinn an mir, wenn ich selber hässlich und böse werde, oder scheine. – Schießen im Kriege und Kassierer-Vorträge im Frieden sind Dinge, die mich irritieren. Ich vermeide sie, ignoriere sie so lange, als es geht (es geht am glücklichsten, wenn ich sehr interessiert arbeite) – aber wenn ich mit ihnen zusammengeführt werde, ist es mir schwer, den wohlwollenden Ton zu wahren. – Die Sache mit den Bajonetten am Abend des 1. August in Zürich war und bleibt widerwärtig, und

    Faksmilie, Seite 2

    2(2) sie hat mir von demn sympathischen
    bisherigen Schweizer Eindrücken viel
    zerstört. Ich sehe die Schweiz seitdem
    anders, als vorher. Diese – wenn Sie
    wollen – ÜberEmpfindlichkeit findet
    aber in dem nun beginnenden dritten
    Verbannungs Jahr eine Art Erklärung;
    noch verwickelter geworden für mich durch
    die italienische Kriegserklärung an
    Deutschland. Damit fällt möglicherweise
    Alles zusammen, das ich in 20 Jahren
    künstlerisch aufgebaut, wirthschaftlich
    erspart hatte; u. das trifft mich in einem
    Alter, wo ein neuer Anfang eine
    moralische Anstrengung erfordert, gegen
    die die gewonnene Einsicht sich widersetzt.
    Populär gesagt: man findet es nicht mehr
    die Mühe werth.
    Glücklicher weise dämmert mir das
    erste schwachen Morgenroth eines neuen
    Arbeitstages, der – wenn ers hält –
    was es verspricht ein schöner Tag
    werden sollte … u. 2–3 Jahre dauern müsste.
    Volksthümlicher: ich beschäftige mich in
    Gedanken mit der Ausführung meines “Haupt”
    Werkes
    .

    sie hat mir von den sympathischen bisherigen Schweizer Eindrücken viel zerstört. Ich sehe die Schweiz seitdem anders als vorher. Diese – wenn Sie wollen – Überempfindlichkeit findet aber in dem nun beginnenden dritten Verbannungsjahr eine Art Erklärung; noch verwickelter geworden für mich durch die italienische Kriegserklärung an Deutschland. Damit fällt möglicherweise alles zusammen, das ich in 20 Jahren künstlerisch aufgebaut, wirtschaftlich erspart hatte; und das trifft mich in einem Alter, wo ein neuer Anfang eine moralische Anstrengung erfordert, gegen die die gewonnene Einsicht sich widersetzt. Populär gesagt: man findet es nicht mehr die Mühe wert. Glücklicherweise dämmert mir das erste schwache Morgenrot eines neuen Arbeitstages, der – wenn es hält, was es verspricht – ein schöner Tag werden sollte … und 2–3 Jahre dauern müsste. Volkstümlicher: ich beschäftige mich in Gedanken mit der Ausführung meines „Haupt“-Werkes.

    Faksmilie, Seite 3
    (3)3

    Nun werden Sie meinen letzten Brief
    nachsichtiger lesen, Ihre Verzeihung
    leichter ertheilen. –

    Ungern – immer stärker ungern –
    setze ich mich an’s Klavier zum Üben.
    (Für das I. Abonn. Konz. hier habe ich
    mich noch nicht gerührt). La prospettiva
    eines verantwortlichen vier-abendlichen
    Zyklus in Basel – an sich selbst
    erfreulich – stellt aber eine tüchtige
    Klimper-Aufgabe dem Lustlosen,
    nimmt mir viel Zeit von meiner
    “Morgenröthe” weg. Darum meine
    strenge Allüre in Fragen des Hon-
    orars, wenngleich (bei noch strengerer
    Logik) kein Zusammenhang besteht
    zwischen einem Stück Leben das
    ausgegeben ist u. einem Tausend-
    frank[en]schein der eingenommen wird.
    Wird das ihr „Kassierer“ verstehen?
    Hoffnungslos. Eher[…] vielleicht die
    bemittelten vorgesetzten Musikfreunde!

    Bleiben Sie mir gut, denn Sie
    verstehen Alles.

    Ihr verehrungsvoll
    u. herzlich ergebener

    F Busoni

    Z. 25. S. 1916.

    Nun werden Sie meinen letzten Brief nachsichtiger lesen, Ihre Verzeihung leichter erteilen. –

    Ungern – immer stärker ungern – setze ich mich ans Klavier zum Üben. (Für das erste Abonnementskonzert hier habe ich mich noch nicht gerührt). La prospettiva eines verantwortlichen vier-abendlichen Zyklus in Basel – an sich selbst erfreulich – stellt aber eine tüchtige Klimper-Aufgabe dem Lustlosen, nimmt mir viel Zeit von meiner „Morgenröte“ weg. Darum meine strenge Allüre in Fragen des Honorars, wenngleich (bei noch strengerer Logik) kein Zusammenhang besteht zwischen einem Stück Leben, das ausgegeben ist, und einem Tausendfrankenschein, der eingenommen wird. Wird das ihr „Kassierer“ verstehen? Hoffnungslos. Eher vielleicht die bemittelten vorgesetzten Musikfreunde!

    Bleiben Sie mir gut, denn Sie verstehen alles.

    Ihr verehrungsvoll und herzlich ergebener

    Ferruccio Busoni

    Zürich, 25. September 1916.
    Faksmilie, Seite 4
    [Rückseite von Textseite 1, vacat]
    Faksmilie, Seite 5
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]
    Faksmilie, Seite 6
    [Rückseite von Textseite 3]
    IIV