Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

vmtl. Zürich, vmtl. Januar 1919

Stand: 24. August 2017 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde vmtl. im Januar 1919 in Zürich verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 1919 (Archiv: „Anfang 1919“)

Umfang

3 Blatt, 3 beschriebene Seiten
  • Nur die Vorderseiten beschrieben.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift Nummerierung und Foliierung vorgenommen und das Datum auf die erste Seite übertragen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Incipit

  • ich pflege meinen Arbeitstag mit Briefschreiben zu beginnen
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Christian Schaper
  • Unter Mitwirkung von

    • Patrick Becker

    Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    72.Anfang 1919

    Lieber u. verehrter,

    ich pflege meinen Arbeitstag mit
    Briefschreiben zu beginnen und
    Ihre freundliche Karte gibt mir
    willkommene Veranlassung, mich
    meine Morgengedanken an Sie zu
    richten. Ich danke Ihnen für Ihre
    freundschaftliche Antheilnahme. –
    Bezieht sich Ihr Wissen von dem
    sogenannten ”grossen Erfolg“ auf den
    Brief Bekker’s in der Frankf. Ztg.? Er
    hat mir nicht sehr gefallen, u. strotzt
    von Unrichtigen Prämissen u. Schlrüssen
    u. tappt gar zu wohlmeinend mir
    auf die Schulter. (Danach würde ich
    meine Ansicht vom Kritikerthum nicht
    revidieren!) Genug, dass er auf das
    Publikum recht eindrucksvoll wirkt – –
    dieses Ergebnis konnte ich ungefähr
    beobachten.

    Meine beiden kleinen opern sind
    ”Intermezzi“, sowohl auf dem Theater
    wie in meinem Schaffen; man darf
    sie nicht als End Ergebnisse nehmen.

    Anders soll u. durfte mein
    nächstes Werk sich gestalten; von

    Lieber und verehrter,

    ich pflege meinen Arbeitstag mit Briefschreiben zu beginnen und Ihre freundliche Karte gibt mir willkommene Veranlassung, mich meine Morgengedanken an Sie zu richten. Ich danke Ihnen für Ihre freundschaftliche Anteilnahme. – Bezieht sich Ihr Wissen von dem sogenannten ”großen Erfolg“ auf den Brief Bekker’s in der Frankf. Ztg.? Er hat mir nicht sehr gefallen, und strotzt von Unrichtigen Prämissen und Schlrüßen und tappt gar zu wohlmeinend mir auf die Schulter. (Danach würde ich meine Ansicht vom Kritikertum nicht revidieren!) Genug, dass er auf das Publikum recht eindrucksvoll wirkt – – dieses Ergebnis konnte ich ungefähr beobachten.

    Meine beiden kleinen opern sind ”Intermezzi“, sowohl auf dem Theater wie in meinem Schaffen; man darf sie nicht als End Ergebnisse nehmen.

    Anders soll und durfte mein nächstes Werk sich gestalten; von

    Faksmilie, Seite 2

    (2)
    dem die Dichtung in dem letzten
    (Oktober-) Heft der ”Weissen Blätter“
    gedruckt zu lesen ist. Leider besitze
    ich davon keine Exemplare; sonst
    hätte ich mir erlaubt, Ihnen eines
    zu dezidieren. – A’propos Dedikationen:
    das 2. Heft ”Clavierübung“ ist nun
    gestochen u. druckfertig, ein drittes
    in Angriff genommen. – Auch eine
    fünfte Sonatine (über ein kleines
    Thema von Bach) ist entstanden.
    Meine neue Partitur hat bereits
    1600 Takte überschritten.

    Kennen Sie schon das Programm
    der Tonhalle-Konzerte? – Gegen
    die Reihenfolge der ”Clavierkonzerte“
    sind schon Reklamationen, Wünsche
    u. Berichtigungen eingelaufen! Keinem
    ist die Wahl ganz recht. Ich habe
    in den 4. ersten Abenden bewusst lebende
    Komponisten ausgeschlossen. Der 5. Abend
    ist eine Art Ersatzkonzert. Der nun 85. jähr.
    Saint Saëns zählt nicht mehr zu der
    ”Gegenwart.“ – Wissen Sie, dass es
    in der Musikliteratur etwa 500
    spielbare Klavierkonzerte gibt? Erst
    vor Tagen erfuhr ich wieder von
    zweien eines seinerzeit in Paris
    hochangesehenen Pianisten Zimmermann,

    dem die Dichtung in dem letzten (Oktober-) Heft der ”Weißen Blätter“ gedruckt zu lesen ist. Leider besitze ich davon keine Exemplare; sonst hätte ich mir erlaubt, Ihnen eines zu dezidieren. – A’propos Dedikationen: das 2. Heft ”Klavierübung“ ist nun gestochen und druckfertig, ein drittes in Angriff genommen. – Auch eine fünfte Sonatine (über ein kleines Thema von Bach) ist entstanden. Meine neue Partitur hat bereits 1600 Takte überschritten.

    Kennen Sie schon das Programm der Tonhalle-Konzerte? – Gegen die Reihenfolge der ”Klavierkonzerte“ sind schon Reklamationen, Wünsche und Berichtigungen eingelaufen! Keinem ist die Wahl ganz recht. Ich habe in den 4. ersten Abenden bewusst lebende Komponisten ausgeschlossen. Der 5. Abend ist eine Art Ersatzkonzert. Der nun 85. jähr. Saint Saëns zählt nicht mehr zu der ”Gegenwart.“ – Wissen Sie, dass es in der Musikliteratur etwa 500 spielbare Klavierkonzerte gibt? Erst vor Tagen erfuhr ich wieder von zweien eines seinerzeit in Paris hochangesehenen Pianisten Zimmermann,

    Faksmilie, Seite 3

    (3)
    der auch der Lehrer Alkan’s gewesen.
    Und da ich von ”neuen“ musikalischen
    Bekanntschaften spreche, so nenne
    ich Ihnen aus den letzten Monaten
    in erster Linie die Partitur des
    Mozart’schen ”Idomeneo“. – Dieses Werk
    des 24 jährigen hat mich überrascht und erstaunt.
    Volle Jugend mit männlicher Reife;
    eigenartige, häufige Einfälle;
    Orchesterbehandlung, (4 Hörner u. 3
    Posaunen, die für ihre Zeit phänomenal,
    u. noch heute verblüffend ist!

    Wir, aus der Mitte des XIX Jahr-
    hunderts, sind falsch erzogen. Es waere
    eine Unehre ein Beethoven’sches Werk
    nicht zu kennen, und es ist kein Fehler
    ein Mozart’sches Meisterstück zu ignorieren.

    Nun komme ich immer mehr von
    dem „grollenden Ernste“ des Ersteren
    ab u. erkenne zunehmend den grossen
    Ernst des Zweiten (der eigentlich der
    erste ist, hinter seiner Serenität. –
    Jetzt, wo vieles sich wendet, wird
    auch der symbolisch-polizeiliche
    Kultus für Beethoven in sein richtiges
    Maas zurückgedrängt werden. (Sind Sie mir böse?)

    In verehrungsvoller Freundschaft Ihr getreuer

    F. Busoni

    der auch der Lehrer Alkan’s gewesen. Und da ich von ”neuen“ musikalischen Bekanntschaften spreche, so nenne ich Ihnen aus den letzten Monaten in erster Linie die Partitur des Mozart’schen ”Idomeneo“. – Dieses Werk des 24 jährigen hat mich überrascht und erstaunt. Volle Jugend mit männlicher Reife; eigenartige, häufige Einfälle; Orchesterbehandlung, (4 Hörner und 3 Posaunen, die für ihre Zeit phänomenal, und noch heute verblüffend ist!

    Wir, aus der Mitte des XIX Jahrhunderts, sind falsch erzogen. Es wäre eine Unehre ein Beethoven’sches Werk nicht zu kennen, und es ist kein Fehler ein Mozart’sches Meisterstück zu ignorieren.

    Nun komme ich immer mehr von dem „grollenden Ernste“ des Ersteren ab und erkenne zunehmend den großen Ernst des Zweiten (der eigentlich der erste ist, hinter seiner Serenität. – Jetzt, wo vieles sich wendet, wird auch der symbolisch-polizeiliche Kultus für Beethoven in sein richtiges Maas zurückgedrängt werden. (Sind Sie mir böse?)

    In verehrungsvoller Freundschaft Ihr getreuer

    Ferruccio Busoni

    Faksmilie, Seite 4
    [Rückseite von Textseite 1, vacat]
    Faksmilie, Seite 5
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]
    Faksmilie, Seite 6
    Beethoven der Erzieher Mozart war Ergebniß.
    Beethoven der Erzieher Mozart war Ergebniß.