Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

vmtl. Zürich, 13. April 1919

Stand: 24. August 2017 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde am 13. August 1919 vmtl. in Zürich verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 13. April 1919 (autograph), 13. August 1919 (Archiv)

Umfang

2 Blatt, 2 beschriebene Seiten
  • Nur die Vorderseiten beschrieben.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift Nummerierung und Foliierung vorgenommen und das Datum auf die erste Seite übertragen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Incipit

  • ich zweifle nicht, dass es bei Liszt auf Intuition ankam
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Christian Schaper
  • Unter Mitwirkung von

    • Patrick Becker

    Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    75.13 Aug 1919

    Lieber, Verehrter,

    ich zweifle nicht, dass es
    bei Liszt auf Intuition ankam. Er
    verwandte übrigens den liturgischen
    Gesang als „Dichter“, nicht als Forscher.

    Als ich d’Annunzio in Paris aufsuchte,
    war er mit seinem Drama „La
    Pisanella“ beschäftigt. – Auf einem
    Regal stand eine ganze kleine
    Bibliothek von Büchern, die von
    der Geschichte Cyperus handelten,
    auf welcher Insel sein Stück sich ab-
    spielt. – Nur in 3 von diesen Bänden
    war je eine Seite durch ein Papier-
    streifen angemerkt. Ein charakterisierender
    Satz, den eine solche Seite enthielt,
    hatte ihm genügt, nur die Athmosphäre
    des Landes u. der Zeit für seinen Zweck
    zu erfassen. Das Übrige hat er nie gelesen.

    – Ein Gegenstück. In Genf gibt es
    einen Professeus M., Zeichenlehrer
    an der Akademie. Als er selber
    dort noch Schüler war, wurde ihm
    als Schlussaufgabe auftragen: die
    Werkstätte eines Uhrmachers
    als Bild darzustellen.

    Lieber, Verehrter,

    ich zweifle nicht, dass es bei Liszt auf Intuition ankam. Er verwandte übrigens den liturgischen Gesang als „Dichter“, nicht als Forscher.

    Als ich d’Annunzio in Paris aufsuchte, war er mit seinem Drama „La Pisanella“ beschäftigt. – Auf einem Regal stand eine ganze kleine Bibliothek von Büchern, die von der Geschichte Cyperus handelten, auf welcher Insel sein Stück sich abspielt. – Nur in 3 von diesen Bänden war je eine Seite durch ein Papierstreifen angemerkt. Ein charakterisierender Satz, den eine solche Seite enthielt, hatte ihm genügt, nur die Athmosphäre des Landes und der Zeit für seinen Zweck zu erfassen. Das Übrige hat er nie gelesen.

    – Ein Gegenstück. In Genf gibt es einen Professeus M., Zeichenlehrer an der Akademie. Als er selber dort noch Schüler war, wurde ihm als Schlussaufgabe auftragen: die Werkstätte eines Uhrmachers als Bild darzustellen.

    Faksmilie, Seite 2

    (2)
    Darauf verschwand M. auf drei-
    viertel Jahr, und nur die Register
    erinnerten sich noch des Umstandes.
    Am Ende des Jahres tauchte aber
    M. wieder auf mit einer von
    Studien protzenden Mappe; mehrere
    hundert Blätter, worauf die
    geringsten Bestandteile einer Uhr
    einzeln u. peinlich beobachtet u. wiedergegeben
    waren. – Das Bild hat er nie gemalt. –

    Ich glaube, Liszt hat es eher
    wie d’Annunzio gemacht. Warum
    spannen Sie ihn gerade von dieser
    Seite an, der des gregorianischen Cantus?
    Hat er nicht von Bach – über Bellini –
    u. Schubert u. Weber – bis Wagner, alles sich zu
    eigen gemacht, die Volksweisen aller
    Völker im richtigen Geiste verarbeitet;
    weshalb sollte er just vorn Gregor
    Halt machen? – Katholik war er stets,
    überdies, und Rom sein Aufenthalt.

    – Dank für Ihren theuren Brief.
    Vielleicht besucht Sie Frau Gerdar.

    Ihr herzlich u. verehrungsvoll

    13. A. 1919. ergebener

    F. Busoni

    Darauf verschwand M. auf dreiviertel Jahr, und nur die Register erinnerten sich noch des Umstandes. Am Ende des Jahres tauchte aber M. wieder auf mit einer von Studien protzenden Mappe; mehrere hundert Blätter, worauf die geringsten Bestandteile einer Uhr einzeln und peinlich beobachtet und wiedergegeben waren. – Das Bild hat er nie gemalt. –

    Ich glaube, Liszt hat es eher wie d’Annunzio gemacht. Warum spannen Sie ihn gerade von dieser Seite an, der des gregorianischen Cantus? Hat er nicht von Bach – über Bellini – und Schubert und Weber – bis Wagner, alles sich zu eigen gemacht, die Volksweisen aller Völker im richtigen Geiste verarbeitet; weshalb sollte er just vorn Gregor Halt machen? – Katholik war er stets, überdies, und Rom sein Aufenthalt.

    – Dank für Ihren theuren Brief. Vielleicht besucht Sie Frau Gerdar.

    Ihr herzlich und verehrungsvoll

    13. A. 1919. ergebener

    Ferruccio Busoni

    Faksmilie, Seite 3
    [Rückseite von Textseite 1, vacat]
    Faksmilie, Seite 4
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]