Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

vmtl. Zürich, 22. April 1919

Stand: 24. August 2017 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde am 22. April 1919 vmtl. in Zürich verfasst.
  • Datierungen in der Quelle: 22. April 1919 (autograph), 22. August 1919 (Archiv)

Umfang

3 Blatt, 3 beschriebene Seiten
  • Nur die Vorderseiten beschrieben.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift Nummerierung und Foliierung vorgenommen und das Datum auf die erste Seite übertragen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Incipit

  • schön, dass Sie am Ostersonntag meiner gedachten
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Christian Schaper
  • Unter Mitwirkung von

    • Patrick Becker

    Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    22 Aug. 191976.

    Hochverehrter Freund,

    schön, dass Sie am Ostersonntag
    meiner gedachten: es ist mein
    eigentlicher Geburtstag, da 1866
    der 1. April ^auf Domenica di Pasqua
    fiel. Ein höchst beweglicher Geburtstag,
    der mich diesjahr nun ganze 3 Wochen
    verjüngte! (Trotzdem es mich sehr
    direkt betrifft, habe ich die Kalender-
    berechnung – die den Tag ^scheinbar ganz unre-
    gelmässig verschiebt, – nie ganzvöllig gerfasst.)

    Wolfram ist im Engadin. Er
    schickte mir die Korrektur eines
    Vorwortes zu Liszt’s Kirchen Werken;
    u. da dieses ausführlich bespricht
    was Sie zuletzt an Liszt beschäftigte,
    so habe ich Wolfram aufgefordert,
    das Schriftstück an Sie (nach Vitznau)
    zu senden. – Es wird Sie sicherlich
    interessieren, obwohl wenn auch nicht
    überraschen.

    Ob Schoeck’s Oper Sie überra-
    schen würde, kann ich nicht
    ermessen, da ich nicht genau
    weiss wie Sie seine Fähigkeiten
    einschätzen.

    Hochverehrter Freund,

    schön, dass Sie am Ostersonntag meiner gedachten: es ist mein eigentlicher Geburtstag, da 1866 der 1. April ^auf Domenica di Pasqua fiel. Ein höchst beweglicher Geburtstag, der mich diesjahr nun ganze 3 Wochen verjüngte! (Trotzdem es mich sehr direkt betrifft, habe ich die Kalenderberechnung – die den Tag ^scheinbar ganz unregelmässig verschiebt, – nie ganzvöllig gerfasst.)

    Wolfram ist im Engadin. Er schickte mir die Korrektur eines Vorwortes zu Liszts Kirchen Werken; und da dieses ausführlich bespricht was Sie zuletzt an Liszt beschäftigte, so habe ich Wolfram aufgefordert, das Schriftstück an Sie (nach Vitznau) zu senden. – Es wird Sie sicherlich interessieren, obwohl wenn auch nicht überraschen.

    Ob Schoecks Oper Sie überraschen würde, kann ich nicht ermessen, da ich nicht genau weiß wie Sie seine Fähigkeiten einschätzen.

    Faksmilie, Seite 2
    (2)

    ”Ein ehrlicher und braver Schweizer-
    bub’“ wie Sie ihn nennen,
    ist noch nicht alles um ein
    Werk auf die Beine zu stellen,
    das in seinen Aspirationen
    ’Don Quixote‘ und ’Figaro‘ vereinen
    sollte, und demnach und überdies
    nicht am Züricher See sich
    abspielt. – Ich glaube einen
    Fortschritt zu hören, und es
    sind hübsche Einfälle und wohl-
    getroffene Töne darin. Es sind
    sogar Ansätze zu Theatralik vor-
    handen und – ich wiederhole –
    es hört sich meist angenehm an
    u. gefällt. – Weit lieber als Klose
    ist es mir; aber gemeinsam haben
    die Beiden, dass sie retrospektiv sind.
    Es ist aber sympathischer, Lortzing
    zu verjüngen, als Nibelungenkohl
    aufzuwärmen. – Wenn Schoeck
    die nächsten 10 Jahre sehr streng mit
    sich selber vorginge, dann würde er
    ein liebenswerther, sogar ein
    ernster Meister. Ich wünsche es ihm,
    da ich ebenfalls ihn herzlich gern habe.

    ”Ein ehrlicher und braver Schweizerbub’“ wie Sie ihn nennen, ist noch nicht alles um ein Werk auf die Beine zu stellen, das in seinen Aspirationen ’Don Quixote‘ und ’Figaro‘ vereinen sollte, und demnach und überdies nicht am Züricher See sich abspielt. – Ich glaube einen Fortschritt zu hören, und es sind hübsche Einfälle und wohlgetroffene Töne darin. Es sind sogar Ansätze zu Theatralik vorhanden und – ich wiederhole – es hört sich meist angenehm an und gefällt. – Weit lieber als Klose ist es mir; aber gemeinsam haben die Beiden, dass sie retrospektiv sind. Es ist aber sympathischer, Lortzing zu verjüngen, als Nibelungenkohl aufzuwärmen. – Wenn Schoeck die nächsten 10 Jahre sehr streng mit sich selber vorginge, dann würde er ein liebenswerter, sogar ein ernster Meister. Ich wünsche es ihm, da ich ebenfalls ihn herzlich gern habe.

    Faksmilie, Seite 3

    (3)
    Meine Kritik (ich gab ihm das
    Sujet ein) habe ich ihm offen
    vorgetragen: er hörte sie gerne
    an. Sein Librettist, ein Berner
    Apotheker, hat dem Komponisten
    oft den Weg verstellt. Schoeck
    war nicht erfahren genug, um
    dieses vorher zu überschauen.
    Ich werde mir das Stück am Freitag
    zum 2. Male anhören. – Schoeck
    hat Vertrag mit Bs. x H., und
    ist im ganzen in einer günstigen
    Situation. Dieser „Alladdin“-Rolle
    ist er etwas bewusst und gibt
    sich vielleicht ihr ein wenig hin.
    Hätte er Oehlenschläger’s „Aladdin“
    gelesen, so wrüsste er, dass diesem
    „Glückskind“ mit der Kindheit auch
    das Glück Ferne rückt, dass er
    durch viele Prüfungen schreiten muss,
    wogegen ihm ”die Wunderlampe“ immer
    weniger hilft; und dass er endlich
    – zu ernster Männlichkeit durch Leiden
    gereift – der Wunderlampe entsagt,
    die der f nicht mehr nöthig hat bedarf.
    Das wäre eine Oper!

    22. A. 1919

    Ihr herzlich u. verehrungsvoll ergebener

    F. Busoni

    Meine Kritik (ich gab ihm das Sujet ein) habe ich ihm offen vorgetragen: er hörte sie gerne an. Sein Librettist, ein Berner Apotheker, hat dem Komponisten oft den Weg verstellt. Schoeck war nicht erfahren genug, um dieses vorher zu überschauen. Ich werde mir das Stück am Freitag zum 2. Male anhören. – Schoeck hat Vertrag mit Bs. x H., und ist im ganzen in einer günstigen Situation. Dieser „Alladdin“-Rolle ist er etwas bewusst und gibt sich vielleicht ihr ein wenig hin. Hätte er Oehlenschläger’s „Aladdin“ gelesen, so wrüßte er, dass diesem „Glückskind“ mit der Kindheit auch das Glück Ferne rückt, dass er durch viele Prüfungen schreiten muss, wogegen ihm ”die Wunderlampe“ immer weniger hilft; und dass er endlich – zu ernster Männlichkeit durch Leiden gereift – der Wunderlampe entsagt, die der f nicht mehr nöthig hat bedarf. Das wäre eine Oper!

    22. A. 1919

    Ihr herzlich und verehrungsvoll ergebener

    Ferruccio Busoni

    Faksmilie, Seite 4
    [Rückseite von Textseite 1, vacat]
    Faksmilie, Seite 5
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]
    Faksmilie, Seite 6
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