Ferruccio Busoni an Hans Huber Dokument exportieren

vmtl. Zürich, 31. Mai 1919

Stand: 24. August 2017 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde am 31. Mai 1919 vmtl. in Zürich verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 31. Mai 1919 (autograph)

Umfang

3 Blatt, 3 beschriebene Seiten
  • Nur die Vorderseiten beschrieben.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Schweiz | Basel | Universitätsbibliothek | NL 30 : 22:A-H:16
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Hand des Archivars, der die Foliierung mit Bleistift vorgenommen hat.

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Hans Huber
  • Zusammenfassung

  • Incipit

  • in der schüchternen Hoffnung, dass Sie meine Briefe ein wenig erfreuen
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Christian Schaper
  • Unter Mitwirkung von

    • Patrick Becker

    Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    (3)
    31 Mai 1919

    Lieber Verehrter,

    in der schüchternen Hoffnung,
    dass Sie meine Briefe ein
    wenig erfreuen, schreibe ich Ihnen wieder,
    u. verlange keine obligate Antwort; obwohl
    eine solche – wenn sie eintrifft – mich beglückt.

    Man führte in Basel die
    ungekürzte Matthäus Passion auf:, ein
    Werk, das dem Inhalte nach stellenweise
    ein Denkmal, nach seiner Form aber
    ein Fries ist; ein gestreckter Fries zumal,
    nicht einmal ein Ring, fast wie ein [...]
    Tapeten Muster nach dem Schema:
    <Chor – Recitativo – Choral – Arie>
    An diesem Fries ist die Arie das
    lähmende, profanierende Moment,
    die jeweilige Betrachtung des bezopften
    Bigotten; und schon die Disharmonie
    zwischen diesen Texten u. jenen des
    Evangeliums ist derart verwundend,
    dass ich mich wundere, dasswie noch
    nie Jemand hierdagegen protestierte.

    Die Arien sind aber wiederum
    unter sich schematisch. Beobachten wir

    31 Mai 1919

    Lieber Verehrter,

    in der schüchternen Hoffnung, dass Sie meine Briefe ein wenig erfreuen, schreibe ich Ihnen wieder, und verlange keine obligate Antwort; obwohl eine solche – wenn sie eintrifft – mich beglückt.

    Man führte in Basel die ungekürzte Matthäus Passion auf:, ein Werk, das dem Inhalte nach stellenweise ein Denkmal, nach seiner Form aber ein Fries ist; ein gestreckter Fries zumal, nicht einmal ein Ring, fast wie ein [...] Tapeten Muster nach dem Schema: <Chor – Recitativo – Choral – Arie> An diesem Fries ist die Arie das lähmende, profanierende Moment, die jeweilige Betrachtung des bezopften Bigotten; und schon die Disharmonie zwischen diesen Texten und jenen des Evangeliums ist derart verwundend, dass ich mich wundere, dasswie noch nie Jemand hierdagegen protestierte.

    Die Arien sind aber wiederum unter sich schematisch. Beobachten wir

    Faksmilie, Seite 2

    (4) den Vorgang. Eine Introduktion
    eröffnet die Arie, meist mit einem
    zwecklos gewählten Solo instrument;
    von dieser Einleitung sind die vier
    ersten Takte (oft schön=) inspiriert,
    der Nachsatz spinnt aber Quintenzirkel-
    Sequenzen weiter. – Hiermit ist aber
    der Inhalt der ganzen, erst beginnenden,
    Arie bereits erschöpft. Jetzt setzt der
    Gesang [...] ein, meist im Charakter
    einer Mittelstimme von einer Clavierfuge:
    die Wendungen sind erstaunlich mannig-
    faltig, jedoch im Grunde maaslos gestaltet
    u. im Sinne einer Durchführung ad infinitum.

    Schlagend wirken mrüsste – nach
    meinem Empfinden – eine vollständige
    Aufführung der Passion mit Auslassung
    der Arien; ein dramatisches Epos von
    zwingendem Ausdruck und theatralischem
    Pulsschlag. Hiebei mrüsste der Chor
    der in die Handlung greift getrennt
    sein von dem der die Choräle betet;
    auch für das Auge: das Bibelwort
    u. die Gemeinde. Wie stehen Sie dazu?

    den Vorgang. Eine Introduktion eröffnet die Arie, meist mit einem zwecklos gewählten Solo instrument; von dieser Einleitung sind die vier ersten Takte (oft schön-) inspiriert, der Nachsatz spinnt aber QuintenzirkelSequenzen weiter. – Hiermit ist aber der Inhalt der ganzen, erst beginnenden, Arie bereits erschöpft. Jetzt setzt der Gesang [...] ein, meist im Charakter einer Mittelstimme von einer Klavierfuge: die Wendungen sind erstaunlich mannigfaltig, jedoch im Grunde maaslos gestaltet und im Sinne einer Durchführung ad infinitum.

    Schlagend wirken mrüßte – nach meinem Empfinden – eine vollständige Aufführung der Passion mit Auslassung der Arien; ein dramatisches Epos von zwingendem Ausdruck und theatralischem Pulsschlag. Hiebei mrüßte der Chor der in die Handlung greift getrennt sein von dem der die Choräle betet; auch für das Auge: das Bibelwort und die Gemeinde. Wie stehen Sie dazu?

    Faksmilie, Seite 3
    (5)

    Ihre rückhaltlose Anerkennung meiner
    Clavierübungsätzchen hat mich verwirrt,
    jedoch dankbar gestimmt gegen so viele
    u. intense Theilnahme. Nun gehe ich freudig
    weiter. –

    Meine Theilnahme für Ihren Zustand
    wurde durch Ihren Bericht über die
    Vitznauer Leiden schmerzlich geweckt.
    Ich nehme an, dass Ihre Gesundheit
    wieder gestärkt ist: mir will es scheinen,
    dass Sie physisch – u. auch moralisch –
    nach dem Süden verlangen! Wären
    nicht die Italiener, oder wären Sie
    anders, – ich lüde Sie ein mit
    mir nach Rom zu übersiedeln, um
    dort noch Manches Gute gemeinschaftlich
    zu geben u. viel Schönes zu empfangen.

    Aber jetzt, wo der Mensch nicht denkt
    u. Gott nicht lenkt – (und wenn
    dies alles ”gedacht“ u. ”gelenkt“ heissen sollte,
    um so trauriger!) – bleibt Einem
    Nichts, als schneckenhaft sich in
    das eigene bergende Gehäuse zu krümmen.

    Ihr verehrungsvoll u. herzlich grüssender, treu ergebener

    F. Busoni

    Ihre rückhaltlose Anerkennung meiner Klavierübungsätzchen hat mich verwirrt, jedoch dankbar gestimmt gegen so viele und intense Teilnahme. Nun gehe ich freudig weiter. –

    Meine Teilnahme für Ihren Zustand wurde durch Ihren Bericht über die Vitznauer Leiden schmerzlich geweckt. Ich nehme an, dass Ihre Gesundheit wieder gestärkt ist: mir will es scheinen, dass Sie physisch – und auch moralisch – nach dem Süden verlangen! Wären nicht die Italiener, oder wären Sie anders, – ich lüde Sie ein mit mir nach Rom zu übersiedeln, um dort noch Manches Gute gemeinschaftlich zu geben und viel Schönes zu empfangen.

    Aber jetzt, wo der Mensch nicht denkt und Gott nicht lenkt – (und wenn dies alles ”gedacht“ und ”gelenkt“ heißen sollte, um so trauriger!) – bleibt Einem Nichts, als schneckenhaft sich in das eigene bergende Gehäuse zu krümmen.

    Ihr verehrungsvoll und herzlich grüßender, treu ergebener

    Ferruccio Busoni

    Faksmilie, Seite 4
    [Rückseite von Textseite 1, vacat]
    Faksmilie, Seite 5
    [Rückseite von Textseite 2, vacat]
    Faksmilie, Seite 6
    III
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