Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Steinakirchen am Forst, 20. Juli 1909

Stand: 11. März 2016 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Steinakirchen am Forst am 20. Juli 1909 verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 20. Juli 1909 (autograph), 20. Juli 1909 (Poststempel Steinakirchen am Forst)

Umfang

1 Bogen , 3 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten. Briefumschlag auf der Vorderseite rechts sowie auf der Rückseite links unvollständig (infolge Aufriss), mit Beschädigung eines Stempels.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II,4547 | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Adressstempel des Absenders Arnold Schönberg, mit violetter Tinte
    • Hand des Archivars, der die Foliierung in Bleistift vorgenommen hat
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Bleistift vorgenommen hat
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
    • Poststempel (schwarze Tinte)

    Foliierungen

    • Foliierung in Bleistift oben rechts der jeweiligen Vorderseiten durch das Archiv.

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Schönberg bestätigt den Versand der Klavierstücke op. 11,1–2 und führt die Diskussion um das Verhältnis von schaffendem Künstler und Rezipienten fort. Zusätzlich wird die Frage Busonis nach Schönbergs Verleger beantwortet.
  • Incipit

  • herzlichen Dank für Ihren freundlichen Brief. Die Klavierstücke habe ich erst nochmals abgeschrieben
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Maximilian Furthmüller
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    [1]
    Mus.ep. A. Schönberg 8 (Busoni Nachl. B II)
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4547
    20/7. 1909
    Arnold Schönberg
    – – – Wien – – –
    IX. Liechtensteinstraße 68/70

    Sehr geehrter Herr,

    herzlichen Dank für Ihren
    freundlichen Brief. Die Klavierstücke habe
    ich erst nochmals abgeschrieben und sende
    sie Ihnen heute zu .

    Ihrem Einwurf, ich hätte des „mitarbeitenden“
    Publikums vergessen, kann ich begegnen: ich habe
    ans Publikum nicht gedacht; aber ich habe es nicht
    vergessen. Bei allem Schaffen und Nachschaffen ist
    dies doch der gleiche Vorgang; vorausgesetzt daß es
    intuitiv vor sich geht; ohne Berechnung, aber mit
    dem ganzen Vollgefühl unserer menschlichen Be=
    dingungen und Beziehungen. Aus diesem heraus
    schaffen wir, […] meinen nur uns darzustellen, und
    erfüllen aber gleichzeitig jene Pflichten, die unsere Mit=
    welt an uns stelltauferlegt. Unbewußt! Dafür aber um
    so sicherer. Und diese unbewußt schaffende Kraft allein
    ist es auch, die sugestive Macht besitzt. In ihr giebt es
    keine Berechnungs=Fehler, weil sie nicht berechnet.
    Sie wirkt; ihr Wirkungskreis mag beschränkt sein;
    aber sie wirkt; auf jene, die gleichgestimmt

    20/7. 1909
    Arnold Schönberg
    – – – Wien – – –
    IX. Liechtensteinstraße 68/70

    Sehr geehrter Herr,

    herzlichen Dank für Ihren freundlichen Brief. Die Klavierstücke habe ich erst nochmals abgeschrieben und sende sie Ihnen heute zu .

    Ihrem Einwurf, ich hätte das „mitarbeitende“ Publikum vergessen, kann ich begegnen: ich habe ans Publikum nicht gedacht; aber ich habe es nicht vergessen. Bei allem Schaffen und Nachschaffen ist dies doch der gleiche Vorgang; vorausgesetzt, dass es intuitiv vor sich geht; ohne Berechnung, aber mit dem ganzen Vollgefühl unserer menschlichen Bedingungen und Beziehungen. Aus diesem heraus schaffen wir, meinen nur uns darzustellen, erfüllen aber gleichzeitig jene Pflichten, die unsere Mitwelt uns auferlegt. Unbewusst! Dafür aber umso sicherer. Und diese unbewusst schaffende Kraft allein ist es auch, die suggestive Macht besitzt. In ihr gibt es keine Berechnungsfehler, weil sie nicht berechnet. Sie wirkt; ihr Wirkungskreis mag beschränkt sein; aber sie wirkt; auf jene, die gleichgestimmt

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    sind. Auf jene, die ein Aufnahmsorgan
    das unserem Absendungsorgan entspricht. Wie
    bei der dratlosen Telegrafie. Deswegen, meine ich,
    muß jede Kunst, die ohne „Berechnung der günstigsten
    Wirkungsmöglichkeiten“ geschaffen ist, schließlich und
    endlich diejenigen finden, denen sie gilt. Und je
    intensiver die Beziehungen des Schaffenden zu einem
    Zustande der Allgemeinheit ist – zu einem gegenwär=
    tigen, oder zu einem zukünftigen – desto größer wird
    der Kreis derjenigen sein, denen sie gilt.

    In diesem Sinne, meine ich, muß man bei
    der Analyse des Schaffenden oder des Nachschaffenden
    nicht unbedingt an das Publikum denken. Es arbeitet nur
    mit, wenn es aufgefordert, wenn es, sozusagen
    citiert wird. Ob es aber aufgefordert wird, entzieht
    sich ganz den Berechnungen und den Bemühungen
    des Schaffenden. —

    Ihre Frage, ob ich einen Verleger habe, der Vertrauen
    zu mir hat, kann ich leider nicht bejahen. Ich war durch
    einige Zeit an den Verlag „Dreililien“ gebunden . Im
    Anfang gieng es ja ganz erträglich. Aber jetzt geht es
    eigentlich schon lange nicht mehr mit mir , so daß
    ich letzthin mein Quartett, an dessen Veröffentlichung
    mir wegen der Skandale, die man gegen mich
    insceniert hate , sehr lag, im Selbstverlag heraus geben

    sind. Auf jene, die ein Aufnahmsorgan das unserem Absendungsorgan entspricht. Wie bei der drahtlosen Telegrafie. Deswegen, meine ich, muss jede Kunst, die ohne „Berechnung der günstigsten Wirkungsmöglichkeiten“ geschaffen ist, schließlich und endlich diejenigen finden, denen sie gilt. Und je intensiver die Beziehungen des Schaffenden zu einem Zustande der Allgemeinheit ist – zu einem gegenwärtigen, oder zu einem zukünftigen –, desto größer wird der Kreis derjenigen sein, denen sie gilt.

    In diesem Sinne, meine ich, muss man bei der Analyse des Schaffenden oder des Nachschaffenden nicht unbedingt an das Publikum denken. Es arbeitet nur mit, wenn es aufgefordert, wenn es, sozusagen, zitiert wird. Ob es aber aufgefordert wird, entzieht sich ganz den Berechnungen und den Bemühungen des Schaffenden. —

    Ihre Frage, ob ich einen Verleger habe, der Vertrauen zu mir hat, kann ich leider nicht bejahen. Ich war durch einige Zeit an den Verlag „Dreililien“ gebunden . Im Anfang ging es ja ganz erträglich. Aber jetzt geht es eigentlich schon lange nicht mehr mit mir , so dass ich letzthin mein Quartett, an dessen Veröffentlichung mir wegen der Skandale, die man gegen mich inszeniert hatte, sehr lag, im Selbstverlag herausgeben

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    mußte. Damit habe ich wohl alle Beziehungen
    gegen diesen Verlag gelöst, höchstens jene der
    Dankbarkeit nicht, die ich ihm noch für sein
    einstmaliges Interesse entgegen bringe. Aber ich
    denke, der wird mit meiner Dankbarkeit
    wenig anzufangen wissen.

    Ich hoffe recht bald Ihre Meinung über
    meine Klavierstücke Drei Klavierstücke op. 11 von Schönberg, die beide im Februar 1909 fertiggestellt worden waren. Das dritte Stück entstand erst im August. zu hören und hege
    dem lebhaftesten Wunsch, daß sie Ihnen
    was sagen mögen.

    Ich empfehle mich Ihnen mit vollster Hochachtung
    und bin

    in vertrauensvollster Erwartung
    ergebenst

    Arnold Schönberg

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)
    Nachlaß Busoni
    [2]

    musste. Damit habe ich wohl alle Beziehungen gegen diesen Verlag gelöst, höchstens jene der Dankbarkeit nicht, die ich ihm noch für sein einstmaliges Interesse entgegen bringe. Aber ich denke, der wird mit meiner Dankbarkeit wenig anzufangen wissen.

    Ich hoffe, recht bald Ihre Meinung über meine Klavierstücke Drei Klavierstücke op. 11 von Schönberg, die beide im Februar 1909 fertiggestellt worden waren. Das dritte Stück entstand erst im August. zu hören, und hege den lebhaftesten Wunsch, dass sie Ihnen was sagen mögen.

    Ich empfehle mich Ihnen mit vollster Hochachtung und bin

    in vertrauensvollster Erwartung ergebenst

    Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Faksmilie, Seite 5Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Herrn
    Feruccio Busoni
    Berlin W 30
    Viktoria=Luise-Platz 11
    Herrn Ferruccio Busoni
    Berlin W 30
    Viktoria-Luise-Platz 11
    Faksmilie, Seite 6Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Arnold Schönberg
    – – – Wien – – –
    IX. Liechtensteinstraße 68/70
    Mus.ep. A. Schönberg 8Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4547-Beil.
    Nachlaß Busoni
    B II