Ferruccio Busoni an Arnold Schönberg Dokument exportieren

Berlin, 26. Juli 1909

Stand: 11. März 2016 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE

Quelle

Entstehung

  • Datierung in der Quelle: 26. Juli 1909 (autograph)

Umfang

2 Bogen, 4 beschriebene Seiten
  • Die vier Seiten des Bogens hat Busoni in der Reihenfolge 1, 3, 2, 4 beschrieben, letztere beiden im Querformat.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • USA | Washington, D. C. | The Library of Congress | Music Division | Arnold Schoenberg Collection
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Arnold Schönberg
  • Zusammenfassung

  • Busoni bestätigt den Erhalt der von Schönberg zugesandten Klavierwerke op. 11,1–2 und setzt sich kritisch mit ihnen auseinander.
  • Incipit

  • Ich empfing Ihre Stücke und den begleitenden Brief
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Maximilian Furthmüller
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    Sehr verehrter Herr Schönberg!

    Ich empfing Ihre Stücke und den
    begleitenden Brief. Beide zeigen von
    einem denkenden u. fühlenden Menschen,
    als welchen ich Sie übrigens schon zu
    erkennen geglaubt habe. Ich kenne
    von Ihnen ein Quartett, Lieder und
    seinerzeit hatte ich eine Partitur von
    Pelleas u. Melisande in Händen. Die
    Instrumentation von Schenker’s Tänzen
    (die ich in Berlin zur Aufführung brachte)
    bewies den bewunderungswürdigen Orchester-
    Virtuosen. Von diesen gegebenen Punkten
    ausgehend, waren mir Ihre Klavierstücke
    keine Überraschung – d. i.: ich wußte
    beiläufig was ich zu erwarten hatte.

    Sehr verehrter Herr Schönberg!

    Ich empfing Ihre Stücke und den begleitenden Brief. Beide zeugen von einem denkenden und fühlenden Menschen, als welchen ich Sie übrigens schon zu erkennen geglaubt habe. Ich kenne von Ihnen ein Quartett, Lieder, und seinerzeit hatte ich eine Partitur von Pelleas und Melisande in Händen. Die Instrumentation von Schenkers Tänzen (die ich in Berlin zur Aufführung brachte) bewies den bewunderungswürdigen Orchestervirtuosen. Von diesen gegebenen Punkten ausgehend, waren mir Ihre Klavierstücke keine Überraschung – das ist: ich wusste beiläufig, was ich zu erwarten hatte.

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    Es war mir demgemäss selbstverständlich
    dass ich mit einer subjectiven, eigenartigen
    u. auf das Gefühl gegründeten Kunst zu thun
    haben würde – und dass es verfeinerte
    künstlerische Gebilde sein würden, die ich
    mit denen Sie mich in Berührung brächten.

    Das hat sich Alles erfüllt und ich
    freue mich innig einer solchen Erscheinung.

    Anders steht es mit meinem Eindruck
    als Klavierspieler, von welchem ich – sei
    es durch Erziehung, sei es durch fach-
    männische Einseitigkeit – nicht absehen
    kann. – Was mir die ersten Bedenken
    gegen Ihre Musik "als Clavierstück" einflösst
    ist die wenige Breite des Satzes und
    im Umfange der Zeit u. des Raumes.

    Das Klavier ist ein kurzathmiges
    Instrument u. man kann ihm nicht
    genug nachhelfen.

    Es war mir demgemäß selbstverständlich, dass ich mit einer subjektiven, eigenartigen und auf das Gefühl gegründeten Kunst zu tun haben würde – und dass es verfeinerte künstlerische Gebilde sein würden, mit denen Sie mich in Berührung brächten.

    Das hat sich alles erfüllt, und ich freue mich innig einer solchen Erscheinung.

    Anders steht es mit meinem Eindruck als Klavierspieler, von welchem ich – sei es durch Erziehung, sei es durch fachmännische Einseitigkeit – nicht absehen kann. – Was mir die ersten Bedenken gegen Ihre Musik als Klavierstück einflößt, ist die wenige Breite des Satzes im Umfange der Zeit und des Raumes.

    Das Klavier ist ein kurzatmiges Instrument, und man kann ihm nicht genug nachhelfen.

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    Ich habe Ihre Stücke nun den fünften Tag
    bei mir u. habe mich täglich mit ihnen
    beschäftigt. Ich glaube Ihre Absichten zu
    erfassen u. getraute mich, nach einiger
    Vorbereitung, die Klänge u. Stimmungen nach
    Ihrer Erwartung wiederzugeben. Doch ist die
    Aufgabe, durch allzugroße Concision, (das ist das Wort) erschwert.

    Da ich fürchte misverstanden zu werden, so nehme
    ich mir die Freiheit, Ihnen — zu meiner Vertheidigung
    eine kleine Illustration meiner Worte zu geben. Sie schreiben:

    Arnold Schönberg, op. 11 Nr. 2, T. 40
    um das
    Orchestrale in’s
    Pianistische zu
    übertragen:
    Ferruccio Busoni, Bearbeitung von Schönbergs op. 11 Nr. 2, T. 47

    Aber vielleicht entspricht das ganz und
    gar nicht Ihren Absichten.

    (* The * Library * of * Congress *)

    Ich habe Ihre Stücke nun den fünften Tag bei mir und habe mich täglich mit ihnen beschäftigt. Ich glaube Ihre Absichten zu erfassen und getraute mich, nach einiger Vorbereitung, die Klänge und Stimmungen nach Ihrer Erwartung wiederzugeben. Doch ist die Aufgabe, durch allzugroße Konzision (das ist das Wort), erschwert.

    Da ich fürchte, missverstanden zu werden, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen – zu meiner Verteidigung – eine kleine Illustration meiner Worte zu geben. Sie schreiben:

    Arnold Schönberg, op. 11 Nr. 2, T. 40
    um das Orchestrale ins Pianistische zu übertragen:
    Ferruccio Busoni, Bearbeitung von Schönbergs op. 11 Nr. 2, T. 47
    Aber vielleicht entspricht das ganz und gar nicht Ihren Absichten.

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    Ich werde aber die Sachen noch
    durcharbeiten, bis sie mir ganz in’s Blut
    gedrungen. Dann denke ich vielleicht anders.

    Dieses soll weder ein Urtheil, noch eine
    Kritik sein – welche beide ich mir (einer
    solchen Individualität wie der Ihrigen gegen-
    -über) nie anmaassen würde, sondern durch nur
    mein Bericht des empfangenen Eindrucks
    u. meine Meinung als Clavierspieler. –

    Seien Sie inzwischen bedankt und
    freundschaftlich begrüsst. Gerne hätte ich weiter
    Ihr Vertrauen und sagen Sie, waswenn ich
    sonst was thun soll. –

    Ihr sehr ergebener

    Ferruccio Busoni

    26. Juli 1909.
    (* The * Library * of * Congress *)

    Ich werde aber die Sachen noch durcharbeiten, bis sie mir ganz ins Blut gedrungen. Dann denke ich vielleicht anders.

    Dieses soll weder ein Urteil noch eine Kritik sein – welche beide ich mir (einer solchen Individualität wie der Ihrigen gegenüber) nie anmaßen würde, sondern nur mein Bericht des empfangenen Eindrucks und meine Meinung als Klavierspieler. –

    Seien Sie inzwischen bedankt und freundschaftlich gegrüßt. Gerne hätte ich weiter Ihr Vertrauen und sagen Sie, wenn ich sonst was tun soll. –

    Ihr sehr ergebener

    Ferruccio Busoni

    26. Juli 1909.