Ferruccio Busoni an Arnold Schönberg Dokument exportieren

Berlin, 2. August 1909

Stand: 21. Oktober 2016 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE

Quelle

Entstehung

  • Datierung in der Quelle: 2. August 1909 (autograph)

Umfang

1 Bogen, 3 beschriebene Seiten
  • Kariertes Papier; Seite 3 im Querformat beschrieben, auf der Rückseite von Seite 1.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • USA | Washington, D. C. | The Library of Congress | Music Division | Arnold Schoenberg Collection
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Arnold Schönberg
  • Zusammenfassung

  • Busoni berichtet Schönberg von seiner Auseinandersetzung mit dem 12/8-Stück (später Nr. 2 der Klavierstücke op. 11) sowie seinem Versuch einer klaviermäßigeren Einrichtung dieses Klavierstücks.
  • Incipit

  • Ich erhalte Ihren Brief rechtzeitig genug
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Theresa Menard
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien
    (* The * Library * of * Congress *)

    Sehr verehrter Herr Schönberg –

    Ich erhalte Ihren Brief rechtzeitig genug
    um ihn noch beantworten zu können.

    Ich muss es thun, weil ich Ihnen gegenüber
    ein gutes – und ein böses Gewissen habe, und
    dases ist mir Bedürfnis, sie Ihnen beide
    offen zu legen.

    Ich habe mich mit Ihren Stücken weiter
    beschäftigt und jenes in 12/8 Takt zog
    mich mehr u. mehr an. Ich glaube, es
    ganz erfasst zu haben, umsomehr als es
    sich mit einigen meiner eigenen Ideen
    über die nächste Aufgabe der Musik
    deckt. – Wenn ich mit dem Inhalte
    auch ganz einverstanden geworden, so
    blieb mir die Form des Ausdruckes auf
    dem Clavier ungenügend. Noch immer.
    Halten Sie meine Offenheit zu Gute oder
    mich für beschränkt – gleichviel.

    Sehr verehrter Herr Schönberg –

    Ich erhalte Ihren Brief rechtzeitig genug, um ihn noch beantworten zu können.

    Ich muss es tun, weil ich Ihnen gegenüber ein gutes – und ein böses Gewissen habe, und es ist mir Bedürfnis, sie Ihnen beide offenzulegen.

    Ich habe mich mit Ihren Stücken weiter beschäftigt, und jenes im 12/8-Takt zog mich mehr und mehr an. Ich glaube, es ganz erfasst zu haben, umso mehr als es sich mit einigen meiner eigenen Ideen über die nächste Aufgabe der Musik deckt. – Wenn ich mit dem Inhalte auch ganz einverstanden geworden, so blieb mir die Form des Ausdruckes auf dem Klavier ungenügend. Noch immer. Halten Sie meine Offenheit zugute oder mich für beschränkt – gleichviel.

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    Wenn Sie auf vierstimmige gehaltene
    Accorde – in ungünstiger Lage – das Zeichen
    < > setzen so bedeutet das eine Absicht, die
    in der Setzung nicht verwirklicht ist.
    Wie Das ist nicht Pianisten vorurtheil
    sondern unwiederlegbar. – So habe ich
    mir Ihr schönes Werk von allen Seiten
    u. in allen Details betrachtet und das
    möge Ihnen – bei meiner angehäuften
    Thätigkeit – beweisen, wie ernst es mir darum
    war u. wie sehr mein Interesse in An-
    spruch genommen. (Sie haben Recht wenn
    Sie hier einwerfen, das waere nur das
    Verdienst Ihres Stückes.) Jedenfalls – und
    hier tritt das böse Gewissen auf – habe
    ich mich so weit u. nahe in Ihre Gedanken
    eingelebt, dass es mich unwiederstehlich
    dazu drängte, Ihre offenbaren Absichten mir
    selbst zum Klingen zu bringen. – Wenn Sie
    von "Klangsinn in der üblichen Bedeutung"
    sprechen, so haben Sie – bei mir – den
    allgemein genannten Claviervirtuosen
    im Auge. Dagegen muss ich mich wieder

    Wenn Sie auf vierstimmige gehaltene Akkorde – in ungünstiger Lage – das Zeichen < > setzen, so bedeutet das eine Absicht, die in der Setzung nicht verwirklicht ist. Das ist nicht Pianistenvorurteil, sondern unwiderlegbar. – So habe ich mir Ihr schönes Werk von allen Seiten und in allen Details betrachtet, und das möge Ihnen – bei meiner angehäuften Tätigkeit – beweisen, wie ernst es mir darum war und wie sehr mein Interesse in Anspruch genommen. (Sie haben Recht, wenn Sie hier einwerfen, das wäre nur das Verdienst Ihres Stückes.) Jedenfalls – und hier tritt das böse Gewissen auf – habe ich mich so weit und nahe in Ihre Gedanken eingelebt, dass es mich unwiderstehlich dazu drängte, Ihre offenbaren Absichten mir selbst zum Klingen zu bringen. – Wenn Sie von „Klangsinn in der üblichen Bedeutung“ sprechen, so haben Sie – bei mir – den allgemein genannten Klaviervirtuosen im Auge. Dagegen muss ich mich wieder

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    wehren, denn ich mirbin mir sehr bewusst, gerade
    das keusche, unbestimmte, verfeinerte dem Clavier
    hinzugefügt zu haben, den Klang ohne Technik.

    Um meine Beichte zu beenden, vergerfahren
    Sie dass ich (unbescheidener Weise) Ihr Stück
    uminstrumentirt habe. Trotzdem dases meine Privat-
    Sache bleibt, so durfte ich Sie Ihnen nicht ver-
    -schweigen, mögen Sie mir auch zürnen.

    Ich bin natürlich auf die folgenden
    Sachen begierig u. in freudiger Erwartung darauf.

    Hoffen wir, dass Sie mir Ihr Vertrauen
    – trotz Manchem – weiter bewahren: das
    Gegentheil würde mich sehr enttäuschen.

    Ich verreise auf nur 10 Tage und
    bin dann wieder zu Ihrer Verfügung, als

    Ihr Sie hochachtender

    Ferruccio Busoni

    2. August 1909

    wehren, denn ich bin mir sehr bewusst, gerade das Keusche, Unbestimmte, Verfeinerte dem Klavier hinzugefügt zu haben, den Klang ohne Technik.

    Um meine Beichte zu beenden, erfahren Sie, dass ich (unbescheidenerweise) Ihr Stück uminstrumentiert habe. Trotzdem es meine Privatsache bleibt, so durfte ich sie Ihnen nicht verschweigen, mögen Sie mir auch zürnen.

    Ich bin natürlich auf die folgenden Sachen begierig und in freudiger Erwartung darauf.

    Hoffen wir, dass Sie mir Ihr Vertrauen – trotz manchem – weiter bewahren: das Gegenteil würde mich sehr enttäuschen.

    Ich verreise auf nur zehn Tage und bin dann wieder zu Ihrer Verfügung, als

    Ihr Sie hochachtender

    Ferruccio Busoni

    2. August 1909