Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Steinakirchen am Forst, 13. August 1909/18. August 1909

Stand: 2. November 2016 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Steinakirchen am Forst in mindestens zwei Etappen verfasst und am 13. oder 18. August 1909 (Poststempel) abgesendet.
  • Datierung in der Quelle: 13. August 1909 (?) / 18. August 1909 (?) (Poststempel Steinakirchen am Forst)
  • Der Brief selbst enthält keine Datumsangabe. Da die Antwort Busonis vom 20. August 1909 datiert, lässt sich auch von hier aus keine sichere Datierung erschließen.

Umfang

4 Bogen , 15 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten; Briefumschlag auf der Vorderseite rechts unvollständig (infolge Aufriss), ohne Textverlust.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II,4549 | Mus.ep. A. Schönberg 6 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Adressstempel des Absenders Arnold Schönberg, mit violetter Tinte
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Bleistift vorgenommen hat
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift die erste Signatur durchgestichen und durch eine neue ersetzt hat
    • Hand des Archivars, der mit Bleistift eine Datierung auf Seite 12 vermerkt hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
    • Poststempel (schwarze Tinte)

    Foliierungen

    • Foliierung mit Tinte oben rechts auf den Vorderseiten durch den Verfasser.

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Schönberg reagiert auf Busonis Kritik am 12/8-Stück (später Nr. 2 der Klavierstücke op. 11), erläutert Prinzipien seines Komponierens und bittet Busoni um Vermittlung eines Verlegers.
  • Incipit

  • vor Allem: Sie thun mir sicher Unrecht.
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Theresa Menard
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.ep. A. Schönberg 10 (Busoni-Nachl.B II)Mus.Nachl. F. Busoni B II,4549
    1.
    Arnold Schönberg
    – – – Wien – – –
    IX. Liechtensteinstraße 68/70
    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    vor Allem:
    Sie thun mir sicher uUnrecht. Aber es scheint,
    daß man einander in der einen oder der
    anderen Hinsicht Unrecht thun muß, wenn
    man auch dazu veranlagt ist einander in
    mancher anderer Beziehung sehr gut zu erkennen.
    Es scheint als ob die Bezirke zweier Individua=
    litäten etwa so gelagert wären wie excentrische
    Kreise die sich theilweise decken. Mehr oder weniger große Flächentheile
    fallen zusamm[en] – aber einander gegenüber liegen
    Segmente, die entgegengesetzt sind. Ich nehme
    das für eine natürliche Sache, die so
    sein muß, und halte es deswegen auch
    für gut.

    Und selbstverständlich ist dieses Diver=
    gieren absolut nicht imstande mein
    Vertrauen zu erschüttern. Im Gegen=
    theil, dieses hat sich vermehrt, seit ich

    Steinakirchen am Forst Niederösterreich

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    vor Allem: Sie tun mir sicher unrecht. Aber es scheint, dass man einander in der einen oder der anderen Hinsicht Unrecht tun muss, wenn man auch dazu veranlagt ist, einander in mancher anderer Beziehung sehr gut zu erkennen. Es scheint, als ob die Bezirke zweier Individualitäten etwa so gelagert wären wie exzentrische Kreise, die sich teilweise decken. Mehr oder weniger große Flächenteile fallen zusammen – aber einander gegenüber liegen Segmente, die entgegengesetzt sind. Ich nehme das für eine natürliche Sache, die so sein muss, und halte es deswegen auch für gut.

    Und selbstverständlich ist dieses Divergieren absolut nicht imstande, mein Vertrauen zu erschüttern. Im Gegenteil, dieses hat sich vermehrt, seit ich

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    in persönliche Berührung mit Ihnen gekommen
    bin. Das Gefühl, das ich von Ihrer Wesens=
    art schon früher hatte, hat sich bestätigt.
    Und ich bin mir jetzt darüber ziemlich klar.
    Ich erkenne als einen mir unendlich wert=
    vollen Zug Ihres Wesens: das Streben recht
    zu thun! Und dieses Streben setze ich
    über das Recht=Thun, sowie ich das
    Streben nach Wahrheit über die Wahrheit
    stelle.

    Deshalb, wenn Sie mir auch sachlich
    unrecht thun, menschlich könnte mir
    Weniges mehr Freude machen, als, wie
    Sie es thun.

    Aber, wie gesagt: sachlich glaube ich,
    haben Sie nicht recht.

    Ich hoffe, daß Sie es erkennen werden.
    Ich bin ja allerdings kein Klavierspieler.
    Aber nichts destoweniger habe ich mir
    eingebildet in diesen Stücken und einigen Liedern den Grund
    zu einem modernen Klavierstyl gelegt
    zu haben. Es mag das anmaßend klingen,

    in persönliche Berührung mit Ihnen gekommen bin. Das Gefühl, das ich von Ihrer Wesensart schon früher hatte, hat sich bestätigt. Und ich bin mir jetzt darüber ziemlich klar. Ich erkenne als einen mir unendlich wertvollen Zug Ihres Wesens: das Streben, recht zu tun! Und dieses Streben setze ich über das Rechttun, so wie ich das Streben nach Wahrheit über die Wahrheit stelle.

    Deshalb, wenn Sie mir auch sachlich unrecht tun, menschlich könnte mir Weniges mehr Freude machen, als, wie Sie es tun.

    Aber, wie gesagt: sachlich, glaube ich, haben Sie – nicht recht.

    Ich hoffe, dass Sie es erkennen werden. Ich bin ja allerdings kein Klavierspieler. Aber nichtsdestoweniger habe ich mir eingebildet, in diesen Stücken und einigen Liedern den Grund zu einem modernen Klavierstil gelegt zu haben. Es mag das anmaßend klingen,

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    aber, da ich es geglaubt habe, kann nichts
    mich hindern es auch zu sagen. Und ich
    bin wirklich mit großer Bewußtheit
    an diese Probleme herangegangen, habe
    viel über den früheren Klavierstyl und die
    Bedürfnisse meiner Ausdrucksbestrebungen
    nachgedacht und da ist mir manches klar
    geworden. Gewiß: auf einen Wurf
    gelingt sowas nicht restlos. Und: wenn
    die Vorzüge meines Klavierstils vielleicht
    auch mehr in dem bestehen, was ich
    nicht mache, als in dem was ich Neues
    bringe, so scheint mir doch, als
    ob eines deutlich gewonnen wäre:
    ich glaube, von jenem Stil, den ich
    nenne den „Clavierauszug=Stil“
    habe ich mich deutlich genug abgewen=
    det.

    Es ist ja kein Zweifel, daß der
    Clavierstil einer Zeit eine gewisse
    Ähnlichkeit mit demihrem Orchesterstil hat.
    Das sieht man sogar, finde ich, bei

    aber, da ich es geglaubt habe, kann nichts mich hindern, es auch zu sagen. Und ich bin wirklich mit großer Bewusstheit an diese Probleme herangegangen, habe viel über den früheren Klaviersti>l und die Bedürfnisse meiner Ausdrucksbestrebungen nachgedacht, und da ist mir manches klar geworden. Gewiss: auf einen Wurf gelingt so was nicht restlos. Und: wenn die Vorzüge meines Klavierstils vielleicht auch mehr in dem bestehen, was ich nicht mache, als in dem, was ich Neues bringe, so scheint mir doch, als ob eines deutlich gewonnen wäre: ich glaube, von jenem Stil, den ich nenne den „Klavierauszug-Stil“, habe ich mich deutlich genug abgewendet.

    Es ist ja kein Zweifel, dass der Klavierstil einer Zeit eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem Orchesterstil hat. Das sieht man sogar, finde ich, bei

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Mozart und Beethoven. Alle, denen
    der Ausdruck das wichtigste war, haben
    für Clavier komponiert, indem sie
    komponiert haben, unter Berücksichtigung
    der Erfordernisse, der Bedürfnisse des
    Instrumentes. Das Komponieren steht im
    Vordergrund; das Instrument wird
    berücksichtigt. Nicht umgekehrt.

    In diesem Sinne, meine ich, könnte
    man Beziehungen zwischen einem moder=
    nen Orchestersatz und meinem modernen
    Klaviersatz finden. Aber sonst in keinem,
    hoffe ich. Wenigstens war das, sozusagen
    mein Programm: weg mit dem
    Clavier=auszugstil; weg mit dem Klavier=
    satz der, das Ausdrucksvergmögen und
    die Bewegungsmöglichkeit des Klavieres
    überschreitend, nichts anderes ist, als
    eine mehr oder weniger gute Uebertragung
    von Orchestermusik.

    Dagegen scheint mir nun auch Ihr

    Mozart und Beethoven. Alle, denen der Ausdruck das Wichtigste war, haben für Klavier komponiert, indem sie komponiert haben, unter Berücksichtigung der Erfordernisse, der Bedürfnisse des Instrumentes. Das Komponieren steht im Vordergrund; das Instrument wird berücksichtigt. Nicht umgekehrt.

    In diesem Sinne, meine ich, könnte man Beziehungen zwischen einem modernen Orchestersatz und meinem modernen Klaviersatz finden. Aber sonst in keinem, hoffe ich. Wenigstens war das sozusagen mein Programm: weg mit dem Klavierauszugstil; weg mit dem Klaviersatz, der, das Ausdrucksvermögen und die Bewegungsmöglichkeit des Klavieres überschreitend, nichts anderes ist als eine mehr oder weniger gute Übertragung von Orchestermusik.

    Dagegen scheint mir nun auch Ihr

    Faksmilie, Seite 5Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    B II, 4549

    2
    Einwand nicht berechtigt, den sSie gegen
    die Bezeichnung < > über liegende
    Accorde machen.

    Diese Bezeichnung habe ich sogar
    erst nachträglich eingefühgt und verwende
    sie seither immer noch in einem ganz
    bestimmten Sinn. Selbstverständlich
    habe ich mir nicht eingebildet, daß
    man diese Accorde an- und abschwellen
    lassen kann. Ebensowenig, wie ich
    das bei anderen Gelegenheiten wo ich
    Arnold Schönberg, Ausschnitt aus einer nicht ermittelten Komposition geschrieben habe (das ist
    zwar ein anderer Fall) aufan die Ausführbarkeit
    dieses cresc geglaubt habe.

    Die erste Bezeichnung habe ich von
    Brahms entnommen. Es scheint er
    verwendet sie nicht so wie ich.
    Ich meine in diesen Fällen immer

    Einwand nicht berechtigt, den Sie gegen die Bezeichnung < > über liegende Akkorde machen.

    Diese Bezeichnung habe ich sogar erst nachträglich eingefügt und verwende sie seither immer noch in einem ganz bestimmten Sinn. Selbstverständlich habe ich mir nicht eingebildet, dass man diese Akkorde an- und abschwellen lassen kann. Ebenso wenig, wie ich bei anderen Gelegenheiten , wo ich Arnold Schönberg, Ausschnitt aus einer nicht ermittelten Komposition geschrieben habe (das ist zwar ein anderer Fall), an die Ausführbarkeit dieses Crescendos geglaubt habe.

    Die erste Bezeichnung habe ich von Brahms entnommen. Es scheint, er verwendet sie nicht so wie ich. Ich meine in diesen Fällen immer

    Faksmilie, Seite 6Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    ein sehr ausdrucksvolles, aber sehr
    weiches Marcato, forzato. Etwa
    zu vergleichen mit dieser Porta=
    mento=Bezeichnung Portamentobezeichnung in Notenschrift
    oder Ähnlichem. Ich verwende sie
    in letzter Zeit immer in diesem
    Sinne. Manchmal (bei Streichern
    oder Bläsern) auch statt: „espress[“]

    Und die zweite Bezeichnung
    ist natürlich auch nicht wörtlich
    zu nehmen. Es soll das blosß
    ein Bild sein für die Richtung,
    die die Linie nimmt. Oder
    für den Intensitäts=grad. Mehr
    eine Anregung zum Verständnis
    der Linie, als eine Vortragsbezeichnung.
    Und dann habe ich bei diesen Bezeich=
    nungen noch den einen Hinterge=
    danken: das Klavier wird sicher

    ein sehr ausdrucksvolles, aber sehr weiches Marcato, forzato. Etwa zu vergleichen mit dieser Portamentobezeichnung Portamentobezeichnung in Notenschrift oder Ähnlichem. Ich verwende sie in letzter Zeit immer in diesem Sinne. Manchmal (bei Streichern oder Bläsern) auch statt: „espress.“

    Und die zweite Bezeichnung ist natürlich auch nicht wörtlich zu nehmen. Es soll das bloß ein Bild sein für die Richtung, die die Linie nimmt. Oder für den Intensitätsgrad. Mehr eine Anregung zum Verständnis der Linie als eine Vortragsbezeichnung. Und dann habe ich bei diesen Bezeichnungen noch den einen Hintergedanken: Das Klavier wird sicher

    Faksmilie, Seite 7Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    in nicht allzu langer Zeit imstande sein
    all das auszuführen, was uns an ihm heute
    fehlt. Es ist zum Staunen, daß
    es das heute noch nicht kann. Und
    nur die Pietät, richtiger: der
    Conservatismus, noch richtiger aber:
    die Indolenz der Musiker bringt
    es mit sich, daß am […] Klavier
    seit mehr als hundert Jahren keine
    nennenswerte Verbesserung geschehen
    ist. Wäre das Klavier ein wichtiges
    Instrument etwa der Baumwollen=
    industrie, so wäre es längst vollkom̅en.
    Ich denke aber, das wird es doch werden.

    Und da sollte man doch so be=
    zeichnen, wie man sich es heute
    nur scheinbar hoffnungslos wünschen
    kann, daß es eigentlich klingen
    sollte.

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)

    in nicht allzu langer Zeit imstande sein, all das auszuführen, was uns an ihm heute fehlt. Es ist zum Staunen, dass es das heute noch nicht kann. Und nur die Pietät, richtiger: der Konservatismus, noch richtiger aber: die Indolenz der Musiker bringt es mit sich, dass am Klavier seit mehr als hundert Jahren keine nennenswerte Verbesserung geschehen ist. Wäre das Klavier ein wichtiges Instrument etwa der Baumwollenindustrie, so wäre es längst vollkommen. Ich denke aber, das wird es doch werden.

    Und da sollte man doch so bezeichnen, wie man sich es heute nur scheinbar hoffnungslos wünschen kann, dass es eigentlich klingen sollte.

    Faksmilie, Seite 8Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Nun muß ich Ihnen zum Schlusse noch
    sagen, daß ich mich unendlich gefreut
    habe, daß Ihnen das eine Stück schon
    gefällt. Und ich hoffe bestimmt, daß
    Ihnen auch das andere später gefallen wird.
    Mir hat auch anfangs das 12/8 (das als zweites
    komponiert ist,) besser gefallen, als das
    erste
    . Aber neulich habe ich das erste wieder
    angesehen: Ich glaube fast, was mir
    an Freiheit und Buntheit des Ausdruckes,
    an ungebundener, durch keine „Logik“
    verhinderter Beweglichkeit der Form
    vorgeschwebt hat, kommt im […]ersten
    noch viel mehr heraus, als im zweiten.

    Erreicht habe ich, was ich mir vor=
    stelle, […] in beiden nicht. Vielleicht,
    sogar sicher noch nicht in dem dritten,
    das dieser Tage fertig wird. Einige

    Nun muss ich Ihnen zum Schlusse noch sagen, dass ich mich unendlich gefreut habe, dass Ihnen das eine Stück schon gefällt. Und ich hoffe bestimmt, dass Ihnen auch das andere später gefallen wird. Mir hat auch anfangs das 12/8 (das als zweites komponiert ist) besser gefallen als das erste. Aber neulich habe ich das erste wieder angesehen: Ich glaube fast, was mir an Freiheit und Buntheit des Ausdruckes, an ungebundener, durch keine „Logik“ verhinderter Beweglichkeit der Form vorgeschwebt hat, kommt im ersten noch viel mehr heraus, als im zweiten.

    Erreicht habe ich, was ich mir vorstelle, in beiden nicht. Vielleicht, sogar sicher noch nicht in dem dritten, das dieser Tage fertig wird. Einige

    Faksmilie, Seite 9Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    B II, 4549

    3
    Orchesterstücke, die ich in der allerletzten
    Zeit geschrieben, haben mich in einiger
    Hinsicht näher, in anderer aber wieder
    weitab geführt, von dem was ich
    schon für erreicht hielt.

    Greifbar ist es vielleicht noch
    nicht. Vielleicht brauche ich noch
    lange, um die Musik zu schreiben,
    zu der es mich drängt, die mir
    seit mehreren Jahren vorschwebt und
    die ich vorläufig nicht fassen kann.

    Ich schreibe darüber so ausführlich,
    weil ich bekennen will (angeregt durch
    Ihre Anmerkung: meine Musik gienge
    Ihnen nahe, weil Sie Ähnliches als die
    Aufgabe unserer nächsten Entwicklung
    ansehen) um was es sich mir handelt.

    Ich strebe an: Vollständige

    Orchesterstücke, die ich in der allerletzten Zeit geschrieben, haben mich in einiger Hinsicht näher, in anderer aber wieder weitab geführt von dem, was ich schon für erreicht hielt.

    Greifbar ist es vielleicht noch nicht. Vielleicht brauche ich noch lange, um die Musik zu schreiben, zu der es mich drängt, die mir seit mehreren Jahren vorschwebt und die ich vorläufig nicht fassen kann.

    Ich schreibe darüber so ausführlich, weil ich bekennen will (angeregt durch Ihre Anmerkung: meine Musik ginge Ihnen nahe, weil Sie Ähnliches als die Aufgabe unserer nächsten Entwicklung ansehen), um was es sich mir handelt.

    Ich strebe an: Vollständige

    Faksmilie, Seite 10Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Befreiung von allen Formen.
    von allen […]Symbolen
    des Zusammenhangs und
    der Logik
    also:
    weg von der „motivischen Arbeit“

    Weg von der Harmonie, als
    Cement oder Baustein einer
    Architektur.
    Harmonie ist aAusdruck
    und nichts anderes als das.

    Dann:

    Weg vom Pathos!

    Weg von den 24pfündigen
    Dauermusiken; von den gebauten
    und konstruierten Thürmen, Felsen
    und sonstigen gigantischenm Kram.

    Meine Musik muß
    kurz sein.
    Knapp! in zwei Noten: nicht

    Befreiung von allen Formen. Von allen Symbolen des Zusammenhangs und der Logik. Also: Weg von der „motivischen Arbeit“.

    Weg von der Harmonie, als Zement oder Baustein einer Architektur. Harmonie ist Ausdruck und nichts anderes als das.

    Dann:

    Weg vom Pathos!

    Weg von den 24-pfündigen Dauermusiken; von den gebauten und konstruierten Türmen, Felsen und sonstigem gigantischen Kram.

    Meine Musik muss kurz sein. Knapp! In zwei Noten: nicht

    Faksmilie, Seite 11Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    bauen, sondern ausdrücken!!

    Und das Resultat, das ich
    erhoffe:

    keine stylisierten und sterilisierten
    Dauergefühle.

    Das giebts im Menschen nicht:

    dem Menschen ist es unmöglich
    nur ein Gefühl gleichzeitig zu haben.

    Man hat tausende auf einmal.
    Und diese tausend summieren
    sich sowenig, als Aepfel und Birnen
    sich summieren. Sie gehen auseinander.

    Und diese Buntheit, diese Viel=
    gestaltigkeit, diese Unlogik die
    unsere Empfindungen zeigen, diese
    Unlogik, die die Associationen auf=
    weisen, die irgend eine aufsteigende
    Blutwelle, irgend eine Sinnes= oder

    bauen, sondern ausdrücken!!

    Und das Resultat, das ich erhoffe:

    keine stilisierten und sterilisierten Dauergefühle.

    Das gibt’s im Menschen nicht:

    Dem Menschen ist es unmöglich, nur ein Gefühl gleichzeitig zu haben.

    Man hat tausende auf einmal. Und diese tausend summieren sich so wenig, als Äpfel und Birnen sich summieren. Sie gehen auseinander.

    Und diese Buntheit, diese Vielgestaltigkeit, diese Unlogik, die unsere Empfindungen zeigen, diese Unlogik, die die Assoziationen aufweisen, die irgendeine aufsteigende Blutwelle, irgendeine Sinnes- oder

    Faksmilie, Seite 12Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Nerven=Reaktion aufzeigt, möchte
    ich in M meiner Musik haben.

    Sie soll Ausdruck der Empfindung
    sein, so wie die Empfindung
    wirklich ist, die uns mit unserem
    Unbewußten in Verbindung bringt
    und nicht ein Wechselbalg aus Empfindung
    und „bewußter Logik“.

    Nun habe ich bekannt und man
    möge mich verbrennen.

    Sie werden nicht zu denen ge=
    hören, die mich verbrennen; das
    weiß ich.

    Mit vielen hochachtungsvollen
    Grüßen bin ich Ihr herzlichst ergebener

    Arnold Schönberg

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)
    Poststempel: 13. od. 18.8.09 (?)

    Nervenreaktion aufzeigt, möchte ich in meiner Musik haben.

    Sie soll Ausdruck der Empfindung sein, so wie die Empfindung wirklich ist, die uns mit unserem Unbewussten in Verbindung bringt, und nicht ein Wechselbalg aus Empfindung und „bewusster Logik“.

    Nun habe ich bekannt, und man möge mich verbrennen.

    Sie werden nicht zu denen gehören, die mich verbrennen; das weiß ich.

    Mit vielen hochachtungsvollen Grüßen bin ich Ihr herzlichst ergebener

    Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 13Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    B II, 4549
    4

    Der vorliegende Brief blieb aus Versehen
    einige Tage bei mir liegen. Inzwischen hatte
    ich das 3te Klavierstück (vorher hatte ich ein
    Orchesterstück
    geschrieben) fertig bekommen, und
    benütze nun gleich die Gelegenheit, es Ihnen
    zu senden. Ich bin sehr neugierig, wie Ihnen
    dieses zusagen wird. Ich selbst habe vorläufig
    noch kein Urteil darüber. Ich habe es, wie meist,
    sehr rasch geschrieben und da muß ich mich ge=
    wöhnlich erst selbst mich an meine Musik
    gewöhnen.

    Ich möchte noch eine Sache berühren.
    Sie schrieben einmal, ob ich einen Verleger
    habe und fragten mich ein anderesmal, ob
    Sie etwas thun könnten. Ja, das wäre
    mir sehr recht; ich hätte es sehr nöthig, denn
    mit meinem bisherigen Verleger ist ja
    ohnehin nichts mehr für mich zu machen.
    Dagegen häufen sich meine ungedruckten

    Der vorliegende Brief blieb aus Versehen einige Tage bei mir liegen. Inzwischen hatte ich das dritte Klavierstück (vorher hatte ich ein Orchesterstück geschrieben) fertig bekommen, und benütze nun gleich die Gelegenheit, es Ihnen zu senden. Ich bin sehr neugierig, wie Ihnen dieses zusagen wird. Ich selbst habe vorläufig noch kein Urteil darüber. Ich habe es, wie meist, sehr rasch geschrieben, und da muss ich mich gewöhnlich erst selbst an meine Musik gewöhnen.

    Ich möchte noch eine Sache berühren. Sie schrieben einmal, ob ich einen Verleger habe, und fragten mich ein anderes Mal, ob Sie etwas tun könnten. Ja, das wäre mir sehr recht; ich hätte es sehr nötig, denn mit meinem bisherigen Verleger ist ja ohnehin nichts mehr für mich zu machen. Dagegen häufen sich meine ungedruckten

    Faksmilie, Seite 14Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    und unaufgeführten Werke in unheimlicher
    Weise. Obwohl ich nicht so viel schreibe, als
    ich könnte, habe ich doch nicht weniger als
    9 fertige ungedruckte größten theils umfang=
    reichere Werke liegen. Abgesehen, von jenen
    die ich nicht veröffentlichen will und einer
    Menge solcher die, gegenwärtig unfertig, mut=
    maßlich einmal vollendet werden, sind es
    wie gesagt 9 Werke im Umfang von
    mehr als 400 Seiten. Da scheint mir doch,
    als ob ich endlich wieder einmal was heraus=
    geben müßte. Insbesondere, da einiges
    schon, im Verhältnis zu meinem jetzigen
    Entwicklungs Standpunkte schon geradezu
    veraltet ist.

    Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar,
    wenn Sie Ihren Einfluß bei einem
    Verleger geltend machen wollten.

    Zunächst nun aber bin ich begierig auf
    Ihr Urteil über über das neue Stück
    und wie Sie sich zur Frage meines

    und unaufgeführten Werke in unheimlicher Weise. Obwohl ich nicht so viel schreibe, als ich könnte, habe ich doch nicht weniger als neun fertige ungedruckte, größtenteils umfangreichere Werke liegen. Abgesehen von jenen, die ich nicht veröffentlichen will, und einer Menge solcher, die, gegenwärtig unfertig, mutmaßlich einmal vollendet werden, sind es wie gesagt neun Werke im Umfang von mehr als 400 Seiten. Da scheint mir doch, als ob ich endlich wieder einmal was herausgeben müsste. Insbesondere da einiges schon, im Verhältnis zu meinem jetzigen Entwicklungsstandpunkte, schon geradezu veraltet ist.

    Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie Ihren Einfluss bei einem Verleger geltend machen wollten.

    Zunächst nun aber bin ich begierig auf Ihr Urteil über das neue Stück und wie Sie sich zur Frage meines

    Faksmilie, Seite 15Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Klavierstils nun stellen werden.

    Ich empfehle mich Ihnen aufs herzlichste
    und bin mit vollster Hochschätzung Ihr

    ganzergebener

    Arnold Schönberg

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)
    Nachlaß Busoni

    Klavierstils nun stellen werden.

    Ich empfehle mich Ihnen aufs Herzlichste und bin mit vollster Hochschätzung Ihr

    ganz ergebener

    Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 16Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Faksmilie, Seite 17Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Herrn
    Ferruccio Busoni
    Berlin W30
    Viktoria-Luise-Platz 11
    Herrn
    Ferruccio Busoni
    Berlin W30
    Viktoria-Luise-Platz 11
    Faksmilie, Seite 18Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Absender:
    Arnold Schönberg
    – – – Wien – – –
    IX. Liechtensteinstraße 68/70
    ([S]teinak[irchen] am Forst 1[ 3 8] VIII 0[9])
    Mus.ep. A. Schönberg 10
    Nachlaß Busoni
    B II)
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4549 - Beil.
    Absender: