Ferruccio Busoni an Arnold Schönberg Dokument exportieren

Berlin, 20. August 1909

Stand: 31. März 2016 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE

Quelle

Entstehung

  • Datierung in der Quelle: 20. August 1909 (autograph)

Umfang

1 Bogen, 3 beschriebene Seiten
  • Seite 3 (d. i. die Rückseite von Seite 1) trug zunächst allein das Datum; das anschließend dort im Querformat platziert Postscriptum umfließt den Datumseintrag.
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • USA | Washington, D. C. | The Library of Congress | Music Division | Arnold Schoenberg Collection
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Ferruccio Busoni
  • Empfänger

  • Arnold Schönberg
  • Zusammenfassung

  • Busoni kritisiert das dritte von Schönbergs Drei Klavierstücken op. 11 und schlägt vor, das 12/8-Stück (Nr. 2 aus op. 11) mit einer eigenen Paraphrasierung drucken zu lassen.
  • Incipit

  • Ihr letzter Brief ist ein interessantes Dokument
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Theresa Menard
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien
    (* The * Library * of * Congress *)

    Sehr verehrter Herr Schönberg .

    Ihr letzter Brief ist ein interessantes
    Dokument, das mich – (auch
    dadurch dass es sich an mich
    wendet) – sehr werth halte.
    Ich errieth Ihre Absichten
    u. aus manchen Stellen meiner
    kleinen Schrift
    – die ich Ihnen
    „zur Verstaendigung“ zuschickte –
    ersehen Sie, dass ich sie mir
    nicht fremd sind.

    Wir haben glücklich den Ton
    der Offenheit zu einander an-
    -geschlagen und ich stelle die Frage:n:

    • wie weit verwirklichen [Sie] diese
      Absichten?
    • Und wieviel ist dabei AEmpfindung,
      wieviel Absichtliches?

    Das dritte Stück, das Sie mir in
    Ihrem gütigen Vertrauen schicken,
    ergänzt die beiden vorausgegangenen,
    ohne neue Seiten aufzuweisen;
    so will es mir scheinen.

    Sehr verehrter Herr Schönberg.

    Ihr letzter Brief ist ein interessantes Dokument, das ich – (auch dadurch, dass es sich an mich wendet) – sehr werthalte. Ich erriet Ihre Absichten, und aus manchen Stellen meiner kleinen Schrift – die ich Ihnen „zur Verständigung“ zuschickte – ersehen Sie, dass sie mir nicht fremd sind.

    Wir haben glücklich den Ton der Offenheit zueinander angeschlagen und ich stelle die Fragen:

    • Wie weit verwirklichen Sie diese Absichten?
    • Und wie viel ist dabei Empfindung, wie viel Absichtliches?

    Das dritte Stück, das Sie mir in Ihrem gütigen Vertrauen schicken, ergänzt die beiden vorausgegangenen, ohne neue Seiten aufzuweisen; so will es mir scheinen.

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien

    Zumal in harmonischer Beziehung
    verlassenässt es nicht den beschriebenen
    Kreis. Die Accordfiguren der großen Septime,
    der kleinen None – (letztere oft, in
    Selbsttäuschung, als übermäßige Octave
    geschrieben) – kehren immer wieder.

    Das Lakonische wirkt als Manier.
    (Ein so prächtiger Kopf wie der Ihre,
    empfindet Kritik nur als Gewinn,
    selbst wenn diese nicht das Richtige
    treffen sollte.)

    Das „Asketische“ des Claviersatzes
    (wir wollen es so benennen) scheint
    mir ein unnützer Verzicht auf
    schon Errungenes. Sie setzen
    einen Werth an stelle eines früheren,
    anstatt den neuen mit diesem zu
    addiren. Sie werden anders und
    nicht reicher.

    Fühlte ich mich zu Ihrer Kunst nicht
    vorbereitet, so würde ich mich
    neigen u. warten. Aber ich habe
    selbst so viel an mir gearbeitet.

    So werden wir – vorläufig – wohl
    ein jeder in dem Mittelpunkt des
    eigenen Kreises bleiben, dessen Räander
    wie Sie richtig sagen – sich den des
    anderen streift. –

    Mit freundlichstem
    Gruss, Ihr hochschätzender

    Ferruccio Busoni

    Zumal in harmonischer Beziehung verlässt es nicht den beschriebenen Kreis. Die Akkordfiguren der großen Septime, der kleinen None – (letztere oft, in Selbsttäuschung, als übermäßige Oktave geschrieben) – kehren immer wieder.

    Das Lakonische wirkt als Manier. (Ein so prächtiger Kopf wie der ihre empfindet Kritik nur als Gewinn, selbst wenn diese nicht das Richtige treffen sollte.)

    Das „Asketische“ des Klaviersatzes (wir wollen es so benennen) scheint mir ein unnützer Verzicht auf schon Errungenes. Sie setzen einen Wert anstelle eines früheren, anstatt den neuen mit diesem zu addiren. Sie werden anders und nicht reicher.

    Fühlte ich mich zu Ihrer Kunst nicht vorbereitet, so würde ich mich neigen und warten. Aber ich habe selbst so viel an mir gearbeitet.

    So werden wir – vorläufig – wohl ein jeder in dem Mittelpunkt des eigenen Kreises bleiben, dessen Rand – wie Sie richtig sagen – den des anderen streift. –

    Mit freundlichstem Gruß, Ihr hochschätzender

    Ferruccio Busoni

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Arnold Schönberg Center Wien
    20. Aug. 1909

    Mit Verlegern dürften Sie für die allernächste Zeit
    Schwierigkeiten finden. Aber die Zeit verwandelt sich
    heutzutage rascher. Was ich jetzt vorbringe, ist
    ein bescheidener Vorschlag: Der Verleger Zimmer-
    mann
    beginnt eine Serie Hefte meiner Redaktion
    zu publiciren welche den Titel führen: an die Jugend
    Die ersten drei im Drucke befindlichen Hefte ent-
    halten von mir Eigenes u. Bearbeitetes. 'An
    die Jugend
    '
    soll bedeuten, dass sich die Publikation
    an die neue Genera- tion wendet. Würden Sie
    sich mit der Idee versöhnen können, dass
    z. B. ein viertes Heft Ihr 12/8-Stück im Original
    u. in meiner Paraphrasierung brächte? Dann
    würde ich es dem Verleger vorschlagen und das
    mir ausgezahlte Honorar (welches sehr bescheiden ist
    u. vielleicht 300 Mk betrüge) Ihnen zuweisen.

    Es gehört einige Überwindung meiner Seite zu diesem
    Vorschlag, insofern als Sie meine Paraphrase still-
    schweigend übergehen, aber es ist der erste Anknüpfungs-
    punkt, der mir zuerst einfällt. — 

    20. August 1909

    Mit Verlegern dürften Sie für die allernächste Zeit Schwierigkeiten finden. Aber die Zeit verwandelt sich heutzutage rascher. Was ich jetzt vorbringe, ist ein bescheidener Vorschlag: Der Verleger Zimmermann beginnt eine Serie Hefte meiner Redaktion zu publizieren, welche den Titel führen: an die Jugend. Die ersten drei im Drucke befindlichen Hefte enthalten von mir Eigenes und Bearbeitetes. An die Jugend soll bedeuten, dass sich die Publikation an die neue Generation wendet. Würden Sie sich mit der Idee versöhnen können, dass z. B. ein viertes Heft Ihr 12/8-Stück im Original u. in meiner Paraphrasierung brächte? Dann würde ich es dem Verleger vorschlagen und das mir ausgezahlte Honorar (welches sehr bescheiden ist u. vielleicht 300 Mk betrüge) Ihnen zuweisen.

    Es gehört einige Überwindung meiner Seite zu diesem Vorschlag, insofern als Sie meine Paraphrase stillschweigend übergehen, aber es ist der erste Anknüpfungspunkt, der mir einfällt. —