Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Steinakirchen am Forst, 24. August 1909

Stand: 31. März 2015 (erwartet Freigabe) Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE

Quelle

Entstehung

  • Der Brief wurde in Steinakirchen am Forst am 24. August 1909 verfasst.
  • Datierung in der Quelle: 24. August 1909 (autograph), 24. August 1909 (Poststempel )

Umfang

5 Bogen , 20 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten; Briefumschlag an der Vorderseite links unvollständig (infolge Aufriss) aber ohne Schriftverlust.
  • Aufbewahrungsort

  • Kalliope-Verbund | DE-611-HS-736371
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Adressstempel des Absenders Arnold Schönberg, mit violetter Tinte
    • Hand des Archivars, der die Foliierung in Bleistift vorgenommen hat
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • Poststempel (schwarze Tinte)

    Foliierungen

    • Foliierung in Schwarzer Tinte oben rechts auf der ersten Seite jedes Bogens durch den Verfasser.

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Schönberg bittet um Verzeihung für seine Vergesslichkeit, verweigert Busoni die Veröffentlichung dessen Transkription des zweiten Stückes aus op. 11 und äußert sich zu einigen Stellen von Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst.
  • Incipit

  • aus Ihrem Briefe an Herrn Dr. Schenker
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Vanda Hehr
  • Theresa Menard
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    24/8.1909
    Arnold Schönberg
    – – – Wien – – –
    IX. Liechtensteinstraße 68/70
    1
    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    ich muß mich
    vor Allem entschuldigen für etwas, woran ich
    nur theilweise schuld bin und nur auf eine
    Art schuld bin, die Nachsicht zuläßt. Ich
    hatte schon, als ich die erste Hälfte des vorigen Briefes
    schrieb vor, Sie um Ihre Bearbeitung zu erfragen,
    vergaß aber daran. Dann nahm ich mir vor,
    es in der Nachschrift zu thun und vergaß wieder.
    Schließlich wollte ich diesem langen Brief
    noch eine Postkarte folgen lassen – aber ich
    vergaß zum drittenmal. Haben Sie Nachsicht
    mit Vergeßlichkeit? Ich bin sehr auf die ge ange=
    wiesen, da sie mich stets in Konflikte
    bringt. Ich hoffe, Sie nehmen diese Sache nunmehr
    nur von dieser Seite und Ihre Verstimmung
    ist aus diesem Grund ist aus der Welt geschafft.

    Nun aber bitte ich Sie recht sehr,b mir

    Mus.ep. A. Schönberg 11 (Busoni-Nachl. B II)
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4550

    24/8.1909

    Sehr verehrter Herr Busoni,

    ich muss mich vor Allem entschuldigen für etwas, woran ich nur teilweise Schuld bin und nur auf eine Art Schuld bin, die Nachsicht zulässt. Ich hatte schon, als ich die erste Hälfte des vorigen Briefes schrieb vor, Sie um Ihre Bearbeitung zu erfragen, vergaß aber daran. Dann nahm ich mir vor, es in der Nachschrift zu tun und vergaß wieder. Schließlich wollte ich diesem langen Brief noch eine Postkarte folgen lassen – aber ich vergaß zum dritten Mal. Haben Sie Nachsicht mit Vergesslichkeit? Ich bin sehr auf die angewiesen, da sie mich stets in Konflikte bringt. Ich hoffe, Sie nehmen diese Sache nunmehr nur von dieser Seite und Ihre Verstimmung aus diesem Grund ist aus der Welt geschafft.

    Nun aber bitte ich Sie recht sehr, mir

    Faksmilie, Seite 2Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin


    Ihre Transkription so bald wie möglich zu
    schicken; ich bin wirklich begierig den
    „Motivenbericht“ zu Ihrem Verbesserungs-An=
    trag kennen zu lernen.

    Ferner muß ich Ihnen sehr danken für
    Ihren in Anbetracht Ihrer berechtigten Verstimmung
    wirklich großherzigen Antrag dem das eine Stück
    und Ihre Paraphrase davon abzudrucken. Aber da
    sind frische Schwierigkeiten, daß ich wirklich
    nicht weiß, ob wir uns werden einigen können.
    Zunächst, wie materiell, müßte der Abdruck so
    geschehen, daß dasmeine Recht e das Stück nochmal
    heraus dadurch zu geben nicht tangiertewerde,
    weil mir sonst ein Opus zerrissen würde.
    Dazu hätte ich außerdem die Zustimmung
    meines Verlegers nötig, die ich ja allerdings
    leicht bekommen könnte. Dann bedrückt
    es mich, das ganze Honorar anzunehmen,
    wo ja Ihre Bearbeitung ebenfalls Anspruch
    geltend machen sollte.

    Aber das Wichtigste und Entscheidendste
    für mich ist doch die künstlerische Frage2

    Ihre Transkription so bald wie möglich zu schicken; ich bin wirklich begierig den „Motivenbericht“ zu Ihrem Verbesserungs-Antrag kennen zu lernen.

    Ferner muss ich Ihnen sehr danken für Ihren in Anbetracht Ihrer berechtigten Verstimmung wirklich großherzigen Antrag, das eine Stück und Ihre Paraphrase davon abzudrucken. Aber da sind frische Schwierigkeiten, dass ich wirklich nicht weiß, ob wir uns werden einigen können. Zunächst, wie materiell, müsste der Abdruck so geschehen, dass dasmein Recht das Stück nochmal heraus zu geben, nicht tangierte, weil mir sonst ein Opus zerrissen würde. Dazu hätte ich außerdem die Zustimmung meines Verlegers nötig, die ich ja allerdings leicht bekommen könnte. Dann bedrückt es mich, das ganze Honorar anzunehmen, wo ja Ihre Bearbeitung ebenfalls Anspruch geltend machen sollte.

    Aber das Wichtigste und Entscheidendste für mich ist doch die künstlerische Frage

    Faksmilie, Seite 3Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin


    dabei. Und ob wir da einen Ausfweg fin=
    den werden….?..?

    Sie müssen doch sich folgendes vorstellen:
    Ich kann doch unmöglich mein Stück herausgeben
    und daneben eine Bearbeitung, die zeigt wie
    ich es hätte besser machen sollen. Die also zeigt,
    daß meine Komposition unvollkommen ist.
    Und ich kann doch unmöglich, derjenigen Öffent=
    lichkeit, der ich den Glauben beibringen
    will, mein Stück sei gut, gleichzeitig zeigen
    daß es schlecht ist.


    Ich dürfte das – aus Selbsterhaltungstrieb –
    nicht einmal, wenn ich es selbst glaubte.
    In diesem Fall muss ich mein Stück ent=
    weder vernichten, oder es selbst umarbeiten.

    Nun aber – Sie verzeihen meine rückhaltslose Offenheit, wo ich Ihnen die
    Ihre nicht übelnehme – ich glaube es absolut
    nicht. Ich bin fest überzeugt, dass Sie diesem
    Stücken Unrecht thun. Ich bin fest überzeugt, daß
    Sie denselben Fehler begehen, den jeder phantasie=
    volle
    Kritiker begeht: Sie wollen nicht sich
    auf den Standpunkt des Autors stellen, sondern3

    dabei. Und ob wir da einen Ausweg finden werden….?..?

    Sie müssen sich folgendes vorstellen: Ich kann doch unmöglich mein Stück herausgeben und daneben eine Bearbeitung, die zeigt wie ich es hätte besser machen sollen. Die also zeigt, dass meine Komposition unvollkommen ist. Und ich kann doch unmöglich, derjenigen Öffentlichkeit, der ich den Glauben beibringen will, mein Stück sei gut, gleichzeitig zeigen dass es schlecht ist.

    Ich dürfte das – aus Selbsterhaltungstrieb – nicht einmal, wenn ich es selbst glaubte. In diesem Fall muss ich mein Stück entweder vernichten, oder es selbst umarbeiten.

    Nun aber – Sie verzeihen meine rückhaltslose Offenheit, wo ich Ihnen die Ihre nicht übelnehme – ich glaube es absolut nicht. Ich bin fest überzeugt, dass Sie diesem Stücken Unrecht tun. Ich bin fest überzeugt, dass Sie denselben Fehler begehen, den jeder phantasievolle Kritiker begeht: Sie wollen nicht sich auf den Standpunkt des Autors stellen, sondern

    Faksmilie, Seite 4Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin


    wollen im Werke eines andern sich selbst, durchaus
    sich selbst finden. Und das geht eben nicht. Es giebt
    keine Kunst, die ganz der Eine ist der sie geschaffen
    und gleichzeitig ganz der Andre der sie genießt. Einer
    muß nachgeben und ich glaube, es muß das der
    Genießer sein.

    Und Ihre Motivierung scheint mir auch
    ganz unrichtig, wenn Sie meinen daß ich, unnützer=
    weise auf schon Errungenes Verzicht leistend
    anders aber nicht reicher werde.

    Ich glaube nicht an den neuen Wein, den
    man in alte Schläuche füllt. Ich habe in der
    Kunstgeschichte die entgegengesetzte Beobachtung
    gemacht:

    Die kontrapunktische Kunst Bachs ist verloren,
    wenn Beethovens melodische Homophonie beginnt,
    die Formenkunst Beethovens wird verlassen,
    wenn Wagners Ausdrucks=Kunst beginnt.

    Die Einhheit der Zeichnung, die Reichheit des Colorits, die frühere Durcharbeitung jedes
    Details, das sorgfältige Herausmodellieren,
    das Untermalen und das Lasurieren, das
    Konmponieren im Raum und alles Andre
    was die ältere Malkunst ausmacht hört einfach4

    wollen im Werke eines andern sich selbst, durchaus sich selbst finden. Und das geht eben nicht. Es gibt keine Kunst, die ganz der Eine ist, der sie geschaffen und gleichzeitig ganz der Andere, der sie genießt. Einer muss nachgeben, und ich glaube, es muss das der Genießer sein.

    Und Ihre Motivierung scheint mir auch ganz unrichtig, wenn Sie meinen, dass ich, unnützerweise auf schon Errungenes Verzicht leistend anders, aber nicht reicher werde.

    Ich glaube nicht an den neuen Wein, den man in alte Schläuche füllt. Ich habe in der Kunstgeschichte die entgegengesetzte Beobachtung gemacht:

    Die kontrapunktische Kunst Bachs ist verloren, wenn Beethovens melodische Homophonie beginnt, die Formenkunst Beethovens wird verlassen, wenn Wagners Ausdrucks=Kunst beginnt.

    Die Einhheit der Zeichnung, die Reichheit des Kolorits, die frühere Durcharbeitung jedes Details, das sorgfältige Herausmodellieren, das Untermalen und das Lasurieren, das Konmponieren im Raum und alles Andere, was die ältere Malkunst ausmacht, hört einfach

    Faksmilie, Seite 5Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    auf wenn die Impressionisten anfangen
    die Dinge so zu malen, wie sie scheinen
    und nicht so wie sie sind.

    Jawohl, wenn eine neue Kunst neue
    Ausdrucksmittel sucht und findet, dann
    geht zumindest immer fast alles schon Errun=
    gene zum Teufel: scheinbar wenigstens;
    denn ich in der Tat ist es doch drin; aber
    auf eine Aandre Art.xxxxxxxxx
    (das auseinanderzusetzen würde zu weit=
    führen)

    Und nun: Ich muß sagen, ich habe eigent=
    lich auf mehr verzichtet, als auf einen Klavier=
    klang, als ich begann meiner Natur ganz
    zu folgen und solche Musik zu schreiben.
    Ich finde, wenn man verzichtet auf eine
    Formenkunst, eine Architektur der Ober=
    stimme, eine Kunst der motivischen Polyphonie
    von einer Höhe desr Könnens Vollendung, wie sie in
    den letzten Jahrzehnten von Brahms, Wagner
    und anderen auch Modernen erreicht wurde – dann
    kommt Einem das bißchen Klavierklang
    sogar als recht wenig vor. Und ich behaupte:
    5

    auf, wenn die Impressionisten anfangen die Dinge so zu malen, wie sie scheinen und nicht so, wie sie sind.

    Jawohl, wenn eine neue Kunst neue Ausdrucksmittel sucht und findet, dann geht zumindest immer fast alles schon Errungene zum Teufel: scheinbar wenigstens; denn in der Tat ist es doch drin; aber auf eine andre Art (das auseinanderzusetzen würde zu weitführen).

    Und nun: Ich muss sagen, ich habe eigentlich auf mehr verzichtet, als auf einen Klavierklang, als ich begann, meiner Natur ganz zu folgen und solche Musik zu schreiben. Ich finde, wenn man verzichtet auf eine Formenkunst, eine Architektur der Oberstimme, eine Kunst der motivischen Polyphonie von einer Höhe der Vollendung, wie sie in den letzten Jahrzehnten von Brahms, Wagner und anderen auch Modernen erreicht wurde – dann kommt Einem das bisschen Klavierklang sogar als recht wenig vor. Und ich behaupte:

    Faksmilie, Seite 6Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Man muß die geheimnisvollen Wunder
    unser tonalen Harmonik, ihre unerhört
    ausgewogenen architektonischen Werte und
    Ihre Kabbalistischen mathematischen so begriffen
    und bewundert, angestaunt haben, wie ich
    um, wenn man auf Ssie Verzicht leistet
    zu fühlen, daß man ihrer nicht mehr bedürfed,
    anderen Mitteln gebietet: dagegen erscheinen
    klangliche Fragen, deren Reiz kaum im
    selbem Maße der Ewigkeit angehörten,
    als Kleinigkeiten.

    Trotzdem aber stehe ich auch in dieser
    Frage auf einem Standpunkt, der es ab=
    solut nicht nötig hat für den eines
    Verzichtenden, Verlierenden angesehen
    zu werden. Sähen Sie meine neuen
    Orchestersachen, so könnten Sie auch an
    denen sehenbemerken, wie ich mich deutlich abwende
    von dem vollen „Götter- und Uebermenschen-
    Klang“ des Wagnerschen Orchesters. Wie alles
    zarter dünner wird. Wie gebrochene
    Farbentöne stehen, wo sonst helle, leuchtende6

    Man muss die geheimnisvollen Wunder unser tonalen Harmonik, ihre unerhört ausgewogenen architektonischen Werte und Ihre kabbalistischen mathematischen so begriffen und bewundert, angestaunt haben, wie ich um, wenn man auf sie Verzicht leistet zu fühlen, dass man ihrer nicht mehr bedürfed, anderen Mitteln gebietet: dagegen erscheinen klangliche Fragen, deren Reiz kaum im selbem Maße der Ewigkeit angehört, als Kleinigkeiten.

    Trotzdem aber stehe ich auch in dieser Frage auf einem Standpunkt, der es absolut nicht nötig hat, für den eines Verzichtenden, Verlierenden angesehen zu werden. Sähen Sie meine neuen Orchestersachen, so könnten Sie auch an denen bemerken, wie ich mich deutlich abwende von dem vollen „Götter- und Übermenschen- Klang“ des Wagnerschen Orchesters. Wie alles zarter dünner wird. Wie gebrochene Farbentöne stehen, wo sonst helle, leuchtende

    Faksmilie, Seite 7Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Mus.Nachl. F. Busoni B II,4550
    waren. Wie meine ganze Orchestertechnik
    einen Weg geht, der geradezu das Gegentheil
    von dem zu werden scheint, der vorher be=
    schritten wurde. Das ist, finde ich, die
    natürliche Reaktion. Wir haben die
    vollen, Klweichen Klänge Wagners,
    satt, zum Ueberdruß-: „Nun laßt uns
    andere Töne anstimmen …“

    Und nun kommt dazu, daß ich
    (ich muß das wiederholen) mich für berechtigt
    halte zu glauben, mein Claviersatz,
    brächte Neues. So belehrt mich nicht
    nur meine Empfindung. Auch Urtheile
    von Freunden und Schülern drücken
    das aus, die meinen das mein Klaviersatz klanglich absolut Neues bringe.

    Die Sache steht also für mich so:
    Ich glaube mein Klaviersatz ist nicht
    das Ergebnis eines Unvermögens, sondern der Ausdruck eines festen Willens, bestimmter
    Neigungen, greifbar deutlicher Empfindungen.
    Was er nicht thut, ist nicht: was
    er nicht kann sondern, was er nicht will.

    7

    waren. Wie meine ganze Orchestertechnik einen Weg geht, der geradezu das Gegenteil von dem zu werden scheint, der vorher beschritten wurde. Das ist, finde ich, die natürliche Reaktion. Wir haben die vollen, weichen Klänge Wagners, satt, zum Überdruss-: „Nun lasst uns andere Töne anstimmen …“

    Und nun kommt dazu, dass ich (ich muss das wiederholen) mich für berechtigt halte zu glauben, mein Klaviersatz, brächte Neues. So belehrt mich nicht nur meine Empfindung. Auch Urteile von Freunden und Schülern drücken das aus, die meinen, dass mein Klaviersatz klanglich absolut Neues bringe.

    Die Sache steht also für mich so: Ich glaube mein Klaviersatz ist nicht das Ergebnis eines Unvermögens, sondern der Ausdruck eines festen Willens, bestimmter Neigungen, greifbar deutlicher Empfindungen. Was er nicht tut, ist nicht: was er nicht kann sondern, was er nicht will.

    Faksmilie, Seite 8Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Was er thut: ist nicht was auch besseranders geschehen
    könnte, sondern was er thun muß.
    Er hat also Eigenart, Stil und ist
    organisch. —

    EinTranskription dagegen erweckt
    in mir die Befürchtung, daß Sie entweder
    hineinträgt, was ich grundsätzlich, oder
    meinen Neigungen folgend vermeide;

    hinzugefügt, was ich – in den Grenzen meiner
    Persönlichkeit – nie hätte finden können, was
    nun also fremd, oder unerreichbar ist;

    ausläßt, was mir nothwendig scheint,
    verbessert, worin ich unvollkommen
    bin und unvollkommen bleiben muß.
    Eine Transkription thut mir also unbe=
    dingt Gewalt an: Ob Sie meinem Werk
    nun nützt oder schadet.

    Sie schreiben auch über Transkription
    in Ihrer Broschüre, die mir außerordentlich
    gefällt und die wirklich beweist, wie dieselben
    Ideen in derselben Zeit, gleichzeitig in ver=
    schiedenen Köpfen auftauchen. Ich bin insbe8

    Was er tut: ist nicht was auch anders geschehen könnte, sondern was er tun muss. Er hat also Eigenart, Stil und ist organisch. —

    EineTranskription dagegen erweckt in mir die Befürchtung, dass Sie entweder hineinträgt, was ich grundsätzlich, oder meinen Neigungen folgend vermeide;

    hinzugefügt, was ich – in den Grenzen meiner Persönlichkeit – nie hätte finden können, was nun also fremd, oder unerreichbar ist;

    auslässt, was mir notwendig scheint, verbessert, worin ich unvollkommen bin und unvollkommen bleiben muss. Eine Transkription tut mir also unbedingt Gewalt an: Ob sie meinem Werk nun nützt oder schadet.

    Sie schreiben auch über Transkription in Ihrer Broschüre, die mir außerordentlich gefällt und die wirklich beweist, wie dieselben Ideen in derselben Zeit, gleichzeitig in verschiedenen Köpfen auftauchen. Ich bin insbe

    Faksmilie, Seite 9Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    sondere mit Ihrer Konstatierung sehr einver=
    standen, daß schon jede Notation überhaupt
    Transkription ist. Ich habe schon vor Jahren
    ähnlich argumentiert, als die Öffentlichkeit
    Mahler angriff, wegen seiner Instrumen=
    tations- Aenderungen bei Beethoven.

    Aber das ist doch auch noch eine andere
    Sache: Ob man Beethovens zweifellos veraltete Instrumenten=
    behandlung und Instrumentation verbessert
    auf Grundlage zweifellos besserer neuerer
    Instrumentations-Erfahrungen, und ob man meinen Klavierstyl verbessert
    durch ältere Technik oder eine deren bessere Geeignetheit zumindest heute noch nicht so absolut festgestellt ist, so über jeden Zweifel
    erhaben ist.

    Ich kann das wohl, da ich ja Ihre
    Transkription noch nicht kenne, gegen=
    wärtig sagen, ohne daß sie es als eine
    allzustarke Kritik ansehen dürfen.
    Denn Ihre Bearbeitung kann mich ja9

    sondere mit Ihrer Konstatierung sehr einverstanden, dass schon jede Notation überhaupt Transkription ist. Ich habe schon vor Jahren ähnlich argumentiert, als die Öffentlichkeit Mahler angriff, wegen seiner Instrumentations- Änderungen bei Beethoven.

    Aber das ist doch auch noch eine andere Sache: Ob man Beethovens zweifellos veraltete Instrumentenbehandlung und Instrumentation verbessert auf Grund zweifellos besserer neuerer Instrumentations-Erfahrungen, und ob man meinen Klavierstil verbessert durch ältere Technik oder eine deren bessere Geeignetheit zumindest heute noch nicht so absolut festgestellt ist, so über jeden Zweifel erhaben ist.

    Ich kann das wohl, da ich ja Ihre Transkription noch nicht kenne, gegenwärtig sagen, ohne dass sie es als eine allzustarke Kritik ansehen dürfen. Denn Ihre Bearbeitung kann mich ja

    Faksmilie, Seite 10Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin


    noch immer eines Anderen belehren. Aber
    auch abgesehen davon, bin ich sicher, daß
    Sie mir die Schärfe nicht übelnehmen,
    bin dessen sicher, weil sie ja sonst selbst wohl
    nicht so scharf und hart über meine Werke
    urteilten.

    Und nun finde ich doch etwas, das mir
    als Einwand gegen Sie geeignet scheint.
    Halten Sie denn wirklich so unendlich
    viel von der Vollkommenheit? Halten
    Sie denn wirklich diese für erreichbar? Meinen
    Sie denn wirklich, daß Kunstwerke vollkommen
    sind oder sein müssen?

    Ich finde das nicht. Ich finde sogar
    Gottes Kunstwerke, die der Natur
    höchst unvollkommen.

    Aber für vollkommen finde ich
    nur die Werke der Drechsler, Gärtner,
    Zuckerbäcker und Friseure. Nur die
    haben jene Glätte, jenes Ebenmaß, das
    ich sooft zum Teufel gewünscht habe. Nur
    sie genügen so allen Anforderungen, die10

    noch immer eines Anderen belehren. Aber auch abgesehen davon, bin ich sicher, dass Sie mir die Schärfe nicht übelnehmen, bin dessen sicher, weil sie ja sonst selbst wohl nicht so scharf und hart über meine Werke urteilten.

    Und nun finde ich doch etwas, das mir als Einwand gegen Sie geeignet scheint. Halten Sie denn wirklich so unendlich viel von der Vollkommenheit? Halten Sie denn wirklich diese für erreichbar? Meinen Sie denn wirklich, dass Kunstwerke vollkommen sind oder sein müssen?

    Ich finde das nicht. Ich finde sogar Gottes Kunstwerke, die der Natur höchst unvollkommen.

    Aber für vollkommen finde ich nur die Werke der Drechsler, Gärtner, Zuckerbäcker und Friseure. Nur die haben jene Glätte, jenes Ebenmaß, das ich sooft zum Teufel gewünscht habe. Nur sie genügen so allen Anforderungen, die

    Faksmilie, Seite 11Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    man an sie stellen kann und sonst nichts
    Menschliches, Gottähnliches auf der Welt.

    Und wenn:
    Notation = Transkription = Unvollkommenheit

    so ist doch auch:
    Transkription = Notation = Unvollkom̅enheit.
    Denn wenn a = b und b = c so ist auch
    a = c.

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)

    Wozu also die eine Unvollkommenheit
    durch die andere ersetzen.

    Wozu […]jene eliminieren die - vielleicht
    ihrenden Reiz eines Werkes ausmacht, und diese dafür
    substituieren, die ihm einen ihm fremden
    giebt.

    Gehörten nicht zum Eigenthümlichen
    einer Persönlichkeit auch deren Fehler
    dazu? Wirken diese, wenn schon nicht
    als schön, so doch wenigstens als Kontraste,
    als die Grundfarbe, von der sich die
    anderen Farben deutlich abheben?

    Ich habe oft daran gedacht, daß man
    Schumanns Symphonien (den Sie wie ich meine
    sehr unterschätzen und den ich heute weit über11

    man an sie stellen kann und sonst nichts Menschliches, Gottähnliches auf der Welt.

    Und wenn: Notation = Transkription = Unvollkommenheit

    so ist doch auch: Transkription = Notation = Unvollkommenheit. Denn wenn a = b und b = c so ist auch a = c.

    Wozu also die eine Unvollkommenheit durch die andere ersetzen.

    Wozu jene eliminieren, die - vielleicht den Reiz eines Werkes ausmacht, und diese dafür substituieren, die ihm einen ihm fremden gibt.

    Gehörten nicht zum Eigentümlichen einer Persönlichkeit auch deren Fehler dazu? Wirken diese, wenn schon nicht als schön, so doch wenigstens als Kontraste, als die Grundfarbe, von der sich die anderen Farben deutlich abheben?

    Ich habe oft daran gedacht, dass man Schumanns Symphonien (den Sie wie ich meine sehr unterschätzen und den ich heute weit über

    Faksmilie, Seite 12Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Brahms stelle) auf die Beine helfen sollte
    indem man ihre Instrumentation verbesserte.
    Ich war mir auch um alles Theoretische daran ganz
    klar. Heuer im Sommer habe ich mich ein
    wenig selbst damit befaßt und – habe
    den Mut dazu verloren. Denn ich sehe zu
    genau, daß stets mit dem was […] mißlungen
    ist, etwas sehr Eigenartiges gemeint war
    und ich habe nicht den Mut einen nicht ganz
    zur […]Wirklichkeit gelangenden interessanten
    Einfall durch einen „sicheren" Klang zu
    ersetzen. Und mehr kann die Phantasie
    eines Anderen an einem wirklichen Kunstwerk nicht leisten! —

    Rein technisch = musikalisch möchte ich
    Sie nun nur noch fragen, ob Sie nicht
    vielleicht ein zu langsames Tempo genom̅en
    haben. Das könnte ja viel ausmachen. Oder
    zu wenig rubato. Ich bleibe niemals im
    Takt! niemals im Tempo! —

    Ihr „Entwurf einer neuen Aesthetik der
    Tonkunst
    " gefällt mir vor allem durch seine
    Kühnheit außerordentlich. Insbesondere im An12

    Brahms stelle) auf die Beine helfen sollte, indem man ihre Instrumentation verbesserte. Ich war mir auch um alles Theoretische daran ganz klar. Heuer im Sommer habe ich mich ein wenig selbst damit befasst und – habe den Mut dazu verloren. Denn ich sehe zu genau, dass stets mit dem was misslungen ist, etwas sehr Eigenartiges gemeint war und ich habe nicht den Mut, einen nicht ganz zur Wirklichkeit gelangenden interessanten Einfall durch einen „sicheren" Klang zu ersetzen. Und mehr kann die Phantasie eines Anderen an einem wirklichen Kunstwerk nicht leisten! —

    Rein technisch = musikalisch möchte ich Sie nun nur noch fragen, ob Sie nicht vielleicht ein zu langsames Tempo genommen haben. Das könnte ja viel ausmachen. Oder zu wenig rubato. Ich bleibe niemals im Takt! Niemals im Tempo! —

    Ihr „Entwurf einer neuen Aesthetik der Tonkunst" gefällt mir vor allem durch seine Kühnheit außerordentlich. Insbesondere im An

    Faksmilie, Seite 13Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    [4] fange stehen da ein paar kräftige Sätze,
    von zwingender Logik und hervorragender Schärfe
    der Beobachtung. Ueber Ihre Ideen mit
    den Dritteltönen habe ich, allerdings auf
    andere Weise auch schon viel nachgedacht. Ich
    dachte aber mehr an Vierteltöne, sind bin aber […]jetzt
    der Ansicht, daß diese Sache auf einem anderen
    Wege, als auf dem der Konstruktion, kommen
    wird. Ueberdies hat ein Schüler von mir
    auf meine Anregung hin ausgerechnet, daß
    die nächste Theilung der Oktave die ähnliche
    Verhältnisse haben würde wie unsere 12theilige
    53tel=Töne einführen müßte. Wenn Sie
    nun 18 Drittel=Töne annähmen, käme
    das dem einigermaßen nahe denn 3 x 18 = 54.
    Da entfielen dann allerdings die Halb=
    töne ganz .

    Für die Vierteltöne hatte ich mir seiner=
    zeit folgende Notation erdacht:


    Vierteltonbezeichnung mit mathematischen, von den eigentlichen Notenköpfen ausgefüllten Größer-als- bzw. Kleiner-als-Zeichen.
    < und > Zeichen
    aus der Mathematik
    13

    fange stehen da ein paar kräftige Sätze, von zwingender Logik und hervorragender Schärfe der Beobachtung. Über Ihre Ideen mit den Dritteltönen habe ich, allerdings auf andere Weise auch schon viel nachgedacht. Ich dachte aber mehr an Vierteltöne, bin aber jetzt der Ansicht, dass diese Sache auf einem anderen Wege, als auf dem der Konstruktion, kommen wird. Überdies hat ein Schüler von mir auf meine Anregung hin ausgerechnet, dass die nächste Teilung der Oktave, die ähnliche Verhältnisse haben würde wie unsere zwölfteilige, 53tel=Töne einführen müsste. Wenn Sie nun 18 Dritteltöne annähmen, käme das dem einigermaßen nahe, denn 3 x 18 = 54. Da entfielen dann allerdings die Halbtöne ganz .

    Für die Vierteltöne hatte ich mir seinerzeit folgende Notation erdacht:

    Vierteltonbezeichnung mit mathematischen, von den eigentlichen Notenköpfen ausgefüllten Größer-als- bzw. Kleiner-als-Zeichen.
    < und > Zeichen aus der Mathematik
    Faksmilie, Seite 14Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Ich glaube aber, daß derartige Notierungs=
    versuche kaum werden durchdringen; denn
    ich hoffe mit viel Zuversicht, daß unsere
    zukünftige Notenschrift eine – wie soll
    ich sagen: „drahtlosere" sein wird.

    Auch über die Tonarten bin ich anderer
    Meinung – das bezeugt ja meine Musik.
    Ich glaube: alles das was man mit 113 Tonarten
    machen kann, könnte man auch mit 2 oder 3
    oder 4: Dur = Moll, Ganzton, und Chromatische.
    Jedenfalls bin ich seit langem dahinter her
    die Fesseln der Tonarten ganz abzustreifen.
    Und meine Harmonik kennt keine an Tonarten
    erinnernden Akkorde oder Melodien mehr.

    Nun zur Beantwortung Ihrer Fragen.

    Wieweit ich diese Absichten verwirkliche?
    Nicht so weit als ich gerne möchte. Ganz
    genügt mir noch kein Stück. Ich möchte noch
    bunter werden an Motiven und melodieun=
    ähnlichen Gestaltungen; ich möchte noch freier
    und ungezwungener sein im Rhythmus, in den14

    Ich glaube aber, dass derartige Notierungsversuche kaum werden durchdringen; denn ich hoffe mit viel Zuversicht, dass unsere zukünftige Notenschrift eine – wie soll ich sagen: „drahtlosere" sein wird.

    Auch über die Tonarten bin ich anderer Meinung – das bezeugt ja meine Musik. Ich glaube: Alles das, was man mit 113 Tonarten machen kann, könnte man auch mit 2 oder 3 oder 4: Dur = Moll, Ganzton und Chromatische. Jedenfalls bin ich seit langem dahinter her die Fesseln der Tonarten ganz abzustreifen. Und meine Harmonik kennt keine an Tonarten erinnernden Akkorde oder Melodien mehr.

    Nun zur Beantwortung Ihrer Fragen.

    Wieweit ich diese Absichten verwirkliche? Nicht so weit, als ich gerne möchte. Ganz genügt mir noch kein Stück. Ich möchte noch bunter werden an Motiven und melodieunähnlichen Gestaltungen; ich möchte noch freier und ungezwungener sein im Rhythmus, in den

    Faksmilie, Seite 15Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Taktarten freier von Motivwiederholungen
    und melodie-artigem Fortspinnen eines
    Gedankens. Das schwebt mir vor: so phanta=
    siere ich Musik, bevor […] ich sie notiere =
    transkribiere. Und dazu kann ich mich
    nicht zwingen; da muß ich warten bis
    mir ein Stück ganz von selbst so gelingt,
    wie es mir vorschwebt .

    Und damit bin ich auch zur Beantwortung
    Ihrer anderen Frage gelangt: wieviel Absichtliches
    und wieviel Empfundenes dabei sei.

    Meine einzige Absicht ist:

    keine Absicht zu haben!

    Keine formelle, keine architektonische,
    keine sonstige artistische, (als etwa die
    Stimmung eines Gedichtes zu treffen)
    keine ästhetische – überhaupt keine;
    oder höchstens die:

    dem Strom meiner unbewußten
    Empfindungen nichts Hemmendes in den
    Weg zu legen. Nichts da hinein geraten
    zu lassen, was durch die Intelligenz oder15

    Taktarten freier von Motivwiederholungen und melodieartigem Fortspinnen eines Gedankens. Das schwebt mir vor: so phantasiere ich Musik, bevor ich sie notiere = transkribiere. Und dazu kann ich mich nicht zwingen; da muss ich warten, bis mir ein Stück ganz von selbst so gelingt, wie es mir vorschwebt .

    Und damit bin ich auch zur Beantwortung Ihrer anderen Frage gelangt: wie viel Absichtliches und wie viel Empfundenes dabei sei.

    Meine einzige Absicht ist:

    keine Absicht zu haben!

    Keine formelle, keine architektonische, keine sonstige artistische, (als etwa die Stimmung eines Gedichtes zu treffen) keine ästhetische – überhaupt keine; oder höchstens die:

    dem Strom meiner unbewussten Empfindungen nichts Hemmendes in den Weg zu legen. Nichts da hinein geraten zu lassen, was durch die Intelligenz oder

    Faksmilie, Seite 16Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    durch das Bewußtsein hervorgerufen ist.

    Kennten Sie meine Entwicklung,
    so würden Sie amn dem nicht zweifeln.
    Aber ich habe mich ja auch auf diese Frage
    gefaßt gemacht und so kann ich sie
    beantworten. Ich habe gewußt, daß man
    an der Natürlichkeit meiner Absichten zweifeln
    wird, eben weil sie natürlich sind.
    Daß man sie construiert finden f wird,
    eben weil ich alles Konstruktions=Mäßige vermeide.

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)

    Aber, wenn man sieht, wie ich mich
    stufenweise entwickelt habe, wie ich
    längst einer Ausdrucksform nahe war
    zu der ich mich heute klar und rückhalts=
    los bekenne, wird man verstehen, daß da
    nichts Unorganisches, […] nichts „Verschmockt=
    Asthetisches" vor sich geht, sondern daß ein
    Müssen dieses Resultat hervorgebracht hat.

    Daß ich mir heute darüber auch theoretisch
    ziemlich klar bin, kann mir nur der
    Uebel nehmen, der sich den unbewußt16

    durch das Bewusstsein hervorgerufen ist.

    Kennten Sie meine Entwicklung, so würden Sie an dem nicht zweifeln. Aber ich habe mich ja auch auf diese Frage gefasst gemacht und so kann ich sie beantworten. Ich habe gewusst, dass man an der Natürlichkeit meiner Absichten zweifeln wird, eben weil sie natürlich sind. Dass man sie konstruiert finden wird, eben weil ich alles Konstruktionsmäßige vermeide.

    Aber, wenn man sieht, wie ich mich stufenweise entwickelt habe, wie ich längst einer Ausdrucksform nahe war zu der ich mich heute klar und rückhaltlos bekenne, wird man verstehen, dass da nichts Unorganisches, nichts „Verschmockt= Ästhetisches" vor sich geht, sondern dass ein Müssen dieses Resultat hervorgebracht hat.

    Dass ich mir heute darüber auch theoretisch ziemlich klar bin, kann mir nur der Übel nehmen, der sich den unbewusst

    Faksmilie, Seite 17Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    [5] schaffenden Künstler nur als eine Art
    Halb=Kretin vorstellen kann; und
    der sich keinen Begriff davon macht, daß
    nach dem unbewußt = geschaffenen die
    Zeit des ruhigen klaren Schaffens kommt
    in der man sich Rechenschaft giebt über
    seine Zustände.

    Was das dritte Stück anbelangt, das
    Ihnen, wie mich Ihre herbe Kritik vermuten
    läßt, gar nicht gefällt, so
    meine ich daß es schon wesentlich über das
    hinaus geht, was den beiden anderen gelingt.
    Mindestens was die früher erwähnte Bunt=
    heit anbelangt. Aber auch im „Harmonischen"
    – wenn man hier so architektonisch reden
    darf – scheint mir manches anders darin.
    Insbesondere: manches dünnere, zweistim̅igere.
    Aber ich halte es auch für ungerecht zu ver=
    langen, daß man in 3 Kleinen Klavier=
    stücken
    die Musik dreimal auf ver=
    schiedene
    Arten revolutioniert. Schiene17

    schaffenden Künstler nur als eine Art Halbkretin vorstellen kann; und der sich keinen Begriff davon macht, dass nach dem unbewusst Geschaffenen die Zeit des ruhigen klaren Schaffens kommt, in der man sich Rechenschaft gibt über seine Zustände.

    Was das dritte Stück anbelangt, das Ihnen, wie mich Ihre herbe Kritik vermuten lässt, gar nicht gefällt, so meine ich dass es schon wesentlich über das hinaus geht, was den beiden anderen gelingt. Mindestens was die früher erwähnte Buntheit anbelangt. Aber auch im „Harmonischen" – wenn man hier so architektonisch reden darf – scheint mir manches anders darin. Insbesondere: manches dünnere, zweistimmigere. Aber ich halte es auch für ungerecht zu verlangen, dass man in drei kleinen Klavierstücken die Musik dreimal auf verschiedene Arten revolutioniert. Schiene

    Faksmilie, Seite 18Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    es nicht berechtigt, wenn man sich so weit außer=
    halb des Herkömmlichen gestellt hat, nun
    einen Augenblick zu verschnaufen, neue
    Kräfte zu sammeln, ehe man weiter stürmt?
    Und ist es nicht unrecht das Lakonische als
    Maniriertheit zu bezeichnen? Ist das Architektonische
    nicht ebenso Manier, wie das Pointilistische
    und das Impressionistische? Oder ist es ein
    Fehler […] nicht lang zu werden, wenn
    man mit kurz vollkommen auskommt?
    Muß denn gebaut werden? Ist die Musik
    denn eine Sparkasse? Wird es unbedingt
    mehr, wenn es länger ist?

    Sollte das ein Fehler sein, daß
    ich dort so kurz bin, dann macht dieser
    Brief ihn wett! Aber es gab da doch
    einige Dinge, die ich sagen wollte –
    daß ich es nicht kürzer konnte liegt
    wohl an meiner technischen Unbeholfen=
    heit.

    Und nun zum Schluß: Ich hoffe18

    es nicht berechtigt, wenn man sich so weit außerhalb des Herkömmlichen gestellt hat, nun einen Augenblick zu verschnaufen, neue Kräfte zu sammeln, ehe man weiter stürmt? Und ist es nicht Unrecht das Lakonische als Maniriertheit zu bezeichnen? Ist das Architektonische nicht ebenso Manier, wie das Pointilistische und das Impressionistische? Oder ist es ein Fehler nicht lang zu werden, wenn man mit kurz vollkommen auskommt? Muss denn gebaut werden? Ist die Musik denn eine Sparkasse? Wird es unbedingt mehr, wenn es länger ist?

    Sollte das ein Fehler sein, dass ich dort so kurz bin, dann macht dieser Brief ihn wett! Aber es gab da doch einige Dinge, die ich sagen wollte – dass ich es nicht kürzer konnte, liegt wohl an meiner technischen Unbeholfenheit.

    Und nun zum Schluss: Ich hoffe

    Faksmilie, Seite 19Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    Sie sind mir nicht bös über meine Offenheit
    und bewahren mir Ihr Interesse.

    Vielleicht finden Sie einen Ausweg,
    eine Erklärung, die es mir möglich
    macht mein Stück, in Ihren Heften zu
    veröffentlichen

    Oder aber: Vielleicht bringen Sie alle
    drei und die Paraphrase, mit einer
    Erklärung ein ander mal??

    Jedenfalls hoffe ich Ihr Wolwollen
    nicht zu verlieren, wenn ich Sie nun
    auch bitte mir mitzuteilen, ob Sie
    die Stücke auch spielen wollen. Denn
    daran liegt mir selbstverständlich auch
    enorm viel .

    Noch etwas Eigentümliches zum Schluß:
    Ehe ich diese Klavierstücke komponiert
    hatte, wollte ich mich an Sie wenden
    – ich kannte Ihre Vorliebe zu Transkriptionen –
    mit der Frage, ob Sie nicht eines meiner
    Kammer- oder Orchesterwerke als Trans19

    Sie sind mir nicht bös über meine Offenheit und bewahren mir Ihr Interesse.

    Vielleicht finden Sie einen Ausweg, eine Erklärung, die es mir möglich macht mein Stück, in Ihren Heften zu veröffentlichen

    Oder aber: Vielleicht bringen Sie alle drei und die Paraphrase, mit einer Erklärung ein andermal??

    Jedenfalls hoffe ich Ihr Wohlwollen nicht zu verlieren, wenn ich Sie nun auch bitte mir mitzuteilen, ob Sie die Stücke auch spielen wollen. Denn daran liegt mir selbstverständlich auch enorm viel .

    Noch etwas Eigentümliches zum Schluss: Ehe ich diese Klavierstücke komponiert hatte, wollte ich mich an Sie wenden – ich kannte Ihre Vorliebe zu Transkriptionen – mit der Frage, ob Sie nicht eines meiner Kammer- oder Orchesterwerke als Trans

    Faksmilie, Seite 20Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin

    kription für Klavier allein, in Ihre Konzerte
    aufnehmen wollten.

    Eigentümlich: Nun treffen wir wieder
    bei einer Transkription zusammen!

    War das eine von mir mißverstande Nachricht
    meines unbewußten Ahnungsvermögens,
    die mich an Sie im Zusammenhang
    mit einer Transkription denken hieß.

    Das fiel mir neulich erst ein!

    Ich hoffe bald eine freundliche Ant=
    wort zu erhalten und empfehle mich bis
    dahin mit vollster Hochachtung und
    Wertschätzung Ihr ergebener

    Arnold Schönberg

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)
    Nachlaß Busoni
    20

    kription für Klavier allein, in Ihre Konzerte aufnehmen wollten.

    Eigentümlich: Nun treffen wir wieder bei einer Transkription zusammen!

    War das eine von mir missverstandene Nachricht meines unbewussten Ahnungsvermögens, die mich an Sie im Zusammenhang mit einer Transkription denken hieß.

    Das fiel mir neulich erst ein!

    Ich hoffe bald eine freundliche Antwort zu erhalten und empfehle mich bis dahin mit vollster Hochachtung und Wertschätzung Ihr ergebener

    Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 21Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    (Steinakirchen am Forst) 24. VIII 09-4
    (Steinakirchen am Forst) 24. VIII 09-4
    Herrn
    Ferruccio Busoni
    Berlin W30
    Viktoria Luise=Platz 11.
    Herrn
    Ferruccio Busoni
    Berlin W30 Viktoria Luise-Platz 11.
    Faksmilie, Seite 22Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Absender:
    Mus.ep. A. Schönberg 11
    Busoni-Nachl.
    B II
    Mus.Nachl. F. Busoni B II,4550-Beil
    Absender: