Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Zehlendorf, 22. Januar 1912

Stand: 8. Dezember 2015 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE

Quelle

Entstehung

  • Datierung in der Quelle: 22. Januar 1912 (autograph)

Umfang

1 Blatt , 1 Bogen, 3 beschriebene Seiten

Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II,4559 | Mus.ep. A. Schönberg 20 (Busoni-Nachl. B II) | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Adressstempel des Absenders Arnold Schönberg, mit violetter Tinte
    • Hand des Archivars, der die Foliierung in Bleistift vorgenommen hat.
    • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
    • nicht identifizierte Handschrift, die auf dem Umschlag den Namen Schönberg vermerkt hat

    Foliierungen

    • Foliierung in Bleistift unten rechts der jeweiligen Vorderseiten durch das Archiv.

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Schönberg berichtet, dass er die Besetzung für die Uraufführung einzelner Nummern seines op. 16 zusammengestellt hat. Weiterhin rezensiert Schönberg Busonis op. 42, 39 sowie die Fantasia contrappuntistica
  • Incipit

  • nun habe ich die Besetzung für meine
  • Edition

    Verantwortlich

    • Christian Schaper
    • Ullrich Scheideler

    Bearbeitet von

  • Clemens Gubsch
  • Frühere Editionen

    Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1Bild-Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin
    Mus.ep. A. Schönberg 20
    (Busoni-Nachl.
    B II)
    Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4559
    Arnold Schönberg, Berlin-Zehlendorf-Wannseebahn
    Machnower Chaussee, Villa Lepcke.
    22/1. 1912

    Lieber verehrter Herr Busoni,

    nun habe ich
    die Besetzung für meine 8händige Orchesterstück=
    Aufführung beisammen. Und jetzt, wo ich nicht
    mehr in den Verdacht kommen kann – denn
    diese Möglichkeit hielt mich tatsächlich ab – daß
    ich mir durch Schmeichelei Ihre Mitwirkung
    errobern will, kann ich Ihnen über Ihre
    Kompositionen mit aller Wärme das sagen,
    wozu es mich drängt.

    Am nächsten gieng mir die Berceuse,
    die ein sehr schönes, tief ergreifendes Stück
    ist. Die hat durchaus, vom Anfang bis zum
    Schluß stark auf mich gewirkt und mich, wie
    gesagt, wirklich bewegt. Dann aber hat mir
    auch das Klavier-Konzert, das mir seiner=
    zeit in Wien (ich sage es ehrlich) gänzlich
    mißfallen hat , diesmal auch ausgezeichnet
    gefallen. Ich verstehe das nicht, und es scheint,
    daß wir, die wir zu den Besten zu gehören
    glauben, doch oft genug versagen. Ich hatte
    wirklich einen ausgezeichneten Eindruck.
    Das Stück ist von A–Z ein Satz von fabel

    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin)
    [1]

    Arnold Schönberg, Berlin-Zehlendorf-Wannseebahn
    Machnower Chaussee, Villa Lepcke.
    22/1. 1912

    Lieber verehrter Herr Busoni,

    nun habe ich die Besetzung für meine 8händige Orchesterstück-Aufführung beisammen. Und jetzt, wo ich nicht mehr in den Verdacht kommen kann – denn diese Möglichkeit hielt mich tatsächlich ab – dass ich mir durch Schmeichelei Ihre Mitwirkung erobern will, kann ich Ihnen über Ihre Kompositionen mit aller Wärme das sagen, wozu es mich drängt.

    Am nächsten ging mir die Berceuse, die ein sehr schönes, tief ergreifendes Stück ist. Die hat durchaus, vom Anfang bis zum Schluss stark auf mich gewirkt und mich, wie gesagt, wirklich bewegt. Dann aber hat mir auch das Klavier-Konzert, das mir seinerzeit in Wien (ich sage es ehrlich) gänzlich missfallen hat , diesmal auch ausgezeichnet gefallen. Ich verstehe das nicht, und es scheint, dass wir, die wir zu den Besten zu gehören glauben, doch oft genug versagen. Ich hatte wirklich einen ausgezeichneten Eindruck. Das Stück ist von A–Z ein Satz von fabel-

    Faksmilie, Seite 2

    hafter Architektur, ununterbrochen fließend, voller
    Einfälle und wunderbarer Stimmungen. Stau=
    nenswert ist es, daß Sie sich über ein so großes
    umfangreiches Stück immer den Ueberblick ge=
    wahrt haben, daß es wirklich als etwas einheitliches
    ununterbrochenes wirkt. Nun: bei der Fuge kam
    ich zu keinem rechten Genuß wegen der
    sehr schlechten Aufführung und der unglaublich unrichtigen
    Instrumentation. Ich sagte zu Webern
    während des Konzerts: „Man hört gar
    nie die Hauptstimmen, sondern immer
    nur das Thema.“ Das ist zu gleichen Theilen
    Schuld der Aufführung und der Instrumentation.
    Denn bei der Fuge sind es naturgemäß
    die Nebenstimmen, welche die zusammen=
    hangbildenden Gegensätze herbei schaffen.
    Aber die ausschließliche Hervorhebung
    der Hauptthemen, die macht sich sehr
    gelehrt, bringt aber nie eine Musik=
    Wirkung hervor. Ich meine fast, das Thema
    muß meistens als Begleitung zu
    den Nebenstimmen […] erscheinen. Das Thema
    ist sozusagen die Grundfarbe, der neutrale
    Hintergrund, aufs dem die Zeichnung, die

    hafter Architektur, ununterbrochen fließend, voller Einfälle und wunderbarer Stimmungen. Staunenswert ist es, dass Sie sich über ein so großes umfangreiches Stück immer den Überblick gewahrt haben, dass es wirklich als etwas einheitliches ununterbrochenes wirkt. Nun: bei der Fuge kam ich zu keinem rechten Genuss wegen der sehr schlechten Aufführung und der unglaublich unrichtigen Instrumentation. Ich sagte zu Webern während des Konzerts: „Man hört gar nie die Hauptstimmen, sondern immer nur das Thema.“ Das ist zu gleichen Teilen Schuld der Aufführung und der Instrumentation. Denn bei der Fuge sind es naturgemäß die Nebenstimmen, welche die zusammenhangbildenden Gegensätze herbei schaffen. Aber die ausschließliche Hervorhebung der Hauptthemen, die macht sich sehr gelehrt, bringt aber nie eine Musik-Wirkung hervor. Ich meine fast, das Thema muss meistens als Begleitung zu den Nebenstimmen erscheinen. Das Thema ist sozusagen die Grundfarbe, der neutrale Hintergrund, aus dem die Zeichnung, die

    Faksmilie, Seite 3

    [2] Formen und Farben hervortreten sollen. Wenn
    aber der Hintergrund hervortritt (!!!) dann
    liegt alles Uebrige im Schatten. Jede
    Stimmung, jeder Fluß, alle Gegensätze hören
    sich auf. — Nichtsdestoweniger spürte
    ich – was mir ja auch vom Lesen der
    Klavierausgabe herbekannt war – demn
    großen Zug und die Ausdruckskraft
    auch dieses Werkes. Vor Allem aber die
    kontrapunktische Kunst!

    Es ist mir eine großes Vergnügen, Ihnen
    das Alles sagen […]zu können, denn vielleicht konnte
    ich zu Ihnen jenes richtige Verhältnis bis jetzt noch
    nicht finden, weil ich zu Ihren Kompositionen
    in einem schiefen Verhältnis stand. Nun
    ich aber zu meiner größten Freude, Sie auch von
    dieser Seite her schätzen gelernt habe, hoffe ich,
    daß das bestimmt anders sein wird. Ich
    habe Sie natürlich als Reproducierend n, als
    Karakter und Mensch immer geschätzt. Aber
    mir ist der Prozduzierende das Wichtige und
    deshalb wurde ich Ihnen bisher nicht gerecht.

    Ich grüße Sie vielmals herzlichst und bin Ihr
    ergebener

    Arnold Schönberg

    NB

    Möchten Sie nicht eine Probe meiner Orchesterstücke an=
    hören? Die erste ist bei Ibach (Steglitzer Straße 3)[…]am Dienstag um 3 Uhr!

    [2]

    Formen und Farben hervortreten sollen. Wenn aber der Hintergrund hervortritt (!!!) dann liegt alles Übrige im Schatten. Jede Stimmung, jeder Fluss, alle Gegensätze hören sich auf. — Nichtsdestoweniger spürte ich – was mir ja auch vom Lesen der Klavierausgabe her bekannt war – den großen Zug und die Ausdruckskraft auch dieses Werkes. Vor allem aber die kontrapunktische Kunst!

    Es ist mir eine großes Vergnügen, Ihnen das Alles sagen zu können, denn vielleicht konnte ich zu Ihnen jenes richtige Verhältnis bis jetzt noch nicht finden, weil ich zu Ihren Kompositionen in einem schiefen Verhältnis stand. Nun ich aber zu meiner größten Freude, Sie auch von dieser Seite her schätzen gelernt habe, hoffe ich, dass das bestimmt anders sein wird. Ich habe Sie natürlich als Reproduzierenden, als Charakter und Mensch immer geschätzt. Aber mir ist der Produzierende das Wichtige und deshalb wurde ich Ihnen bisher nicht gerecht.

    Ich grüße Sie vielmals herzlichst und bin Ihr ergebener

    Arnold Schönberg

    NB

    Möchten Sie nicht eine Probe meiner Orchesterstücke anhören? Die erste ist bei Ibach (Steglitzer Straße )am Dienstag um 3 Uhr!

    Faksmilie, Seite 4
    (Deutsche
    Staatsbibliothek
    Berlin) Nachlaß Busoni