Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni Dokument exportieren

Wien, 30. Januar 1917

Stand: 15. März 2016 (unfertig) Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE

Quelle

Entstehung

  • Datierung in der Quelle: 30. Januar 1917 (autograph)

Umfang

,
  • Zustand

  • Der Brief ist gut erhalten.
  • Aufbewahrungsort

  • Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | | | Nachweis in Kalliope
  • Hände/Stempel

    • Überwiegend: Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
    • Hand des Archivars, der die Foliierung in Bleistift vorgenommen hat.
    • Bibliotheksstempel (rote Tinte)

    Inhalt

    Absender

  • Arnold Schönberg
  • Empfänger

  • Ferruccio Busoni
  • Zusammenfassung

  • Incipit

  • hin- und hergeworfen von Friedenshoffnungen
  • Faksimile
    Umschrift
    Lesefassung
    Faksmilie, Seite 1
    Mus.ep. A. Schönberg 27 + Beilage (Busoni-Nachl. B II) Mus.Nachl. F. Busoni B II,4565
    Arnold Schönberg
    Wien, XIII. Gloriette=
    gasse 43. Tel. 84373
    30. Jänner 1917

    Lieber Herr Busoni,

    hin- und hergeworfen von Friedenshoff=
    nungen und Enttäuschungen fand ich keine Ruhe Ihnen für
    Ihren lieben Brief zu danken. Ein Anlaß bringt mich dazu, Ihnen wieder zu schreiben.
    Ich habe endlich eine Idee die ich schon lange gefaßt hatte, zu
    Papier gebracht. Angeregt durch Präsident Wilson, der
    einem neuerdings Friedenshoffnungen erweckt , möchte ich
    ihn jetzt gerne veröffentlichen. Aber womöglich in einem
    neutralen Blatt, damit es eventuell, falls es auffällt
    überall gelesen wird. Ich sende Ihnen den kleinen Auf=
    satz , möchte ihn aber, da er nicht sehr gut ist (ich kann
    offenbar über Dinge, die nicht mein Fach betreffen, nicht
    so gut schreiben) will ich ihn nicht unter meinem Namen
    veröffentlichen, sondern unter dem Pseudonym:
    A. Börnscheg . Ich habe nun die Bitte an Sie: Können
    Sie den Aufsatz irgendwo, natürlich am besten bei einer
    großen deutschen TageSchweizer Tageszeitung unter=
    bringen. Ich sähe es gerne, wenn er ohne jede Aendrung
    gebracht würde. Jedenfalls aber soll niemand erfahren,
    daß ich der Autor bin. Ich verspreche mir viel von dieser
    Idee. Wenn man sie zu ende ausdenkt, kommt man
    dazu, daß wirklich ein langer Friede gesichert wird.

    Arnold Schönberg
    Wien, XIII. Gloriettegasse 43. Tel. 84373
    30. Jänner 1917

    Lieber Herr Busoni,

    hin- und hergeworfen von Friedenshoffnungen und Enttäuschungen fand ich keine Ruhe, Ihnen für Ihren lieben Brief zu danken. Ein Anlass bringt mich dazu, Ihnen wieder zu schreiben. Ich habe endlich eine Idee, die ich schon lange gefasst hatte, zu Papier gebracht. Angeregt durch Präsident Wilson, der einem neuerdings Friedenshoffnungen erweckt , möchte ich ihn jetzt gerne veröffentlichen. Aber womöglich in einem neutralen Blatt, damit es eventuell, falls es auffällt überall gelesen wird. Ich sende Ihnen den kleinen Aufsatz , möchte ihn aber, da er nicht sehr gut ist (ich kann offenbar über Dinge, die nicht mein Fach betreffen, nicht so gut schreiben), will ich ihn nicht unter meinem Namen veröffentlichen, sondern unter dem Pseudonym: A. Börnscheg . Ich habe nun die Bitte an Sie: Können Sie den Aufsatz irgendwo, natürlich am besten bei einer großen deutschen Schweizer Tageszeitung, unterbringen? Ich sähe es gerne, wenn er ohne jede Änderung gebracht würde. Jedenfalls aber soll niemand erfahren, dass ich der Autor bin. Ich verspreche mir viel von dieser Idee. Wenn man sie zu Ende ausdenkt, kommt man dazu, dass wirklich ein langer Friede gesichert wird.

    Faksmilie, Seite 2

    Schreiben Sie mir Ihre Meinung darüber; bitte!

    Mein gegenwärtiges Schaffen; Sie fragen darnach ; es ist kaum
    nennenswert. Während des Krieges, bevor ich zum Militär
    kam , habe ich eine große Arbeit angefangen. Eine Symphonie.
    In 4 Sätzen . Die beiden ersten nach Gedichten von Dehmel,
    die beiden letzten nach Texten von mir. Der I Satz:
    "Freudenruf" , der II. "Der bürgerliche Gott", der III.
    "Totentanz der Prinzipien" der IV. "die Himmels=
    leiter"
    . Den Text zum 3. habe ich fertig , den zum 4. zu
    2 Dritteilen . Solange Friedensaussichten waren konnte ich
    arbeiten. Dann sank mein Mut wieder. Beim Militär
    wars mir natürlich nicht möglich was zu arbeiten. Und
    jetzt: viel ists nicht. Zunächst möchte ich eine von
    fast 10 Jahren angefangene II. Kammersymphonie vollenden,
    dann an meiner Symphonie weiterarbeiten. Dazwischen teilweise
    Neubearbeitung der Harmonielehre für
    die II. Auflage und Korrekturlesen ("Glückliche Hand"
    und das "Monodram" sind gestochen und sollen dem=
    nächst erscheinen ; ebenso 4 Orchesterlieder.) Das ist alles.

    Könnte ich Ihr Feuilleton über den Tod eines hervor=
    ragenden Malers nicht bekommen? Bitte vielmals darum.
    Kann ich Ihnen etwas von mir senden?

    Frau Mahler hat geheiratet . Ihr Mann, Architekt
    Gropius steht als Leutnant seit Kriegsbeginn im Feld.

    Schreiben Sie mir Ihre Meinung darüber; bitte!

    Mein gegenwärtiges Schaffen; Sie fragen darnach ; es ist kaum nennenswert. Während des Krieges, bevor ich zum Militär kam , habe ich eine große Arbeit angefangen. Eine Symphonie. In 4 Sätzen . Die beiden ersten nach Gedichten von Dehmel, die beiden letzten nach Texten von mir. Der I. Satz: "Freudenruf" , der II. "Der bürgerliche Gott", der III. "Totentanz der Prinzipien" der IV. "die Himmels leiter". Den Text zum 3. habe ich fertig , den zum 4. zu 2 Drittteilen . Solange Friedensaussichten waren, konnte ich arbeiten. Dann sank mein Mut wieder. Beim Militär war's mir natürlich nicht möglich, was zu arbeiten. Und jetzt: viel ist's nicht. Zunächst möchte ich eine von fast 10 Jahren angefangene II. Kammersymphonie vollenden, dann an meiner Symphonie weiterarbeiten. Dazwischen teilweise Neubearbeitung der Harmonielehre für die II. Auflage und Korrekturlesen ("Glückliche Hand" und das "Monodram" sind gestochen und sollen dem nächst erscheinen ; ebenso 4 Orchesterlieder.) Das ist alles.

    Könnte ich Ihr Feuilleton über den Tod eines hervor ragenden Malers nicht bekommen? Bitte vielmals darum. Kann ich Ihnen etwas von mir senden?

    Frau Mahler hat geheiratet . Ihr Mann, Architekt Gropius steht als Leutnant seit Kriegsbeginn im Feld.

    Faksmilie, Seite 3

    Er ist ein sehr sympathischer Mensch. Zwischen Frau Mahler (Gropius)
    und mir gabs (fast ein Jahr lang) eine arge Verstimmung, die
    jetzt aufgehoben ist, deshalb weiß ich nicht allzuviel von ihr.
    Morgen aber komme ich zu ihr und werde sie von Ihnen grüßen.

    Sie schreiben: "Jeder tue, was er bestens zu tun ver=
    mag; sich selbst gründlichst zu schöpfen bleibe die wahrste
    Lebenserfüllung." Das ist sehr schön und wahr. - Aber ich kann
    das augenblicklich leider nicht vonauf mirmich sagenanwenden. Ich
    habe nur die Ruhe, die man mir läßt. Und da an meinen
    Nerven fortwährend gezerrt wird, läßt es mir also keine
    Ruhe. Und ohne Ruhe kann ich nichts gut tun.

    Haben Sie davon gehört, daß ich in New-York die
    "Gurrelieder" dirigieren soll . Aber ich kann wohl nicht hinüber,
    weil die Engländer niemanden durchlassen.

    Ist das nicht schrecklich: "die Engländer". Vor 30 Monaten
    habe ich mit Stolz von meinen englischen, französischen und
    russischen Freunden gesprochen und jetzt sind das meine Feinde?
    Glauben Sie das? Ich muß sagen, für mich hat kein inter=
    nationaler Wert aufgehört, kaum in den ersten Wochen. Aber
    es ist schrecklich, daß es für die meisten damit für lange vor=
    bei ist!

    Hoffentlich höre ich recht bald von Ihnen.

    Bitte schreiben Sie mir auch wie es Ihrer Frau Gemahlin
    geht und sagen Sie ihr meine herzlichsten Grüße. Viele viele
    herzliche Grüße auch an Sie, auch von meiner Frau. Ihr Arnold Schönberg

    Er ist ein sehr sympathischer Mensch. Zwischen Frau Mahler (Gropius) und mir gab's (fast ein Jahr lang) eine arge Verstimmung, die jetzt aufgehoben ist, deshalb weiß ich nicht allzuviel von ihr. Morgen aber komme ich zu ihr und werde sie von Ihnen grüßen.

    Sie schreiben: "Jeder tue, was er bestens zu tun ver mag; sich selbst gründlichst zu schöpfen, bleibe die wahrste Lebenserfüllung." Das ist sehr schön und wahr. - Aber ich kann das augenblicklich leider nicht auf mich anwenden. Ich habe nur die Ruhe, die man mir lässt. Und da an meinen Nerven fortwährend gezerrt wird, lässt es mir also keine Ruhe. Und ohne Ruhe kann ich nichts gut tun.

    Haben Sie davon gehört, daß ich in New-York die "Gurrelieder" dirigieren soll . Aber ich kann wohl nicht hinüber, weil die Engländer niemanden durchlassen.

    Ist das nicht schrecklich: "die Engländer". Vor 30 Monaten habe ich mit Stolz von meinen englischen, französischen und russischen Freunden gesprochen und jetzt sind das meine Feinde? Glauben Sie das? Ich muss sagen, für mich hat kein inter nationaler Wert aufgehört, kaum in den ersten Wochen. Aber es ist schrecklich, dass es für die meisten damit für lange vor bei ist!

    Hoffentlich höre ich recht bald von Ihnen.

    Bitte schreiben Sie mir auch, wie es Ihrer Frau Gemahlin geht und sagen Sie ihr meine herzlichsten Grüße. Viele viele herzliche Grüße auch an Sie, auch von meiner Frau. Ihr Arnold Schönberg

    Faksmilie, Seite 4
    Nachlaß Busoni
    Faksmilie, Seite 5
    Mus Nachl. F. Busoni B.II, 4565a Beilage zu: Mus.ep. A. Schönberg 27 (Busoni-Nachl. B II)

    Friedenssicherung

    Ich bin nicht umstande zu beurteilen, noch in der Lage mich
    darüber zu äußern, ob, was des Präsidenten Wilson letzte Bot=
    schaft über die Bedingungen für einen dauernden Frieden sagt,
    mehr ist, als das, was die Politiker verächtlich „Ideale“ und „Zukunftsträu=
    me“ nennen. Aber da er mit besonderem Nachdruck darauf hinweist, daß
    er als Oberhaupt eines mächtigen Staates spreche, die Ideen eines solchen
    Oberhauptes, die eines praktischen Politikers, sich nicht allzuweit vom Er=
    füllbaren entfernen dürfen, da weiters gerade die Berufung auf seine
    prominente Stellung dem Ernst seiner Mahnung fast das Gewicht
    einer Drohung verleiht, es also unwahrscheinlich ist, daß er bloß Phrasen
    auftischt, deren Erfüllbarkeit ihm gleichgültig ist, so scheint mir
    all das zu verbürgen, daß die Lösung, die er vorschlägt, heute
    bereits verwirklicht werden könnte. Zudem hat auch der Deutsche
    Kaiser
    in seinem Friedensangebot versprochen, sich an die die Spitze einer
    Aktion zur Verhinderung von Kriegen zu stellen. Die Frage eines
    dauernden Friedens scheint also nicht mehr für eine Utopie zu
    gelten und das ermutigt mich, einen Vorschlag zur Diskussion zu
    stellen, der mich schon lange beschäftigt.

    Meine einzige Voraussetzung ist: der energische Wille der
    Mehrheit der Menschen, Kriege in Hinkunft zu vermeiden.

    Dann steht die Sache so:

    Zu jenem Zustand eines eigentlichen, vollen, stets ungeteilten
    Friedens unter den Menschen – abgesehen von dem der Staaten und
    Rassen – kann es erst kommen, bis gewisse, ihr fernliegene
    Bedingungen erfüllt sind. Zieht man in Betracht, daß dieser Krieg
    ein Betätigungsfeld war für einemilitärischer Talente und
    Genies war, so wird jeder, der an die Gottgesandtheit des Genies glaubt,
    zweifeln müssen, ob sich sogar der Krieg der Staaten und Rassen ganz
    vermeiden lasse. Denn das Genie, da es da ist, muß und wird sich
    betätigen. Bedenkt man aber, daß, wie es zuletzt der Fall war, ein
    50-jähriger Friede Generationen militärischer Genies an der Ent=
    faltung verhinderte, so hält man es für möglich, daß diese Zahl
    fünfzig beliebig vergrößert und schließlich gleich ewig werden
    könnte. Das ist jedoch ein schwacher Trost, da die eigentlichen Kriegs=
    ursachen in der menschlichen Natur liegen und erst verschwinden könnten
    bis diese Hindernisse dank fortschreitender Erziehung nicht mehr wirksam
    sind. Solange jedoch die Menschen in ihren kleinsten und größten
    Verhältnissen von Neid, Habgier und Ungerechtigkeit beherrscht sind;
    solange der Einzelne besitzen will worauf jeder andere ebenso=
    viel und ebensowenig Anspruch hat, wie er; solange jeder Einzelne

    Friedenssicherung

    Ich bin nicht umstande zu beurteilen, noch in der Lage, mich darüber zu äußern, ob, was des Präsidenten Wilson letzte Botschaft über die Bedingungen für einen dauernden Frieden sagt, mehr ist, als das, was die Politiker verächtlich „Ideale“ und „Zukunftsträume“ nennen. Aber da er mit besonderem Nachdruck darauf hinweist, dass er als Oberhaupt eines mächtigen Staates spreche, die Ideen eines solchen Oberhauptes, die eines praktischen Politikers, sich nicht allzuweit vom Erfüllbaren entfernen dürfen, da weiters gerade die Berufung auf seine prominente Stellung dem Ernst seiner Mahnung fast das Gewicht einer Drohung verleiht, es also unwahrscheinlich ist, dass er bloß Phrasen auftischt, deren Erfüllbarkeit ihm gleichgültig ist, so scheint mir all das zu verbürgen, dass die Lösung, die er vorschlägt, heute bereits verwirklicht werden könnte. Zudem hat auch der Deutsche Kaiser in seinem Friedensangebot versprochen, sich an die die Spitze einer Aktion zur Verhinderung von Kriegen zu stellen. Die Frage eines dauernden Friedens scheint also nicht mehr für eine Utopie zu gelten, und das ermutigt mich, einen Vorschlag zur Diskussion zu stellen, der mich schon lange beschäftigt.

    Meine einzige Voraussetzung ist: der energische Wille der Mehrheit der Menschen, Kriege in Hinkunft zu vermeiden.

    Dann steht die Sache so:

    Zu jenem Zustand eines eigentlichen, vollen, stets ungeteilten Friedens unter den Menschen – abgesehen von dem der Staaten und Rassen – kann es erst kommen, bis gewisse, ihr fernliegene Bedingungen erfüllt sind. Zieht man in Betracht, dass dieser Krieg ein Betätigungsfeld militärischer Talente und Genies war, so wird jeder, der an die Gottgesandtheit des Genies glaubt, zweifeln müssen, ob sich sogar der Krieg der Staaten und Rassen ganz vermeiden lasse. Denn das Genie, da es da ist, muss und wird sich betätigen. Bedenkt man aber, dass, wie es zuletzt der Fall war, ein 50-jähriger Friede Generationen militärischer Genies an der Entfaltung verhinderte, so hält man es für möglich, dass diese Zahl fünfzig beliebig vergrößert und schließlich gleich ewig werden könnte. Das ist jedoch ein schwacher Trost, da die eigentlichen Kriegsursachen in der menschlichen Natur liegen und erst verschwinden könnten bis diese Hindernisse dank fortschreitender Erziehung nicht mehr wirksam sind. Solange jedoch die Menschen in ihren kleinsten und größten Verhältnissen von Neid, Habgier und Ungerechtigkeit beherrscht sind; solange der Einzelne besitzen will, worauf jeder andere ebensoviel und ebensowenig Anspruch hat wie er; solange jeder Einzelne

    Faksmilie, Seite 6

    nach dem Grundsatz: "warum habe ich nicht soviel, wie der andere?"
    bestrebt ist, dem andern soviel wie möglich zu nehmen; und solange
    nicht einwirkliches Gerechtigkeitsgefühl die Menschen dazu bringt, im
    Gegenteil nach dem Grundsatz: "warum hat der andere nicht soviel, wie
    ich?" dem andern mehr als nötig zu geben, solange werden die Rei=
    bungen nicht aufhören, die schließlich zum Krieg führen. Die
    radikalste Formulierung der Bedingungen für einen ewigen Frie=
    den lautet daher: Wenn kein Mensch weder in der Lage ist, noch
    es nötig hat, vom andern etwas zu wollen.
    Zeit letzteBedingung erfüllt werden könnte, sind wir noch allzu fern,
    darum ist eine Formulierung für einen näherliegenden Zeit=
    punkt geboten: Wenn es unmöglich ist, sich durch Gewalt Macht,
    durch Macht Vorteil und (Recht (oder was man dafür hält) zu
    verschaffen.
    Diese Erkenntnis lenkt die Aufmerksamkeit auf
    die Mittel, durch die Staaten an der Anwendung von Gewalt
    verhindert werden können.

    Als das tauglichste Mittel zu diesem Zweck wird, nach dem
    Beispiel des bürgerlichen Lebens, das internationale Schiedsgericht
    angesehen, dessen Voraussetzung nebst den Verträgen die allge=
    meine Abrüstung bildet. Beides dürfte jedoch keine genügende Bürg=
    schaft
    Bürgschaft sein. Denn sind bei allgemeiner Abrüstung auch
    sämtliche Staaten in nahezu dem gleichen Zustand relativer
    Wehrlosigkeit und Angriffsunfähigkeit, so hat doch dieser Krieg
    gelehrt, wie rasch ein Heer aufzustellen und aufsgerüstet ist. Und
    damit sind industrie­ und volkreiche Staaten insbesondere
    dann im Vorteil, wenn sie, die ihre Nichtachtung des Schiedsspruchs
    schon im Voraus wissen, sich insgeheim einen Vorbereitungs=
    vorsprung sichern und Bündnisse schließen. Entscheidend müßte
    ein solcher Vorsprung nicht werden; auch sind solche Bündnisse
    nicht leicht zu schließen, solche Geheimnisse nicht leicht zu bewahren.
    Aber ein Angrangriffslustiger Staat ist in der Lage, Jahre
    vorher schon solcheIndustrien, Erfindungen und Versuche zu
    fördern, die sich für Kriegszwecke eignen, wahrscheinlich besäße
    dieser Staat - gerade er, weil er darauf abzielt - dann auch über=
    raschende technischeErfindungen und technische Neuerungen und damit
    eine Ueberlegenheit, vermöge welcher ihm die Ueberrumpelung
    der arglosen und unvorbereiteten andern Staaten gelingen
    könnte.

    Ich kann nicht leugnen, daß auch bei meinem Vorschlag diese
    Gefahr nicht ganz ausgeschaltet ist. Sie kann nicht ganz ausgeschaltet,
    aber doch wesentlich verringert werden und weil er nicht alle
    Fragen löst, endgültig löst, so unvollkommen er sonst sein
    mag, sollte man ihn doch in Erwägung ziehen. Denn in diesen
    Dingen muß man von der Hand in den Mund leben, d. h.
    sich mit der Lösung begnügen, die soweit hilft, als man sehen
    kann sehen kann. Deshalb bitte ich: nicht ablehnen, wenn
    einige Einwände vorliegen, sondern ergänzen und ver=
    bessern. So gelangt man vielleicht zu Durchführbarem.

    Ich habe also die Frage so gestellt:

    nach dem Grundsatz: "warum habe ich nicht soviel, wie der andere?" bestrebt ist, dem andern soviel wie möglich zu nehmen; und solange nicht wirkliches Gerechtigkeitsgefühl die Menschen dazu bringt, im Gegenteil nach dem Grundsatz: "warum hat der andere nicht soviel, wie ich?" dem andern mehr als nötig zu geben, solange werden die Reibungen nicht aufhören, die schließlich zum Krieg führen. Die radikalste Formulierung der Bedingungen für einen ewigen Frieden lautet daher: Wenn kein Mensch weder in der Lage ist, noch es nötig hat, vom andern etwas zu wollen. Zeit, Bedingung erfüllt werden könnte, sind wir noch allzu fern, darum ist eine Formulierung für einen näherliegenden Zeitpunkt geboten: Wenn es unmöglich ist, sich durch Gewalt Macht, durch Macht Vorteil und Recht (oder was man dafür hält) zu verschaffen. Diese Erkenntnis lenkt die Aufmerksamkeit auf die Mittel, durch die Staaten an der Anwendung von Gewalt verhindert werden können.

    Als das tauglichste Mittel zu diesem Zweck wird, nach dem Beispiel des bürgerlichen Lebens, das internationale Schiedsgericht angesehen, dessen Voraussetzung nebst den Verträgen die allgemeine Abrüstung bildet. Beides dürfte jedoch keine genügende Bürgschaft sein. Denn sind bei allgemeiner Abrüstung auch sämtliche Staaten in nahezu dem gleichen Zustand relativer Wehrlosigkeit und Angriffsunfähigkeit, so hat doch dieser Krieg gelehrt, wie rasch ein Heer aufzustellen und ausgerüstet ist. Und damit sind industrie­ und volkreiche Staaten insbesondere dann im Vorteil, wenn sie, die ihre Nichtachtung des Schiedsspruchs schon im Voraus wissen, sich insgeheim einen Vorbereitungsvorsprung sichern und Bündnisse schließen. Entscheidend müsste ein solcher Vorsprung nicht werden; auch sind solche Bündnisse nicht leicht zu schließen, solche Geheimnisse nicht leicht zu bewahren. Aber ein angriffslustiger Staat ist in der Lage, Jahre vorher schon Industrien, Erfindungen und Versuche zu fördern, die sich für Kriegszwecke eignen, wahrscheinlich besäße dieser Staat - gerade er, weil er darauf abzielt - dann auch überraschende Erfindungen und technische Neuerungen und damit eine Überlegenheit, vermöge welcher ihm die Überrumpelung der arglosen und unvorbereiteten andern Staaten gelingen könnte.

    Ich kann nicht leugnen, dass auch bei meinem Vorschlag diese Gefahr nicht ganz ausgeschaltet ist. Sie kann nicht ganz ausgeschaltet, aber doch wesentlich verringert werden, und weil er nicht alle Fragen löst, endgültig löst, so unvollkommen er sonst sein mag, sollte man ihn doch in Erwägung ziehen. Denn in diesen Dingen muss man von der Hand in den Mund leben, d. h. sich mit der Lösung begnügen, die soweit hilft, als man sehen kann. Deshalb bitte ich: nicht ablehnen, wenn einige Einwände vorliegen, sondern ergänzen und ver bessern. So gelangt man vielleicht zu Durchführbarem.

    Ich habe also die Frage so gestellt:

    Faksmilie, Seite 7

    Wie kann man einen Staat, der sich dem Versuch des Schiedsgerichtes widersetzt, an der Anwendung von
    Gewalt verhindern?

    Als zweckmäßigstes Mittel scheint es mir, ihm die Mo=
    bilisierung unmöglich zu machen oder doch aufs äußerste
    zu erschweren.

    Das könnte durch folgende Einrichtungen gewährleistet
    werden:

    1) Zum Schutz des internationalen Schiedsgerichtshofes
    wird nach den Grundsätzen militärischer Bereitschaft
    ein internationaler Bewachungsdienst geschaffen.

    2) Eine internationale Armee von Wächtern wird
    zu diesem Zweck aufgestellt, zu der jeder Staat nach Maßgabe
    seiner BevölkerungVolkszahl und Menschen und Geld
    beisteuert.

    3. Der Beitrag an Menschen undMaterial und Geld sei ungefähr gleich
    dem, den sonst neutrale Länder für die Sicherung ihres Friedens auf=
    gebracht haben.

    4. Ein nennenswerter Teil dieser internationalen Armee (z. Bsp
    ein Drittel) verbleibt als ständige Bereitschaft in dem Ort an dem
    das Schiedsgericht sich befindet
    , um dessen Sprüchen nötigenfalls
    Geltung·verschaffen zu können (eine wahrscheinlich nur symbolische
    Drohung).

    5. Der Rest wird nach Maßgabe der Volkszahl auf die Staaten
    in der Weise aufgeteilt, daß sich in keinem Staat mehr als höchstens
    (beispielsweise!!!) ein Zehntel der eigenen Soldaten befin=
    den, während die restlichen neun
    Zehntel - mindestens neun anderen Staaten angehören.

    6. Dieser Wächter-Armee fallen dieselben Aufgaben zu,
    wie der Armee eines neutralen Staates, und außerdem noch
    diejenigen, die sie, als dem Schiedsgericht unterstellt, zu er=
    füllen hat: dessen Beschlüsse zu sichern.

    7. Alle, die Befehlsgebung - und sonstigen Rechte und
    Pflichten betreffenden Gesetze sind international und wenn
    nötig einheitlich festzusetzen.

    8. Sowohl das Zehntel eigener Soldaten, als auch die neun
    Zehntel fremder verbleiben in keinem Land dauernd, sondern
    nur verhältnismäßig kurze Zeit (z. Bsp: ein halbes Jahr) od

    9. Welche fremden Soldaten sichjeweils in einem Lande
    liegen sollen, wird vielleicht durchs Los, wahrscheinlich aber besser
    nach einer Tabelle zu bestimmen sein, die wohl am besten von
    Fall zu Fall aufgestellt werden müßte. Setzte z. Bsp eine solche
    Tabelle fest, daß in einem volksreichen Staat die Besatzung
    bloß von kleinenaus Soldaten kleiner Staaten besteht, so
    beugte das Bündnissen größerer Staaten zum Schaden

    Wie kann man einen Staat, der sich dem Versuch des Schiedsgerichtes widersetzt, an der Anwendung von Gewalt hindern?

    Als zweckmäßigstes Mittel scheint es mir, ihm die Mobilisierung unmöglich zu machen oder doch aufs äußerste zu erschweren.

    Das könnte durch folgende Einrichtungen gewährleistet werden:

    1) Zum Schutz des internationalen Schiedsgerichtshofes wird nach den Grundsätzen militärischer Bereitschaft ein internationaler Bewachungsdienst geschaffen.

    2) Eine internationale Armee von Wächtern wird zu diesem Zweck aufgestellt, zu der jeder Staat nach Maßgabe seiner Volkszahl Menschen und Geld beisteuert.

    3. Der Beitrag an Menschen, Material und Geld sei ungefähr gleich dem, den sonst neutrale Länder für die Sicherung ihres Friedens aufgebracht haben.

    4. Ein nennenswerter Teil dieser internationalen Armee (z. Bsp. ein Drittel) verbleibt als ständige Bereitschaft in dem Ort, an dem das Schiedsgericht sich befindet, um dessen Sprüchen nötigenfalls Geltung·verschaffen zu können (eine wahrscheinlich nur symbolische Drohung).

    5. Der Rest wird nach Maßgabe der Volkszahl auf die Staaten in der Weise aufgeteilt, dass sich in keinem Staat mehr als höchstens (beispielsweise!!!) ein Zehntel der eigenen Soldaten befinden, während die restlichen neun Zehntel - mindestens neun anderen Staaten angehören.

    6. Dieser Wächter-Armee fallen dieselben Aufgaben zu, wie der Armee eines neutralen Staates, und außerdem noch diejenigen, die sie, als dem Schiedsgericht unterstellt, zu erfüllen hat: dessen Beschlüsse zu sichern.

    7. Alle, die Befehlsgebung - und sonstigen Rechte und Pflichten - betreffenden Gesetze sind international und wenn nötig einheitlich festzusetzen.

    8. Sowohl das Zehntel eigener Soldaten, als auch die neun Zehntel fremder verbleiben in keinem Land dauernd, sondern nur verhältnismäßig kurze Zeit (z. Bsp.: ein halbes Jahr)

    9. Welche fremden Soldaten jeweils in einem Lande liegen sollen, wird vielleicht durchs Los, wahrscheinlich aber besser nach einer Tabelle zu bestimmen sein, die wohl am besten von Fall zu Fall aufgestellt werden müsste. Setzte z. Bsp. eine solche Tabelle fest, dass in einem volksreichen Staat die Besatzung bloß aus Soldaten kleiner Staaten besteht, so beugte das Bündnissen größerer Staaten zum Schaden

    Faksmilie, Seite 8

    kleinerer vor. Sind aber die Streitfragen dem Schiedsgericht recht=
    zeitig bekannt, so ist es in der Lage die Zusammensetzung der
    Armeen in den beteiligten Ländern (also auch der mutmaßlichen Ver=
    bündeten) sozugunsten des Friedens zu regeln.

    10. Die neun Zehntel fremder Wächter sind vor allem
    dazu da um die Sammlung und Herstellung von Kriegsmaterial
    und die Ausrüstung von Kriegern
    eventuell durch Anwendung
    der Waffen zu verhindern.

    11. Nebst dem Bewachungsdienst wird ein internati=
    onaler Ueberwachungsdienst
    organisiert und jedem Staat das
    Recht zu selbständiger Ueberwachung eingeräumt.

    12). Der internationale Ueberwachungsdienst untersteht dem
    internationalen Schiedsgericht.

    13. Er wird besorgt a) durch offizielle Vertreter, b) durch Geheim=
    agenten.

    14. Beiden obliegt es, alle Versuche kriegerischer Rüstungen recht=
    zeitig aufzudecken.

    15. Den Ueberwachungsdienst, den jeder Staat auf eigene Rech=
    nung betreibt, organisiert er nach eigenem Ermessen.

    Dies mein Vorschlag. Ich habe noch keinen ähnlichen gehört, ris=
    kiere darum ihn zu veröffentlichen.

    Der Kern der Idee ist: 1. Besetzung jedes Landes durch Truppen,
    die dem Befehl der Machthaber jedesdieses Landes nicht gehorchen dürfen, wenn
    er mit den Gesetzen des Schiedsgerichtes in Widerspruch steht.
    Das
    internationale Schiedsgericht würde durch diese Einrichtungen zu
    einer Art Zentralparlament der beteiligten Staaten. Streitig=
    keiten wären nicht ausgeschlossen, sie könnten im Gegenteil so
    lebhaft werden, wie die der politischen Parteien in den bisheri=
    gen Parlamenten. Aber so selten diese zu Gewaltanwendung
    führten, so seweil eine Armee den inneren Frieden schützt, was
    die Streitenden zu friedlicher Einigung, zum Nachgeben, Hinaus=
    schieben und zu Kompromissen nötigt, so selten käme es auch hier
    zum Krieg - solange dieses Mittel reicht. Dann wird man
    ein besseres finden müssenoder dieses entsprechend ausbauen und
    ändern müssen.

    Ich bitte nun nochmals: nicht ohne Weiteres ablehnen,
    sondern Verbesserungen vorschlagen! Sicher hat schon mancher
    Ähnliches oder dasselbe gedacht. Sicher ist manches schwer oder gar
    nicht durchführbar. Wenn aber auch nur der Kern der Idee
    durchführbar ist, wenn auch in anderer Form, so bitte
    ich: weiterdenken! Wenn guter Wille vorhanden
    ist - wie sollte ,nachdem soviel Blut geflossen ist, nicht
    guter Wille vorhanden sein? - so muß man zu einem
    Ergebnis gelangen.

    A. Börnscheg, Wien

    kleinerer vor. Sind aber die Streitfragen dem Schiedsgericht rechtzeitig bekannt, so ist es in der Lage die Zusammensetzung der Armeen in den beteiligten Ländern (also auch der mutmaßlichen Ver bündeten) zugunsten des Friedens zu regeln.

    10. Die neun Zehntel fremder Wächter sind vor allem dazu da, um die Sammlung und Herstellung von Kriegsmaterial und die Ausrüstung von Kriegern eventuell durch Anwendung der Waffen zu verhindern.

    11. Nebst dem Bewachungsdienst wird ein internationaler Überwachungsdienst organisiert und jedem Staat das Recht zu selbständiger Überwachung eingeräumt.

    12. Der internationale Überwachungsdienst untersteht dem internationalen Schiedsgericht.

    13. Er wird besorgt a) durch offizielle Vertreter, b) durch Geheimagenten.

    14. Beiden obliegt es, alle Versuche kriegerischer Rüstungen rechtzeitig aufzudecken.

    15. Den Überwachungsdienst, den jeder Staat auf eigene Rechnung betreibt, organisiert er nach eigenem Ermessen.

    Dies mein Vorschlag. Ich habe noch keinen ähnlichen gehört, riskiere darum, ihn zu veröffentlichen.

    Der Kern der Idee ist: 1. Besetzung jedes Landes durch Truppen, die dem Befehl der Machthaber dieses Landes nicht gehorchen dürfen, wenn er mit den Gesetzen des Schiedsgerichtes in Widerspruch steht. Das internationale Schiedsgericht würde durch diese Einrichtungen zu einer Art Zentralparlament der beteiligten Staaten. Streitigkeiten wären nicht ausgeschlossen, sie könnten im Gegenteil so lebhaft werden, wie die der politischen Parteien in den bisherigen Parlamenten. Aber so selten diese zu Gewaltanwendung führten, weil eine Armee den inneren Frieden schützt, was die Streitenden zu friedlicher Einigung, zum Nachgeben, Hinausschieben und zu Kompromissen nötigt, so selten käme es auch hier zum Krieg - solange dieses Mittel reicht. Dann wird man ein besseres finden oder dieses entsprechend ausbauen und ändern müssen.

    Ich bitte nun nochmals: nicht ohne Weiteres ablehnen, sondern Verbesserungen vorschlagen! Sicher hat schon mancher Ähnliches oder dasselbe gedacht. Sicher ist manches schwer oder gar nicht durchführbar. Wenn aber auch nur der Kern der Idee durchführbar ist, wenn auch in anderer Form, so bitte ich: weiterdenken! Wenn guter Wille vorhanden ist - wie sollte nachdem soviel Blut geflossen ist, nicht guter Wille vorhanden sein? - so muß man zu einem Ergebnis gelangen.

    A. Börnscheg, Wien