Ferruccio Busoni to Heinrich Schenker arrow_backarrow_forward

Berlin · June 2, 1897

Facsimile
Diplomatic transcription
Reading version
XML

Verehrtester Herr Doctor.

Ich kann Ihnen heute
nur eilig und kurz
antworten; Der zugehörige Brief Schenkers ist nicht überliefert. zunaechst um
Ihnen meinen Dank für
Ihre freundl. Epistel aus-
zusprechen, sodann um
Sie von der Aufrichtigkeit
meines Lobes zu versichern.
Wenn jedoch Ihre Sachen
mir Federhofer 1985 (78): „mir“ ohne Hervorhebung. auch besonders
gefallen, so müßen
Sie sich doch darauf
gefasst machen, dass

Verehrtester Herr Doktor.

Ich kann Ihnen heute nur eilig und kurz antworten; Der zugehörige Brief Schenkers ist nicht überliefert. zunächst, um Ihnen meinen Dank für Ihre freundliche Epistel auszusprechen, sodann, um Sie der Aufrichtigkeit meines Lobes zu versichern. Wenn jedoch Ihre Sachen mir auch besonders gefallen, so müssen Sie sich doch darauf gefasst machen, dass Ihre Kompositionen, dank der großen Subjektivität, die in ihnen herrscht, nicht eben mit einem Schlage populär werden.

Das ist jedoch das Schicksal eines jeden wertvollen Kunstproduktes – anderseits bin ich kein Prophet und kann mich in meiner Vermutung sehr gut irren.

Legende, Scherzo (ohne Trio) und die Variationen (mit wenigen Modifikationen vielleicht) werde ich gerne einmal öffentlich versuchen. Es gibt keinen Nachweis darüber, dass Busoni die Stücke einmal öffentlich gespielt hätte. Meine Autorität steht aber keineswegs so fest, dass die Tatsache, dass ich Ihre Werke spiele, eine vollgültige, unwidersetzliche Empfehlung für sie bedeutet. Bin ich doch dieser Wahrheit erst vor kurzem recht bewusst geworden, als ich Nováčeks Konzert einzuführen versuchte. Ottokar Nováčeks Concerto Eroico hatte Busoni als Solist unter Nikisch mit den Berliner Philharmonikern 1896 uraufgeführt. Das Werk wurde aufgrund seines Misserfolges bald wieder abgesetzt: „Und hervor trat Herr Ferruccio Busoni und spielte (zum 1. Mal) ein ‚Concerto eroico (op. 8)‘ von O. Nováček. Wenn Du, verehrter Leser, einen großen Kettenhund mit den Vorderpfoten auf die Klaviatur stellst und ihn dann von hinten durchpeitschest, hat der Zuhörer genau denselben Effekt, als wenn dies slavische Radaukonzert gespielt wird, das sämtliche Klavier-Treffübungen planlos aneinanderreiht. Wie konnte man diese Novität hervorzerren? Ist es gut bezahlt worden? Andernfalls wär’s unbegreiflich!“ (). Die Widmung betrachte ich als eine Ehre, die man nicht zurückweisen darf.

Mit freundschaftlichsten Grüßen zeichnet

Ihr sehr ergebener

Ferruccio B. Busoni

Über die kleinen Änderungen der „Fantasie“ möchte ich mich noch mit Ihnen gelegentlich besprechen.

Berlin, 2. Juni 1897.
                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"> <opener> <salute rend="indent space-below">Verehrtester Herr <choice><orig>Doctor</orig><reg>Doktor</reg></choice>.</salute> </opener> <p type="pre-split">Ich kann Ihnen heute <lb/>nur eilig und kurz <lb/>antworten; <note type="commentary" resp="#E0300317">Der zugehörige Brief <persName key="E0300024">Schenkers</persName> ist nicht überliefert.</note> <choice><orig>zunaechst</orig><reg>zunächst,</reg></choice> um <lb/>Ihnen meinen Dank für <lb/>Ihre <choice><abbr>freundl.</abbr><expan>freundliche</expan></choice> Epistel aus <lb break="no"/>zusprechen, sodann<reg>,</reg> um <lb/>Sie <del rend="strikethrough">von</del> der Aufrichtigkeit <lb/>meines Lobes zu versichern. <lb/>Wenn jedoch Ihre Sachen <lb/><hi rend="underline">mir</hi> <note type="commentary" subtype="ed_diff_minor" resp="#E0300317"><bibl><ref target="#E0800079"/> (78)</bibl>: <q>mir</q> ohne Hervorhebung.</note> auch besonders <lb/>gefallen, so <choice><orig>müßen</orig><reg>müssen</reg></choice> <lb/>Sie sich doch darauf <lb/>gefasst machen, dass </p></div>
2Facsimile
2Diplomatic transcription
2XML

Ihre Compositionen,
dank der großen
Subjectivitaet Federhofer 1985 (78): „Subjektivität“. die in
ihnen herrscht, nicht
eben mit einem Schlage Federhofer 1985 (78) fälschlich: „Schlag“.
populaer werden.

Das ist jedoch das
Schicksal eines jeden
werthvollen Kunstpro-
duktes – anderseits
bin ich kein Prophet
und kann mich in
meiner Vermuthung

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p type="split"> Ihre <choice><orig>Compositionen</orig><reg>Kompositionen</reg></choice>, <lb/>dank der großen <lb/><hi rend="underline"><choice><orig>Subjectivitaet</orig><reg>Subjektivität,</reg></choice></hi> <note type="commentary" subtype="ed_diff_minor" resp="#E0300317"><bibl><ref target="#E0800079"/> (78)</bibl>: <q>Subjektivität</q>.</note> die in <lb/>ihnen herrscht, nicht <lb/>eben mit einem Schlage <note type="commentary" subtype="ed_diff_minor" resp="#E0300317"><bibl><ref target="#E0800079"/> (78)</bibl> fälschlich: <q>Schlag</q>.</note> <lb/><choice><orig>populaer</orig><reg>populär</reg></choice> werden.</p> <p type="pre-split" rend="indent-first">Das ist jedoch das <lb/>Schicksal eines jeden <lb/><choice><orig>werthvollen</orig><reg>wertvollen</reg></choice> Kunstpro <lb break="no"/>duktes – anderseits <lb/>bin ich kein Prophet <lb/>und kann mich in <lb/>meiner <choice><orig>Vermuthung</orig><reg>Vermutung</reg></choice> </p></div>
3Facsimile
3Diplomatic transcription
3XML

sehr gut irren.

Legende, Scherzo
(ohne Trio) und die
Variationen (mit
wenigen Modificationen
vielleicht) werde ich
gerne einmal öffentlich
versuchen. Es gibt keinen Nachweis darüber, dass Busoni die Stücke einmal öffentlich gespielt hätte. Meine
Autoritaet steht aber
keineswegs so fest,
dass die Thatsache, dass
ich Ihre Werke spiele,
eine vollgültige, unwieder[-]
setzliche Empfehlung
für sie bedeutet. Bin ich

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> sehr gut irren.</p> <p type="pre-split" rend="indent-first"><title key="E0400305">Legende</title>, <title key="E0400304">Scherzo</title> <lb/>(ohne Trio) und die <lb/><title key="E0400306">Variationen</title> (mit <lb/>wenigen <choice><orig>Modificationen</orig><reg>Modifikationen</reg></choice> <lb/>vielleicht) werde ich <lb/>gerne einmal öffentlich <lb/>versuchen. <note type="commentary" resp="#E0300317">Es gibt keinen Nachweis darüber, dass <persName key="E0300017">Busoni</persName> die <rs type="works" key="E0400304 E0400305 E0400306">Stücke</rs> einmal öffentlich gespielt hätte.</note> Meine <lb/><choice><orig>Autoritaet</orig><reg>Autorität</reg></choice> steht aber <lb/>keineswegs so fest, <lb/>dass die <choice><orig>Thatsache</orig><reg>Tatsache</reg></choice>, dass <lb/>ich Ihre Werke spiele, <lb/>eine vollgültige, unwi<orig>e</orig>der<choice><orig><supplied reason="omitted">-</supplied><lb/></orig><reg><lb break="no"/></reg></choice>setzliche Empfehlung <lb/>für sie bedeutet. Bin ich </p></div>
4Facsimile
4Diplomatic transcription
4XML

doch dieser Wahrheit
erst vor kurzem recht
bewusst geworden, als
ich Novaček’s Concert
einzuführen versuchte. Ottokar Nováčeks Concerto Eroico hatte Busoni als Solist unter Nikisch mit den Berliner Philharmonikern 1896 uraufgeführt. Das Werk wurde aufgrund seines Misserfolges bald wieder abgesetzt: „Und hervor trat Herr Ferruccio Busoni und spielte (zum 1. Mal) ein ‚Concerto eroico (op. 8)‘ von O. Nováček. Wenn Du, verehrter Leser, einen großen Kettenhund mit den Vorderpfoten auf die Klaviatur stellst und ihn dann von hinten durchpeitschest, hat der Zuhörer genau denselben Effekt, als wenn dies slavische Radaukonzert gespielt wird, das sämtliche Klavier-Treffübungen planlos aneinanderreiht. Wie konnte man diese Novität hervorzerren? Ist es gut bezahlt worden? Andernfalls wär’s unbegreiflich!“ ().
Die Widmung betrachte
ich als eine Ehre, die
man nicht zurückweisen
darf.

Mit freundschaftlichsten
Grüßen, zeichnet

Ihr sehr ergebener

Ferruccio B Busoni

Über die
kleinen
Aenderungen
der „Fantasie“
moechte ich mich
noch mit Ihnen
gelegentlich besprechen

Berlin
2 Jun 97.
                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> doch dieser Wahrheit <lb/>erst vor kurzem recht <lb/>bewusst geworden, als <lb/>ich <persName key="E0300223">Nov<choice><orig>a</orig><reg>á</reg></choice>ček</persName><orig>’</orig>s <rs key="E0400300"><choice><orig>Concert</orig><reg>Konzert</reg></choice></rs> <lb/>einzuführen versuchte. <note type="commentary" resp="#E0300317"><persName key="E0300223">Ottokar Nováčeks</persName> <title key="E0400300">Concerto Eroico</title> hatte <persName key="E0300017">Busoni</persName> als Solist unter <persName key="E0300025">Nikisch</persName> mit den <orgName key="E0600007"><placeName key="E0500029">Berliner</placeName> Philharmonikern</orgName> <date when-iso="1896">1896</date> uraufgeführt. Das Werk wurde aufgrund seines Misserfolges bald wieder abgesetzt: <q>Und hervor trat <persName key="E0300017">Herr Ferruccio Busoni</persName> und spielte (zum 1. Mal) ein <title rend="dq-du">Concerto eroico (op. 8)</title> von <persName key="E0300223">O. Nováček</persName>. Wenn Du, verehrter Leser, einen großen Kettenhund mit den Vorderpfoten auf die Klaviatur stellst und ihn dann von hinten durchpeitschest, hat der Zuhörer genau denselben Effekt, als wenn dies slavische Radaukonzert gespielt wird, das sämtliche Klavier-Treffübungen planlos aneinanderreiht. Wie konnte man diese Novität hervorzerren? Ist es gut bezahlt worden? Andernfalls wär’s unbegreiflich!</q> (<bibl><ref target="#E0600127"/></bibl>).</note> <lb/>Die Widmung betrachte <lb/>ich als eine Ehre, die <lb/>man nicht zurückweisen <lb/>darf.</p> <closer> <salute rend="indent">Mit freundschaftlichsten <lb/>Grüßen<orig>,</orig> zeichnet</salute> <salute rend="align(right)">Ihr sehr ergebener</salute> <signed rend="align(right)"><persName key="E0300017">Ferruccio B<reg>.</reg> Busoni</persName></signed> </closer> <postscript rend="margin-left"> <p>Über die <lb/>kleinen <lb/><choice><orig>Aenderungen</orig><reg>Änderungen</reg></choice> <lb/>der <title key="E0400252" rend="dq-du">Fantasie</title> <lb/><choice><orig>moechte</orig><reg>möchte</reg></choice> ich mich <lb/>noch mit Ihnen <lb/>gelegentlich besprechen<reg>.</reg></p> </postscript> <closer rend="bottom-right"> <dateline> <placeName key="E0500029"><choice><orig>Berlin</orig><reg>Berlin,</reg></choice></placeName> <lb/><hi rend="underline"><date when-iso="1897-06-02"><choice><orig>2 Jun 97</orig><reg>2. Juni 1897</reg></choice></date>.</hi> </dateline> </closer> </div>

Document

doneStatus: candidate XML Facsimile Download / Cite

Provenance
Vereinigte Staaten von Amerika | Riverside | University of California, Special Collections and Archives | Oswald Jonas memorial collection | Box 9, Folder 27
Condition
Der Brief ist gut erhalten.
Extent
1 Bogen, 4 beschriebene Seiten
Hands/Stamps
  • Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.

Summary
Busoni vermutet in „der großen Subjektivität von Schenkers Werken ein Popularitätshindernis; deutet an, Schenkers Stücke einmal öffentlich spielen zu wollen.
Incipit
Ich kann Ihnen heute nur eilig und kurz antworten;

Editors in charge
Christian Schaper Ullrich Scheideler Theresa Menard Maximilian Furthmüller
prepared by
Revision
December 29, 2018: candidate (coding checked, proofread)
Direct context
Preceding Following
Near in this edition
Previous editions
Federhofer 1985, S. 78 Bent/Bretherton/Drabkin 2014, S. 12