Ludwig Rubiner an Ferruccio Busoni arrow_backarrow_forward

28. April 1917

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28. April 1917.
Mus.ep. L. Rubiner 6
(Busoni-Nachl. B II)

Mus. Nachl. F. Busoni B II, 4265

Lieber und verehrtester Herr
Busoni
!

Ihr Brief hat mich mehr er⸗
freut, als Sie vielleicht ahnen.

Es liegt so, dass ich Ihnen
den Aufsatz schickte, und in
aller Bescheidenheit. Ja, fast
zitternd, weil ich über manche
Dinge nichts anderes heute mehr
fühlen, denken und sagen kann,
als diese .... (ich weiss es wohl:)
Härten. Niemand empfindet das
schmerzlicher als ich selbst.

Warum ich aber gerade mein
Urteil (so oft, und ohne dass Sie
es wissen!) in Ihre Hände

28. April 1917.

Lieber und verehrtester Herr Busoni!

Ihr Brief hat mich mehr erfreut, als Sie vielleicht ahnen.

Es liegt so, dass ich Ihnen den Aufsatz schickte, und in aller Bescheidenheit. Ja, fast zitternd, weil ich über manche Dinge nichts anderes heute mehr fühlen, denken und sagen kann als diese … (ich weiß es wohl:) Härten. Niemand empfindet das schmerzlicher als ich selbst.

Warum ich aber gerade mein Urteil (so oft, und ohne dass Sie es wissen!) in Ihre Hände lege, das rührt daher: Ihnen verdanke ich mehr als anderen Menschen. Und, wie alles wirkliche Leben, kam es nicht mit einem Schlag, sondern hat viele Kristalle und Zellen und Häute an mir gebildet.

Ich weiß sogar erst seit dem letzten Vierteljahr ganz klar und in Worten ausdrückbar, welchen ungeheuren Einfluss Sie auf mich ausgeübt haben. Als vor zehn Jahren Ihre Ästhetik erschien, klammerte ich in Bewunderung und Zustimmung mich an Nebendinge.

Aber die Hauptsache, die Zentralidee Ihres Buches, die ganze divine Realisation Ihres Lebensplanes – diese nahm ich ganz stillschweigend an, obwohl gerade sie es ist, die in mir während dieser Zeit unablässig geformt hat. Es ist Ihre Idee, in allen wichtigen Lebensdingen sich wie am ersten Tage der Weltgeburt mit unbefangenem Auge vor das Leben zu stellen. So selbstverständlich uns das erscheint: Unerhörterweise war es nicht selbstverständlich, sondern Sie waren der erste, der es mit fassbaren, fühlbaren und anwendbaren Worten öffentlich ausgesprochen hat.

Wie alle wirklichen Lebenswahrheiten, ist auch diese ungeheuer einfach. Sie hat in mir Wurzeln geschlagen. Und in den paar Jahren, seit denen ich ein wirklich wollender Mensch bin, brach diese von Ihnen als Vorbild aufgestellte Wahrheit in allen möglichen Variationen aus mir. Natürlich wurde sie dadurch fruchtbar, dass sie sich kreuzte und verband mit den persönlichsten Erlebnissen.

(Ich werde noch Gelegenheit haben, öffentlich von der wahrhaften Lebensgesetzlichkeit dieser Idee und dem, was ihr zu verdanken ist, Rechenschaft abzulegen.)

Es ist jedenfalls so: wäre mir nicht Ihr Zentralfeuer der Ästhetik seinerzeit als Geschenk (geradezu!) zugefallen, so wäre ich gewiss heute noch auf vielen Nebenwegen.

Den Aufsatz, der Ihnen vorliegt, gab ich vor einem halben Jahr (Oktober 1916) in Druck. Ich bedaure nichts mehr, als dass ich Ihre Verse nicht eher kannte, diese:

„Wir wissen, dass wir kommen, um zu gehn,
Was zwischenliegt, ist das, was uns betrifft!
Freies Zitat aus Busonis Doktor Faust; originaler Wortlaut des Librettodrucks (Zweites Bild, Faust): „Gewiß ist, daß wir kommen um zu gehen: – was zwischen liegt, ist das, was uns betrifft.“

Ich könnte mir, mit Ihrer Erlaubnis, gar kein schöneres und konzentrierter das Letzte ausdrückendes Motto denken!

Heute, wo ich mir über wenigstens einen gewissen Rhythmus in meinem Leben sehr klar geworden bin, ist mir auch gleichzeitig klar geworden, wie, in welcher Art, die große Wirkung Ihrer Menschenpersönlichkeit auf mein Leben sich vollzogen hat.

Ich kann es wohl am besten mit Worten von V. de l’I. A. aus „Axël“ ausdrücken. Sie wirkten so, wie es in Axël heißt: „Ich belehre nicht: ich erwecke! Orig.: „Je n’instruis pas, j’éveille.“ (Troisième partie „Le monde occulte“, § 1 „Au seuil“, 1. Szene: Maître Janus versucht Axël zu überzeugen, über sein sterbliches Sein hinauszublicken und das „Licht, das allerkennend und alldurchdringend den wirklichen Charakter der Dinge erhellt“, zu sehen; vgl. Villiers de L’Isle-Adam / Villiers de L’Isle Adam 1992, S. 112). Und ich möchte hinzufügen, dass je ungestörter der Schlaf war, umso frischer dann die Erweckung.

Ich glaube aber auch andrerseits nicht, dass ich es so gemacht habe, wie oft der Schüler, der einfach ordnungslos über die Stränge schlägt und glaubt, so den Meister überbieten zu können. Nein. – Sondern ich habe nur jene großen (von Ihnen zuerst ausgedrückten) Maßstäbe angelegt an Gebiete des Denkens und Erlebens, die mir besonders vertraut waren. Und mit einer mir – wenigstens zur Zeit – größtmöglich erreichbaren Gewissenhaftigkeit.

Dass ich in einem bereits außerhalb der gewöhnlichen Konsequenzen liegenden Punkte mit Ihnen übereinstimme, nämlich der „Natur“, weiß ich neuerdings aus Gesprächen mit Ihnen. – Aber ich glaube, dass ich in einem andern Punkte – den übrigens die heutige Menschheit nie zu berühren wagt – mich mit manchen Ihrer heimlichen Gedanken treffe: das ist im Kapitel über die „Seele“. Nebenbei habe ich die dunkle Ahnung, dass wir, wenn wir auf einige sehr erfahrene, alte Kirchenväter zurückgehen würden, wir vielleicht dort irgendwie verwandte Erkenntnis finden dürften. Es ist aber nur eine Lieblingsahnung von mir. Einen Beweis dafür habe ich noch nicht. (Es kommt auch im Grunde nicht darauf an.) — Wenn ich mit einem kurzen Wort bezeichnen soll, was ich in dem Aufsatz tat, so möchte ich sagen:

Ich suchte – an eigener Inspiration, Einweihung und Lebenserfahrung – den Weg zu beschreiben zu jenem unablässig neuen ersten Tag der Welt, dessen Keim Sie vor zehn Jahren in mich pflanzten!

Mit dankbarem Händedruck

Ihr Ludwig Rubiner.

                                                                
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2 lege, das rührt daher: Ihnen
verdanke ich mehr als anderen
Menschen. Und, wie alles wirk⸗
liche Leben, kam es nicht mit
einem Schlag, sondern hat viele
Kristalle und Zellen und Häute
an mir gebildet.

Ich weiss sogar erst seit dem
letzten Vierteljahr ganz klar
und in Worten ausdrückbar,
welchen ungeheuren Einfluss
Sie auf mich ausgeübt haben.
Als vor 10 Jahren Ihre
Aesthetik
erschien, klammerte
ich in Bewunderung und Zu⸗
stimmung mich an Neben⸗
dinge.

Aber die Hauptsache, die
Centralidee Ihres Buches,
die ganze divine Realisation

                                                                
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3 Ihres Lebensplanes, – diese
nahm ich ganz stillschweigend
an, obwohl gerade sie es ist,
die in mir während dieser
Zeit unablässig geformt
hat. Es ist Ihre Idee, in
allen wichtigen Lebensdingen
sich wie am ersten Tage der
Weltgeburt mit unbefangenem
Auge vor das Leben zu stellen.
So selbstverständlich uns
das erscheint: Unerhörterweise
war es nicht selbstverständlich,
sondern Sie waren der erste,
der es mit fassbaren, fühlbaren,
und anwendbaren Worten
öffentlich ausgesprochen hat.

Wie alle wirklichen Lebenswahr-
heiten, ist auch diese ungeheuer
einfach. Sie hat in mir Wur⸗

                                                                
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4 [zeln] geschlagen. Und in den paar Jahren,
seit denen ich ein wirklich
wollender Mensch bin, brach
diese von Ihnen als Vorbild
aufgestellte Wahrheit in allen
möglichen Variationen aus
mir. Natürlich wurde sie
dadurch fruchtbar, dass sie
sich kreuzte und verband
mit den persönlichsten Erlebnissen.

(Ich werde noch Gelegen⸗
heit haben, öffentlich von der
wahrhaften Lebensgesetzlichkeit
dieser Idee und dem, was ihr
zu verdanken ist, Rechenschaft
abzulegen.)

Es ist jedenfalls so: wäre mir
nicht Ihr Centralfeuer der
Ästhetik seinerzeit als Geschenk
(geradezu!) zugefallen, so wäre
ich gewiss heute noch auf
vielen Nebenwegen.

                                                                
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B II, 4265

Den Aufsatz, der Ihnen vorliegt,
gab ich vor einem halben
Jahr (Oktober 1916) in Druck. Ich
bedaure nichts mehr, als dass
ich Ihre Verse nicht eher kannte,
diese:

„Wir wissen, dass wir kommen
um zu gehn,
„Was zwischenliegt ist das, was
uns betrifft!
Freies Zitat aus Busonis Doktor Faust; originaler Wortlaut des Librettodrucks (Zweites Bild, Faust): „Gewiß ist, daß wir kommen um zu gehen: – was zwischen liegt, ist das, was uns betrifft.“

Ich könnte mir, mit Ihrer
Erlaubnis, gar kein schöneres
und concentrierter das Letzte
ausdrückendes Motto denken!

Heute, wo ich mir
über wenigstens einen gewissen
Rhyt[h]mus in meinem Leben
sehr klar geworden bin,

                                                                
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6. ist mir auch gleichzeitig
klar geworden, wie, in
welcher Art, die grosse Wirkung
Ihrer Menschenpersönlichkeit
auf mein Leben sich vollzogen
hat.

Ich kann es wohl am besten
mit Worten von V. de l’I. A.
aus „Axel“ ausdrücken. Sie
wirkten so, wie es in Axel
heisst: „Ich belehre nicht: ich erwecke![“] Orig.: „Je n’instruis pas, j’éveille.“ (Troisième partie „Le monde occulte“, § 1 „Au seuil“, 1. Szene: Maître Janus versucht Axël zu überzeugen, über sein sterbliches Sein hinauszublicken und das „Licht, das allerkennend und alldurchdringend den wirklichen Charakter der Dinge erhellt“, zu sehen; vgl. Villiers de L’Isle-Adam / Villiers de L’Isle Adam 1992, S. 112).
Und ich möchte hinzufügen,
dass je ungestörter der Schlaf
war, um so frischer dann
dasie Erweckung.

Ich glaube aber auch
andrerseits nicht, dass ich
es so gemacht habe, wie

                                                                
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7 oft der Schüler, der einfach
ordnungslos über die Stränge
schlägt, und glaubt, so den
Meister überbieten zu können.
Nein. – Sondern ich habe
nur jene grossen (von Ihnen zu⸗
erst ausgedrückten) Mas[s]stäbe
angelegt an Gebiete des Denkens
und Erlebens, die mir besonders
vertraut waren. Und mit einer mir
– wenigstens zur Zeit – grösst⸗
möglich erreichbaren Gewissen⸗
haftigkeit.

Dass ich in einem, bereits
ausserhalb der gewöhnlichen
Konsequenzen liegenden
Punkte mit Ihnen übereinstim⸗
me, nämlich der „Natur“ weiss
ich neuerdings aus Gesprächen
mit Ihnen. – Aber ich

                                                                
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glaube, dass ich in einem
andern Punkte – den übrigens
die heutige Menschheit nie zu
berühren wagt – mich mit
manchen Ihrer heimlichen Ge⸗
danken treffe: das ist im
Kapitel über die „Seele“. Neben⸗
bei habe ich die dunkle Ahnung,
dass wir, wenn wir auf einige
sehr erfahrene, alte Kirchenväter
zurückgehen würden, wir vielleicht
dort irgendwie verwandte Erkennt⸗
nis finden dürften. Es ist aber nur
eine Lieblingsahnung von mir. Einen
Beweis dafür habe ich noch nicht.
(Es kommt auch im Grunde nicht
darauf an.) — Wenn ich mit einem
kurzen Wort bezeichnen soll, was ich
in dem Aufsatz tat, so möchte ich sagen:

Ich suchte – an eigener Inspiration,
Einweihung und Lebenserfahrung – den
Weg zu beschreiben zu jenem
unablässig neuen ersten Tag der Welt,
dessen Keim Sie vor zehn Jahren
in mich pflanzten! Mit dankbarem
Händedruck
Ihr Ludwig Rubiner.

                                                                
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Überlieferung
Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4265 | olim: Mus.ep. L. Rubiner 6 (Busoni-Nachl. B II) |

Nachweis Kalliope

Zustand
Der Brief ist gut erhalten.
Umfang
2 Bogen, 8 beschriebene Seiten
Hände/Stempel
  • Hand des Absenders Ludwig Rubiner, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
  • Hand Gerda Busonis, die mit Bleistift eine Paginierung vorgenommen hat.
  • Hand des Archivars, der die Signaturen mit Bleistift eingetragen vorgenommen hat.
  • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
Bildquelle
Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz: 12345678

Zusammenfassung
Rubiner zeigt sich über die Reaktion auf seinen zuvor Busoni zugesandten Aufsatz Aktualismus erfreut; verweist auf den „ungeheuren Einfluss“ von Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst und insbesondere die „Erweckung“ dazu, „sich wie am ersten Tage der Weltgeburt mit unbefangenem Auge vor das Leben zu stellen“; verzeichnet Übereinstimmung mit Busoni in der Auffassung von „Natur“ und „Seele“ und vermutet sie auch mit „alte[n] Kirchenväter[n]“.
Incipit
Ihr Brief hat mich mehr erfreut, als Sie vielleicht ahnen

Inhaltlich Verantwortliche
Christian Schaper Ullrich Scheideler
bearbeitet von
Stand
25. Februar 2018: in Korrekturphase (Transkription abgeschlossen, Auszeichnungen codiert, zur Korrekturlesung freigegeben)
Stellung in diesem Briefwechsel
Vorausgehend Folgend
Benachbart in der Gesamtedition