Kurt Weill an Ferruccio Busoni arrow_backarrow_forward

Davos · 25. Februar 1924

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Davos 25. Februar 1924

Lieber Meister,

es ist hier oben eigentlich das erste Mal, dass
mir das Nichtstun zum Genuss wird. Es gibt so
viel Überraschendes, wenn man von einem Tag auf
den anderen Berlin mit einem Hochgebirgsort ver-
tauscht, dass kaum ein anderer Gedanke in einem
aufkommt, als der des Staunens. Wir wohnen hier
ganz idyllisch an einem Bergabhang 100m über
dem Ort Davos; auf der einen Seite sollen wir in
einen steil ansteigenden Wald, in dem die Sonne
auf dem bläulich schimmernden Schnee die lieb-
lichsten Farbenspiele treibt; u. nach Süden zieht

Davos 25. Februar 1924

Lieber Meister,

es ist hier oben eigentlich das erste Mal, dass mir das Nichtstun zum Genuss wird. Es gibt so viel Überraschendes, wenn man von einem Tag auf den anderen Berlin mit einem Hochgebirgsort vertauscht, dass kaum ein anderer Gedanke in einem aufkommt, als der des Staunens. Wir wohnen hier ganz idyllisch an einem Bergabhang 100m über dem Ort Davos; auf der einen Seite sollen wir in einen steil ansteigenden Wald, in dem die Sonne auf dem bläulich schimmernden Schnee die lieblichsten Farbenspiele treibt; und nach Süden zieht eine lange Bergkette, deren Kuppe sich schneidend scharf gegen den Himmel abhebt, und dieser Himmel ist von einer Bläue, die ich nie gesehen habe, und die mir erste Vorahnung des Südens zu sein scheint. Schon in Helgoland empfand ich freudig eine Art Erdverbundenheit, weil die Geschehnisse des Tages abhängig gemacht werden vom Wetter, von Naturvorgängen; das ergibt jene Gleichmäßigkeit des Tagesverlaufs, die doch nie in Eintönigkeit ausartet. Morgens bin ich in den Bergen, der Schnee liegt zwei Meter hoch und man geht ohne Überkleider in strahlender Sonne. Mittags liegt man dann auf offener Terrasse nach Süden, die Sonne ist so heiß, dass man sich vor ihr schützen muss, und dabei kommt zum ersten Mal der Wunsch auf, der sich wohl auf dieser Reise öfter wiederholen wird: wenn Sie doch auch hier wären! Man ist immer in gehobener Stimmung, wenn einen diese glühende Wintersonne erreicht, wenn man diese reine dünne Luft atmet, und wenn man tief unten die Wolken liegen sieht, die das flache Land verdüstern. – Sie werden lachen, wenn Sie hören, dass ich Sport treibe; aber es ist ein schönes Gefühl, auf einem kleinen Schlitten eine eisglatte Bahn von 4 km herunterzusausen und durch einen leisen Druck des Körpers eine Kurve zu nehmen. Und da ich es ohne Ehrgeiz tue, ist es auch ungefährlich. Dagegen habe ich mir gestern beim Bergsteigen den Fuß ein wenig verrenkt und muss nun einige Tage zu Bett liegen; es ist nichts beängstigendes und auch wenig schmerzhaft, aber es verlängert meinen Davoser Aufenthalt um einige Tage. Meine Freunde sind sehr gut zu mir, und ich werde verwöhnt wie noch nie im Leben. Übrigens ist der Modebad-Betrieb hier nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es ist sehr ruhig, man sieht fast gar keine Menschen, und von den üblichen Gewohnheiten des mondänen Badeortes ist wenig zu spüren. Man sieht viel Ausländer. Es ist interessant zu beobachten, wie man unter den englisch sprechenden Leuten mit Leichtigkeit die Engländer von den Amerikanern unterscheiden kann. Engländer sind viel hier und sehen famos aus, doch sind sie mir zu sehr auf den Sport versessen (wobei sie übrigens durch ihre Kaltblütigkeit den Deutschen gegengenüber stets im Vorteil sind). Sehr leicht erkenntbar sind die Franzosen, die uncharakteristischsten die Deutschen, die dümmsten und langweiligsten die Schweizer.

Ich gedenke weiterzureisen, sowie mein Bein gesund ist, und zwar zunächst nach Zürich. Mein Brief an Geiser ist jetzt (über Berlin) an mich zurückgegangen, scheinbar war die Adresse falsch. Ich hoffe Geiser aber bestimmt Ende der Woche zu sprechen, und mit ihm alles, was das Akademikonzert betrifft, besprechen zu können. In dem erwähnten Akademiekonzert war die Aufführung eines Quartetts Geisers vorgesehen. Auf Busonis Geheiß sollte Weill nun diesen kontaktieren, um diesbezüglich alles weitere zu klären (vgl. Busoni/Stuckenschmidt 1974 S. 27). Von Hertzka hatte ich ein erfreuliches Telegramm: „Habe für Übernahme Ihrer Werke lebhaftes Interesse, erbitte Vorschläge betreffs Bedingungen.“ Auf Busonis Empfehlung kontaktierte der Wiener Verleger Emil Hertzka den jungen Komponisten Weill, um Bedingungen zur Aufnahme seiner Werke in das Verlagsprogramm zu verhandeln (vgl. Busoni/Stuckenschmidt 1974 S. 27). Trotzdem ich in Verlegersachen sehr skeptisch bin, will ich doch über Wien zurückfahren und versuchen, mit Hertzka mündlich einig zu werden.

Wenn ich an Berlin denke und das, was hinter mir liegt, so bin ich fast ausschließlich bei Ihnen und bedauere lebhaft, noch von keiner Weise Nachricht über Ihr Befinden zu haben. Ich hoffe und wünsche so sehr, dass die entschiedene Besserung, die wir vor meiner Abreise beobachten konnten, angehalten hat, Entgegen Weills Hoffnungen, verschlechterte sich Busonis Gesundheitszustand. Busoni litt an einer allgemeinen Sepsis, die aus einem langfristigen Nierenversagen hervorgegangen ist (vgl. Stuckenschmidt 1967 S. 52). und dass Sie bald imstande sind, den Süden aufzusuchen und dort alles zu finden, was Sie noch immer schwer vermissen. Ich habe manchmal fast ein schlechtes Gewissen, dass ich hier soviel Schönes sehe, und dass zu gleicher Zeit ein großer Mensch, dem die aufrichtigsten und ergebensten Gefühle einer Welt gehören, unter körperlichen oder klimatischen Übelständen leiden soll. Und da ich nicht an Ungerechtigkeiten glauben will, bin ich überzeugt, dass es Ihnen wieder gut geht, und dass Sie wieder Ihrer Arbeit gehören.

Mit den herzlichsten Grüßen für Frau Gerda und Lello und den innigsten Wünschen für Sie selbst, bin ich

in dankbarer Treue

Ihr Kurt Weill

Adresse bis Ende der Woche Davos, Villa Bergfried, später Florenz oder Rom, poste restante
                                                                
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eine lange Bergkette, deren Kuppe sich schneidend
scharf gegen den Himmel abhebt, u. dieser Himmel
ist von einer Bläue, die ich nie gesehen habe, u.
die mir erste Vorahnung des Südens zu sein scheint.
Schon in Helgoland empfand ich freudig eine Art
Erdverbundenheit, weil die Geschehnisse des Tages
abhängig gemacht werden vom Wetter, von Naturvor-
gängen; das ergibt jene Gleichmäßigkeit des Tages-
verlaufs, die doch nie in Eintönigkeit ausartet.
Morgens bin ich in den Bergen, der Schnee liegt
zwei Meter hoch und man geht ohne Überkleider in
strahlender Sonne. Mittags liegt man dann
auf offener Terrasse nach Süden, die Sonne ist
so heiß, dass man sich vor ihr schützen muss,

                                                                
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u. dabei kommt zum ersten Mal der Wunsch auf,
der sich wohl auf dieser Reise öfter wiederholen
wird: wenn Sie doch auch hier wären! Man ist
immer in gehobener Stimmung, wenn einen diese
glühende Wintersonne erreicht, wenn man diese reine
dünne Luft atmet, u. wenn man tief unten die
Wolken liegen sieht, die das flache Land ver-
düstern. – Sie werden lachen, wenn Sie hören,
dass ich Sport treibe; aber es ist ein schönes
Gefühl, auf einem kleinen Schlitten eine eisglatte
Bahn von 4 km herunterzusausen u. durch einen
leisen Druck des Körpers eine Kurve zu nehmen.
Und da ich es ohne Ehrgeiz tue, ist es auch unge-
fährlich. Dagegen habe ich mir gestern beim Bergstei-
gen den Fuß ein wenig verrenkt und muss nun einige

                                                                
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Tage zu Bett liegen; es ist nichts beängstigendes
u. auch wenig schmerzhaft, aber es verlängert meinen
Davoser Aufenthalt um einige Tage. Meine Freunde
sind sehr gut zu mir, u. ich werde verwöhnt wie noch
nie im Leben. Übrigens ist der Modebad-Betrieb
hier nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte.
Es ist sehr ruhig, man sieht fast gar keine Men-
schen, u. von den üblichen Gewohnheiten des mondä-
nen Badeortes ist wenig zu spüren. Man sieht viel
Ausländer. Es ist interessant zu beobachten, wie man
unter den englisch sprechenden Leuten mit Leichtig-
keit die Engländer von den Amerikanern unterscheiden
kann. Engländer sind viel hier u. sehen famos aus,
doch sind sie mir zu sehr auf den Sport versessen (wobei
sie übrigens durch ihre Klaltblütigkeit den Deutschen gegengen-

                                                                
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die Franzosen, die uncharakteristischsten die Deutschen, die
dümmsten u. langweiligsten die Schwyzer.

Ich gedenke weiterzureisen, sowie mein Bein gesund ist,
u. zwar zunächst nach Zürich. Mein Brief an Geiser ist
jetzt (über Berlin) an mich zurückgegangen, scheinbar war
die Adresse falsch. Ich hoffe Geiser aber bestimmt Ende
der Woche zu sprechen, u. mit ihm alles, was das Akade-
mikonzert
betrifft, besprechen zu können. In dem erwähnten Akademiekonzert war die Aufführung eines Quartetts Geisers vorgesehen. Auf Busonis Geheiß sollte Weill nun diesen kontaktieren, um diesbezüglich alles weitere zu klären (vgl. Busoni/Stuckenschmidt 1974 S. 27). Von Hertzka hatte
ich ein erfreuliches Telegramm: „Habe für Übernahme Ihrer
Werke lebhaftes Interesse, erbitte Vorschläge betreffs Be-
dingungen.“
Auf Busonis Empfehlung kontaktierte der Wiener Verleger Emil Hertzka den jungen Komponisten Weill, um Bedingungen zur Aufnahme seiner Werke in das Verlagsprogramm zu verhandeln (vgl. Busoni/Stuckenschmidt 1974 S. 27). Trotzdem ich in Verlegersachen sehr skeptisch
bin, will ich doch über Wien zurückfahren u. versuchen,
mit Hertzka mündlich einig zu werden.

Wenn ich an Berlin denke u. das, was hinter mir liegt,

B II,5364
[3] Deutsche
Staats ·
bibliothek
Berlin

                                                                
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so bin ich fast ausschliesslich bei Ihnen u. bedauere
lebhaft, noch von keiner Weise Nachricht über Ihr Be-
finden zu haben. Ich hoffe u. wünsche so sehr, dass
die entschiedene Besserung, die wir vor meiner Abreise be-
obachten konnten, angehalten hat, Entgegen Weills Hoffnungen, verschlechterte sich Busonis Gesundheitszustand. Busoni litt an einer allgemeinen Sepsis, die aus einem langfristigen Nierenversagen hervorgegangen ist (vgl. Stuckenschmidt 1967 S. 52). u. dass Sie bald im-
stande sind, den Süden aufzusuchen u. dort alles zu
finden, was Sie noch immer schwer vermissen. Ich habe
manchmal fast ein schlechtes Gewissen, dass ich hier soviel
Schönes sehe, u. dass zu gleicher Zeit ein grosser Mensch, dem
die aufrichtigsten u. ergebensten Gefühle einer Welt gehören,
unter körperlichen oder klimatischen Übelständen leiden
soll. Und da ich nicht an Ungerechtigkeiten glauben will,
bin ich überzeugt, dass es Ihnen wieder gut geht, u. dass
Sie wieder Ihrer Arbeit gehören.

Mit den herzlichsten Grüßen für Frau Gerda u. Lello
u. den innigsten Wünschen für Sie selbst, bin ich

in dankbarer Treue

Ihr Kurt Weill

Nachlaß Busoni

[am linken Rand, längs:]
Adresse bis Ende der Woche Davos, Villa Bergfried, später Florenz oder Rom, poste restante
                                                                
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Überlieferung
Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 5364 | olim: Mus.ep. K. Weill 6 |

Nachweis Kalliope

Zustand
Der Brief ist gut erhalten.
Umfang
3 Blatt, 6 Seiten
Hände/Stempel
  • Hand des Absenders Kurt Weill, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift
  • Hand des Archivars, der mit Bleistift die Signaturen eingetragen, eine Foliierung vorgenommen und das Briefdatum ergänzt hat
  • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
  • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
  • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
Bildquelle
Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz: 123456

Inhaltlich Verantwortliche
Christian Schaper Ullrich Scheideler
bearbeitet von
Stand
8. Januar 2022: in Bearbeitung (in der Erfassungs-/Codierungsphase)
Stellung in diesem Briefwechsel
Vorausgehend Folgend
Benachbart in der Gesamtedition
Frühere Ausgaben
Theurich 1990, S. 117 f. Theurich 1998, S. 26–28