Vorrede zu einer zweiten Auflage des Entwurfs einer neuen Ästhetik der Tonkunst

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Vorrede zur zweiten Auflage.
(1909)

Die anno 1909 projektierte Neuauflage des Entwurfs einer neuen Ästhetik der Tonkunst kam nicht zustande; in die erweiterte Neuauflage von 1916 ist das Vorwort nicht eingegangen.

Dieses Kleine Buch – (ich schrieb es vorBusoni-Nachlaß C I,61
über zwei Jahren) – enthält den Keim
zu einer Revolution. Waere es gelesen worden,
und mit Vertrauen gelesen – dann wäre
die Revolution geboren. Hätte ich dem Buche
durch einen entschiedeneren Ton und eine
voluminösere Fassung das Ansehen verliehen
welches der Inhalt – in der gewähltentrotz seiner be-
scheidenen Gestalt – beanspruchen darf,
dann waere es gelesen worden.

Jedes philosophische System lässt sich
mit einem knappen Satz darstellen.
Auf jedemn wahrha philosophischen
Aphorismus lässt sich ein System ausbauen.

Ich überliess es dem Leser, einen Satz
zweimal durchzunehmen, falls er Bedürf-
niss nach Wiederholung fühlte.

Aber es werden tausend Wiederholungen
williger gelesen, als ein neuer Satz.

Trotz dieser Einsicht bin ich – bis auf
einige Zusätze, welche ebenfalls nichts
Gesagtes wiederbringen – bei dieser Auflage
der ersten gleich g[e]blieben.

Ferruccio Busoni

Mil[a]no – im Februar 1909.

Vorrede zur zweiten Auflage (1909)

Die anno 1909 projektierte Neuauflage des Entwurfs einer neuen Ästhetik der Tonkunst kam nicht zustande; in die erweiterte Neuauflage von 1916 ist das Vorwort nicht eingegangen.

Dieses kleine Buch – (ich schrieb es vor über zwei Jahren) – enthält den Keim zu einer Revolution. Wäre es gelesen worden, und mit Vertrauen gelesen – dann wäre die Revolution geboren. Hätte ich dem Buche durch einen entschiedeneren Ton und eine voluminösere Fassung das Ansehen verliehen, welches der Inhalt – trotz seiner bescheidenen Gestalt – beanspruchen darf, dann wäre es gelesen worden.

Jedes philosophische System lässt sich mit einem knappen Satz darstellen. Auf jeden philosophischen Aphorismus lässt sich ein System ausbauen.

Ich überließ es dem Leser, einen Satz zweimal durchzunehmen, falls er Bedürfnis nach Wiederholung fühlte.

Aber es werden tausend Wiederholungen williger gelesen als ein neuer Satz.

Trotz dieser Einsicht bin ich – bis auf einige Zusätze, welche ebenfalls nichts Gesagtes wiederbringen – bei dieser Auflage der ersten gleich geblieben.

Ferruccio Busoni

Milano – im Februar 1909
                                                                
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Deutsche
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* Berlin *
Nachlaß Busoni
                                                                
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Überlieferung
Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni C I,61 |

Nachweis Kalliope

Zustand
Doppelt gefalzt, am Kreuzungspunkt in der Mitte ein kleines Loch, am rechten Rand mehrere Einrisse (ohne Textverlust); unten zwei Einrisse/Löcher, mit Textverlust (behebbar); sonst gut erhalten.
Umfang
1 Blatt, 1 beschriebene Seite
Hände/Stempel
  • Hand des Autors Ferruccio Busoni, Text in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
  • Hand des Archivars, der die Signatur mit Bleistift eingetragen hat.
  • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift eingetragen hat.
  • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
  • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
Bildquelle
Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz: 12

Inhaltlich Verantwortliche
Christian Schaper Ullrich Scheideler
bearbeitet von
Stand
1. September 2020: in Bearbeitung (in der Erfassungs-/Codierungsphase)
Frühere Ausgaben
Busoni / Weindel 2001, S. 136