Philipp Jarnach an Ferruccio Busoni arrow_backarrow_forward

Zürich · 21. März 1920

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N. Mus. Nachl. 30, 113
Zürich, 21 März 1920

Mein verehrter Meister und Freund!

Ich bitte Sie vor allem um Verzeihung, dass
ich Ihre lieben Briefe so spät beantworte. Ich war
in der letzten Zeit in etwas flacher Stimmung,
was nicht zuletzt davon herrühren mag, dass
ich vierzehn Tage lang im Stimmenmaterial
meiner „Symphonia brevis“ Fehler abkratzte,
– während ich so gern etwas andres getan hätte –
und so aus dem Nachdenken über eine neue
Arbeit herausgerissen wurde.

– Ich musste kürzlich, um eine vergessene
Adresse zu finden, meine Schubladen durchstöbern.
Bei dieser Gelegenheit kam eine Anzahl Ihrer
früheren Briefe zum Vorschein. Ich las sie
wieder, es war ein schöner, klarer Augenblick.
Ich sah, dass unsere Freundschaft – Sie erlauben
mir, dieses Wort zu gebrauchen? – schon eine
Geschichte hat. Zunächst die Geschichte von „Turan-
dot“
u. „Arlecchino“, (in etwa dreissig Briefen
festgehalten). Busoni beauftragte Jarnach 1916, die Klavierauszüge für die beiden Opern zu erstellen. Im Jahr 1917 besteht der Briefwechsel größtenteils aus Korrekturanweisungen. Zudem wurde Jarnach auf Busonis Empfehlung hin als Korrepetitor am Züricher Stadttheater engagiert, um die beiden Opern einzustudieren. (Vgl. Weiss 1996, S. 59 f.; siehe auch die Briefe von Oktober 1916 bis März 1918.) – Dann, im wesentlichen, die Geschichte
meiner Bekehrung zu ästhetischen Wahrheiten,
denen ich 1916 noch recht fern stand, doch kurz
darauf deutlich zu fühlen begann. Am 10 Februar

Zürich, 21. März 1920

Mein verehrter Meister und Freund!

Ich bitte Sie vor allem um Verzeihung, dass ich Ihre lieben Briefe so spät beantworte. Ich war in der letzten Zeit in etwas flacher Stimmung, was nicht zuletzt davon herrühren mag, dass ich vierzehn Tage lang im Stimmenmaterial meiner „Symphonia brevis“ Fehler abkratzte – während ich so gern etwas andres getan hätte – und so aus dem Nachdenken über eine neue Arbeit herausgerissen wurde.

Ich musste kürzlich, um eine vergessene Adresse zu finden, meine Schubladen durchstöbern. Bei dieser Gelegenheit kam eine Anzahl Ihrer früheren Briefe zum Vorschein. Ich las sie wieder, es war ein schöner, klarer Augenblick. Ich sah, dass unsere Freundschaft – Sie erlauben mir, dieses Wort zu gebrauchen? – schon eine Geschichte hat. Zunächst die Geschichte von „Turandot“ und „Arlecchino“, (in etwa dreißig Briefen festgehalten). Busoni beauftragte Jarnach 1916, die Klavierauszüge für die beiden Opern zu erstellen. Im Jahr 1917 besteht der Briefwechsel größtenteils aus Korrekturanweisungen. Zudem wurde Jarnach auf Busonis Empfehlung hin als Korrepetitor am Züricher Stadttheater engagiert, um die beiden Opern einzustudieren. (Vgl. Weiss 1996, S. 59 f.; siehe auch die Briefe von Oktober 1916 bis März 1918.) Dann, im wesentlichen, die Geschichte meiner Bekehrung zu ästhetischen Wahrheiten, denen ich 1916 noch recht fern stand, doch kurz darauf deutlich zu fühlen begann. Am 10. Februar 1919 schrieben Sie:

„Aus verstreuten Äußerungen, die Sie einmal und das andere getan, entnehme ich, wie Sie allmählich zu meinen Prinzipien gelangen.“

In demselben Brief nannten Sie die post-wagner’sche Periode den „dämmernden Werktag“; Busoni schrieb: „Aus verstreuten Aüsserungen die Sie, einmal und das andere, getan entnahm ich, wie Sie allmälig zu meinen Prinzipien gelangen. Verdoppelungen – Wiederholungen – Steigerungen – Mangel an Luft – all dieses Rüstzeug eines dämmernden u. bald vergangenen Werk-Tages erkennen Sie als hinderlich.“ (Brief von Busoni an Jarnach, 10. Februar 1919.) ein treffendes Wort, das Sie wahrscheinlich vergessen haben; es charakterisiert eine ganze Generation.

Endlich – um die Periodizität der pianistischen Störungen zu illustrieren (Sie sprachen davon in Ihrem vorletzten Brief) – erinnere ich Sie an Ihr Epigramm:

„ … Inzwischen: in des Schaffens Wüsten,
Sind Oasen des Pianisten,
Und die Partitur, sie stockt.
Weiß und schwarz durch Fingerlasten
Senken, heben sich die Tasten,
Wenn der A.... am Stuhle hockt.
(19. Februar 1918)“

Sie fragen sich vielleicht verwundert, warum ich dies alles anführe. Mein lieber Meister, das ist eben meine Antwort auf Ihre Befürchtung, ich könnte die Ratschläge in Ihrem ersten Pariser Brief missverstehen. Busoni hatte in einem Brief an Jarnach vom 4. März eine Schaffenskrise bei jenem festgestellt und ihm daraufhin geraten, seinen noch mangelhaften Kompositionsstil anhand kurzer Stücke zu perfektionieren. Dieser Brief blieb unbeantwortet, woraufhin Busoni am 10. März einen weiteren Brief schrieb, in welchem er seinen Rat als „allgemeine Reflexion“ relativierte. Missverständnisse auf diesem Boden kann es zwischen uns doch nicht geben! Es würde mich betrüben, wenn ich glauben müsste, dass Sie darüber wirklich im Zweifel sind. Sie unterschätzen mich wohl?

Wenn ein Busoni von Kunst zu mir spricht, habe ich keine Zeit, empfindlich zu sein!

Ich war im Marionettentheater; Im Frühjahr 1920 spielte das Marionetten-Theater Münchner Künstler ein Faust-Puppenspiel im Kunstgewerbemuseum Zürich. Auch Busoni hatte sich eine Vorstellung, vermutlich am 2. März, angesehen. (Vgl. Beaumont 1987, Anmerkung 284/3, S. 304) In seinem ersten Brief aus Paris schrieb er an Jarnach, wie sehr er es bedauerte, nach der neu gewonnenen Inspiration nicht gleich an seiner Oper Dr. Faust weiterarbeiten zu können, da er am Folgetag nach Paris abreisen musste. (Vgl. Brief von Busoni an Jarnach, Paris, 4.3.1920.) Eine umfangreiche Erklärung zu den von Jarnach hier angeführten Übereinstimmungen und Abweichungen der Libretti des Dr. Faust und des Puppenspiels findet sich in einem Brief an Gisella Selden-Goth. (Vgl. Brief von Busoni an Selden-Goth, Zürich, 14.5.1920, in englischer Sprache in Beaumont 1987, S. 308 f.) auch auf mich machte das Faustspiel einen tiefen Eindruck. Am meisten frappierte mich die formale Geschlossenheit der einzelnen Szenen, die in seltsamem Kontrast zur scheinbaren Primitivität der Ausführung steht. Dagegen fehlt etwas zwischen dem Akt in Parma und dem Schlussbild – das prächtig gebaut ist – und ich merkte, wie Sie recht taten, dazwischen die Wirtschaftsszene einzuschalten. Erst dadurch erhält das Ganze auch äußere Abrundung.

Die Münchnerbearbeitung scheint mir einige Details zu schwächen. Auch sehe ich die Notwendigkeit nicht ein. Dagegen war die Darstellung wundervoll. Die Faust-Idee überrumpelt unsere Blasiertheit – welche leider nicht immer eingebildet ist – stets aufs Neue; ich begreife, dass Sie, in dem ein großer Ausdruck dieser Idee reift, nach dieser Vorstellung den Zufall verwünschten, am nächsten Tag abreisen zu müssen.

Umso mehr freuten mich die Nachrichten, die Sie uns aus Paris geben. Ihre günstigen Eindrücke und der begeisterte Empfang werden Ihren Aufenthalt sicherlich zu einem behaglichen gemacht haben und auf Sie – trotz der Riesenaufgabe Busoni befand sich seit dem 3. März 1920 auf Konzertreise in Paris. In seinem Brief vom 4. März berichtete er von einem enormen Arbeitspensum – es waren zunächst sechs Rezitals, ein Orchesterkonzert mit Busoni als Pianist und zwei Konzerte mit Busoni als Dirigent geplant. Die Konzerte waren jedoch noch vor seiner Anreise ausverkauft, sodass Busoni noch zwei weitere Rezitals spielte und ein weiteres Konzert dirigierte und so bis Anfang April neun Auftritte hatte. (Vgl. Willimann 1994, S.119/122 f.; Beaumont 1987, Anmerkung 284/2, S. 304.) – erfrischend wirken. In Ihrem letzten Brief witterte ich förmlich die Pariser Frühliungsluft. Es freut mich auch, dass ein Publikum, an das ich jeden Glauben verloren hatte, das Ereignis Ihrer Anwesenheit merkt und fühlt!

Tausend herzliche Grüße an Sie und Frau Busoni von Ursula und Ihrem

Philipp Jarnach

P.S. – Das Manuskript v. D. werde ich an Andreae weiterleiten. Um welches Werk es sich handelt, ist nicht zweifelsfrei zu ermitteln. Busoni hatte Jarnach in seinem letzten Brief darum gebeten, eine Partitur van Dierens an Andreae zu übergeben. In dem von Willimann veröffentlichten Briefwechsel zwischen Busoni und Andreae findet sich kein direkter Hinweis auf diese Übergabe. Auch im Briefwechsel mit Jarnach findet sich ansonsten kein weiterer Hinweis auf Grund und Gegenstand dieser Notenübergabe. Allerdings notierte Busoni in einem Brief, den er Jarnach bei seinem Aufenthalt in London – dem Wohnort van Dierens – schrieb, am Briefende den Vermerk: „Neue Komponisten: Bernard van Dieren.“ (Brief von Busoni an Jarnach, London, 1.12.1919.) Es ist also anzunehmen, dass Busoni besagte Partitur von dieser London-Reise mitbrachte und anschließend zur Sichtung zunächst an Jarnach übergab, sie nun aber an Andreae übergeben wollte. Von diesem erbittet Busoni in einem Brief vom 27. Mai 1920, sich noch vor seiner, Busonis, Abreise nach London zu van Dieren als Komponist zu äußern, damit er den Kommentar – wohl an den Komponisten selbst – übermitteln könne. (Vgl. Brief von Busoni an Andreae, Zürich, 27.05.1920, in Willimann 1994, S. 125.) Eine Antwort auf diesen Brief ist zumindest nicht veröffentlicht. Aus zwei Briefen an Emil Hertzka ist ersichtlich, dass Busoni nach diesem ersten Aufenthalt in London zwei Werke van Dierens besessen hat, für deren Veröffentlichung er sich einsetzte. Es handelte sich um die 6 Skizzen für Klavier (vgl. Brief von Busoni an Hertzka, London, 20.11.1919, in englischer Übersetzung in Beaumont 1987, S.298) und die Carnival Ouverture für 16 Instrumente (vgl. Brief von Busoni an Hertzka, Zürich, 05.01.1920, in englischer Sprache in Beaumont 1987, S.303). Es ist anzunehmen, dass Busoni eher die Ouverture meint, wenn er von „Partitur“ spricht. Die „Improvisation“ wurde von Hug besorgt, da ich kein Exemplar besitze. (Ich hatte seinerzeit ein Exemplar von Biolley geliehen.) Hier ist höchstwahrscheinlich von Busonis Improvisation für zwei Klaviere die Rede. Busoni hatte sich in seinem letzten Brief für das Zusenden einer „Improvisation“ bedankt. Auf diesen Notenversand gibt es in der vorherigen Korrespondenz keinen weiteren Hinweis. Jedoch schreibt Busoni am 1. Dezember 1919 aus London an Jarnach, dass er dessen und Lochbrunners Aufführung seiner Improvisation am 10. Dezember verpassen wird. In diesem Rezital wurde zweifellos Busonis Improvisation für zwei Klaviere gespielt. (Vgl. Beaumont 1987, Anmerkung 281/1, S. 300.) In einem Brief vom 29. Januar 1920 schreibt Jarnach, dass Busoni gerade wieder abgereist sei, nachdem eine Weitere Aufführung der Improvisation mit Lochbrunner geplant sei. Besagte Reise erfolgte jedoch nach Italien und vor seiner Abreise nach Paris war Busoni nochmals in Zürich. Warum Jarnach die Improvisation also nach Paris geschickt hatte, ist unklar, zumal sich unter den geplanten Konzerten Busonis kein Rezital für zwei Klaviere befand. Eine Carmen-Phantasie? Sie sind an Ort und Stelle, aber woher nehmen Sie die Zeit??

                                                                
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2Diplomatische Umschrift
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1919 schrieben Sie:

„Aus verstreuten Auesserungen die Sie,
„ einmal und das andere getan, entnehme ich,
„ wie Sie allmählich zu meinen Prinzipien
„ gelangen.“

In demselben Brief nannten Sie die post-
wagner’sche Periode den „dämmernden Werktag“; Busoni schrieb: „Aus verstreuten Aüsserungen die Sie, einmal und das andere, getan entnahm ich, wie Sie allmälig zu meinen Prinzipien gelangen. Verdoppelungen – Wiederholungen – Steigerungen – Mangel an Luft – all dieses Rüstzeug eines dämmernden u. bald vergangenen Werk-Tages erkennen Sie als hinderlich.“ (Brief von Busoni an Jarnach, 10. Februar 1919.)
ein treffendes Wort das Sie wahrscheinlich
vergessen haben; es charakterisiert eine ganze
Generation.

Endlich – um die Periodizität der pianistischen
Störungen zu illustrieren) (Sie sprachen davon
in Ihrem vorletzten Brief) – erinnere ich Sie
an Ihr Epigramm:

„ …. Inzwischen: in des Schaffens Wüsten,
„ Sind Oasen des Pianisten,
„ Und die Partitur, sie stockt.
„ Weiss u. schwarz durch Fingerlasten
„ Senken, heben sich die Tasten,
„ Wenn der A.... am Stuhle hockt.
(19 Febr. 1918)“

Sie fragen sich vielleicht verwundert, warum
ich dies alles anführe. Mein lieber Meister, das
ist eben meine Antwort auf Ihre Befürchtung, Preußischer
Staats-
bibliothek
zu Berlin
Kulturbesitz

ich könnte die Ratschläge in Ihrem ersten

                                                                
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3Diplomatische Umschrift
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2
Pariser Brief missverstehen. Busoni hatte in einem Brief an Jarnach vom 4. März eine Schaffenskrise bei jenem festgestellt und ihm daraufhin geraten, seinen noch mangelhaften Kompositionsstil anhand kurzer Stücke zu perfektionieren. Dieser Brief blieb unbeantwortet, woraufhin Busoni am 10. März einen weiteren Brief schrieb, in welchem er seinen Rat als „allgemeine Reflexion“ relativierte. Missverständnisse
auf diesem Boden kann es zwischen uns doch
nicht geben! Es würde mich betrüben, wenn
ich glauben müsste, dass Sie darüber wirklich
im Zweifel sind. Sie unterschätzen mich wohl?

Wenn ein Busoni von Kunst zu mir
spricht, habe ich keine Zeit, empfindlich zu sein!

Ich war im Marionettentheater; Im Frühjahr 1920 spielte das Marionetten-Theater Münchner Künstler ein Faust-Puppenspiel im Kunstgewerbemuseum Zürich. Auch Busoni hatte sich eine Vorstellung, vermutlich am 2. März, angesehen. (Vgl. Beaumont 1987, Anmerkung 284/3, S. 304) In seinem ersten Brief aus Paris schrieb er an Jarnach, wie sehr er es bedauerte, nach der neu gewonnenen Inspiration nicht gleich an seiner Oper Dr. Faust weiterarbeiten zu können, da er am Folgetag nach Paris abreisen musste. (Vgl. Brief von Busoni an Jarnach, Paris, 4.3.1920.) Eine umfangreiche Erklärung zu den von Jarnach hier angeführten Übereinstimmungen und Abweichungen der Libretti des Dr. Faust und des Puppenspiels findet sich in einem Brief an Gisella Selden-Goth. (Vgl. Brief von Busoni an Selden-Goth, Zürich, 14.5.1920, in englischer Sprache in Beaumont 1987, S. 308 f.) auch auf
mich machte das Faustspiel einen tiefen
Eindruck. Am meisten frappierte mich die
formale Geschlossenheit der einzelnen Szenen,
die in seltsamem Kontrast zur scheinbaren
Primitivität der Ausführung steht. – Dagegen
fehlt etwas zwischen dem Akt in Parma
und dem Schlussbild – das prächtig gebaut
ist – und ich merkte wie Sie recht taten,
dazwischen die Wirthschaftsszene einzuschalten.
Erst dadurch erhält das Ganze auch aüssere
Abrundung.

Die Münchnerbearbeitung scheint mir
einige Details zu schwächen. Auch sehe ich
die Notwendigkeit nicht ein. Dagegen war
die Darstellung wundervoll. Die Faust-Idee
überrumpelt unsere Blasiertheit – welche leider
nicht immer eingebildet ist – stets aufs

                                                                
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4Faksimile
4Diplomatische Umschrift
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Neue; ich begreife, dass Sie, in dem ein
grosser Ausdruck dieser Idee reift, nach
dieser Vorstellung den Zufall verwünschten,
am nächsten Tag abreisen zu müssen. –

Um so mehr freuten mich die Nachrichten
die Sie uns aus Paris geben
. Ihre günstigen
Eindrücke und der begeisterte Empfang werden
Ihren Aufenthalt sicherlich zu einem behaglichen
gemacht haben und auf Sie – trotz der
Riesenaufgabe Busoni befand sich seit dem 3. März 1920 auf Konzertreise in Paris. In seinem Brief vom 4. März berichtete er von einem enormen Arbeitspensum – es waren zunächst sechs Rezitals, ein Orchesterkonzert mit Busoni als Pianist und zwei Konzerte mit Busoni als Dirigent geplant. Die Konzerte waren jedoch noch vor seiner Anreise ausverkauft, sodass Busoni noch zwei weitere Rezitals spielte und ein weiteres Konzert dirigierte und so bis Anfang April neun Auftritte hatte. (Vgl. Willimann 1994, S.119/122 f.; Beaumont 1987, Anmerkung 284/2, S. 304.) – erfrischend wirken. In Ihrem
letzten Brief
witterte ich förmlich die
Pariser Frühliungsluft. – Es freut mich auch,
dass ein Publikum, an das ich jeden
Glauben verloren hatte, das Ereignis Ihrer
Anwesenheit merkt und fühlt!

Tausend herzliche Grüsse an Sie
und Frau Busoni von Ursula und Ihrem

Philipp Jarnach

P.S. – Das Manuskript v. D. werde ich an Andreae
weiterleiten. Um welches Werk es sich handelt, ist nicht zweifelsfrei zu ermitteln. Busoni hatte Jarnach in seinem letzten Brief darum gebeten, eine Partitur van Dierens an Andreae zu übergeben. In dem von Willimann veröffentlichten Briefwechsel zwischen Busoni und Andreae findet sich kein direkter Hinweis auf diese Übergabe. Auch im Briefwechsel mit Jarnach findet sich ansonsten kein weiterer Hinweis auf Grund und Gegenstand dieser Notenübergabe. Allerdings notierte Busoni in einem Brief, den er Jarnach bei seinem Aufenthalt in London – dem Wohnort van Dierens – schrieb, am Briefende den Vermerk: „Neue Komponisten: Bernard van Dieren.“ (Brief von Busoni an Jarnach, London, 1.12.1919.) Es ist also anzunehmen, dass Busoni besagte Partitur von dieser London-Reise mitbrachte und anschließend zur Sichtung zunächst an Jarnach übergab, sie nun aber an Andreae übergeben wollte. Von diesem erbittet Busoni in einem Brief vom 27. Mai 1920, sich noch vor seiner, Busonis, Abreise nach London zu van Dieren als Komponist zu äußern, damit er den Kommentar – wohl an den Komponisten selbst – übermitteln könne. (Vgl. Brief von Busoni an Andreae, Zürich, 27.05.1920, in Willimann 1994, S. 125.) Eine Antwort auf diesen Brief ist zumindest nicht veröffentlicht. Aus zwei Briefen an Emil Hertzka ist ersichtlich, dass Busoni nach diesem ersten Aufenthalt in London zwei Werke van Dierens besessen hat, für deren Veröffentlichung er sich einsetzte. Es handelte sich um die 6 Skizzen für Klavier (vgl. Brief von Busoni an Hertzka, London, 20.11.1919, in englischer Übersetzung in Beaumont 1987, S.298) und die Carnival Ouverture für 16 Instrumente (vgl. Brief von Busoni an Hertzka, Zürich, 05.01.1920, in englischer Sprache in Beaumont 1987, S.303). Es ist anzunehmen, dass Busoni eher die Ouverture meint, wenn er von „Partitur“ spricht. Die „Improvisation“ wurde von Hug
besorgt, da ich kein Exemplar besitze. (Ich hatte
s. Z. ein Exemplar von Biolley geliehen.) Hier ist höchstwahrscheinlich von Busonis Improvisation für zwei Klaviere die Rede. Busoni hatte sich in seinem letzten Brief für das Zusenden einer „Improvisation“ bedankt. Auf diesen Notenversand gibt es in der vorherigen Korrespondenz keinen weiteren Hinweis. Jedoch schreibt Busoni am 1. Dezember 1919 aus London an Jarnach, dass er dessen und Lochbrunners Aufführung seiner Improvisation am 10. Dezember verpassen wird. In diesem Rezital wurde zweifellos Busonis Improvisation für zwei Klaviere gespielt. (Vgl. Beaumont 1987, Anmerkung 281/1, S. 300.) In einem Brief vom 29. Januar 1920 schreibt Jarnach, dass Busoni gerade wieder abgereist sei, nachdem eine Weitere Aufführung der Improvisation mit Lochbrunner geplant sei. Besagte Reise erfolgte jedoch nach Italien und vor seiner Abreise nach Paris war Busoni nochmals in Zürich. Warum Jarnach die Improvisation also nach Paris geschickt hatte, ist unklar, zumal sich unter den geplanten Konzerten Busonis kein Rezital für zwei Klaviere befand. Eine
Carmen-Phantasie? Sie sind an Ort und Stelle,
aber woher nehmen Sie die Zeit?? Preußischer
Staats-
bibliothek
zu Berlin
Kulturbesitz

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> Neue; ich begreife, dass Sie, in dem ein <lb/>gro<choice><orig>ss</orig><reg>ß</reg></choice>er Ausdruck dieser Idee reift, nach <lb/>dieser Vorstellung den Zufall verwünschten, <lb/>am nächsten Tag abreisen zu müssen.<orig> –</orig> </p> <p rend="indent-first"> Um<orig> </orig>so mehr freuten mich <rs type="biblio" key="D0101683 D0101684">die Nachrichten<reg>,</reg> <lb/>die Sie uns aus <placeName key="E0500012">Paris</placeName> geben</rs>. Ihre günstigen <lb/>Eindrücke und der begeisterte Empfang werden <lb/>Ihren Aufenthalt sicherlich zu einem behaglichen <lb/>gemacht haben und auf Sie – trotz der <lb/>Riesenaufgabe <note type="commentary" resp="#E0300616"><persName key="E0300017">Busoni</persName> befand sich seit dem <date when-iso="1920-03-03">3. März 1920</date> auf Konzertreise in <placeName key="E0500012">Paris</placeName>. In <ref target="#D0101893">seinem Brief vom <date when-iso="1920-03-04">4. März</date></ref> berichtete er von einem enormen Arbeitspensum – es waren zunächst sechs Rezitals, ein Orchesterkonzert mit Busoni als Pianist und zwei Konzerte mit Busoni als Dirigent geplant. Die Konzerte waren jedoch noch vor seiner Anreise ausverkauft, sodass <persName key="E0300017">Busoni</persName> noch zwei weitere Rezitals spielte und ein weiteres Konzert dirigierte und so bis <date when-iso="1920-04">Anfang April</date> neun Auftritte hatte. <bibl>(Vgl. <ref target="#E0800058">Willimann 1994</ref>, S.119/122 f.; <ref target="#E0800060">Beaumont 1987, Anmerkung 284/2, S. 304</ref>.)</bibl></note> – erfrischend wirken. In <ref target="#D0101684">Ihrem <lb/>letzten Brief</ref> witterte ich förmlich die <lb/><placeName key="E0500012">Pariser</placeName> Frühliungsluft. <orig>– </orig>Es freut mich auch, <lb/>dass ein Publikum, an das ich jeden <lb/>Glauben verloren hatte, das Ereignis Ihrer <lb/>Anwesenheit merkt und fühlt! </p> <closer> <salute rend="indent-first"> Tausend herzliche Grü<choice><orig>ss</orig><reg>ß</reg></choice>e an Sie <lb/>und <persName key="E0300059">Frau Busoni</persName> von <persName key="E0300664" type="nick">Ursula</persName> und <seg rend="align(center)">Ihrem</seg> </salute> <signed rend="align(center)"><persName key="E0300376">Philipp Jarnach</persName></signed> </closer> <postscript> <p> P.S. – Das Manuskript <persName key="E0300077">v. D.</persName> werde ich an <persName key="E0300129">Andreae</persName> <lb/>weiterleiten. <note type="commentary" resp="#E0300616">Um welches Werk es sich handelt, ist nicht zweifelsfrei zu ermitteln. <persName key="E0300017">Busoni</persName> hatte <persName key="E0300376">Jarnach</persName> in <ref target="#D0101684">seinem letzten Brief</ref> darum gebeten, eine Partitur <persName key="E0300077">van Dierens</persName> an <persName key="E0300129">Andreae</persName> zu übergeben. In dem von <ref target="#E0800058">Willimann veröffentlichten Briefwechsel zwischen <persName key="E0300017">Busoni</persName> und <persName key="E0300129">Andreae</persName></ref> findet sich kein direkter Hinweis auf diese Übergabe. Auch im <ref target="#E010010">Briefwechsel mit <persName key="E0300376">Jarnach</persName></ref> findet sich ansonsten kein weiterer Hinweis auf Grund und Gegenstand dieser Notenübergabe. 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Aus zwei Briefen an <persName key="E0300039">Emil Hertzka</persName> ist ersichtlich, dass <persName key="E0300017">Busoni</persName> nach diesem ersten Aufenthalt in <placeName key="E0500047">London</placeName> zwei Werke <persName key="E0300077">van Dierens</persName> besessen hat, für deren Veröffentlichung er sich einsetzte. Es handelte sich um die <title key="E0400546">6 Skizzen für Klavier</title> <bibl>(vgl. Brief von <persName key="E0300017">Busoni</persName> an <persName key="E0300039">Hertzka</persName>, <placeName key="E0500047">London</placeName>, <date when-iso="1919-11-20">20.11.1919</date>, in englischer Übersetzung in <ref target="#E0800060">Beaumont 1987</ref>, S.298)</bibl> und die <title key="E0400547">Carnival Ouverture</title> für 16 Instrumente <bibl>(vgl. Brief von <persName key="E0300017">Busoni</persName> an <persName key="E0300039">Hertzka</persName>, <placeName key="E0500132">Zürich</placeName>, <date when-iso="1920-01-05">05.01.1920</date>, in englischer Sprache in <ref target="#E0800060">Beaumont 1987</ref>, S.303)</bibl>. Es ist anzunehmen, dass Busoni eher die <rs key="E0400547">Ouverture</rs> meint, wenn er von <mentioned>Partitur</mentioned> spricht.</note> Die <title rend="dq-du" key="E0400286">Improvisation</title> wurde von <orgName key="E0600043">Hug</orgName> <lb/>besorgt, da ich kein Exemplar besitze. (Ich hatte <lb/><choice><abbr>s. 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Berlin.W.
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Triese
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zu N.Mus.Nachl. 30, 113

Preußischer
Staats-
bibliothek
zu Berlin
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Dokument

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Überlieferung
Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | N.Mus.Nachl. 30,113 |

Nachweis Kalliope

Zustand
Brief und Umschlag sind gut erhalten.
Umfang
, 4 Seiten
Hände/Stempel
  • Hand des Absenders Philipp Jarnach, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift
  • Hand des Archivars, der mit Bleistift die Signaturen eingetragen, eine Foliierung vorgenommen und das Briefdatum ergänzt hat
  • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
  • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
  • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
  • Poststempel (schwarze Tinte)
Bildquelle
Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz: 123456

Zusammenfassung
Jarnach fasst den bisherigen Briefwechsel mit Busoni zusammen; kommentiert eine Aufführung eines Faust-Puppenspiels; bestätigt die geplante Übergabe einer Partitur van Dierens an Andreae.
Incipit
Ich bitte Sie vor allem um Verzeihung, dass ich Ihre lieben Briefe so spät beantworte.

Inhaltlich Verantwortliche
Christian Schaper Ullrich Scheideler
bearbeitet von
Stand
28. September 2021: in Korrekturphase (Transkription abgeschlossen, Auszeichnungen codiert, zur Korrekturlesung freigegeben)
Stellung in diesem Briefwechsel
Vorausgehend Folgend
Benachbart in der Gesamtedition