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24/8.1909
Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin
1

Sehr verehrter Herr Busoni, ich muß mich
vor Allem entschuldigen für etwas, woran ich
nur theilweise schuld bin und nur auf eine
Art schuld bin, die Nachsicht zuläßt. Ich
hatte schon als ich die erste Hälfte des vorigen Briefes
schrieb vor, Sie um Ihre Bearbeitung zu ersuchen,
vergaß aber daran. Dann nahm ich michr vor,
es in der Nachschrift zu thun und vergaß wieder.
Schließlich wollte ich diesem langen Brief Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4550
noch eine Postkarte folgen lassen – aber ich
vergaß zum drittenmal. Haben Sie Nachsicht
mit Vergeßlichkeit? Ich bin |sehr| |auf die| se Bei Theurich 1977 (173) und Theurich 1979 (163) ist die offenbar beabsichtigte Umstellung von „sehr auf die“ zu „auf die sehr“ (vgl. das Einweisungszeichen und die begonnene, dann gestrichene Wiederholung von „sehr“) nicht berücksichtigt. ange=
wiesen, da sie mich stets in Konflikte bringt.
Ich hoffe Sie nehmen diese Sache nunmehr
nur von dieser Seite und Ihre Verstimmung
ist aus diesem Grund ist aus der Welt geschafft.

Nun aber bitte ich Sie recht sehr, b mir

Mus.ep. A. Schönberg 11 (Busoni-Nachl. B II)

24.8.1909

Sehr verehrter Herr Busoni,

ich muss mich vor allem entschuldigen für etwas, woran ich nur teilweise schuld bin und nur auf eine Art schuld bin, die Nachsicht zulässt. Ich hatte schon, als ich die erste Hälfte des vorigen Briefes schrieb, vor, Sie um Ihre Bearbeitung zu ersuchen, vergaß aber daran. Dann nahm ich mir vor, es in der Nachschrift zu tun, und vergaß wieder. Schließlich wollte ich diesem langen Brief noch eine Postkarte folgen lassen – aber ich vergaß zum dritten Mal. Haben Sie Nachsicht mit Vergesslichkeit? Ich bin auf die sehr angewiesen, da sie mich stets in Konflikte bringt. Ich hoffe, Sie nehmen diese Sache nunmehr nur von dieser Seite und Ihre Verstimmung aus diesem Grund ist aus der Welt geschafft.

Nun aber bitte ich Sie recht sehr, mir Ihre Transkription so bald wie möglich zu schicken; ich bin wirklich begierig den „Motivenbericht“ zu Ihrem Verbesserungs-Antrag kennen zu lernen.

Ferner muss ich Ihnen sehr danken für Ihren in Anbetracht Ihrer berechtigten Verstimmung wirklich großherzigen Antrag, das eine Stück und Ihre Paraphrase davon abzudrucken. Aber da sind so viele Schwierigkeiten, dass ich wirklich nicht weiß, ob wir uns werden einigen können. Zunächst, rein materiell, müsste der Abdruck so geschehen, dass das mein Recht, das Stück noch einmal herauszugeben, nicht tangierte, weil mir sonst ein Opus zerrissen würde. Dazu hätte ich außerdem die Zustimmung meines Verlegers nötig, die ich ja allerdings leicht bekommen könnte. Dann bedrückt es mich, das ganze Honorar anzunehmen, wo ja Ihre Bearbeitung ebenfalls Ansprüche geltend machen sollte.

Aber das Wichtigste und Entscheidendste für mich ist doch die künstlerische Frage dabei. Und ob wir da einen Ausweg finden werden …?…?

Sie müssen sich Folgendes vorstellen: Ich kann doch unmöglich mein Stück herausgeben und daneben eine Bearbeitung, die zeigt, wie ich es hätte besser machen sollen. Die also zeigt, dass meine Komposition unvollkommen ist. Und ich kann doch unmöglich derjenigen Öffentlichkeit, der ich den Glauben beibringen will, mein Stück sei gut, gleichzeitig zeigen, dass es schlecht ist.

Ich dürfte das – aus Selbsterhaltungstrieb – nicht einmal, wenn ich es selbst glaubte. In diesem Fall müsste ich mein Stück entweder vernichten oder es selbst umarbeiten.

Nun aber – Sie verzeihen meine rückhaltslose Offenheit, wie ich Ihnen die ihre nicht übelnehme – ich glaube es absolut nicht. Ich bin fest überzeugt, dass Sie diesen Stücken Unrecht tun. Ich bin fest überzeugt, dass Sie denselben Fehler begehen, den jeder phantasievolle Kritiker begeht: Sie wollen nicht sich auf den Standpunkt des Autors stellen, sondern wollen im Werke eines andern sich selbst, durchaus sich selbst finden. Und das geht eben nicht. Es gibt keine Kunst, die ganz der Eine ist, der sie geschaffen, und gleichzeitig ganz der Andere, der sie genießt. Einer muss nachgeben, und ich glaube, es muss das der Genießer sein.

Und Ihre Motivierung scheint mir auch ganz unrichtig, wenn Sie meinen, dass ich, unnützerweise auf schon Errungenes Verzicht leistend, anders, aber nicht reicher werde.

Ich glaube nicht an den neuen Wein, den man in alte Schläuche füllt. Ich habe in der Kunstgeschichte die entgegengesetzte Beobachtung gemacht:

Die kontrapunktische Kunst Bachs ist verloren, wenn Beethovens melodische Homophonie beginnt.

Die Formenkunst Beethovens wird verlassen, wenn Wagners Ausdruckskunst beginnt.

Die Einheit der Zeichnung, die Reichheit des Kolorits, die frühere Durcharbeitung jedes Details, das sorgfältige Herausmodellieren, das Untermalen und das Lasurieren, das Komponieren im Raum und alles andere, was die ältere Malkunst ausmacht, hört einfach auf, wenn die Impressionisten anfangen, die Dinge so zu malen, wie sie scheinen, und nicht so, wie sie sind.

Jawohl, wenn eine neue Kunst neue Ausdrucksmittel sucht und findet, dann geht zumindest immer fast alles schon Errungene zum Teufel: scheinbar wenigstens; denn in der Tat ist es doch drin; aber auf eine andere Art. (Das auseinanderzusetzen würde zu weit führen.)

Und nun: Ich muss sagen, ich habe eigentlich auf mehr verzichtet als auf einen Klavierklang, als ich begann, meiner Natur ganz zu folgen und solche Musik zu schreiben. Ich finde, wenn man verzichtet auf eine Formenkunst, eine Architektur der Oberstimme, eine Kunst der motivischen Polyphonie von einer Höhe der Vollendung, wie sie in den letzten Jahrzehnten von Brahms, Wagner und anderen auch Modernen erreicht wurde – dann kommt einem das bisschen Klavierklang sogar als recht wenig vor. Und ich behaupte: Man muss die geheimnisvollen Wunder unserer tonalen Harmonik, ihre unerhört fein ausgewogenen architektonischen Werte und ihre kabbalistischen mathematischen so begriffen und bewundert, angestaunt haben wie ich, um, wenn man auf sie Verzicht leistet, zu fühlen, dass man, ihrer nicht mehr bedürfend, anderen Mitteln gebietet. Dagegen erscheinen klangliche Fragen, deren Reiz kaum im selbem Maße der Ewigkeit angehört, als Kleinigkeiten.

Trotzdem aber stehe ich auch in dieser Frage auf einem Standpunkt, der es absolut nicht nötig hat, für den eines Verzichtenden, Verlierenden angesehen zu werden. Sähen Sie meine neuen Orchestersachen, so könnten Sie auch an denen bemerken, wie ich mich deutlich abwende von dem vollen „Götter- und Übermenschen-Klang“ des Wagner’schen Orchesters. Wie alles zarter dünner wird. Wie gebrochene Farbentöne stehen, wo sonst helle, leuchtende waren. Wie meine ganze Orchestertechnik einen Weg geht, der geradezu das Gegenteil von dem zu werden scheint, der vorher beschritten wurde. Das ist, finde ich, die natürliche Reaktion. Wir haben die vollen, weichen Klänge Wagners, satt, zum Überdruss: „Nun lasst uns andere Töne anstimmen …“ Der von Schönberg evozierte Textbeginn des Finales von Beethovens 9. Symphonie lautet im Original: „O Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen“.

Und nun kommt dazu, dass ich (ich muss das wiederholen) mich für berechtigt halte zu glauben, mein Klaviersatz brächte Neues. So belehrt mich nicht nur meine Empfindung. Auch Urteile von Freunden und Schülern drücken das aus, die meinen, dass mein Klaviersatz klanglich absolut Neues bringe.

Die Sache steht also für mich so: Ich glaube, mein Klaviersatz ist nicht das Ergebnis eines Unvermögens, sondern der Ausdruck eines festen Willens, bestimmter Neigungen, greifbar deutlicher Empfindungen. Was er nicht tut, ist nicht: was er nicht kann, sondern was er nicht will.

Was er tut: ist nicht, was auch anders geschehen könnte, sondern was er tun muss. Er hat also Eigenart, Stil und ist organisch. —

Eine Transkription dagegen erweckt in mir die Befürchtung, dass sie entweder

  • hineinträgt, was ich grundsätzlich, oder meinen Neigungen folgend, vermeide;
  • hinzugefügt, was ich – in den Grenzen meiner Persönlichkeit – nie hätte finden können, was nun also fremd oder unerreichbar ist;
  • auslässt, was mir notwendig scheint,
  • verbessert, worin ich unvollkommen bin und unvollkommen bleiben muss.

Eine Transkription tut mir also unbedingt Gewalt an: ob sie meinem Werk nun nützt oder schadet.

Sie schreiben auch über Transkription in Ihrer Broschüre, Vgl. in Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst den Abschnitt über Notation und Transkription (S. 17–19 der Erstausgabe). die mir außerordentlich gefällt und die wirklich beweist, wie dieselben Ideen in derselben Zeit, gleichzeitig in verschiedenen Köpfen auftauchen. Ich bin insbesondere mit Ihrer Konstatierung sehr einver standen, dass schon jede Notation überhaupt Transkription ist. Ich habe schon vor Jahren ähnlich argumentiert, als die Öffentlichkeit Mahler angriff, wegen seiner Instrumentations-Änderungen bei Beethoven. Mahler hat insbesondere die Instrumentation von Beethovens 7. und 9. Symphonie retuschiert. Aber das ist doch auch noch eine andere Sache: ob man Beethovens zweifellos veraltete Instrumentenbehandlung und Instrumentation verbessert auf Grund zweifellos besserer neuerer Instrumentations-Erfahrungen, und ob man meinen Klavierstil verbessert durch ältere Technik oder eine, deren bessere Geeignetheit zumindest heute noch nicht so absolut festgestellt ist, so über jeden Zweifel erhaben ist.

Ich kann das wohl, da ich ja Ihre Transkription noch nicht kenne, gegenwärtig sagen, ohne dass sie es als eine allzu starke Kritik ansehen dürfen. Denn Ihre Bearbeitung kann mich ja noch immer eines Anderen belehren. Aber auch abgesehen davon bin ich sicher, dass Sie mir die Schärfe nicht übelnehmen, bin dessen sicher, weil sie ja sonst selbst wohl nicht so scharf und hart über meine Werke urteilten.

Und nun finde ich noch etwas, das mir als Einwand gegen Sie geeignet scheint.

Halten Sie denn wirklich so unendlich viel von der Vollkommenheit? Halten Sie denn wirklich diese für erreichbar? Meinen Sie wirklich, dass Kunstwerke vollkommen sind oder sein müssen?

Ich finde das nicht. Ich finde sogar Gottes Kunstwerke, die der Natur höchst unvollkommen.

Aber für vollkommen finde ich nur die Werke der Drechsler, Gärtner, Zuckerbäcker und Friseure. Nur die haben jene Glätte, jenes Ebenmaß, das ich so oft zum Teufel gewünscht habe. Nur sie genügen so allen Anforderungen, die man an sie stellen kann, und sonst nichts Menschliches, Gottähnliches auf der Welt.

Und wenn: Notation = Transkription = Unvollkommenheit, so ist doch auch: Transkription = Notation = Unvollkommenheit. Denn wenn a = b und b = c, so ist auch a = c.

Wozu also die eine Unvollkommenheit durch die andere ersetzen.

Wozu jene eliminieren, die vielleicht den Reiz eines Werkes ausmacht, und diese dafür substituieren, die ihm einen ihm fremden gibt.

Gehören nicht zum Eigentümlichen einer Persönlichkeit auch deren Fehler dazu? Wirken diese, wenn schon nicht als schön, so doch wenigstens als Kontraste, als die Grundfarbe, von der sich die anderen Farben deutlich abheben?

Ich habe oft daran gedacht, dass man Schumanns Symphonien (den Sie, wie ich meine, sehr unterschätzen Vgl. in Busonis Entwurf einer neuen Ästhektik der Tonkunst den Passus zu „Vorspielen und Übergängen“ als der bis dato einzig wahren und freien Musik (Ausgabe 1907, S. 9): „Selbst einen so viel kleineren Schumann ergreift, an solchen Stellen Etwas von dem Unbegrenzten dieser Pan-Kunst“. An anderer Stelle heißt es: „Im Übrigen muten die meisten Klavier-Kompositionen Beethovens wie Transcriptionen vom Orchester an; die meisten Schumann’schen Orchesterwerke wie Übertragungen vom Klavier – und sind’s in gewisser Weise auch.“ (ibid., S. 18). und den ich heute weit über Brahms stelle) auf die Beine helfen sollte, indem man ihre Instrumentation verbesserte. Ich war mir auch um alles Theoretische daran ganz klar. Heuer im Sommer habe ich mich ein wenig selbst damit befasst und – habe den Mut dazu verloren. Denn ich sehe zu genau, dass stets mit dem, was […] 1 char: cancelled. misslungen ist, etwas sehr Eigenartiges gemeint war, und ich habe nicht den Mut, einen nicht ganz zur Wirklichkeit gelangenden interessanten Einfall durch einen sicheren Klang zu ersetzen. Und mehr kann die Phantasie eines Anderen an einem wirklichen Kunstwerk nicht leisten! —

Rein technisch-musikalisch möchte ich Sie nun nur noch fragen, ob Sie nicht vielleicht ein zu langsames Tempo genommen haben. Das könnte ja viel ausmachen. Oder zu wenig Rubato. Ich bleibe niemals im Takt! Niemals im Tempo! —

Ihr Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst gefällt mir vor allem durch seine Kühnheit außerordentlich. Insbesondere im Anfange stehen da ein paar kräftige Sätze, von zwingender Logik und hervorragender Schärfe der Beobachtung. Über Ihre Ideen mit den Dritteltönen Vgl. Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst (S. 28 f. der Erstausgabe: „Der Drittelton pocht schon seit einiger Zeit an die Pforte, und wir überhören noch immer seine Meldung.“ Im Nachlass Busonis finden sich Skizzen zur dieser Thematik, die Busoni nach eigenen Angaben seit ca. 1906 beschäftigte (vgl. Busoni 1922 (Weindel 2006) S. 118), möglicherweise auch schon sehr viel früher (siehe z. B. seine Versuche über Dritteltöne und neue Skalen, Mus.Nachl. F. Busoni C I,82). habe ich, allerdings auf andere Weise, auch schon viel nachgedacht. Ich dachte aber mehr an Vierteltöne, bin aber jetzt der Ansicht, dass diese Sache auf einem anderen Wege als auf dem der Konstruktion kommen wird. Überdies hat ein Schüler von mir Zum Folgenden vgl. den in Schönbergs Harmonielehre (S. 23) frei zitierten Brief Robert Neumanns; er datiert vom 1. März 1911, bezieht sich aber auf offenkundig bereits früher Besprochenes (vgl. Eintrag und Digitalisate in der Briefdatenbank des Arnold-Schönberg-Centers, Wien). auf meine Anregung hin ausgerechnet, dass die nächste Teilung der Oktave, die ähnliche Verhältnisse haben würde wie unsere zwölfteilige, 53stel-Töne einführen müsste. Wenn Sie nun 18 Dritteltöne annähmen, käme das dem einigermaßen nahe, denn 3 × 18 = 54. Da entfielen dann allerdings die Halbtöne ganz. Hier liegt ein Verständnisfehler Schönbergs vor: Busonis unternimmt nicht nur eine Einteilung der Oktave in 18 Dritteltöne, sondern, um dabei nicht auf Halbtöne (und damit auf die kleine Terz und die reine Quinte) verzichten zu müssen, auch in eine zweite Dritteltonreihe, die zur ersten um einen Halbton verschoben ist, so dass sich ein Sechsteltonsystem mit 36 Tönen ergibt. Vgl. den entsprechenden Passus in Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst (S. 29 der Erstausgabe) sowie Busoni 1922 (Weindel 2006) S. 118.

Für die Vierteltöne hatte ich mir seinerzeit folgende Notation erdacht:

Vierteltonbezeichnung mit mathematischen, von den eigentlichen Notenköpfen ausgefüllten Größer-als- bzw. Kleiner-als-Zeichen.
Größer- und Kleiner-Zeichen aus der Mathematik

Ich glaube aber, dass derartige Notierungsversuche kaum werden durchdringen; denn ich hoffe mit viel Zuversicht, dass unsere zukünftige Notenschrift eine – wie soll ich sagen: „drahtlosere“ sein wird.

Auch über die Tonarten Busoni konstatiert eine Verbrauchtheit des Dur-Moll-Systems und errechnet durch neue Kombinationen der Reihenfolgen von Halbtönen und Ganztönen 113 neue Skalen (vgl. Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst, S. 27 f. der Erstausgabe). Schönberg wird 1911 in seiner Harmonielehre erwidern: „die Plage, Hunderte von Skalen auszurechnen, könnte er sich ersparen. Ich habe mir mit Müh’ und Not die Namen der sieben Kirchentonarten gemerkt; und das waren ‚erst die Namen!‘ Ich werde mir nicht fünf von seinen Tonarten merken können. Wie soll ich dann aber komponieren – wenn ich sie gar nicht vor mir habe.“ (Schönberg 1911, S. 747) bin ich anderer Meinung – das bezeugt ja meine Musik. Ich glaube: Alles das, was man mit 113 Tonarten machen kann, könnte man auch mit zwei oder drei oder vier: Dur = Moll, Ganzton und Chromatische. Jedenfalls bin ich seit langem dahinter her, die Fesseln der Tonarten ganz abzustreifen. Und meine Harmonik kennt keine an Tonarten erinnernden Akkorde oder Melodien mehr.

Nun zur Beantwortung Ihrer Fragen.

Wie weit ich diese Absichten verwirkliche? Nicht so weit, als ich gerne möchte. Ganz genügt mir noch kein Stück. Ich möchte noch bunter werden an Motiven und melodieunähnlichen Gestaltungen; ich möchte noch freier und ungezwungener sein im Rhythmus, in den Taktarten freier von Motivwiederholungen und melodieartigem Fortspinnen eines Gedankens. Das schwebt mir vor: so phantasiere ich Musik, bevor […] at least 2 char: cancelled. ich sie notiere = transkribiere. Und dazu kann ich mich nicht zwingen; da muss ich warten, bis mir ein Stück ganz von selbst so gelingt, wie es mir vorschwebt. Im Gegensatz zu dieser ganz auf Intuition setzenden Kompositionstechnik steht Busonis intellektuelles, berechnendes Vorgehen, dass er als Kompositionsvorgang in drei Phasen beschreibt: „Zuerst kommt die Idee, dann entsteht oder man sucht den Einfall, dann folgt die Ausführung.“ (Busoni 1907 (Weindel 2006), S. 33). Schönbergs Arbeitsweise bezeichnete Busoni als anarchisch (vgl. Busoni 1911 (Weindel 2006), S. 58 und Busoni / Weindel 1999, S. 29 ff. sowie S. 126).

Und damit bin ich auch zur Beantwortung Ihrer anderen Frage gelangt: wie viel Absichtliches und wie viel Empfundenes dabei sei.

Meine einzige Absicht ist: keine Absicht zu haben! Keine formelle, keine architektonische, keine sonstige artistische (als etwa die Stimmung eines Gedichtes zu treffen), keine ästhetische – überhaupt keine; oder höchstens die:

dem Strom meiner unbewussten Empfindungen nichts Hemmendes in den Weg zu legen. Nichts da hinein geraten zu lassen, was durch die Intelligenz oder durch das Bewusstsein hervorgerufen ist.

Kennten Sie meine Entwicklung, so würden Sie an dem nicht zweifeln. Aber ich habe mich ja auch auf diese Frage gefasst gemacht, und so kann ich sie beantworten. Ich habe gewusst, dass man an der Natürlichkeit meiner Absichten zweifeln wird, eben weil sie natürlich sind. Dass man sie konstruiert finden wird, eben weil ich alles Konstruktionsmäßige vermeide.

Aber, wenn man sieht, wie ich mich stufenweise entwickelt habe, wie ich längst einer Ausdrucksform nahe war, zu der ich mich heute klar und rückhaltslos bekenne, wird man verstehen, dass da nichts Unorganisches, […] at least 2 char: cancelled. nichts „Verschmockt-Ästhetisches“ vor sich geht, sondern dass ein Müssen dieses Resultat hervorgebracht hat.

Dass ich mir heute darüber auch theoretisch ziemlich klar bin, kann mir nur der übelnehmen, der sich den unbewusst-schaffenden Künstler nur als eine Art Halb-Kretin vorstellen kann; und der sich keinen Begriff davon macht, dass nach dem Unbewusst-geschaffenen die Zeit des ruhigen klaren Schaffens kommt, in der man sich Rechenschaft gibt über seine Zustände.

Was das dritte Stück anbelangt, das Ihnen, wie mich Ihre herbe Kritik vermuten lässt, vorläufig gar nicht gefällt, so meine ich, dass es schon wesentlich über das hinausgeht, was den beiden anderen gelingt. Mindestens was die früher erwähnte Buntheit anbelangt. Aber auch im „Harmonischen“ – wenn man hier so architektonisch reden darf – scheint mir manches anders darin. Insbesondere: manches dünnere, zweistimmigere. Aber ich halte es auch für ungerecht zu verlangen, dass man in drei kleinen Klavierstücken die Musik dreimal auf verschiedene Arten revolutioniert. Schiene es nicht berechtigt, wenn man sich so weit außerhalb des Herkömmlichen gestellt hat, nun einen Augenblick zu verschnaufen, neue Kräfte zu sammeln, ehe man weiterstürmt? Und ist es nicht unrecht, das Lakonische als Manieriertheit zu bezeichnen? Ist das Architektonische nicht ebenso Manier wie das Pointillistische und das Impressionistische? Oder ist es ein Fehler, […] at least 1 char: cancelled. nicht lang zu werden, wenn man mit kurz vollkommen auskommt? Muss denn gebaut werden? Ist die Musik denn eine Sparkasse? Wird es unbedingt mehr, wenn es länger ist?

Sollte das ein Fehler sein, dass ich dort so kurz bin, dann macht dieser Brief ihn wett! Aber es gab da doch einige Dinge, die ich sagen wollte – dass ich es nicht kürzer konnte, liegt wohl an meiner technischen Unbeholfenheit.

Und nun zum Schluss: Ich hoffe, Sie sind mir nicht bös über meine Offenheit und bewahren mir Ihr Interesse.

Vielleicht finden Sie einen Ausweg, eine Erklärung, die es mir möglich macht, mein Stück in Ihren Heften zu veröffentlichen. Keines von Schönbergs Drei Klavierstücken op. 11 wurde in Busonis An die Jugend veröffentlicht. Sie erschienen ein Jahr später bei der Universal-Edition, wo zwei bis drei Wochen danach Busoni seine Bearbeitung von op. 11 Nr. 2 veröffentlichte. Schönberg nahm dies kritisch zur Kenntnis, war sich jedoch zugleich bewusst, „was es heißt, von einem bedeutenden Pianisten so ernst genommen zu werden“ (Ermen 1996, S. 74). Busoni schrieb zu seiner Bearbeitung: „Diese Komposition fordert vom Spieler die verfeinertste Anschlags- und Pedalkunst; einen intimen, improvisierten, ‚schwebenden‘ Vortrag; ein liebevolles Sichversenken in seinen Inhalt, dessen Interpret – rein als Klaviersetzer – hiermit sein zu dürfen, sich zu künstlerischer Ehre rechnet.“ (Busoni / Weindel 2006, S. 125)

Oder aber: vielleicht bringen Sie alle drei und die Paraphrase, mit einer Erklärung, ein andermal??

Jedenfalls hoffe ich, Ihr Wohlwollen nicht zu verlieren, wenn ich Sie nun auch bitte, mir mitzuteilen, ob Sie die Stücke auch spielen wollen. Denn daran liegt mir selbstverständlich auch enorm viel. Arnold Schönberg, den er intensiv zur Kenntnis nimmt, hat er öffentlich nie gespielt.“ (Ermen 1996, S. 43). Das einzige Werk, das Busoni von Schönberg zur Aufführung brachte, waren Heinrich Schenkers Syrische Tänze, die Schönberg 1903 für Orchester uminstrumentiert hatte; vgl. hierzu den Beginn des Briefwechsels.

Noch etwas Eigentümliches zum Schluss: Ehe ich diese Klavierstücke komponiert hatte, wollte ich mich an Sie wenden – ich kannte Ihre Vorliebe zu Transkriptionen – mit der Frage, ob Sie nicht eines meiner Kammer- oder Orchesterwerke als Transkription für Klavier allein in Ihre Konzerte aufnehmen wollten.

Eigentümlich: Nun treffen wir wieder bei einer Transkription zusammen!

War das eine von mir missverstandene Nachricht meines unbewussten Ahnungsvermögens, die mich an Sie im Zusammenhang mit einer Transkription denken hieß.

Das fiel mir neulich erst ein!

Ich hoffe, bald eine freundliche Antwort zu erhalten, und empfehle mich bis dahin mit vollster Hochachtung und Wertschätzung

Ihr ergebener

Arnold Schönberg

                                                                
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Ihre Transkription so bald wie möglich zu
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„Motivenbericht“ zu Ihrem Verbesserungs=An=
trag kennen zu lernen.

Ferner muß ich Ihnen sehr danken für
Ihren in Anbetracht Ihrer berechtigten Verstimmung
wirklich großherzigen Antrag […] 1 word: cancelled. das eine Stück
und Ihre Paraphrase davon abzudrucken. Aber da
sind soviele Theurich 1977 (173) und Theurich 1979 (163) fälschlich: „frische“. Schwierigkeiten, daß ich wirklich
nicht weiß, ob wir uns werden einigen können.
Zunächst, rein materiell, müßte der Abdruck so
geschehen, daß das meine Rechte, das Stück noch einmal
heraus dadurch zu geben nicht tangierte, transcription uncertain: cancelled. wären.
weil mir sonst ein Opus zerrissen würde.
Dazu hätte ich außerdem die Zustimmung
meines Verlegers nötig, die ich ja allerdings
leicht bekommen könnte. Dann bedrückt
es mich, das ganze Honorar anzunehmen,
wo ja Ihre Bearbeitung ebenfalls Ansprüche
geltend machen sollte.

Aber das Wichtigste und Entscheidendste
für mich ist doch die künstlerische Frage2

                                                                
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den werden ….?..?

Sie müssen doch sich folgendes vorstellen:
Ich kann doch unmöglich mein Stück herausgeben
und daneben eine Bearbeitung, die zeigt wie
ich es hätte besser machen sollen. Die also zeigt,
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Und ich kann doch unmöglich, derjenigen Öffent=
lichkeit, der ich den Glauben beibringen
will, mein Stück sei gut, gleichzeitig zeigen
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Ich dürfte das – aus Selbsterhaltungstrieb –
nicht einmal, wenn ich es selbst glaubte.
In diesem Fall müßte ich mein Stück ent=
weder vernichten, oder es selbst umarbeiten.

Nun aber – Sie verzeihen meine
rückhaltslose Offenheit, wie ich Ihnen die
Ihre nicht übelnehme – ich glaube es absolut
nicht. Ich bin fest überzeugt, dass Sie diesemn
Stücken
Unrecht thun. Ich bin fest überzeugt, daß
Sie denselben Fehler begehen, den jeder phantasie=
volle
Kritiker begeht: Sie wollen nicht sich
auf den Standpunkt des Autors stellen, sondern3

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> dabei. Und ob wir da einen Aus<del rend="overwritten"><gap reason="overwritten" extent="1" unit="char"/></del>weg fin <lb break="no"/>den werden …<orig>.</orig>?<choice><orig>..</orig><reg>…</reg></choice>?</p> <p rend="indent-first">Sie müssen <del rend="strikethrough">doch</del> sich <choice><orig>f</orig><reg>F</reg></choice>olgendes vorstellen: <lb/>Ich kann doch unmöglich <rs key="E0400113">mein Stück</rs> herausgeben <lb/>und daneben <rs key="E0400032">eine Bearbeitung</rs>, die zeigt<reg>,</reg> wie <lb/>ich es hätte <hi rend="underline">besser</hi> machen sollen. Die also zeigt, <lb/>da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> <rs key="E0400113">meine Komposition</rs> <hi rend="underline">unvollkommen</hi> ist. <lb/>Und ich kann doch unmöglich<orig>,</orig> derjenigen Öffent <lb break="no"/>lichkeit, der ich den Glauben beibringen <lb/>will, <rs key="E0400113">mein Stück</rs> sei <hi rend="underline">gut</hi>, <hi rend="underline">gleichzeitig</hi> zeigen<reg>,</reg> <lb/>da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> es <hi rend="underline">schlecht</hi> ist.</p> <p rend="indent-first">Ich dürfte das – aus Selbsterhaltungstrieb – <lb/>nicht einmal, wenn ich es selbst glaubte. <lb/>In diesem Fall mü<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>te ich <rs key="E0400113">mein Stück</rs> ent <lb break="no"/>weder vernichten<orig>,</orig> oder es <hi rend="underline">selbst umarbeiten</hi>.</p> <p rend="indent-first">Nun aber – Sie verzeihen meine <lb/>rückhaltslose Offenheit, wie ich Ihnen die <lb/><choice><orig>I</orig><reg>i</reg></choice>hre nicht übelnehme – <hi rend="underline">ich glaube es absolut</hi> <lb/><hi rend="underline">nicht</hi>. Ich bin fest überzeugt, dass Sie <rs key="E0400019">diese<subst><del rend="overwritten">m</del><add place="across">n</add></subst> <lb/>Stück<add place="inline">en</add></rs> Unrecht t<orig>h</orig>un. Ich bin fest überzeugt, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> <lb/>Sie denselben Fehler begehen, den <hi rend="underline">jeder</hi> <hi rend="underline">phantasie <lb break="no"/>volle</hi> Kritiker begeht: Sie wollen nicht sich <lb/>auf den Standpunkt des Autors stellen, sondern <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">3</note> </p></div>
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4XML

wollen im Werke eines andern sich selbst, durchaus
sich selbst
finden. Und das geht eben nicht. Es giebt
keine Kunst, die ganz der Eine ist der sie geschaffen
und gleichzeitig ganz der Andere der sie genießt. Einer
muß nachgeben und ich glaube, es muß das der
Genießer sein.

Und Ihre Motivierung scheint mir auch
ganz unrichtig, wenn Sie meinen daß ich, unnützer=
weise auf schon Errungenes Verzicht leistend,
anders aber nicht reicher werde.

Ich glaube nicht an den neuen Wein, den
man in alte Schläuche füllt. Ich habe in der
Kunstgeschichte die entgegengesetzte Beobachtung
gemacht:

Die Kontrapunktische Kunst Bachs ist verloren,
wenn Beethovens melodische Homophonie beginnt.

Die Formenkunst Beethovens wird verlassen,
wenn Wagners Ausdrucks=Kunst beginnt.

Die Einheit der Zeichnung, die Reichheit
des Colorits, die frühere Durcharbeitung jedes
Details, das sorgfältige Herausmodellieren,
das Untermalen und das Lasurieren, das
Komponieren im Raum und alles Andere
was die ältere Malkunst ausmacht hört einfach4

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> wollen im Werke eines andern sich selbst, <hi rend="underline">durchaus <lb/>sich selbst</hi> finden. Und das geht eben nicht. Es gi<orig>e</orig>bt <lb/>keine Kunst, die ganz der Eine <choice><orig>ist</orig><reg>ist,</reg></choice> der sie geschaffen<reg>,</reg> <lb/>und gleichzeitig <add place="above"><hi rend="underline">ganz</hi></add> der Andere<reg>,</reg> der sie genießt. Einer <lb/>mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> nachgeben<reg>,</reg> und ich glaube, es mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> das der <lb/>Genießer sein.</p> <p rend="indent-first">Und Ihre Motivierung scheint mir auch <lb/>ganz unrichtig, wenn Sie meinen<reg>,</reg> da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> ich, unnützer <lb break="no"/>weise auf schon Errungenes Verzicht leistend, <lb/>anders<reg>,</reg> aber nicht reicher werde.</p> <p rend="indent-first">Ich glaube nicht an den <hi rend="underline">neuen Wein</hi>, den <lb/>man in alte Schläuche füllt. Ich habe in der <lb/>Kunstgeschichte die entgegengesetzte Beobachtung <lb/>gemacht:</p> <p rend="indent-first">Die <choice><orig>K</orig><reg>k</reg></choice>ontrapunktische Kunst <persName key="E0300012">Bachs</persName> ist verloren, <lb/>wenn <persName key="E0300001">Beethovens</persName> melodische Homophonie beginnt.</p> <p rend="indent-first">Die Formenkunst <persName key="E0300001">Beethovens</persName> wird verlassen, <lb/>wenn <persName key="E0300006">Wagners</persName> Ausdrucks<choice><orig><pc>=</pc>K</orig><reg>k</reg></choice>unst beginnt.</p> <p rend="indent-first">Die Einheit der Zeichnung, die Reichheit <lb/>des <choice><orig>C</orig><reg>K</reg></choice>olorits, die frühere Durcharbeitung jedes <lb/>Details, das sorgfältige Herausmodellieren, <lb/>das Untermalen und das Lasurieren, das <lb/>Komponieren im Raum und alles <choice><orig>A</orig><reg>a</reg></choice>ndere<reg>,</reg> <lb/>was die ältere Malkunst ausmacht<reg>,</reg> hört einfach <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">4</note> </p></div>
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2 auf wenn die Impressionisten anfangen
die Dinge so zu malen, wie sie scheinen
und nicht so wie sie sind.

Jawohl, wenn eine neue Kunst neue
Ausdrucksmittel sucht und findet, dann
geht zumindest immer fast alles schon Errun=
gene zum Teufel: scheinbar wenigstens;
denn ich in der Tat ist es doch drin; aber
auf eine A andere Art.ist es doch drin
(Das auseinanderzusetzen würde zu weit=
führen)

Und nun: Ich muß sagen, ich habe eigent=
lich auf mehr verzichtet, als auf einen Klavier=
klang, als ich begann meiner Natur ganz
zu folgen und solche Musik zu schreiben.
Ich finde, wenn man verzichtet auf eine
Formenkunst, eine Architektur der Ober=
stimme, eine Kunst der motivischen Polyphonie
von einer Höhe desr Könnens Vollendung, wie sie in
den letzten Jahrzehnten von Brahms, Wagner
und anderen auch Modernen erreicht wurde – dann
kommt Einem das bischen Klavierklang
sogar als recht wenig vor. Und ich behaupte:5

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="foliation" place="top-right" resp="#major_hand" rend="circle">2</note> auf<reg>,</reg> wenn die Impressionisten anfangen<reg>,</reg> <lb/>die Dinge so zu malen, wie sie <hi rend="underline">scheinen</hi><reg>,</reg> <lb/>und nicht so<reg>,</reg> wie sie <hi rend="underline">sind</hi>.</p> <p rend="indent-first">Jawohl, wenn eine neue Kunst neue <lb/>Ausdrucksmittel sucht und findet, dann <lb/>geht zumindest immer fast alles schon Errun <lb break="no"/>gene zum Teufel: scheinbar wenigstens; <lb/>denn <del rend="strikethrough">ich</del> in der Tat ist es doch drin; aber <lb/>auf eine <del rend="strikethrough">A</del> andere Art<subst><add place="inline">.</add><del rend="strikethrough">ist es doch drin</del></subst> <lb/>(Das auseinanderzusetzen würde zu weit<choice><orig><lb break="no"/></orig><reg> </reg></choice>führen<reg>.</reg>)</p> <p rend="indent-first">Und nun: Ich mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> sagen, ich habe eigent <lb break="no"/>lich auf mehr verzichtet<orig>,</orig> als auf einen Klavier <lb break="no"/>klang, als ich begann<reg>,</reg> meiner Natur ganz <lb/>zu folgen und <hi rend="underline">solche</hi> Musik zu schreiben. <lb/>Ich finde, wenn man verzichtet auf eine <lb/><hi rend="underline">Formenkunst</hi>, eine Architektur der Ober <lb break="no"/>stimme, eine Kunst der motivischen Polyphonie <lb/>von einer Höhe de<del rend="strikethrough">s</del><add place="above">r</add> <del rend="strikethrough">Könnens</del> Vollendung, wie sie in <lb/>den letzten Jahrzehnten von <persName key="E0300009">Brahms</persName>, <persName key="E0300006">Wagner</persName> <lb/>und anderen auch Modernen erreicht wurde – dann <lb/>kommt <choice><orig>E</orig><reg>e</reg></choice>inem das bis<reg>s</reg>chen Klavierklang <lb/>sogar als recht wenig vor. Und ich behaupte: <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">5</note> </p></div>
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Man muß die geheimnisvollen Wunder
unser[er] tonalen Harmonik, ihre unerhört fein
ausgewogenen architektonischen Werte und
ihre kabbalistischen mathematischen so begriffen
und bewundert, angestaunt haben, wie ich
um, wenn man auf Ssie Verzicht leistet,
zu fühlen, daß man, ihrer nicht mehr bedürfend,
anderen Mitteln gebietet. Dagegen erscheinen
klangliche Fragen, deren Reiz kaum im
selbem Maße der Ewigkeit angehörent,
als Kleinigkeiten.

Trotzdem aber stehe ich auch in dieser
Frage auf einem Standpunkt, der es ab=
solut nicht nötig hat für den eines
Verzichtenden, Verlierenden angesehen
zu werden. Sähen Sie meine neuen
Orchestersachen
, so könnten Sie auch an
denen sehenbemerken, wie ich mich deutlich abwende
von dem vollen „Götter= und Uebermenschen=
Klang“
des Wagnerschen Orchesters. Wie alles
zarter dünner wird. Wie gebrochene
Farbentöne stehen, wo sonst helle, leuchtende6

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> Man mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> die geheimnisvollen Wunder <lb/>unser<supplied reason="omitted">er</supplied> tonalen Harmonik, ihre unerhört fein <lb/>ausgewogenen architektonischen Werte und <lb/>ihre kabbalistischen mathematischen so begriffen <lb/>und bewundert, angestaunt haben<orig>,</orig> wie <hi rend="underline">ich</hi><reg>,</reg> <lb/>um, wenn man auf <del rend="strikethrough">S</del>sie Verzicht leistet, <lb/>zu fühlen, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> man, ihrer nicht mehr bedürfend, <lb/>anderen Mitteln gebietet. Dagegen erscheinen <lb/>klangliche Fragen, deren Reiz kaum im <lb/>selbem Maße der Ewigkeit angehör<subst><del rend="strikethrough">en</del><add place="across">t</add></subst>, <lb/>als Kleinigkeiten.</p> <p rend="indent-first">Trotzdem aber stehe ich auch in dieser <lb/>Frage auf einem Standpunkt, der es ab <lb break="no"/>solut nicht nötig hat<reg>,</reg> für den eines <lb/>Verzichtenden, Verlierenden angesehen <lb/>zu werden. Sähen Sie <rs key="E0400020">meine neuen <lb/>Orchestersachen</rs>, so könnten Sie auch an <lb/>denen <subst><del rend="strikethrough">sehen</del><add place="above">bemerken</add></subst>, wie ich mich deutlich abwende <lb/>von dem vollen <soCalled rend="dq-du">Götter<pc>=</pc> und <choice><orig>Ue</orig><reg>Ü</reg></choice>bermenschen<pc>=</pc> <lb break="no"/>Klang</soCalled> des <persName key="E0300006">Wagner</persName><reg>’</reg>schen Orchesters. Wie alles <lb/>zarter dünner wird. Wie gebrochene <lb/>Farbentöne stehen, wo sonst helle, leuchtende <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">6</note> </p></div>
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B II, 4550
waren. Wie meine ganze Orchestertechnik
einen Weg geht, der geradezu das Gegentheil
von dem zu werden scheint, der vorher be=
schritten wurde. Das ist, finde ich, die
natürliche Reaktion. Wir haben die
vollen, […] at most 3 char: cancelled. weichen Klänge Wagners,
satt, zum Ueberdruß: „Nun laßt uns
andere Töne anstimmen …“
Der von Schönberg evozierte Textbeginn des Finales von Beethovens 9. Symphonie lautet im Original: „O Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen“.

Und nun kommt dazu, daß ich (ich
muß das wiederholen) mich für berechtigt
halte zu glauben, mein Claviersatz
brächte Neues. So belehrt mich nicht
nur meine Empfindung. Auch Urteile
von Freunden und Schülern drücken
das […] 1 char: . aus, die meinen, das[s] mein
Klaviersatz klanglich absolut Neues bringe.

Die Sache steht also für mich so:
Ich glaube mein Klaviersatz ist nicht
das Ergebnis eines Unvermögens, sondern
der Ausdruck eines festen Willens, bestimmter
Neigungen
, greifbar deutlicher Empfindungen.
Was er nicht thut, ist nicht: was
er k nicht kann, sondern was er nicht will.

7
                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="shelfmark" place="top" resp="#archive">B II, 4550</note> waren. Wie meine ganze Orchestertechnik <lb/>einen Weg geht, der geradezu das Gegent<orig>h</orig>eil <lb/>von dem zu werden scheint, der vorher be <lb break="no"/>schritten wurde. Das ist, finde ich, die <lb/>natürliche Reaktion. Wir haben die <lb/>vollen, <del rend="strikethrough"><gap reason="strikethrough" atMost="3" unit="char"/></del> weichen Klänge <persName key="E0300006">Wagners</persName>, <lb/>satt, zum <choice><orig>Ueberdruß</orig><reg>Überdruss</reg></choice>: <quote source="#E0400001" rend="dq-du">Nun la<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>t uns <lb/>andere Töne anstimmen …</quote> <note type="commentary" resp="#E0300313">Der von <persName key="E0300023">Schönberg</persName> evozierte Textbeginn des Finales von <persName key="E0300001">Beethovens</persName> <title key="E0400001">9. Symphonie</title> lautet im Original: <q>O Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen</q>.</note> </p> <p rend="indent-first">Und nun kommt dazu, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> ich (ich <lb/>mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> das wiederholen) mich für berechtigt <lb/>halte zu glauben, mein <choice><orig>C</orig><reg>K</reg></choice>laviersatz <lb/>brächte <hi rend="underline">Neues</hi>. So belehrt mich nicht <lb/>nur meine Empfindung. Auch Urteile <lb/>von Freunden und Schülern drücken <lb/>das <del rend="srikethrough"><gap reason="strikthrough" extent="1" unit="char"/></del> aus, die meinen, das<supplied reason="omitted">s</supplied> mein <lb/>Klaviersatz klanglich absolut Neues bringe.</p> <p rend="align(center)">Die Sache steht also für mich so: <lb/>Ich glaube<reg>,</reg> mein Klaviersatz ist nicht <lb/>das Ergebnis eines Unvermögens, sondern <lb/>der Ausdruck eines <hi rend="underline">festen Willens</hi>, <hi rend="underline">bestimmter <lb/>Neigungen</hi>, <hi rend="underline">greifbar deutlicher Empfindungen.</hi> <lb/>Was er <hi rend="underline">nicht t<orig>h</orig>ut</hi>, ist nicht: was <lb/>er <del rend="strikethrough">k</del> <hi rend="underline">nicht kann</hi>, sondern was er <hi rend="underline">nicht</hi> will.</p> <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">7</note> </div>
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Was er thut: ist nicht was auch andersbesser geschehen
könnte, sondern was er thun muß.
Er hat also Eigenart, Stil und ist
organisch. —

Ein[e] Transkription dagegen erweckt
in mir die Befürchtung, daß sie entweder

  • hineinträgt, was ich grundsätzlich, oder
    meinen Neigungen folgend vermeide;
  • hinzugefügt, was ich – in den Grenzen meiner
    Persönlichkeit – nie hätte finden können, was
    nun also fremd, oder unerreichbar ist;
  • ausläßt was mir nothwendig scheint,
  • verbessert, worin ich unvollkommen
    bin und unvollkommen bleiben muß.

Eine Transkription thut mir also unbe Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin
=
dingt Gewalt an: ob Sie meinem Werk
nun nützt oder schadet.

Sie schreiben auch über Transkription
in Ihrer Brochüre, Theurich 1977 (173) und Theurich 1979 (166): „Broschüre“. Vgl. in Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst den Abschnitt über Notation und Transkription (S. 17–19 der Erstausgabe). die mir außerordentlich
gefällt und die wirklich beweist, wie dieselben
Ideen in derselben Zeit, gleichzeitig in ver=
schiedenen Köpfen auftauchen. Ich bin insbe=8

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"> <p rend="indent-first">Was er t<orig>h</orig>ut: ist nicht<reg>,</reg> was auch <subst><add place="above">anders</add><del rend="strikethrough">besser</del></subst> geschehen <lb/>könnte, sondern was er t<orig>h</orig>un <hi rend="underline">mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice></hi>. <lb/>Er hat also Eigenart, Stil und ist <lb/>organisch. —</p> <p rend="indent-first">Ein<supplied reason="omitted">e</supplied> Transkription dagegen erweckt <lb/>in mir die Befürchtung, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> sie entweder <list rend="indent-first"> <item><hi rend="underline">hineinträgt, was ich</hi> grundsätzlich, oder <lb/>meinen Neigungen folgend<reg>,</reg> <hi rend="underline">vermeide</hi>;</item> <item><hi rend="underline">hinzugefügt</hi>, was ich – in den Grenzen meiner <lb/>Persönlichkeit – nie hätte finden können, was <lb/>nun also fremd<orig>,</orig> oder unerreichbar ist;</item> <item><hi rend="underline">auslä<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>t</hi><reg>,</reg> was mir not<orig>h</orig>wendig scheint,</item> <item><hi rend="underline">verbessert</hi>, worin ich unvollkommen <lb/>bin und unvollkommen bleiben mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>.</item> </list> </p> <p rend="indent-first">Eine Transkription t<orig>h</orig>ut mir also unbe <note type="stamp" place="margin-right" resp="#dsb_st_red"> <stamp rend="round border align(center) small">Deutsche<lb/>Staatsbibliothek<lb/><placeName key="E0500029"><hi rend="spaced-out">Berlin</hi></placeName></stamp> </note> <lb break="no"/>dingt Gewalt an: ob <choice><orig>Sie</orig><reg>sie</reg></choice> meinem Werk <lb/>nun nützt oder schadet. </p> <p rend="indent-first">Sie schreiben auch über Transkription <lb/>in <rs key="E0400043">Ihrer Bro<reg>s</reg>chüre</rs>, <note type="commentary" subtype="ed_diff_minor" resp="#E0300314"><bibl><ref target="#E0800004"/> (173)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (166)</bibl>: <q>Broschüre</q>.</note> <note type="commentary" resp="#E0300314">Vgl. in <persName key="E0300017">Busonis</persName> <title key="E0400043">Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst</title> den <ref type="E010004" target="#D0200001" n="17">Abschnitt über Notation und Transkription</ref> (<ref type="E010004" target="#D0200001" n="17">S. 17–19 der Erstausgabe</ref>).</note> die mir außerordentlich <lb/>gefällt und die wirklich beweist, wie dieselben <lb/>Ideen in derselben Zeit, gleichzeitig in ver <lb break="no"/>schiedenen Köpfen auftauchen. Ich bin insbe <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">8</note> </p></div>
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3 sondere mit Ihrer Konstatierung sehr einver=
standen, daß schon jede Notation überhaupt
Transkription ist. Ich habe schon vor Jahren
ähnlich argumentiert, als die Öffentlichkeit
Mahler angriff, wegen seiner Instrumen=
tations=Änderungen bei Beethoven. Mahler hat insbesondere die Instrumentation von Beethovens 7. und 9. Symphonie retuschiert.
Aber das ist doch auch noch eine andere
Sache: ob man Beethovens zweifellos veraltete Instrumenten=
behandlung und Instrumentation verbessert
auf Grundlage zweifellos besserer neuerer
Instrumentations=Erfahrungen, […] 2 char: overwritten. und ob
man meinen Klavierstyl verbessert
durch ältere Technik oder eine deren bessere
Geeignetheit zumindest heute noch nicht so
absolut festgestellt ist, so über jeden Zweifel
erhaben ist.

Ich kann das wohl, da ich ja
Ihre Transkription noch nicht kenne, gegen=
wärtig sagen, ohne daß sie es als eine
allzu starke Kritik ansehen dürfen.
Denn Ihre Bearbeitung kann mich ja9

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="foliation" place="top-right" resp="#major_hand" rend="circle">3</note> sondere mit Ihrer Konstatierung sehr einver <lb break="no"/>standen, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> schon jede Notation überhaupt <lb/>Transkription ist. Ich habe schon vor Jahren <lb/>ähnlich argumentiert, als die Öffentlichkeit <lb/><persName key="E0300047">Mahler</persName> angriff, wegen seiner Instrumen <lb break="no"/>tations<pc>=</pc>Änderungen bei <persName key="E0300001">Beethoven</persName>. <note type="commentary" resp="#E0300313"><persName key="E0300047">Mahler</persName> hat insbesondere die Instrumentation von <persName key="E0300001">Beethovens</persName> <title key="E0400309">7.</title> und <title key="E0400001">9. Symphonie</title> retuschiert.</note> <lb/>Aber das ist doch auch noch eine andere <lb/>Sache: ob man <persName key="E0300001">Beethovens</persName> <add place="above">zweifellos</add> <hi rend="underline">veraltete</hi> Instrumenten <lb break="no"/>behandlung und Instrumentation verbessert <lb/>auf Grund<del rend="strikethrough">lage</del> zweifellos besserer <hi rend="underline">neuerer</hi> <lb/>Instrumentations<pc>=</pc>Erfahrungen, <subst><del rend="overwritten"><gap reason="overwritten" extent="2" unit="char"/></del><add place="across">un</add></subst>d ob <lb/>man meinen Klavierst<choice><orig>y</orig><reg>i</reg></choice>l verbessert <lb/>durch ältere Technik oder eine<reg>,</reg> deren bessere <lb/>Geeignetheit zumindest heute noch nicht so <lb/>absolut festgestellt ist, so über jeden Zweifel <lb/>erhaben ist.</p> <p rend="indent-first">Ich kann das wohl, da ich ja <lb/><rs key="E0400032">Ihre Transkription</rs> noch nicht kenne, gegen <lb break="no"/>wärtig sagen, ohne da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> sie es als eine <lb/>allzu starke Kritik ansehen dürfen. <lb/>Denn Ihre Bearbeitung kann mich ja <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">9</note> </p></div>
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10Diplomatic transcription
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noch immer eines Anderen belehren. Aber
auch abgesehen davon, bin ich sicher, daß
Sie mir die Schärfe nicht übelnehmen,
bin dessen sicher, weil sie ja sonst selbst wohl
nicht so scharf und hart über meine Werke
urteilten.

Und nun finde ich noch etwas, das mir
als Einwand gegen Sie geeignet scheint.

Halten Sie denn wirklich so unendlich
viel f von der Vollkommenheit? Halten
Sie denn wirklich diese für erreichbar? Meinen
Sie wirklich, daß Kunstwerke vollkommen
sind oder sein müssen?

Ich finde das nicht. Ich finde sogar
Gottes Kunstwerke, die der Natur
höchst unvollkommen.

Aber für vollkommen finde ich
nur die Werke der Drechsler, Gärtner,
Zuckerbäcker und Friseure. Nur die
haben jene Glätte, jenes Ebenmaß, das
ich sooft zum Teufel gewünscht habe. Nur
sie genügen so allen Anforderungen, die10

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> noch immer eines Anderen belehren. Aber <lb/>auch abgesehen davon<orig>,</orig> bin ich sicher, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> <lb/>Sie mir die Schärfe nicht übelnehmen, <lb/>bin <add place="above">dessen</add> sicher, weil sie ja sonst selbst wohl <lb/>nicht so scharf und hart über meine Werke <lb/>urteilten.</p> <p rend="indent-first">Und nun finde ich noch etwas, das mir <lb/>als Einwand gegen Sie geeignet scheint.</p> <p rend="indent-first">Halten Sie denn wirklich so unendlich <lb/>viel <del rend="strikethrough">f</del> von der Vollkommenheit? Halten <lb/>Sie denn wirklich diese <add place="above">für</add> erreichbar? Meinen <lb/>Sie wirklich, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> Kunstwerke vollkommen <lb/>sind oder sein müssen?</p> <p rend="indent-first">Ich finde das nicht. Ich finde sogar <lb/>Gottes Kunstwerke, die der Natur <lb/>höchst unvollkommen.</p> <p rend="indent-first">Aber für vollkommen finde ich <lb/>nur die Werke der <hi rend="underline">Drechsler</hi>, <hi rend="underline">Gärtner,</hi> <lb/><hi rend="underline">Zuckerbäcker</hi> und <hi rend="underline">Friseure</hi>. Nur die <lb/>haben jene Glätte, jenes Ebenmaß, das <lb/>ich so<reg> </reg>oft zum Teufel gewünscht habe. Nur <lb/>sie genügen so allen Anforderungen, die <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">10</note> </p></div>
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B II, 4550
man an sie stellen kann und sonst nichts
Menschliches, Gottähnliches auf der Welt.

Und wenn:
Notation Theurich 1977 (175) und Theurich 1979 (167): „Notation“ ohne Hervorhebung. = Transkription = Unvollkommenheit
so ist doch auch:
Transkription Theurich 1977 (175) und Theurich 1979 (167): „Transkription“ ohne Hervorhebung. = Notation = Unvollkom̅enheit.
Denn wenn a = b und b = c so ist auch
a = c. Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin

Wozu also die eine Unvollkommenheit
durch die andere ersetzen.

Wozu […] 1 char: overwritten. jene eliminieren die transcription uncertain. alternative reading: – Theurich 1977 (175) und Theurich 1979 (167): „–“ vielleicht
ihrenden Reiz eines Werkes ausmacht, und diese dafür
substituieren, die ihrm einen ihrm fremden
giebt.

Gehörten Theurich 1977 (175) und Theurich 1979 (167): „Gehörten“ nicht zum Eigenthümlichen
einer Persönlichkeit auch deren Fehler
dazu? Wirken diese, wenn schon nicht
als schön, so doch wenigstens als Kontraste,
als die Grundfarbe, von der sich die
anderen Farben deutlich abheben?

Ich habe oft daran gedacht, daß man
Schumanns Symphonien (den Sie wie ich meine
sehr unterschätzen Vgl. in Busonis Entwurf einer neuen Ästhektik der Tonkunst den Passus zu „Vorspielen und Übergängen“ als der bis dato einzig wahren und freien Musik (Ausgabe 1907, S. 9): „Selbst einen so viel kleineren Schumann ergreift, an solchen Stellen Etwas von dem Unbegrenzten dieser Pan-Kunst“. An anderer Stelle heißt es: „Im Übrigen muten die meisten Klavier-Kompositionen Beethovens wie Transcriptionen vom Orchester an; die meisten Schumann’schen Orchesterwerke wie Übertragungen vom Klavier – und sind’s in gewisser Weise auch.“ (ibid., S. 18). und den ich heute weit über11

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="shelfmark" place="top" resp="#archive">B II, 4550</note> man an sie stellen kann<reg>,</reg> und sonst nichts <lb/>Menschliches, Gottähnliches auf der Welt.</p> <p rend="indent-first">Und wenn: <lb/><hi rend="underline">Notation</hi> <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_major"><bibl><ref target="#E0800004"/> (175)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (167)</bibl>: <quote>Notation</quote> ohne Hervorhebung.</note> = Transkription = <hi rend="underline">Unvollkommenheit</hi><reg>,</reg> <lb/><seg rend="align(center)">so ist doch auch:</seg> <lb/><hi rend="underline">Transkription</hi> <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_major"><bibl><ref target="#E0800004"/> (175)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (167)</bibl>: <quote>Transkription</quote> ohne Hervorhebung.</note> = Notation = <hi rend="underline">Unvollko<choice><orig>m̅</orig><expan>mm</expan></choice>enheit</hi>. <lb/>Denn wenn a = b und b = c<reg>,</reg> so ist auch <lb/>a = c. <note type="stamp" place="center" resp="#dsb_st_red"> <stamp rend="round border align(center) small">Deutsche<lb/>Staatsbibliothek<lb/><placeName key="E0500029"><hi rend="spaced-out">Berlin</hi></placeName></stamp> </note> </p> <p rend="indent-first">Wozu also die eine Unvollkommenheit <lb/>durch die andere ersetzen.</p> <p rend="indent-first">Wozu <subst><del rend="overwritten"><gap extent="1" unit="char" reason="overwritten"/></del><add place="across">je</add></subst>ne eliminieren<reg>,</reg> die <choice><unclear cert="high"/><unclear cert="low">–</unclear></choice> <note resp="#E0300314" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (175)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (167)</bibl>: <quote>–</quote></note> vielleicht <lb/><subst><del rend="strikethrough">ihren</del><add place="above">den</add></subst> Reiz <add place="above">eines Werkes</add> ausmacht, und diese dafür <lb/>substituieren, die ih<subst><del rend="overwritten">r</del><add place="across">m</add></subst> einen ih<subst><del rend="overwritten">r</del><add place="across">m</add></subst> fremden <lb/>gi<orig>e</orig>bt.</p> <p rend="indent-first">Gehör<subst><del rend="strikethrough">t</del><add place="across">en</add></subst> <note resp="#E0300314" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (175)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (167)</bibl>: <quote>Gehörten</quote></note> nicht zum Eigent<orig>h</orig>ümlichen <lb/>einer Persönlichkeit auch deren Fehler <lb/>dazu? Wirken diese, wenn schon nicht <lb/>als schön, so doch wenigstens als Kontraste, <lb/>als die Grundfarbe, von der sich die <lb/>anderen Farben deutlich abheben?</p> <p rend="indent-first">Ich habe oft daran gedacht, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> man <lb/><persName key="E0300008">Schumanns</persName> Symphonien (den Sie<reg>,</reg> wie ich meine<reg>,</reg> <lb/>sehr unterschätzen <note type="commentary" resp="#E0300317">Vgl. in <persName key="E0300017">Busonis</persName> <title key="E0400043">Entwurf einer neuen Ästhektik der Tonkunst</title> den Passus zu <quote>Vorspielen und Übergängen</quote> als der bis dato einzig wahren und freien Musik (<bibl><ref type="E010004" target="#D0200001" n="9">Ausgabe 1907</ref>, S. 9</bibl>): <quote>Selbst einen so viel kleineren <persName key="E0300008">Schumann</persName> ergreift, an solchen Stellen Etwas von dem Unbegrenzten dieser Pan-Kunst</quote>. An anderer Stelle heißt es: <quote>Im Übrigen muten die meisten Klavier-Kompositionen <persName key="E0300001">Beethovens</persName> wie Transcriptionen vom Orchester an; die meisten <persName key="E0300008">Schumann’schen</persName> Orchesterwerke wie Übertragungen vom Klavier – und sind’s in gewisser Weise auch.</quote> (<bibl><ref type="E010004" target="#D0200001" n="18"/>, S. 18</bibl>).</note> und den ich heute <hi rend="underline">weit über</hi> <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">11</note> </p></div>
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12Diplomatic transcription
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Brahms stelle) auf die Beine helfen sollte
indem man ihre Theurich 1977 (176) fälschlich: „Ihre“ Instrumentation verbesserte.
Ich war mir auch um alles Theoretische daran ganz
klar. Heuer im Sommer habe ich mich ein
wenig selbst damit befaßt und – habe
den Mut dazu verloren. Denn ich sehe zu
genau, daß stets mit dem was […] 1 char: cancelled. mißlungen
ist, etwas sehr Eigenartiges gemeint war
und ich habe nicht den Mut einen nicht ganz
zur […] at most 2 char: cancelled. Wirklichkeit gelangenden interessanten
Einfall durch einen sicheren Klang zu
ersetzen. Und mehr kann die Phantasie
eines Anderen an einem wirklichen Kunstwerk
nicht leisten! —

Rein technisch=musikalisch möchte ich
Sie nun nur noch fragen, ob Sie nicht
vielleicht ein zu langsames Tempo genom̅en
haben. Das könnte ja viel ausmachen. Oder
zu wenig Theurich 1977 (176) und Theurich 1979 (168): wenig fälschlich mit Hervorhebung. rubato. Ich bleibe niemals im
Takt! niemals im Tempo! —

Ihr „Entwurf einer neuen Aesthetik der
Tonkunst“
gefällt mir vor allem durch seine
Kühnheit außerordentlich. Insbesondere im An=12

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <persName key="E0300009">Brahms</persName> stelle) auf die Beine helfen sollte<reg>,</reg> <lb/>indem man ihre <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_major"><bibl><ref target="#E0800004"/> (176)</bibl> fälschlich: <quote>Ihre</quote></note> Instrumentation verbesserte. <lb/>Ich war mir auch um alles Theoretische daran ganz <lb/>klar. Heuer im Sommer habe ich mich ein <lb/>wenig selbst damit <choice><orig>befaßt</orig><reg>befasst</reg></choice> und – habe <lb/>den Mut dazu verloren. Denn ich sehe zu <lb/>genau, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> stets mit dem<reg>,</reg> was <gap extent="1" unit="char" reason="strikethrough"/> mi<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>lungen <lb/>ist, etwas sehr Eigenartiges gemeint war<reg>,</reg> <lb/>und ich habe nicht den Mut<reg>,</reg> einen nicht ganz <lb/>zur <subst><del rend="overwritten"><gap atMost="2" unit="char" reason="strikethrough"/></del><add place="across">W</add></subst>irklichkeit gelangenden <hi rend="underline">interessanten</hi> <lb/><hi rend="underline">Einfall</hi> durch einen <soCalled rend="dq-du"><hi rend="underline">sicheren</hi></soCalled> Klang zu <lb/>ersetzen. Und mehr kann die Phantasie <lb/>eines Anderen an einem wirklichen Kunstwerk <lb/>nicht leisten! —</p> <p rend="indent-first">Rein technisch<pc>=</pc>musikalisch möchte ich <lb/>Sie nun nur noch fragen, ob Sie nicht <lb/>vielleicht ein zu langsames Tempo geno<choice><abbr>m̅</abbr><expan>mm</expan></choice>en <lb/>haben. Das könnte ja viel ausmachen. Oder <lb/>zu wenig <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (176)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (168)</bibl>: <quote> <hi rend="spaced-out">wenig</hi></quote> fälschlich mit Hervorhebung.</note> <choice><orig>r</orig><reg>R</reg></choice>ubato. Ich bleibe niemals im <lb/>Takt! <choice><orig>n</orig><reg>N</reg></choice>iemals im Tempo! —</p> <p rend="indent-first">Ihr <title key="E0400043" rend="dq-du">Entwurf einer neuen <choice><orig>Ae</orig><reg>Ä</reg></choice>sthetik der <lb/>Tonkunst</title> gefällt mir vor allem durch seine <lb/>Kühnheit außerordentlich. Insbesondere im An <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">12</note> </p></div>
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4 fange stehen da ein paar kräftige Sätze,
von zwingender Logik und hervorragender Schärfe
der Beobachtung. Ueber Ihre Ideen mit
den Dritteltönen Vgl. Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst (S. 28 f. der Erstausgabe: „Der Drittelton pocht schon seit einiger Zeit an die Pforte, und wir überhören noch immer seine Meldung.“ Im Nachlass Busonis finden sich Skizzen zur dieser Thematik, die Busoni nach eigenen Angaben seit ca. 1906 beschäftigte (vgl. Busoni 1922 (Weindel 2006) S. 118), möglicherweise auch schon sehr viel früher (siehe z. B. seine Versuche über Dritteltöne und neue Skalen, Mus.Nachl. F. Busoni C I,82). habe ich, allerdings auf
andere Weise auch schon viel nachgedacht. Ich
dachte aber mehr an Vierteltöne, sind bin aber […] at least 1 char: overwritten. jetzt
der Ansicht, daß diese Sache auf einem anderen
Wege, als auf dem der Konstruktion, kommen
wird. Ueberdies hat ein Schüler von mir Zum Folgenden vgl. den in Schönbergs Harmonielehre (S. 23) frei zitierten Brief Robert Neumanns; er datiert vom 1. März 1911, bezieht sich aber auf offenkundig bereits früher Besprochenes (vgl. Eintrag und Digitalisate in der Briefdatenbank des Arnold-Schönberg-Centers, Wien).
auf meine Anregung hin ausgerechnet, daß
die nächste Theilung der Oktave die ähnliche
Verhältnisse haben würde wie unsere 12theilige
53tel=Töne Theurich 1977 (176) und Theurich 1979 (168): „ 53tel Töne“. einführen müßte. Wenn Sie
nun 18 Drittel=Töne annähmen, käme
das dem einigermaßen nahe denn 3 × 18 = 54.
Da entfielen dann allerdings die Halb=
töne ganz. Hier liegt ein Verständnisfehler Schönbergs vor: Busonis unternimmt nicht nur eine Einteilung der Oktave in 18 Dritteltöne, sondern, um dabei nicht auf Halbtöne (und damit auf die kleine Terz und die reine Quinte) verzichten zu müssen, auch in eine zweite Dritteltonreihe, die zur ersten um einen Halbton verschoben ist, so dass sich ein Sechsteltonsystem mit 36 Tönen ergibt. Vgl. den entsprechenden Passus in Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst (S. 29 der Erstausgabe) sowie Busoni 1922 (Weindel 2006) S. 118.

Für die Vierteltöne hatte ich mir seiner=
zeit folgende Notation erdacht:


Vierteltonbezeichnung mit mathematischen, von den eigentlichen Notenköpfen ausgefüllten Größer-als- bzw. Kleiner-als-Zeichen.
< und > Zeichen
aus der Mathematik
13
                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="foliation" place="top-right" resp="#major_hand" rend="circle">4</note> fange stehen da ein paar kräftige Sätze, <lb/>von zwingender Logik und hervorragender Schärfe <lb/>der Beobachtung. <choice><orig>Ue</orig><reg>Ü</reg></choice>ber Ihre Ideen mit <lb/>den Dritteltönen <note type="commentary" resp="#E0300317">Vgl. <persName key="E0300017">Busonis</persName> <title key="E0400043">Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst</title> (<ref type="E010004" target="#D0200001" n="28">S. 28 f. der Erstausgabe</ref>: <quote>Der Drittelton pocht schon seit einiger Zeit an die Pforte, und wir überhören noch immer seine Meldung.</quote> Im Nachlass <persName key="E0300017">Busonis</persName> finden sich Skizzen zur dieser Thematik, die <persName key="E0300017">Busoni</persName> nach eigenen Angaben seit ca. <date when-iso="1906">1906</date> beschäftigte <bibl>(vgl. <ref target="#E0800037"/> S. 118)</bibl>, möglicherweise auch schon sehr viel früher (siehe z. B. seine <ref type="ext" target="http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001B16700000000">Versuche über Dritteltöne und neue Skalen, Mus.Nachl. F. Busoni C I,82</ref>).</note> habe ich, allerdings auf <lb/>andere Weise<reg>,</reg> auch schon viel nachgedacht. Ich <lb/>dachte aber mehr an Vierteltöne, <del rend="strikethrough">sind</del> bin <add place="above">aber</add> <subst><del rend="overwritten"><gap atLeast="1" unit="char" reason="overwritten"/></del><add place="across">je</add></subst>tzt <lb/><add place="above">der</add> Ansicht, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> diese Sache auf einem anderen <lb/>Wege<orig>,</orig> als auf dem der Konstruktion<orig>,</orig> kommen <lb/>wird. <choice><orig>Ue</orig><reg>Ü</reg></choice>berdies hat <rs key="E0300312">ein Schüler von mir</rs> <note type="commentary" resp="#E0300317 #E0300314">Zum Folgenden vgl. den in <persName key="E0300023">Schönbergs</persName> <bibl><title key="E0800232">Harmonielehre</title> (S. 23)</bibl> frei zitierten Brief <persName key="E0300312">Robert Neumanns</persName>; er datiert vom <date when-iso="1911-03-01">1. März 1911</date>, bezieht sich aber auf offenkundig bereits früher Besprochenes (vgl. <ref type="ext" target="http://archive.schoenberg.at/letters/search_show_letter.php?ID_Number=21487">Eintrag und Digitalisate in der Briefdatenbank des <persName key="E0300023">Arnold-Schönberg</persName>-Centers, <placeName key="E0500002">Wien</placeName></ref>).</note> <lb/>auf meine Anregung hin ausgerechnet, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> <lb/>die nächste T<orig>h</orig>eilung der Oktave<reg>,</reg> die ähnliche <lb/>Verhältnisse haben würde wie unsere <choice><orig>12theilige</orig><reg>zwölfteilige,</reg></choice> <lb/>53<hi rend="sup"><reg>s</reg>tel</hi><pc>=</pc>Töne <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (176)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (168)</bibl>: <quote> 53<hi rend="underline" n="2">tel</hi> Töne</quote>.</note> einführen mü<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>te. Wenn Sie <lb/>nun 18 Drittel<choice><orig><pc>=</pc>T</orig><reg>t</reg></choice>öne annähmen, käme <lb/>das dem einigermaßen nahe<reg>,</reg> denn 3 × 18 = 54. <lb/>Da entfielen dann allerdings die Halb <lb break="no"/>töne ganz. <note type="commentary" resp="#E0300317">Hier liegt ein Verständnisfehler <persName key="E0300023">Schönbergs</persName> vor: <persName key="E0300017">Busonis</persName> unternimmt nicht nur eine Einteilung der Oktave in 18 Dritteltöne, sondern, um dabei nicht auf Halbtöne (und damit auf die kleine Terz und die reine Quinte) verzichten zu müssen, auch in eine zweite Dritteltonreihe, die zur ersten um einen Halbton verschoben ist, so dass sich ein Sechsteltonsystem mit 36 Tönen ergibt. Vgl. <ref type="E010004" target="#D0200001" n="29">den entsprechenden Passus</ref> in <persName key="E0300017">Busonis</persName> <title key="E0400043">Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst</title> (<ref type="E010004" target="#D0200001" n="29">S. 29 der Erstausgabe</ref>) sowie <bibl><ref target="#E0800037"/> S. 118</bibl>.</note> </p> <p rend="indent-first">Für die Vierteltöne hatte ich mir seiner <lb break="no"/>zeit folgende Notation erdacht:</p> <lb/><notatedMusic place="block left"> <ptr target="nb/D0100014_13-nb1.xml"/> <graphic width="149px" height="45px" url="D0100014_13_ex_1.png"/> <desc>Vierteltonbezeichnung mit mathematischen, von den eigentlichen Notenköpfen ausgefüllten Größer-als- bzw. Kleiner-als-Zeichen.</desc> </notatedMusic> <ab type="caption" rend="align(right)"><choice><orig>&lt; und &gt; </orig><reg>Größer- und Kleiner-</reg></choice>Zeichen <lb/>aus der Mathematik</ab> <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">13</note> </div>
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B II, 4550

Ich glaube aber, daß derartige Notierungs=
versuche kaum werden durchdringen; denn
ich hoffe mit viel Zuversicht, daß unsere
zukünftige Notenschrift eine – wie soll
ich sagen: „drathlosere“ Theurich 1977 (176) und Theurich 1979 (169) stillschweigend: „drahtlosere“. sein wird.

Auch über die Tonarten Busoni konstatiert eine Verbrauchtheit des Dur-Moll-Systems und errechnet durch neue Kombinationen der Reihenfolgen von Halbtönen und Ganztönen 113 neue Skalen (vgl. Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst, S. 27 f. der Erstausgabe). Schönberg wird 1911 in seiner Harmonielehre erwidern: „die Plage, Hunderte von Skalen auszurechnen, könnte er sich ersparen. Ich habe mir mit Müh’ und Not die Namen der sieben Kirchentonarten gemerkt; und das waren ‚erst die Namen!‘ Ich werde mir nicht fünf von seinen Tonarten merken können. Wie soll ich dann aber komponieren – wenn ich sie gar nicht vor mir habe.“ (Schönberg 1911, S. 747) bin ich anderer
Meinung – das bezeugt ja meine Musik.
Ich glaube: alles das was man mit 113 Tonarten
machen kann, könnte man auch mit 2 oder 3
oder 4: transcription uncertain. alternative reading: Dur=MollDur = Moll, Ganzton, und Chromatische.
Jedenfalls bin ich seit langem dahinter her
die Fesseln der Tonarten ganz abzustreifen.
Und meine Harmonik kennt keine an Tonarten
erinnernden Akkorde oder Melodien mehr.

Nun zur Beantwortung Ihrer Fragen.

Wieweit ich diese Absichten verwirkliche?
Nicht so weit als ich gerne möchte. Ganz
genügt mir noch kein Stück. Ich möchte noch
bunter werden an Motiven und melodieun=
ähnlichen Theurich 1977 (176) und Theurich 1979 (169): „melodieunähnlichen“ ohne Hervorhebung. Gestaltungen; ich möchte noch freier
und ungezwungener sein im Rythmus, Theurich 1977 (176) und Theurich 1979 (169) stillschweigend: „Rhythmus“. in den14

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"> <note type="shelfmark" place="top-right" resp="#archive" xml:id="middle_pos_id">B II, 4550</note> <p>Ich glaube aber, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> derartige Notierungs <lb break="no"/>versuche kaum werden durchdringen; denn <lb/>ich hoffe mit viel Zuversicht, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> unsere <lb/>zukünftige Notenschrift eine – wie soll <lb/>ich sagen: <soCalled rend="dq-du">dra<choice><orig>th</orig><reg>ht</reg></choice>losere</soCalled> <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (176)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (169)</bibl> stillschweigend: <quote>drahtlosere</quote>.</note> sein wird.</p> <p rend="indent-first">Auch über die Tonarten <note type="commentary" resp="#E0300317"><persName key="E0300017">Busoni</persName> konstatiert eine Verbrauchtheit des Dur-Moll-Systems und errechnet durch neue Kombinationen der Reihenfolgen von Halbtönen und Ganztönen 113 neue Skalen (vgl. <title key="E0400043">Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst</title>, <ref type="E010004" target="#D0200001" n="27">S. 27 f. der Erstausgabe</ref>). <persName key="E0300023">Schönberg</persName> wird <date when-iso="1911">1911</date> in seiner <title key="E0800232">Harmonielehre</title> erwidern: <quote>die Plage, Hunderte von Skalen auszurechnen, könnte er sich ersparen. Ich habe mir mit Müh’ und Not die Namen der sieben Kirchentonarten gemerkt; und das waren <soCalled>erst die Namen!</soCalled> Ich werde mir nicht fünf von seinen Tonarten merken können. Wie soll ich dann aber komponieren – wenn ich sie gar nicht vor mir habe.</quote> <bibl>(<ref target="#E0800232"/>, S. 747)</bibl></note> bin ich anderer <lb/>Meinung – das bezeugt ja meine Musik. <lb/>Ich glaube: <choice><orig>a</orig><reg>A</reg></choice>lles das<reg>,</reg> was man mit 113 Tonarten <lb/>machen kann, könnte man auch mit <choice><orig>2 oder 3 <lb/>oder 4</orig><reg>zwei oder drei <lb/>oder vier</reg></choice>: <choice><unclear cert="high">Dur = Moll</unclear><unclear cert="low">Dur<pc>=</pc>Moll</unclear></choice>, Ganzton<orig>,</orig> und Chromatische. <lb/>Jedenfalls bin ich seit langem dahinter her<reg>,</reg> <lb/>die Fesseln der Tonarten ganz abzustreifen. <lb/>Und meine Harmonik kennt keine an Tonarten <lb/>erinnernden Akkorde oder Melodien mehr.</p> <p rend="indent-first">Nun zur Beantwortung Ihrer Fragen.</p> <p rend="indent-first">Wie<reg> </reg>weit ich diese Absichten verwirkliche? <lb/>Nicht so weit<reg>,</reg> als ich gerne möchte. Ganz <lb/>genügt mir noch kein Stück. Ich möchte noch <lb/>bunter werden an Motiven und melodie<hi rend="underline" n="2">un</hi> <lb break="no"/>ähnlichen <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (176)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (169)</bibl>: <quote>melodieunähnlichen</quote> ohne Hervorhebung.</note> Gestaltungen; ich möchte noch freier <lb/>und ungezwungener sein im R<reg>h</reg>ythmus, <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (176)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (169)</bibl> stillschweigend: <quote>Rhythmus</quote>.</note> in den <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">14</note> </p></div>
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B II, 4550
Taktarten freier von Motivwiederholungen
und melodie=artigem Fortspinnen eines
Gedankens. Das schwebt mir vor: so phanta=
siere ich Musik, bevor […] at least 2 char: cancelled. ich sie notiere =
transkribiere. Und dazu kann ich mich
nicht zwingen; da muß ich warten bis
mir ein Stück ganz von selbst so gelingt,
wie es mir vorschwebt. Im Gegensatz zu dieser ganz auf Intuition setzenden Kompositionstechnik steht Busonis intellektuelles, berechnendes Vorgehen, dass er als Kompositionsvorgang in drei Phasen beschreibt: „Zuerst kommt die Idee, dann entsteht oder man sucht den Einfall, dann folgt die Ausführung.“ (Busoni 1907 (Weindel 2006), S. 33). Schönbergs Arbeitsweise bezeichnete Busoni als anarchisch (vgl. Busoni 1911 (Weindel 2006), S. 58 und Busoni / Weindel 1999, S. 29 ff. sowie S. 126).

Und damit bin ich auch zur Beantwortung
Ihrer anderen Frage gelangt: wieviel Absichtliches
und wieviel Empfundenes dabei sei.

Meine einzige Absicht ist:
keine Absicht zu haben!
Keine formelle, keine architektonische,
keine sonstige artistische, (als etwa die
Stimmung eines Gedichtes zu treffen)
keine ästhetische – überhaupt keine;
oder höchstens die:

dem Strom meiner unbewußten
Empfindungen nichts Hemmendes in den
Weg zu legen. Nichts da hinein geraten
zu lassen, was durch die Intelligenz oder15

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="shelfmark" place="top" resp="#archive" sameAs="#middle_pos_id">B II, 4550</note> Taktarten freier von Motivwiederholungen <lb/>und melodie<orig><pc>=</pc></orig>artigem Fortspinnen eines <lb/>Gedankens. Das schwebt mir vor: so phanta <lb break="no"/>siere ich Musik, bevor <gap atLeast="2" unit="char" reason="strikethrough"/> ich sie notiere = <lb/>transkribiere. Und dazu kann ich mich <lb/>nicht zwingen; da mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> ich warten<reg>,</reg> bis <lb/>mir ein Stück ganz von selbst so gelingt, <lb/>wie es mir vorschwebt. <note type="commentary" resp="#E0300317">Im Gegensatz zu dieser ganz auf Intuition setzenden Kompositionstechnik steht <persName key="E0300017">Busonis</persName> intellektuelles, berechnendes Vorgehen, dass er als Kompositionsvorgang in drei Phasen beschreibt: <quote>Zuerst kommt die Idee, dann entsteht oder man sucht den Einfall, dann folgt die Ausführung.</quote> <bibl>(<ref target="#E0800040"/>, S. 33)</bibl>. <persName key="E0300023">Schönbergs</persName> Arbeitsweise bezeichnete <persName key="E0300017">Busoni</persName> als anarchisch <bibl>(vgl. <ref target="#E0800041"/>, S. 58</bibl> und <bibl><ref target="#E0800020"/>, S. 29 ff. sowie S. 126</bibl>).</note> </p> <p rend="indent-first">Und damit bin ich auch zur Beantwortung <lb/>Ihrer anderen Frage gelangt: wie<reg> </reg>viel Absichtliches <lb/>und wie<reg> </reg>viel Empfundenes dabei sei.</p> <p rend="indent-first">Meine einzige Absicht ist: <lb/><hi rend="align(center)"><hi rend="underline" n="2">keine</hi> Absicht zu haben!</hi> <lb/>Keine formelle, keine architektonische, <lb/>keine sonstige artistische<choice><orig>, (</orig><reg> (</reg></choice>als etwa die <lb/>Stimmung eines Gedichtes zu treffen)<reg>,</reg> <lb/>keine ästhetische – überhaupt keine; <lb/>oder höchstens die:</p> <p rend="indent-first">dem Strom meiner unbewu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>ten <lb/>Empfindungen nichts Hemmendes in den <lb/>Weg zu legen. Nichts da hinein geraten <lb/>zu lassen, was durch die Intelligenz oder <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">15</note> </p></div>
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16Diplomatic transcription
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durch das Bewußtsein hervorgerufen ist.

Kennten Sie meine Entwicklung,
so würden Sie amn dem nicht zweifeln.
Aber ich habe mich ja auch auf diese Frage
gefaßt gemacht und so kann ich sie
beantworten. Ich habe gewußt, daß man
an der Natürlichkeit meiner Absichten zweifeln
wird, eben weil sie natürlich sind.
Daß man sie construiert finden f wird,
eben weil ich alles Konstruktions=Mäßige Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin

vermeide.

Aber, wenn man sieht, wie ich mich
stufenweise entwickelt habe, wie ich
längst einer Ausdrucksform nahe war
zu der ich mich heute klar und rückhalts=
los bekenne, wird man verstehen, daß da
nichts Unorganisches, […] at least 2 char: cancelled. nichts „Verschmockt=
Asthetisches“
Theurich 1977 (177) und Theurich 1979 (170) stillschweigend: „Ästhetisches“. vorsich Theurich 1977 (177) und Theurich 1979 (170) stillschweigend: „vor sich“. geht, sondern daß ein
Müssen dieses Resultat hervorgebracht hat.

Daß ich mir heute darüber auch theoretisch
ziemlich klar bin, kann mir nur der
Uebel nehmen, der sich den unbewußt=16

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> durch das Bewu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>tsein hervorgerufen ist.</p> <p rend="indent-first">Kennten Sie meine Entwicklung, <lb/>so würden Sie a<subst><del rend="strikethrough">m</del><add place="inline">n</add></subst> dem nicht zweifeln. <lb/>Aber ich habe mich ja auch auf diese Frage <lb/>gefa<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>t gemacht<reg>,</reg> und so kann ich sie <lb/>beantworten. Ich habe gewu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>t, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> man <lb/>an der Natürlichkeit meiner Absichten zweifeln <lb/>wird, eben weil sie natürlich sind. <lb/>Da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> man sie <choice><orig>c</orig><reg>k</reg></choice>onstruiert finden <del rend="strikethrough">f</del> wird, <lb/>eben weil ich alles Konstruktions<choice><orig><pc>=</pc>M</orig><reg>m</reg></choice>äßige <note type="stamp" place="margin-right" resp="#dsb_st_red"> <stamp rend="round border align(center) small">Deutsche<lb/>Staatsbibliothek<lb/><placeName key="E0500029"><hi rend="spaced-out">Berlin</hi></placeName></stamp> </note> <lb/>vermeide. </p> <p rend="indent-first">Aber, wenn man sieht, wie ich mich <lb/>stufenweise entwickelt habe, wie ich <lb/>längst einer Ausdrucksform nahe war<reg>,</reg> <lb/>zu der ich mich heute klar und rückhalts <lb break="no"/>los bekenne, wird man verstehen, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> da <lb/>nichts Unorganisches, <gap atLeast="2" unit="char" reason="strikethrough"/> nichts <soCalled rend="dq-du">Verschmockt<pc>=</pc> <lb break="no"/><choice><sic>A</sic><corr>Ä</corr></choice>sthetisches</soCalled> <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (177)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (170)</bibl> stillschweigend: <quote>Ästhetisches</quote>.</note> vor<reg> </reg>sich <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (177)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (170)</bibl> stillschweigend: <quote>vor sich</quote>.</note> geht, sondern da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> ein <lb/><hi rend="underline">Müssen</hi> dieses Resultat hervorgebracht hat.</p> <p rend="indent-first">Da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> ich mir heute darüber auch theoretisch <lb/>ziemlich klar bin, kann mir nur der <lb/><choice><orig>Uebel </orig><reg>übel</reg></choice>nehmen, der sich den unbewu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>t<pc>=</pc> <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">16</note> </p></div>
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17Diplomatic transcription
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5 schaffenden Künstler nur als eine Art
Halb=Kretin vorstellen kann; und
der sich keinen Begriff davon macht, daß
nach dem unbewußt=geschaffenen die
Zeit des ruhigen klaren Schaffens kommt
in der man sich Rechenschaft giebt über
seine Zustände.

Was das dritte Stück anbelangt, das
Ihnen, wie mich Ihre herbe Kritik vermuten
läßt, vorläufig gar nicht gefällt, so
meine ich daß es schon wesentlich über das
hinaus geht, was den beiden anderen gelingt.
Mindestens was die früher erwähnte Bunt=
heit anbelangt. Aber auch im „Harmonischen“
– wenn man hier so architektonisch reden
darf – scheint mir manches anders darin.
Insbesondere: manches dünnere, zweistim̅igere.
Aber ich halte es auch für ungerecht zu ver=
langen, daß man in 3 Kleinen Klavier=
stücken
die Musik dreimal auf ver=
schiedene
Arten revolutioniert. Schiene17

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="foliation" place="top-right" resp="#major_hand" rend="circle">5</note> schaffenden Künstler nur als eine Art <lb/>Halb<pc>=</pc>Kretin vorstellen kann; und <lb/>der sich keinen Begriff davon macht, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> <lb/>nach dem <choice><orig>u</orig><reg>U</reg></choice>nbewu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>t<pc>=</pc>geschaffenen die <lb/>Zeit des <hi rend="underline">ruhigen klaren Schaffens</hi> kommt<reg>,</reg> <lb/>in der man sich Rechenschaft gi<orig>e</orig>bt über <lb/>seine Zustände.</p> <p rend="indent-first">Was das <rs key="E0400114">dritte Stück</rs> anbelangt, das <lb/>Ihnen, wie mich Ihre herbe Kritik vermuten <lb/>lä<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>t, vorläufig gar nicht gefällt, so <lb/>meine ich<reg>,</reg> da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> es schon wesentlich über das <lb/>hinaus<orig> </orig>geht, was <rs type="works" key="E0400112 E0400113">den beiden anderen</rs> gelingt. <lb/>Mindestens was die früher erwähnte Bunt <lb break="no"/>heit anbelangt. Aber auch im <soCalled rend="dq-du">Harmonischen</soCalled> <lb/>– wenn man <add place="above">hier</add> so architektonisch reden <lb/>darf – scheint mir manches anders darin. <lb/>Insbesondere: manches dünnere, zweisti<choice><abbr>m̅</abbr><expan>mm</expan></choice>igere. <lb/>Aber ich halte es auch für ungerecht zu ver <lb break="no"/>langen, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> man in <rs key="E0400019"><choice><orig>3 K</orig><reg>drei k</reg></choice>leinen Klavier <lb break="no"/>stücken</rs> die Musik dreimal auf <hi rend="underline">ver <lb break="no"/>schiedene</hi> Arten revolutioniert. Schiene <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">17</note> </p></div>
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18Diplomatic transcription
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es nicht berechtigt, wenn man sich so weit außer=
halb des Herkömmlichen gestellt hat, nun
einen Augenblick zu verschnaufen, neue
Kräfte zu sammeln, ehe man weiter stürmt?
Und ist es nicht unrecht das Lakonische als
Mani[e]riertheit zu bezeichnen? Ist das Architektonische
nicht ebenso Manier, wie das Pointil[l]istische
und das Impressionistische? Oder ist es ein
Fehler […] at least 1 char: cancelled. nicht lang zu werden, wenn
man mit kurz vollkommen auskommt?
Muß denn gebaut werden? Ist die Musik
denn eine Sparkasse? Wird es unbedingt
mehr, wenn es länger ist?

Sollte das ein Fehler sein, daß
ich dort so kurz bin, dann macht dieser
Brief ihn wett! Aber es gab da doch
einige Dinge, die ich sagen wollte –
daß ich es nicht kürzer konnte liegt
wohl an meiner technischen Unbeholfen=
heit.

Und nun zum Schluß: Ich hoffe18

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> es nicht berechtigt, wenn man sich so weit außer <lb break="no"/>halb des Herkömmlichen gestellt hat, nun <lb/>einen Augenblick zu verschnaufen, neue <lb/>Kräfte zu sammeln, ehe man weiter<orig> </orig>stürmt? <lb/>Und ist es nicht unrecht<reg>,</reg> das Lakonische als <lb/>Mani<supplied reason="omitted">e</supplied>riertheit zu bezeichnen? Ist das Architektonische <lb/>nicht ebenso Manier<orig>,</orig> wie das Pointil<supplied reason="omitted">l</supplied>istische <lb/>und das Impressionistische? Oder ist es ein <lb/>Fehler<reg>,</reg> <gap atLeast="1" unit="char" reason="strikethrough"/> nicht <hi rend="underline">lang</hi> zu werden, wenn <lb/>man <add place="above">mit</add> <hi rend="underline">kurz</hi> vollkommen auskommt? <lb/>Mu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> denn gebaut werden? Ist die Musik <lb/>denn eine Sparkasse? Wird es unbedingt <lb/>mehr, wenn es länger ist?</p> <p rend="indent-first">Sollte das ein Fehler sein, da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> <lb/>ich <hi rend="underline">dort</hi> so kurz bin, dann macht dieser <lb/><hi rend="underline">Brief</hi> ihn <hi rend="underline">wett</hi>! Aber es gab da doch <lb/>einige Dinge, die ich sagen wollte – <lb/>da<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice> ich es nicht kürzer konnte<reg>,</reg> liegt <lb/>wohl an meiner technischen Unbeholfen <lb break="no"/>heit.</p> <p rend="indent-first">Und nun zum Schlu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>: Ich hoffe<reg>,</reg> <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">18</note> </p></div>
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B II, 4550
Sie sind mir nicht bös über meine Offenheit
und bewahren mir Ihr Interesse.

Vielleicht finden Sie einen Ausweg,
eine Erklärung, die es mir möglich
macht mein Stück, in Ihren Heften zu
veröffentlichen. Keines von Schönbergs Drei Klavierstücken op. 11 wurde in Busonis An die Jugend veröffentlicht. Sie erschienen ein Jahr später bei der Universal-Edition, wo zwei bis drei Wochen danach Busoni seine Bearbeitung von op. 11 Nr. 2 veröffentlichte. Schönberg nahm dies kritisch zur Kenntnis, war sich jedoch zugleich bewusst, „was es heißt, von einem bedeutenden Pianisten so ernst genommen zu werden“ (Ermen 1996, S. 74). Busoni schrieb zu seiner Bearbeitung: „Diese Komposition fordert vom Spieler die verfeinertste Anschlags- und Pedalkunst; einen intimen, improvisierten, ‚schwebenden‘ Vortrag; ein liebevolles Sichversenken in seinen Inhalt, dessen Interpret – rein als Klaviersetzer – hiermit sein zu dürfen, sich zu künstlerischer Ehre rechnet.“ (Busoni / Weindel 2006, S. 125)

Oder aber: vielleicht Theurich 1977 (177) und Theurich 1979 (171): „Vielleicht“. bringen Sie alle
drei
und die Paraphrase, mit einer
Erklärung ein ander mal??

Jedenfalls hoffe ich Ihr Wolwollen Theurich 1977 (177) und Theurich 1979 (171) stillschweigend: „Wohlwollen“.
nicht zu verlieren, wenn ich Sie nun
auch bitte mir mitzuteilen, ob Sie
die Stücke auch spielen wollen. Denn
daran liegt mir selbstverständlich auch
enorm viel. Arnold Schönberg, den er intensiv zur Kenntnis nimmt, hat er öffentlich nie gespielt.“ (Ermen 1996, S. 43). Das einzige Werk, das Busoni von Schönberg zur Aufführung brachte, waren Heinrich Schenkers Syrische Tänze, die Schönberg 1903 für Orchester uminstrumentiert hatte; vgl. hierzu den Beginn des Briefwechsels.

Noch etwas Eigentümliches zum Schluß:
Ehe ich diese Klavierstücke komponiert
hatte, wollte ich mich an Sie wenden
– ich kannte Ihre Vorliebe zu Transkriptionen –
mit der Frage, ob Sie nicht eines meiner
Kammer- oder Orchesterwerke als Trans=19

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="shelfmark" place="top" resp="#archive" rend="indent">B II, 4550</note> Sie sind mir nicht bös über meine Offenheit <lb/>und bewahren mir Ihr Interesse.</p> <p rend="indent-first">Vielleicht finden Sie einen Ausweg, <lb/>eine Erklärung, die es mir möglich <lb/>macht<reg>,</reg> <rs key="E0400113">mein Stück</rs><orig>,</orig> in <rs key="E0400429">Ihren Heften</rs> zu <lb/>veröffentlichen. <note type="commentary" resp="#E0300317">Keines von <persName key="E0300023">Schönbergs</persName> <title key="E0400019">Drei Klavierstücken op. 11</title> wurde in <persName key="E0300017">Busonis</persName> <title key="E0400429">An die Jugend</title> veröffentlicht. Sie erschienen <date when-iso="1910">ein Jahr später</date> bei der <orgName key="E0600004">Universal-Edition</orgName>, wo zwei bis drei Wochen danach <persName key="E0300017">Busoni</persName> seine <rs key="E0400032">Bearbeitung</rs> von <rs key="E0400113">op. 11 Nr. 2</rs> veröffentlichte. <persName key="E0300023">Schönberg</persName> nahm dies kritisch zur Kenntnis, war sich jedoch zugleich bewusst, <quote>was es heißt, von einem bedeutenden <rs key="E0300017">Pianisten</rs> so ernst genommen zu werden</quote> <bibl>(<ref target="#E0800031"/>, S. 74)</bibl>. <persName key="E0300017">Busoni</persName> schrieb zu <rs key="E0400032">seiner Bearbeitung</rs>: <q>Diese Komposition fordert vom Spieler die verfeinertste Anschlags- und Pedalkunst; einen intimen, improvisierten, <soCalled>schwebenden</soCalled> Vortrag; ein liebevolles Sichversenken in seinen Inhalt, dessen Interpret – rein als Klaviersetzer – hiermit sein zu dürfen, sich zu künstlerischer Ehre rechnet.</q> <bibl>(<ref target="#E0800018"/>, S. 125)</bibl></note> </p> <p rend="indent-first">Oder aber: vielleicht <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (177)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (171)</bibl>: <quote>Vielleicht</quote>.</note> bringen Sie <rs key="E0400019">alle <lb/>drei</rs> und <rs key="E0400032">die Paraphrase</rs>, mit einer <lb/>Erklärung<reg>,</reg> ein ander<orig> </orig>mal??</p> <p rend="indent-first">Jedenfalls hoffe ich<reg>,</reg> Ihr Wo<reg>h</reg>lwollen <note resp="#E0300317" type="commentary" subtype="ed_diff_minor"><bibl><ref target="#E0800004"/> (177)</bibl> und <bibl><ref target="#E0800005"/> (171)</bibl> stillschweigend: <quote>Wohlwollen</quote>.</note> <lb/>nicht zu verlieren, wenn ich Sie nun <lb/>auch bitte<reg>,</reg> mir mitzuteilen, ob Sie <lb/><rs key="E0400019">die Stücke</rs> auch spielen wollen. Denn <lb/>daran liegt mir selbstverständlich auch <lb/>enorm viel. <note type="commentary" resp="#E0300317"><quote><persName key="E0300023">Arnold Schönberg</persName>, den er intensiv zur Kenntnis nimmt, hat er öffentlich nie gespielt.</quote> (<bibl><ref target="#E0800031"/>, S. 43</bibl>). Das einzige Werk, das <persName key="E0300017">Busoni</persName> von <persName key="E0300023">Schönberg</persName> zur Aufführung brachte, waren <persName key="E0300024">Heinrich Schenkers</persName> <title key="E0400016" corresp="E0400017">Syrische Tänze</title>, die <persName key="E0300023">Schönberg</persName> <date when-iso="1903">1903</date> für Orchester <rs key="E0400017">uminstrumentiert</rs> hatte; vgl. hierzu den <ref type="E010001" target="#D0100001">Beginn des Briefwechsels</ref>.</note> </p> <p rend="indent-first">Noch etwas Eigentümliches zum Schlu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>: <lb/>Ehe ich <rs key="E0400019">diese Klavierstücke</rs> komponiert <lb/>hatte, wollte ich mich an Sie wenden <lb/>– ich kannte Ihre Vorliebe zu Transkriptionen – <lb/>mit der Frage, ob Sie nicht eines meiner <lb/>Kammer- oder Orchesterwerke als Trans <note type="foliation" place="bottom-right" resp="#archive">19</note> </p></div>
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20Diplomatic transcription
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kription für Klavier allein, in Ihre Konzerte
aufnehmen wollten.

Eigentümlich: Nun treffen wir wieder
bei einer Transkription zusammen!

War das eine von mir mißverstandene Nachricht
meines unbewußten Ahnungsvermögens,
die mich an Sie im Zusammenhang
mit einer Transkription denken hieß.

Das fiel mir neulich erst ein!

Ich hoffe bald eine freundliche Ant=
wort zu erhalten und empfehle mich bis
dahin mit vollster Hochachtung und
Wertschätzung Ihr ergebener Arnold Schönberg

Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin
Nachlaß Busoni
20
                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> kription für Klavier allein<orig>,</orig> in Ihre Konzerte <lb/>aufnehmen wollten.</p> <p rend="indent-first">Eigentümlich: Nun treffen wir wieder <lb/>bei einer Transkription zusammen!</p> <p rend="indent-first">War das eine <add place="above">von mir</add> mi<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>verstandene Nachricht <lb/>meines unbewu<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>ten Ahnungsvermögens, <lb/>die mich an Sie im Zusammenhang <lb/>mit einer Transkription denken hieß.</p> <p rend="indent-first">Das fiel mir neulich erst ein!</p> <p rend="indent-first">Ich hoffe<reg>,</reg> bald eine freundliche Ant <lb break="no"/>wort zu erhalten<reg>,</reg> und empfehle mich bis <lb/>dahin mit vollster Hochachtung und <lb/>Wertschätzung <seg type="closer" subtype="salute">Ihr ergebener</seg> <seg type="closer" subtype="signed"><persName key="E0300023">Arnold Schönberg</persName></seg></p> <note type="stamp" place="center" resp="#dsb_st_red"> <stamp rend="round border align(center) small">Deutsche<lb/>Staatsbibliothek<lb/><placeName key="E0500029"><hi rend="spaced-out">Berlin</hi></placeName></stamp> </note> <note type="stamp" place="bottom-center" resp="#sbb_st_blue"> <stamp>Nachlaß Busoni</stamp> </note> <note type="foliation" place="bottom-left" resp="#archive">20</note> </div>
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                                                                <note xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="stamp" place="margin-right" resp="#post">
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<address xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"> <addrLine>Herrn</addrLine> <addrLine><persName key="E0300017">Ferruccio Busoni</persName></addrLine> <addrLine rend="align(center)"><placeName key="E0500029">Berlin</placeName> W30</addrLine> <addrLine rend="align(center)"><placeName key="E0500072">Viktoria-Luise-Platz 11</placeName></addrLine> </address>
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22Diplomatic transcription
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Arnold Schönberg
– – – Wien – – –
IX. Liechtensteinstraße 68/70
Steinakirchen am Forst
Nied. Oesterr
Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4550-Beil.
Mus.ep. A. Schönberg 11
Nachlaß Busoni B II
                                                                <note xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="stamp" place="center" resp="#schoenberg_addr_st1">
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                                        <addrLine><persName key="E0300023">Arnold Schönberg</persName></addrLine>
                                        
                                        <addrLine rend="small"><delSpan rend="crossedout" spanTo="#delAddr01"/>– – – <placeName key="E0500002">Wien</placeName> – – –</addrLine>
                                        <addrLine rend="small"><placeName key="E0500077">IX. Liechtensteinstraße 68/70</placeName><anchor xml:id="delAddr01"/></addrLine>
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                                <address rend="align(right)">
                                    <addrLine><placeName key="E0500040">Steinakirchen am Forst</placeName></addrLine>
                                    <addrLine><placeName key="E0500081"><choice><abbr>Nied. Oesterr</abbr><expan>Niederösterreich</expan></choice></placeName></addrLine>
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                                <subst><add>Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4550-Beil.</add><lb/><del rend="strikethrough">Mus.ep. A. Schönberg 11
                                        <lb/><stamp resp="#sbb_st_blue">Nachlaß Busoni <handShift new="#archive_red"/>B II<handShift new="#archive"/></stamp></del></subst>
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