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Sehr verehrter Herr Schönberg!

Ich empfing Ihre Stücke und den
begleitenden Brief
. Beide zeigen von
einem denkenden u. fühlenden Menschen,
als welchen ich Sie übrigens schon zu
erkennen geglaubt habe. Ich kenne
von Ihnen ein Quartett, Es ist nicht vollkommen zu klären, ob Schönbergs Streichquartett Nr. 1 oder Nr. 2 gemeint ist. Die Vermutung, Busoni sei anlässlich seiner Meisterklasse im Februar 1907 und der gleichzeitigen Uraufführung des Streichquartetts Nr. 1 mit diesem Werk in Berührung gekommen (Theurich 1979, S. 66 f.), geht insofern fehl, als Busoni seine Lehrtätigkeit am Wiener Konservatorium erst im Oktober begann (Dent 1933, S. 159; Stuckenschmidt 1967, S. 31). Dennoch ist naheliegend, dass Busoni über Kenntnisse des Streichquartetts Nr. 1 verfügte, war das Werk doch bereits 1907 im Dreililien-Verlag in Berlin veröffentlicht worden, das Streichquartett Nr. 2 hingegen erst im Laufe des Februars 1909, noch dazu im Selbstverlag. Lieder Es ist unklar, welche Lieder Schönbergs Busoni zu diesem Zeitpunkt bekannt waren. und
seinerzeit hatte ich eine Partitur von
Pelleas u. Melisande in Händen. Schönberg hatte Busoni bereits 1903 Pelleas und Melisande aus Anlass der Aufführung seiner Instrumentierung von Schenkers Syrischen Tänzen bei den Berliner Orchesterabenden angeboten (vgl. den Brief vom 10. September 1903) und eine Partitur zukommen lassen (vgl. den Brief vom 20. September 1903). Zu einer Aufführung war es nicht gekommen, da Schönberg eine anderweitige Darbietung des Werks (im Rahmen der Konzerte der Vereinigung schaffender Tonkünstler) in Aussicht hatte und die Partitur zurückforderte (vgl. den Brief vom 16. Dezember 1903; siehe auch Weindel 2004, S. 101 f.). Busoni scheint sich daran offenbar nicht mehr erinnert zu haben. Die
Instrumentation von Schenker’s Tänzen
(die ich in Berlin zur Aufführung brachte) Busoni hatte die Syrischen Tänze von Schenker in der Instrumentation von Schönberg im Rahmen des dritten Konzerts der Berliner Orchesterabende am 5. November 1903 aufgeführt (Dent 1933, S. 332 f.).
bewies den bewunderungswürdigen Orchester-
Virtuosen. Von diesen gegebenen Punkten
ausgehend, waren mir Ihre Klavierstücke
keine Überraschung – d. i.: ich wußte
beiläufig was ich zu erwarten hatte.

Sehr verehrter Herr Schönberg!

Ich empfing Ihre Stücke und den begleitenden Brief. Beide zeugen Im Original: „zeigen“. von einem denkenden und fühlenden Menschen, als welchen ich Sie übrigens schon zu erkennen geglaubt habe. Ich kenne von Ihnen ein Quartett, Es ist nicht vollkommen zu klären, ob Schönbergs Streichquartett Nr. 1 oder Nr. 2 gemeint ist. Die Vermutung, Busoni sei anlässlich seiner Meisterklasse im Februar 1907 und der gleichzeitigen Uraufführung des Streichquartetts Nr. 1 mit diesem Werk in Berührung gekommen (Theurich 1979, S. 66 f.), geht insofern fehl, als Busoni seine Lehrtätigkeit am Wiener Konservatorium erst im Oktober begann (Dent 1933, S. 159; Stuckenschmidt 1967, S. 31). Dennoch ist naheliegend, dass Busoni über Kenntnisse des Streichquartetts Nr. 1 verfügte, war das Werk doch bereits 1907 im Dreililien-Verlag in Berlin veröffentlicht worden, das Streichquartett Nr. 2 hingegen erst im Laufe des Februars 1909, noch dazu im Selbstverlag. Lieder, Es ist unklar, welche Lieder Schönbergs Busoni zu diesem Zeitpunkt bekannt waren. und seinerzeit hatte ich eine Partitur von Pelleas und Melisande in Händen. Schönberg hatte Busoni bereits 1903 Pelleas und Melisande aus Anlass der Aufführung seiner Instrumentierung von Schenkers Syrischen Tänzen bei den Berliner Orchesterabenden angeboten (vgl. den Brief vom 10. September 1903) und eine Partitur zukommen lassen (vgl. den Brief vom 20. September 1903). Zu einer Aufführung war es nicht gekommen, da Schönberg eine anderweitige Darbietung des Werks (im Rahmen der Konzerte der Vereinigung schaffender Tonkünstler) in Aussicht hatte und die Partitur zurückforderte (vgl. den Brief vom 16. Dezember 1903; siehe auch Weindel 2004, S. 101 f.). Busoni scheint sich daran offenbar nicht mehr erinnert zu haben. Die Instrumentation von Schenkers Tänzen (die ich in Berlin zur Aufführung brachte) Busoni hatte die Syrischen Tänze von Schenker in der Instrumentation von Schönberg im Rahmen des dritten Konzerts der Berliner Orchesterabende am 5. November 1903 aufgeführt (Dent 1933, S. 332 f.). bewies den bewunderungswürdigen Orchestervirtuosen. Von diesen gegebenen Punkten ausgehend, waren mir Ihre Klavierstücke keine Überraschung – d. i.: ich wusste beiläufig, was ich zu erwarten hatte. Es war mir demgemäß selbstverständlich, dass ich mit einer subjektiven, eigenartigen und auf das Gefühl gegründeten Kunst zu tun haben würde – und dass es verfeinerte künstlerische Gebilde sein würden, mit denen Sie mich in Berührung brächten.

Das hat sich alles erfüllt, und ich freue mich innig einer solchen Erscheinung.

Anders steht es mit meinem Eindruck als Klavierspieler, von welchem ich – sei es durch Erziehung, sei es durch fachmännische Einseitigkeit – nicht absehen kann. – Was mir die ersten Bedenken gegen Ihre Musik als Klavierstück einflößt, ist die wenige Breite des Satzes im Umfange der Zeit und des Raumes.

Das Klavier ist ein kurzatmiges Instrument, und man kann ihm nicht genug nachhelfen.

Ich habe Ihre Stücke nun den fünften Tag bei mir und habe mich täglich mit ihnen beschäftigt. Ich glaube Ihre Absichten zu erfassen und getraute mich, nach einiger Vorbereitung, die Klänge und Stimmungen nach Ihrer Erwartung wiederzugeben. Doch ist die Aufgabe, durch allzugroße Konzision Gedrängtheit, Kürze, Bündigkeit (lat.: concisio). (das ist das Wort), erschwert.

Da ich fürchte, missverstanden zu werden, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen – zu meiner Verteidigung – eine kleine Illustration meiner Worte zu geben. Sie schreiben:

Arnold Schönberg, Klavierstück op. 11 Nr. 2, T. 40

um das Orchestrale ins Pianistische zu übertragen:

Ferruccio Busoni, Bearbeitung von Schönbergs op. 11 Nr. 2, T. 47
Die hier vorliegende Passage erscheint in der Druckfassung von Busonis Bearbeitung leicht verändert – wohl aufgrund der sich in den folgenden Briefen anschließenden Diskussion (vgl. Theurich 1979, S. 67).
Aber vielleicht entspricht das ganz und gar nicht Ihren Absichten. Ausgehend von dieser Passage aus der Bearbeitung des Klavierstücks op. 11 Nr. 2 durch Busoni entwickelt sich in den folgenden Briefen eine intensive Diskussion um Schönbergs Klavierstil, den Stellenwert einer Transkription sowie um eine mögliche Publikation der Werke. Vgl. hierzu die Briefe bis einschließlich 18. Juli 1910, zu Schönbergs Äußerungen zur Kompositionstechnik v. a. die Briefe vom 13. August 1909, 24. August 1909 und 3. Juli 1910.

Ich werde aber die Sachen noch durcharbeiten, bis sie mir ganz ins Blut gedrungen. Dann denke ich vielleicht anders.

Dieses soll weder ein Urteil noch eine Kritik sein – welche beide ich mir (einer solchen Individualität wie der Ihrigen gegenüber) nie anmaßen würde, sondern nur mein Bericht des empfangenen Eindrucks und meine Meinung als Klavierspieler. –

Seien Sie inzwischen bedankt und freundschaftlich begrüßt. Gerne hätte ich weiter Ihr Vertrauen, und sagen Sie, wenn ich sonst was tun soll. –

Ihr sehr ergebener

Ferruccio Busoni

26. Juli 1909.
                                                                
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2Diplomatische Umschrift
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Es war mir demgemäss selbstverständlich
dass ich mit einer subjectiven, eigenartigen
u. auf das Gefühl gegründeten Kunst zu thun
haben würde – und dass es verfeinerte
künstlerische Gebilde sein würden, die ich
mit denen Sie mich in Berührung brächten.

Das hat sich Alles erfüllt und ich
freue mich innig einer solchen Erscheinung.

Anders steht es mit meinem Eindruck
als Klavierspieler, von welchem ich – sei
es durch Erziehung, sei es durch fach-
männische Einseitigkeit – nicht absehen
kann. – Was mir die ersten Bedenken
gegen Ihre Musik als Clavierstück einflösst
ist die wenige Breite des Satzes und
im Umfange der Zeit u. ders Raumes.

Das Klavier ist ein kurzathmiges
Instrument u. man kann ihm nicht
genug nachhelfen.

                                                                
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Ich habe Ihre Stücke nun den fünften Tag
bei mir u. habe mich täglich mit ihnen
beschäftigt. Ich glaube Ihre Absichten zu
erfassen u. getraute Theurich 1977 (166) fälschlich: „getraue“. mich, nach einiger
Vorbereitung, die Klänge u. Theurich 1977 (166) und Theurich 1979 (152) stillschweigend: „und“. Stimmungen nach
Ihrer Erwartung wiederzugeben. Doch ist die
Aufgabe, durch allzugroße Concision, Gedrängtheit, Kürze, Bündigkeit (lat.: concisio). (das ist das Wort) erschwert.

Da ich fürchte misverstanden zu werden, so nehme
ich mir die Freiheit, Ihnen – zu meiner Vertheidigung Theurich 1977 (166) und Theurich 1979 (152) stillschweigend: „Verteidigung“.
eine kleine Illustration meiner Worte zu geben. Sie schreiben:

Arnold Schönberg, Klavierstück op. 11 Nr. 2, T. 40

um das
Orchestrale in’s
Pianistische zu
übertragen:

Ferruccio Busoni, Bearbeitung von Schönbergs op. 11 Nr. 2, T. 47
Die hier vorliegende Passage erscheint in der Druckfassung von Busonis Bearbeitung leicht verändert – wohl aufgrund der sich in den folgenden Briefen anschließenden Diskussion (vgl. Theurich 1979, S. 67).
* The * Library * of * Congress *
Aber vielleicht entspricht das ganz und
gar nicht Ihren Absichten. Ausgehend von dieser Passage aus der Bearbeitung des Klavierstücks op. 11 Nr. 2 durch Busoni entwickelt sich in den folgenden Briefen eine intensive Diskussion um Schönbergs Klavierstil, den Stellenwert einer Transkription sowie um eine mögliche Publikation der Werke. Vgl. hierzu die Briefe bis einschließlich 18. Juli 1910, zu Schönbergs Äußerungen zur Kompositionstechnik v. a. die Briefe vom 13. August 1909, 24. August 1909 und 3. Juli 1910.

                                                                
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Ich werde aber die Sachen noch
durcharbeiten, bis sie mir ganz in’s Blut
gedrungen. Dann denke ich vielleicht anders.

Dieses soll weder ein Urtheil, noch eine
Kritik sein – welche beide ich mir (einer
solchen Individualität wie der Ihrigen gegen-
-über) nie anmaassen würde, sondern durch nur
mein Bericht des empfangenen Eindrucks
u. meine Meinung als Clavierspieler. –

Seien Sie inzwischen bedankt und
freundschaftlich begrüsst. Gerne hätte ich weiter* The * Library * of * Congress *
Ihr Vertrauen und sagen Sie, waswenn ich
sonst was thun soll. –

Ihr sehr ergebener

Ferruccio Busoni

26 Juli 1909.
                                                                
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