Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni arrow_backarrow_forward

Steinakirchen am Forst · vmtl. 31. Juli 1909

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Mus.ep. A. Schönberg 9 (Busoni-Nachl. B II)
Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4548

Sehr geehrter Herr, ich [habe] lange über Ihren Einwand
gegen meinen Klavierstil nachgedacht und
komme zu dem Resultat, dass Sie in einer gewissen
Hinsicht unbedingt Recht haben. Die sehr geistreiche
Art mitauf die Sie an dem Beispiel Ihre Meinung
illustrieren, hat mir auch klar gemacht um was
es sich Ihnen handelt. Nichts destoweniger glaube
ich sagen zu dürfen, dass es mir nicht scheint, als
ob dieser Mangel einer wäre, der nicht im
Wesen dieser Musik begründet wäre. Es ist
ja klar, dass stets, wenn irgend eine neue
Fähigkeit errungen wird, ältere Vorzüge […] höchstens 4 Zeichen: überschrieben. fallen
müssen. Und so scheint mir auch, dass bei
einer Musik, die einen so raschen Harmonien⸗
Consum betreibt, Breite des Satzes ebenso selten
sein muss, als sie bei breiterer Disposition
der Accorde häufig sein kann. Durch Accord⸗
zerlegungen Beiwerk und Aufputz zu schaffen
ist wohl nur dann leicht möglich, wenn der
Accord lang genug liegt. Da aber, wie
mir scheint, der Klaviersatz mehr auf
das Nacheinander seiner Accordbilden⸗
den Transkription unsicher. Alternative Lesart:
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Theurich 1977 (168) und Theurich 1979 (153): „Accord bildenden“. Bestandtheile Theurich 1977 (168) und Theurich 1979 (153): „Bestandteile“. angewiesen ist, als
auf deren Miteinandererklingen, ergiebt
sich von selbst, dass der Satz an Glanz und
Pracht relativ verlieren muss. Aber abge⸗
sehen, davon scheint mir, als ob speciell Transkription unsicher. Alternative Lesart:
spetiell
Theurich 1977 (168) und Theurich 1979 (153): „speziell“.
dieses beiden Stücke, Theurich 1977 (168) und Theurich 1979 (153): „diese beiden Stücke“. deren düstere, ge⸗
presste Klangfarbe constitutionell ist,
einen Satz nicht ertrügen, der dem Klangsinn –
im gewder üblichen Bedeutung – allzu sehr
schmeichelt. Das hoffe ich Ihnen am besten
zu bezeugen durch einige andere Klavierstücke,
die – ich weiß nicht wann, fertig […] höchstens 3 Zeichen: überschrieben. werden. Erst 1911 folgte mit den Sechs kleinen Klavierstücken op. 19 das nächste abgeschlossene Klavierwerk. Die ersten fünf Stücke entstanden im Umfeld der Korrekturarbeiten der Harmonielehre, das letzte Stück unter dem Eindruck von Mahlers Tod; das Werk unterscheidet sich im Klaviersatz deutlich von den Drei Stücken op. 11 (Stuckenschmidt 1974, S. 126 f.), aus deren Umkreis zwar einige Fragmente überliefert sind, die aber zumeist, soweit bestimmbar, Skizzen und Entwürfe der Stücke op. 11 darstellen und nicht auf ein weiteres unfertiges Stück hindeuten (Schönberg/Brinkmann 1975, S. 104–119). Von den hier angekündigten Klavierstücken wurde demnach nur noch Nr. 3 der Stücke op. 11 fertiggestellt, und zwar am 7. August 1909 (Stuckenschmidt 1974, S. 108).

Ich hoffe nun, dass Sie mir bald wieder
Nachricht geben. Insbesondere bin ich

Sehr geehrter Herr,

ich habe lange über Ihren Einwand gegen meinen Klavierstil nachgedacht und komme zu dem Resultat, dass Sie in einer gewissen Hinsicht unbedingt Recht haben. Die sehr geistreiche Art, auf die Sie an dem Beispiel Ihre Meinung illustrieren, hat mir auch klargemacht, um was es sich Ihnen handelt. Nichtsdestoweniger glaube ich sagen zu dürfen, dass es mir nicht scheint, als ob dieser Mangel einer wäre, der nicht im Wesen dieser Musik begründet wäre. Es ist ja klar, dass stets, wenn irgendeine neue Fähigkeit errungen wird, ältere Vorzüge fallen müssen. Und so scheint mir auch, dass bei einer Musik, die einen so raschen Harmonienkonsum betreibt, Breite des Satzes ebenso selten sein muss, als sie bei breiterer Disposition der Akkorde häufig sein kann. Durch Akkordzerlegungen Beiwerk und Aufputz zu schaffen, ist wohl nur dann leicht möglich, wenn der Akkord lang genug liegt. Da aber, wie mir scheint, der Klaviersatz mehr auf das Nacheinander seiner akkordbildenden Bestandteile angewiesen ist als auf deren Miteinandererklingen, ergibt sich von selbst, dass der Satz an Glanz und Pracht relativ verlieren muss. Aber abgesehen davon scheint mir, als ob speziell die beiden Stücke, deren düstere, gepresste Klangfarbe konstitutionell ist, einen Satz nicht ertrügen, der dem Klangsinn – in der üblichen Bedeutung – allzu sehr schmeichelt. Das hoffe ich Ihnen am besten zu bezeugen durch einige andere Klavierstücke, die – ich weiß nicht wann – fertig werden. Erst 1911 folgte mit den Sechs kleinen Klavierstücken op. 19 das nächste abgeschlossene Klavierwerk. Die ersten fünf Stücke entstanden im Umfeld der Korrekturarbeiten der Harmonielehre, das letzte Stück unter dem Eindruck von Mahlers Tod; das Werk unterscheidet sich im Klaviersatz deutlich von den Drei Stücken op. 11 (Stuckenschmidt 1974, S. 126 f.), aus deren Umkreis zwar einige Fragmente überliefert sind, die aber zumeist, soweit bestimmbar, Skizzen und Entwürfe der Stücke op. 11 darstellen und nicht auf ein weiteres unfertiges Stück hindeuten (Schönberg/Brinkmann 1975, S. 104–119). Von den hier angekündigten Klavierstücken wurde demnach nur noch Nr. 3 der Stücke op. 11 fertiggestellt, und zwar am 7. August 1909 (Stuckenschmidt 1974, S. 108).

Ich hoffe nun, dass Sie mir bald wieder Nachricht geben. Insbesondere bin ich sehr begierig zu erfahren, ob Ihnen die Stücke gefallen und was sie Ihnen sagen. Vielleicht ist es Ihnen möglich, mir von Ihrer Reise aus zu schreiben. Busoni begab sich am 2. August 1909 (Busoni/Galston/Weindel 1999, S. 27) auf eine Reise nach Florenz und Mailand (Dent 1933, S. 190). Diese Reise hat im bisherigen Briefwechsel keine Erwähnung gefunden, darüber hinaus handelte es sich nicht um eine Tournee, sondern um eine zehntägige Ferienreise (Busoni/Galston/Weindel 1999, S. 125). Es ist nicht ersichtlich, wie Schönberg darüber informiert sein konnte.

Einstweilen begrüße ich Sie aufs herzlichste und ergebenste

Ihr Arnold Schönberg

                                                                
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Stücke
gefallen und was Ssie Theurich 1977 (168) und Theurich 1979 (154) explizit ohne die korrigierende Überschreibung von „S“ durch „ſ“ („Sie [!]“). Ihnen sagen.
Vielleicht ist es Ihnen möglich mir von Ihrer
Reise aus zu schreiben. Busoni begab sich am 2. August 1909 (Busoni/Galston/Weindel 1999, S. 27) auf eine Reise nach Florenz und Mailand (Dent 1933, S. 190). Diese Reise hat im bisherigen Briefwechsel keine Erwähnung gefunden, darüber hinaus handelte es sich nicht um eine Tournee, sondern um eine zehntägige Ferienreise (Busoni/Galston/Weindel 1999, S. 125). Es ist nicht ersichtlich, wie Schönberg darüber informiert sein konnte.

Einstweilen begrüße ich Sie aufs
herzlichste und ergebenste

Ihr Arnold Schönberg
Arnold Schönberg
– – – Wien – – –
IX. Liechtensteinstraße 68/70
Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin
Nachlaß Busoni
                                                                
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[Steinakirchen]
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am Fors[t]
Herrn Ferruc[c]io Busoni
express Berlin W30
Viktoria-Luise Platz 11
Arnold Schönberg
– – – Wien – – –
IX. Liechtensteinstraße 68/70
Steinakirchen am Forst
Nied. Oesterr
VI.
Berlin. W.
2.8.09.1220 N.
* 30 *
Steinakirchen
am Forst

31-VII[-0]9-5
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Dokument

doneStatus: zur Freigabe vorgeschlagen XML Faksimile Download / Zitation

Überlieferung
Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4548 | olim: Mus.ep. A. Schönberg 9 (Busoni-Nachl. B II) |

Nachweis Kalliope

Zustand
Brief und Umschlag sind gut erhalten.
Umfang
1 Umschlag, 1 Blatt, 3 beschriebene Seiten
Kollation
Der Umschlag des Briefes bildet zugleich einen Teil des Briefpapiers (Außenseite frankiert, Innenseite beschrieben, darin zusätzlich ein Blatt).
Hände/Stempel
  • Hand des Absenders Arnold Schönberg, Brieftext in schwarzer Tinte, in deutscher Kurrentschrift
  • Adressstempel des Absenders Arnold Schönberg, mit violetter Tinte
  • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Bleistift vorgenommen hat.
  • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat.
  • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
  • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
  • Poststempel (schwarze Tinte)
  • Stempel unbekannter Herkunft
  • Rotstift (Post-Zustellbezirk)
Bildquelle
Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz: 123

Zusammenfassung
Schönberg verteidigt die Faktur der Stücke op. 11,1–2 mit Blick auf deren „so raschen Harmonienkonsum“ und „düstere, gepresste Klangfarbe“; stellt weitere Klavierstücke in Aussicht.
Incipit
ich habe lange über Ihren Einwand gegen meinen Klavierstil nachgedacht

Inhaltlich Verantwortliche
Christian Schaper Ullrich Scheideler
bearbeitet von
Stand
25. Dezember 2017: zur Freigabe vorgeschlagen (Auszeichnungen überprüft, korrekturgelesen)
Stellung in diesem Briefwechsel
Vorausgehend Folgend
Benachbart in der Gesamtedition
Frühere Ausgaben
Theurich 1977, S. 167 f. Theurich 1979, S. 143 f. (Brief), S. 68 (Kommentar) Beaumont 1987, S. 385 f.