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Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4554
Mus.ep. A. Schönberg 15 (Busoni-Nachl. B II)
4./9.1910

Lieber verehrter Herr Busoni, bitte vielmals, seien Sie mir
nicht böse, weil ich so lange nicht geschrieben habe. Ich habe sehr
sehr viel gearbeitet; habe eine Harmonielehre fertig gemacht,
den Zweiten Theil meiner Gurre-Lieder instrumentiert; ein
Drama mit Musik
(etwas allerdings sehr Kurzes) gedichtet und
noch viel Anderes gemacht. Da fand ich nicht die Ruhe und
war immer zu müd Theurich 1977 (185) und Theurich 1979 (184) statt „müd“ fälschlich: „[beschäftigt] mir“. Ihr so kompliziertes Klavierwerk mit
jener Sorgfalt anzusehen, die eine so ernste Arbeit bean=
sprucht. Und ein oberflächliches Wort möchte ich Ihnen
dann doch nicht darüber sagen. Wenn ich [es] jetzt doch tun muß

4.9.1910

Lieber verehrter Herr Busoni,

bitte vielmals, seien Sie mir nicht böse, weil ich so lange nicht geschrieben habe. Ich habe sehr sehr viel gearbeitet; habe eine Harmonielehre fertig gemacht, den Zweiten Teil meiner Gurre-Lieder instrumentiert; ein Drama mit Musik (etwas allerdings sehr Kurzes) gedichtet und noch viel anderes gemacht. Da fand ich nicht die Ruhe und war immer zu müd, Ihr so kompliziertes Klavierwerk mit jener Sorgfalt anzusehen, die eine so ernste Arbeit beansprucht. Und ein oberflächliches Wort möchte ich Ihnen dann doch nicht darüber sagen. Wenn ich es jetzt doch tun muss, so geschieht es, um Ihnen meinen guten Willen zu bezeigen. Ich liefere mich dem Verdacht, Oberflächliches, Konventionelles zu sagen, lieber aus als dem Verdacht der Unhöflichkeit. Was ich also zunächst bewundere, ist, dass Sie es fertig gebracht haben, sich so restlos in die Stil- und Gedankenwelt des Bach’schen Themas einzuleben, dass die Harmonik, die ja der modernsten stellenweise sehr nahekommt, doch nicht aus dem Ton des Ganzen herausfällt. Mir ist das ein Beweis für eine Idee, die ich schon lange hege: dass der Stil, wenn er überhaupt ein wirkliches (und nicht etwa bloß ein eingebildetes oder unwesentliches) Merkmal eines Kunstwerkes ist, keineswegs gebunden ist an jene von den Theoretikern festgehaltenen Beobachtungen technischer Natur, sondern dass er an etwas ganz anderen liegt. An der Gesamtpersönlichkeit!

Aber ich werde mir Ihr Werk noch viel genauer ansehen und Ihnen dann noch anderes darüber sagen.

Und nun etwas, um das ich Sie schon lange ersuchen wollte: Ich möchte gerne andere Werke von Ihnen kennen. Solche, die das in die Tat umsetzen, was Ihre Broschüre verheißt. Darf ich Sie darum bitten?

Interessiert es Sie, mein Quartett op. 10 (mit Gesang) kennen zu lernen, so kann ich Ihnen die Partitur senden.

Verzeihen Sie ich muss schließen. Ich muss heute Briefe, die mehr als vier Wochen alt sind, erledigen, denn morgen will ich wieder arbeiten.

Mit vielen herzlichen Grüßen in Ergebenheit Ihr

Arnold Schönberg

                                                                
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Ich liefere mich dem Verdacht Oberflächliches, Konventionelles
zu sagen lieber aus als dem Verdacht der Unhöflichkeit. Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin

Was ich also zunächst bewundere, ist daß Sie es fertig ge=
bracht haben, sich so restlos in die Stil= und Gedankenwelt
des Bachschen Themas einzuleben, daß in derie Harmonik,
die ja der modernsten stellenweise sehr nahekommt,
doch nicht aus dem Ton des Ganzen herausfällt. Mir ist
das ein Beweis für eine Idee, die ich schon lange hege: daß
der Stil, […] mindestens 5 Zeichen: durchgestrichen. wenn er überhaupt ein wirkliches (und
nicht etwa bloß ein eingebildetes, oder unwesentliches) Merkmal
eines Kunstwerkes ist, keineswegs gebunden ist an jene

                                                                
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[2] von den Theoretikern festgehaltenen Beobachtungen technischer
Natur, sondern, daß esr Theurich 1977 (185) und Theurich 1979 (185): „es“. an etwas ganz Anderen ist liegt.
An der Gesamtpersönlichkeit!

Aber ich werde mir Ihr Werk noch viel genauer ansehen und
Ihnen dann noch Anderes darüber sagen.

Und nun etwas, um das ich Sie schon lange ersuchen wollte:
Ich möchte gerne andere Werke von Ihnen kennen. Solche die
das in die Tat umsetzen, was Ihre Brochure Theurich 1977 (186) und Theurich 1979 (185) stillschweigend: „Broschüre“. verheißt.
Darf ich Sie darum bitten?

Interessiert es Sie mein Quartett op 10 (mit Gesang) kennen
zu lernen, so kann ich Ihnen die Partitur senden.

Verzeihen Sie ich muß schließen. Ich muß heute Briefe
die mehr als vier Wochen alt sind, erledigen, denn morgen

                                                                
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will ich wieder arbeiten.

Mit vielen herzlichen Grüßen in Ergebenheit Ihr

Arnold Schönberg

Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin
Nachlaß Busoni
                                                                
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Herrn
Ferruccio Busoni
Berlin W. 30
Viktoria Luise Platz
11
III
                                                                
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13/5 Wien 100
5. IX. 10–1
* a *
Mus.ep. A. Schönberg 15
Nachlaß Busoni B II

Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4554-Beil.
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