Paul Bekker an Ferruccio Busoni arrow_backarrow_forward

Frankfurt am Main · 23. Mai 1920

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Mus.ep. P. Bekker 380 (Busoni-Nachl. B II)
Mus.Nachl. F. Busoni B II, 262
[1]

Sehr verehrter Herr Dr Busoni,

persönliche u berufliche Änderungen verschiedenster
Art Im April 1920 hatte Bekker die Malerin Hanna vom Rath geheiratet, die er zwei Jahre zuvor auf einer politischen Veranstaltung kennengelernt hatte. Gemeinsam waren beide nach Hofheim umgesiedelt, wo sie ein Haus gekauft hatten. Hannas Familie hatte sich vehement gegen die Verbindung ausgesprochen: aus antisemitischen Gründen – ein Problemfeld, mit dem sich Bekker auch in anderen Kontexten immer häufiger konfrontiert sah (vgl. Eichhorn 2002, S. 65 f. und 792). hatten mich bisher abgehalten, Ihnen für Ihren
s. Zt. in der Frkf. Ztg. abgedruckten Brief sowie
für die neuerliche Zusendung des Aufsatzes von
Chantavoine direkt zu danken. Gerade als ich Ihnen
jetzt schreiben wollte, kam Ihr Bayreuther Brief Als Anlage zu Busonis Schreiben vom 14. Mai 1920.
u hat mich – wie ich Ihnen aufrichtig gestehen will –
etwas erschreckt.

Ich bin überzeugt, Sie haben keinen so schlechten
Begriff von mir, daß Sie meinen, ich könnte
einer Veröffentlichung widerstreben wegen des
polemischen Charakters der Anknüpfung. Im Gegen⸗
teil – dies wäre für mich nur ein Grund, die
Annahme zu befürworten. Meine Bedenken
sind ganz anderer Art u ich will versuchen,
sie auszusprechen so gut das schriftlich möglich
ist. Vorher möchte ich noch bemerken, daß
Sie mich m. E. in einem wichtigen Punkte
mißverstanden haben. Ich wollte gerade darauf
hinweisen, daß Bayreuth nicht nur an der Talent⸗
losigkeit der heutigen Bayreuther, sondern an der
erlöschenden Kraft der Grundidee selbst abstirbt. Preussischer
Staats-
bibliothek
zu Berlin
Kulturbesitz

Sehr verehrter Herr Dr. Busoni,

persönliche und berufliche Änderungen verschiedenster Art Im April 1920 hatte Bekker die Malerin Hanna vom Rath geheiratet, die er zwei Jahre zuvor auf einer politischen Veranstaltung kennengelernt hatte. Gemeinsam waren beide nach Hofheim umgesiedelt, wo sie ein Haus gekauft hatten. Hannas Familie hatte sich vehement gegen die Verbindung ausgesprochen: aus antisemitischen Gründen – ein Problemfeld, mit dem sich Bekker auch in anderen Kontexten immer häufiger konfrontiert sah (vgl. Eichhorn 2002, S. 65 f. und 792). hatten mich bisher abgehalten, Ihnen für Ihren seinerzeit in der Frankfurter Zeitung abgedruckten Brief sowie für die neuerliche Zusendung des Aufsatzes von Chantavoine direkt zu danken. Gerade als ich Ihnen jetzt schreiben wollte, kam Ihr Bayreuther Brief Als Anlage zu Busonis Schreiben vom 14. Mai 1920. und hat mich – wie ich Ihnen aufrichtig gestehen will – etwas erschreckt.

Ich bin überzeugt, Sie haben keinen so schlechten Begriff von mir, dass Sie meinen, ich könnte einer Veröffentlichung widerstreben wegen des polemischen Charakters der Anknüpfung. Im Gegenteil – dies wäre für mich nur ein Grund, die Annahme zu befürworten. Meine Bedenken sind ganz anderer Art und ich will versuchen, sie auszusprechen, so gut das schriftlich möglich ist. Vorher möchte ich noch bemerken, dass Sie mich m. E. in einem wichtigen Punkte missverstanden haben. Ich wollte gerade darauf hinweisen, dass Bayreuth nicht nur an der Talentlosigkeit der heutigen Bayreuther, sondern an der erlöschenden Kraft der Grundidee selbst abstirbt. Ich habe auch direkt darauf hingewiesen, dass die Frage nach der Zukunft von Bayreuth unmittelbar in das Wagnerproblem hineinführt, d. h. in die Frage nach der Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung der Kunst Wagners überhaupt. In mancher Beziehung denke ich da ganz ähnlich wie Sie, Ihre Schroffheit bezüglich der Gesamtbewertung Wagners teile ich allerdings gar nicht, halte sie auch für objektiv unberechtigt. Ich verstehe diese Art Stellungnahme aus den Bedingungen Ihres Naturelles heraus, aber ich glaube, dass Ihnen eben durch dieses besondere Naturell in dieser Beziehung – verzeihen Sie – Grenzen gezogen sind.

Nun wäre das Ihre persönliche Angelegenheit und gewiss kein Grund, Ihre Meinungsäußerung als Bekundung Ihrer Persönlichkeit zu unterdrücken. Aber bitte bedenken Sie einmal ein ganz klein wenig die realpolitische Seite. Sie wissen, dass es in Deutschland eine große Anzahl von Menschen gibt, die Ihre Rückkehr, möglichst in einem groß gefassten Betätigungskreise wünschen, Sie wissen vermutlich auch, dass diese Bestrebungen bereits ziemlich feste Formen gewonnen haben und auf ein bestimmtes Ziel gerichtet sind. Sie wissen ebenso gut, dass Sie viele, einflussreiche Gegner haben, die das Gelingen mit allen Mitteln zu hintertreiben suchen. Erscheint im jetzigen Augenblick dieser Artikel, so liefern Sie Ihren Gegnern die herrlichsten Waffen gegen Sie und rauben Ihren Freunden die Möglichkeit, Sie wirksam zu verteidigen. Denn für diesen Aufsatz kann außer Ihnen selbst niemand einstehen. Was also wäre das Ergebnis? Sie gefährden die Arbeit Ihrer Freunde aufs Äußerste, geben Ihren Feinden billigstes Wasser auf die Mühle und können dabei nicht einmal das Bewusstsein einer absolut notwendigen und richtigen Tat haben. Denn der Aufsatz ist nicht nur außerordentlich einseitig, es ist auch etwas Verbittertes, Gewaltsames darin, was mich objektiv stört, da es nicht ganz in das Bild Ihrer positiven Eigenschaften passt.

Verzeihen Sie diese ganz freimütige Äußerung, aber ich würde Ihnen einen schlechten Freundschaftsdienst erweisen, wenn ich anders spräche. Lassen Sie diesen Aufsatz in der jetzigen Fassung ungedruckt und übernehmen Sie ihn vielleicht später in eine andere, aus größerem Zusammenhang geschaffene Arbeit.

Ich will nicht verhehlen, dass noch ein kleiner persönlich taktischer Grund gegen die Veröffentlichung in der Frankfurter Zeitung spricht. Wir haben vor ein paar Monaten Ihren damaligen Brief an mich veröffentlicht. Kommt jetzt wieder ein offener Brief an mich, so wirkt das als Versuch, mich mit Hilfe Ihres Namens öffentlich in Szene zu setzen, also als Eitelkeit meinerseits. Trotz der etwas polemischen Färbung würde man das Ganze als „bestellte Arbeit“ auffassen.

Werden Sie mich nicht missverstehen? Ich schätze Sie zu hoch, um das für möglich zu halten. Ihr Manuskript behalte ich noch hier, bis ich Ihre Rückäußerung habe. Sollten Sie meine Gründe nicht anerkennen, so würde ich Ihren Aufsatz dem Redaktionskollegium vorlegen, da ich allein nicht entscheidungsberechtigt bin. Was ich heut schreibe, ist private Meinungsäußerung.

Ich hoffe sehr, Sie bald dauernd in Deutschland in einem schönen Wirkungskreise zu sehen, und bin mit vielen Grüßen

Ihr aufrichtig ergebener

Paul Bekker

23. Mai 1920
Hofheim (Taunus)
Kapellenstraße 2
                                                                
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2Diplomatische Umschrift
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Ich habe auch direkt darauf hingewiesen, daß die
Frage nach der Zukunft von Bayreuth unmittelbar
in das Wagnerproblem hineinführt, d. h. in die
Frage nach der Gegenwarts= u Zukunftsbedeutung
der Kunst Wagners überhaupt. In mancher Beziehung
denke ich da ganz ähnlich wie Sie, Ihre Schroffheit
bezüglich der Gesamtbewertung Wagners teile ich
allerdings garnicht, halte sie auch für objektiv
unberechtigt. Ich verstehe diese Art Stellungnahme
aus den Bedingungen Ihres Naturelles heraus,
aber ich glaube, daß Ihnen eben durch dieses
besondere Naturell in dieser Beziehung – verzeihen
Sie – Grenzen gezogen sind.

Nun wäre das Ihre persönliche Angelegenheit
u gewiß kein Grund, Ihre Meinungsäußerung
als Bekundung Ihrer Persönlichkeit zu unterdrücken.
Aber bitte bedenken Sie einmal ein ganz
klein wenig die realpolitische Seite. Sie wissen,
daß es in Deutschland eine große Anzahl von
Menschen gibt, die Ihre Rückkehr, möglichst in
einem großgefaßten Betätigungskreise wünschen,
Sie wissen vermutlich auch, daß diese Bestrebungen
bereits ziemlich feste Formen gewonnen haben
u auf ein bestim̅tes Ziel gerichtet sind. Sie

                                                                
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B II, 262
[2]
wissen ebensogut, daß Sie viele, einflußreiche Gegner haben,
die das Gelingen mit allen Mitteln zu hintertreiben
suchen. Erscheint im jetzigen Augenblick dieser Artikel,
so liefern Sie Ihren Gegnern die herrlichsten Waffen
gegen Sie u rauben Ihren Freunden die Mög⸗
lichkeit, Sie wirksam zu verteidigen. Denn
für diesen Aufsatz kann außer Ihnen selbst
niemand einstehen. Was also wäre das Er⸗
gebnis? Sie gefährden die Arbeit Ihrer Freunde
aufs äußerste, geben Ihren Feinden billigstes
Wasser auf die Mühle u können dabei nicht
einmal das Bewußtsein einer absolut not⸗
wendigen u richtigen Tat haben. Denn der Aufsatz
ist nicht nur außerordentlich einseitig, es ist
auch etwas Verbittertes, Gewaltsames darin,
was mich objektiv stört, da es nicht ganz
in das Bild Ihrer positiven Eigenschaften
paßt.

Verzeihen Sie diese ganz freimütige Äußerung,
aber ich würde Ihnen einen schlechten Freund⸗
schaftsdienst erweisen, wenn ich anders spräche.
Lassen Sie diesen Aufsatz in der jetzigen Fassung
ungedruckt u übernehmen Sie ihn vielleicht Preussischer
Staats-
bibliothek
zu Berlin
Kulturbesitz

                                                                
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4Diplomatische Umschrift
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später in eine andere, aus größerem Zusam̅enhang
geschaffene Arb[…] 1 Zeichen: überschrieben. eit.

Ich will nicht verhehlen, daß noch ein kleiner
persönlich taktischer Grund gegen die Veröffentlichung
in der F. Ztg. spricht. Wir haben vor ein paar
Monaten Ihren damaligen Brief an mich ver⸗
öffentlicht. Kom̅t jetzt wieder ein offener Brief
an mich, so wirkt das als Versuch, mich mit
Hilfe Ihres Namens öffentlich in Szene zu setzen,
also als Eitelkeit meinerseits. Trotz der etwas
polemischen Färbung würde man das Ganze
als „bestellte Arbeit“ auffassen.

Werden Sie mich nicht mißverstehen? Ich schätze
Sie zu hoch, um das für möglich zu halten.
Ihr Manuskript behalte ich noch hier, bis ich
Ihre Rückäußerung habe. Sollten Sie meine
Gründe nicht anerkennen, so würde ich Ihren
Aufsatz dem Redaktionskollegium vorlegen,
da ich allein nicht entscheidungsberechtigt bin.
Was ich heut schreibe, ist private Meinungsäußerung.

Ich hoffe sehr, Sie bald dauernd in Deutschland
in einem schönen Wirkungskreise zu sehen
u bin mit vielen Grüßen

Ihr aufrichtig ergebener

Paul Bekker

23/V/20
Hofheim (Taunus)
Kapellenstr 2
                                                                
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5Diplomatische Umschrift
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Frankfurter Zeitung
und Handelsblatt
.
[Frankfurt]
26.5.2[0][.5–]6[N]
⭑ (Main) […] mindestens 2 Zeichen: unleserlich.
Frankfu[r]t
[26].5.20.5–6[N]
[⭑ (Mai]n) […] mindestens 2 Zeichen: unleserlich.

Einschreiben
(Herrn Dr. F. Busoni
Schweiz      Zürich
Scheuchzerstr 36
R Frankfurt (Main) 1
abNr. 332

Ausland.
                                                                <fw xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" place="top-left" rend="fraktur align(center)">
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6XML
Mus.Nachl. F. Busoni B II, 262–Beil.
(Nachlaß Busoni B II)

Mus.ep. P. Bekker 380
21
[Z]ürich 1
28.V.20.•15
Briefträg[er] II
49
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Überlieferung
Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 262 | olim: Mus.ep. P. Bekker 380 (Busoni-Nachl. B II) |

Nachweis Kalliope

Zustand
Brief und Umschlag sind gut erhalten; Umschlagaufriss an der Oberkante (ohne Textverlust).
Umfang
2 Blatt, 4 beschriebene Seiten
Hände/Stempel
  • Hand des Absenders Paul Bekker, Brieftext in lila Tinte, in deutscher Kurrentschrift
  • Hand des Archivars, der mit Bleistift die Signaturen eingetragen und eine Foliierung vorgenommen hat
  • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
  • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
  • Bibliotheksstempel (lila Tinte)
  • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
  • Hand eines Postangestellten, der auf der Rückseite des Umschlags mit lila Buntstift Anmerkungen gemacht hat
  • Poststempel (schwarze Tinte)
  • Postaufkleber
Bildquelle
Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz: 123456

Zusammenfassung
Bekker artikuliert seine Bedenken in Bezug auf eine Veröffentlichung von Busonis Bayreuther Brief“; erläutert nochmals einige grundlegende Gedanken seines Bayreuth-Artikels in der Frankfurter Zeitung; reflektiert Unterschiede in der Bewertung des Wagnerproblem[s]“ zwischen Busoni und sich; empfiehlt Busoni, den Text „in der jetzigen Fassung ungedruckt“ zu lassen.
Incipit
persönliche und berufliche Änderungen verschiedenster Art hatten mich bisher abgehalten

Inhaltlich Verantwortliche
Christian Schaper Ullrich Scheideler
bearbeitet von
unter Mitarbeit von
Stand
29. Februar 2020: in Bearbeitung (in der Erfassungs-/Codierungsphase)
Stellung in diesem Briefwechsel
Vorausgehend Folgend
Benachbart in der Gesamtedition