Kurt Weill an Ferruccio Busoni arrow_back

Rom · 15. März bis 16. März 1924

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Rom. 15. März. 1924.

Lieber Meister,

am ersten Tag meines römischen
Aufenthaltes hatte ich einen Brief
an Sie geschrieben, der etwas ent-
täuscht klang. Ich kam aus Florenz,
wo es restlos gelungen ist, die Taten
der Renaissance in lebendem Zustand
auf unsere Zeit zu bringen, wo die
Kunstwerke in die Landschaft hinein-
gestellt sind u. offen an der Strasse
liegen, wie ihr Schöpfer sie gedacht
hatte. Und ich fand eine äusserst
belebte, moderne Grossstadt, deren
Schätze verborgen liegen zwischen

Rom. 15. März. 1924.

Lieber Meister,

am ersten Tag meines römischen Aufenthaltes hatte ich einen Brief an Sie geschrieben, der etwas enttäuscht klang. Ich kam aus Florenz, wo es restlos gelungen ist, die Taten der Renaissance in lebendem Zustand auf unsere Zeit zu bringen, wo die Kunstwerke in die Landschaft hineingestellt sind und offen an der Straße liegen, wie ihr Schöpfer sie gedacht hatte. Und ich fand eine äußerst belebte, moderne Großstadt, deren Schätze verborgen liegen zwischen oft minderwertigen neuen Bauwerken. Zudem war ich angewidert von dem Militarismus, der dem Deutschland von 1914 in nichts nachsteht, und von der Aufdringlichkeit der Pensionsinhaber, die mir übel mitgespielt hat, ehe ich ein nettes Zimmer bei Privatleuten gefunden hatte.

jetzt bin ich froh, dass ich diesen Brief, seinem Inhalt misstrauend, nicht abgeschickt habe; denn diese Tage in Rom gehören zu den schönsten meines Lebens. Ich erlebe den vielgerühmten römischen Frühling und ich kann nicht aufhören, den Anblick dieser wahrhaft göttlichen Stadt, wie sie da weiß und glitzernd in der Sonne liegt, in mich einzuschlürfen. Dieses Bild von Pincio aus über die Stadt hinweg nach den grünen Höhen, dieses Bild des marmornen Gemäuers und schwarzer Zypressen, das die Hintergründe von Raffaels Madonnenbildern darstellen, – es ist zu einem Teil meines Fühlens geworden, und ich werde immer Sehnsucht danach haben.

Und ich erlebe die Kunstschätze des Vatikans. Drei Stellen besuche ich täglich: die Sixtinische Kapelle, Raffaels Stanzen und seine Ausschmückung der Villa Farnesina, und immer von neuem liege ich auf den Knien vor dieser Vollendung. Ich bin zu voll von allem, um Worte dafür zu finden, aber ich weiß wohl, dass es eine Erklärung für diese ergreifende Wirkung gibt, dass diese Leute unendlich viel konnten und dass ihr Gefühl von jener Lauterkeit war, die allein dazu berechtigt, göttliche Dinge menschlich zu gestalten. Die Beziehungen zur Musik Bachs und Mozarts sind mannigfaltig, sie gehen bis in die formalen und – melodiösen Einzelheiten; aber wem sind diese Zusammenhänge so vertraut wie Ihnen?

Mit den antiken Plastiken war es mir schwerer, vertraut zu werden. Ich sah sie zunächst als erstaunliche virtuose Leistungen; ich staunte über das Können, über den Schwung in der Komposition, aber ich konnte mich nicht in das Gefühl dieser Kunst hineindenken, ja, ich war geneigt, das Vorhandensein eines seelischen Ausdrucks zu leugnen. Aber vor dem rührenden Lächeln eines römischen Mädchens, vor der leisen Ironie eines Faustkämpfers, vor der Hingegebenheit einer Tänzerin ging es mir auf, dass diese Zeit über die gleichen menschlichen Inhalte verfügte wie die unsere, dass nur die Form eine gebändigte war, eine verhüllende, verdichtende. Die kapitolinische Venus belehrte mich vollends, bis zu welchem Grade die Linie eines Körpers zum Ausdruck einer Empfindung werden kann. Auch das bedeutet für mich eine Bereicherung, Ausfüllung einer Lücke, die oft schmerzte.

Sonntag 16. März 1924 Mittag.
Nach Tivoli entfloh ich heute,
Ich mag nicht der polit’schen Worte Schwall.
„Faschistentag“ benennen’s hier die Leute.
Bei uns: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“.
Selbst die profanen Straßenbahnen
Verkünden heut des Reiches Glanz
Und überall nur Fahnen, Ahnen, „Manen“. Totengeister (zu lat. „manes“).
Bei uns: „Heil Dir im Siegerkranz“.

Heut ist ein warmer Frühlingstag, ich war in den Grotten bei den Wasserfällen, die das schönste Szenarium für den „Freischütz“ bilden; und nun liege ich auf einem Ölberg am Abhange des Sabinergebirges, eine Schafherde weidet neben mir, und der Hirt singt mit seiner Phyllis neapolitanische Lieder. Ich spüre eine nie gekannte Leichtigkeit, eine Fülle, einen Überfluss – und ich singe mit:

Das ist schöner als die Musik, die ich gestern in einem Konzert der „Corporazione delle nuove musiche“ (nicht „Internationale“) gehört habe. Es war der zweite Abend von fünf, deren Programme ausschließlich französische und italienische Musik enthalten (bezeichnend dafür, was man sich hier unter „neuer Musik“ vorstellt). Das Beste war noch ein Quartett von Milhaud und kleine Witze von Poulenc. Stravinskis Suite für Klavier, Violine und Klarinette klingt scheußlich. Das Erfreulichste an dem Konzert (das Casella leitete) war, dass ich dort Edward Dent traf und sprach. Er bestätigte mir, was Jarnach in einer Karte andeutete: dass mein „Frauentanz“ für Salzburg angenommen ist. Das freut mich ungemein, zumal ich nie gewagt hatte, es zu erhoffen. – Teatro Constanzi ist, nach 2 Aufführungen zu urteilen, eine mittelmäßige Opernbühnen. „Salome“ war auf dem Niveau Leipzigs (vor Brecher!), dazu gab man als Première „Emiral“ von Barilli, ein preisgekröntes Machwerk nach „Cavalleria rusticana“, nur schlechter, weil prätentiöser. Die Erstaufführung von „Boris Godunow“ glänzte durch einen ausgezeichneten Sänger (Zalewski); Dirigent (Vitale), Regie und Bühnenbild wieder ziemlich schlecht. Aber das Stück ist ganz überraschend und ich freue mich auf die Berliner Aufführung.

Abends auf dem Pincio.

Ich reise morgen, Montag, nachts nach Venedig, wo ich 2-3 Tage bleibe, dann Wien. Samstag nacht fahre ich, vielleicht über Leipzig, nach Berlin.

Der Abschied von Rom ist sehr schwer; wer weiß, wann ich wieder so glücklich bin wie hier. Aber ich freue mich auf das Wiedersehen mit Ihnen, und das hilft. Danke für Ihren Brief. Ich bin glücklich, dass einige meiner Ideen mit Ihren Äußerungen übereinstimmen. Manchmal glaube ich, dass schon diese paar Wochen südlicher Sonne Dinge zur Entfaltung gebracht haben, die längst in mir ruhten; jedenfalls spüre ich einen heftigen Tatendrang und bin angefüllt mit Plänen. Ich hoffe, Sie bei gutem Befinden anzutreffen.

Auf frohes Wiedersehen!

Ihr stets dankbarer Kurt Weill.

                                                                
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ken. Zudem war ich angewidert von
dem Militarismus, der dem Deutsch-
land
von 1914 in nichts nachsteht,
u. von der Aufdringlichkeit der Pen-
sionsinhaber, die mir übel mit-
gespielt hat, ehe ich ein nettes
Zimmer bei Privatleuten gefunden
hatte.

jetzt bin ich froh, dass ich diesen
Brief, seinem Inhalt misstrauend,
nicht abgeschickt habe; denn diese
Tage in Rom gehören zu den schön-
sten meines Lebens. Ich erlebe
den vielgerühmten römischen Früh-
ling u. ich kann nicht aufhören,

                                                                
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lichen Stadt, wie sie da weiss u.
glitzernd in der Sonne liegt, in mich
einzuschlürfen. Dieses Bild von Pincio
aus über die Stadt hinweg nach
den grünen Höhen, dieses Bild des
marmornen Gemäuers u. schwarzer Zy-
pressen, das die Hintergründe von
Raffaels Madonnenbildern darstellen, –
es ist zu einem Teil meines Fühlens
geworden, u. ich werde immer Sehn-
sucht danach haben.

Und ich erlebe die Kunstschätze
des Vatikans. Drei Stellen besuche
ich täglich: die Sixtinische Kapelle,
Raffaels Stanzen u. seine Ausschmük-

                                                                
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von neuem liege ich auf den Knien
vor dieser Vollendung. Ich bin zu voll
von allem, um Worte dafür zu fin-
den, aber ich weiss wohl, dass es
eine Erklärung für diese ergreifende
Wirkung gibt, dass diese Leute un-
endlich viel konnten u. dass ihr
Gefühl von jener Lauterkeit war,
dasie allein dazu berechtigt, göttliche
Dinge menschlich zu gestalten. Die
Beziehungen zur Musik Bachs u.
Mozarts sind mannigfaltig, sie
gehen bis in die formalen u. –
melodiösen Einzelheiten; aber wem

                                                                
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B II, 5367
sind diese Zusammenhänge so
vertraut wie Ihnen?

Mit den antiken Plastiken war
es mir schwerer, vertraut zu werden.
Ich sah sie zunächst als erstaun-
liche virtuose Leistungen; ich staun-
te über das Können, über den
Schwung in der Komposition, aber
ich konnte mich nicht in das
Gefühl dieser Kunst hineindenken,
ja, ich war geneigt, das Vorhan-
densein eines seelischen Ausdrucks
zu leugnen. Aber vor dem rüh-
renden Lächeln eines römischen
Mädchens, vor der leisen Ironie Deutsche
Staats-
bibliothek

* Berlin *
[3]

                                                                
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gebenheit einer Tänzerin ging es
mir auf, dass diese Zeit über
die gleichen menschlichen Inhalte
verfügte wie die unsere, dass nur
die Form eine gebändigte war, eine
verhüllende, verdichtende. Die kapi-
tolinische Venus
belehrte mich vollends,
bis zu welchem Grade die Linie eines
Körpers zum Ausdruck einer Empfin-
dung werden kann. Auch das bedeutet
für mich eine Bereicherung, Aus-
füllung einer Lücke, die oft
schmerzte. –

                                                                
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B II, 5367
Sonntag 16. März 1924 mittag.
Nach Tivoli entfloh ich heute,
Ich mag nicht der polit’schen Worte
Schwall.
Fascistentag benennen’s hier die Leute.
Bei uns: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“.
Selbst die profanen Strassenbahnen
Verkünden heut des Reiches Glanz
Und überall nur Fahnen, Ahnen, „Manen“. Bei Theurich 1990 (122) und Theurich 1998 (32): „Mahnen“. Totengeister (zu lat. „manes“).
Bei uns: „Heil Dir im Siegerkranz“.
~ · ~

Heut ist ein warmer Frühlingstag,
ich war in den Grotten bei den Wasser-
fällen, die das schönste Scenarium
für den „Freischütz“ bilden; u. nun
liege ich auf einem Ölberg am Deutsche
Staats-
bibliothek

* Berlin *
[4]

                                                                
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Abhange des Sabinergebirges, eine
Schafherde weidet neben mir u. der
Hirt singt mit seiner Phyllis neapo-
litanische Lieder. Ich spüre eine
nie gekannte Leichtigkeit, eine Fülle,
einen Überfluss – u. ich singe mit:

Das ist schöner als die Musik, die
ich gestern in einem Konzert der
„Corporazione delle nuove musiche“
(nicht „Internationale“) gehört habe.
Es war der 2. Abend von fünf,
deren Programme ausschliesslich
französische u. italienische Musik

                                                                
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B II, 5367
enthalten (bezeichnend dafür, was
man sich hier unter „neuer Musik“
vorstellt). Das beste war noch ein
Quartett von Milhaud u. kleine
Witze von Poulenc. Stravinskis Suite
für Klavier, Violine u. Klarinette
klingt
scheusslich. Das erfreulichste an dem
Konzert (das Casella leitete) war,
dass ich dort Edward Dent traf
u. sprach. Er bestätigte mir, was
Jarnach in einer Karte andeutete,: Bei Theurich 1998 (33) ohne das Komma.
dass mein „Frauentanz“ für Salzburg
angenommen ist. Das freut mich
ungemein, zumal ich nie gewagt Deutsche
Staats-
bibliothek

* Berlin *
[5]

                                                                
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10Diplomatische Umschrift
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hatte, es zu erhoffen. – Teatro Constanzi
ist, nach 2 Aufführungen zu urteilen,
eine mittelmässige Opernbühnen. „Salome“
war auf dem Niveau Leipzigs (vor
Brecher!), dazu gab man als Pre-
mière „Emiral“ von Barilli, ein preis-
gekröntes Machwerk nach „Cavalleria
rusticana[“]
, nur schlechter, weil präten-
tiöser. Die Erstaufführung von „Boris
Godunow“
glänzte durch einen ausgezeich-
neten Sänger (Zalewsky); Dirigent
(Vitali), Regie u. Bühnenbild wieder
ziemlich schlecht. Aber das Stück ist
ganz überraschend u. ich freue mich auf
die Berliner Aufführung.

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><postscript type="split"><p rend="indent-first" type="split"> hatte, es zu erhoffen. – <orgName>Teatro Constanzi</orgName> <lb/>ist, nach 2 Aufführungen zu urteilen, <lb/>eine mittelmä<choice><orig>ss</orig><reg>ß</reg></choice>ige Opernbühnen. <title key="E0400489" rend="dq-du">Salome</title> <lb/>war auf dem Niveau <placeName key="E0500007">Leipzigs</placeName> (vor <lb/><persName key="E0300440">Brecher</persName>!), dazu gab man als Pre <lb break="no"/>mière <title key="E0400490" rend="dq-du">Emiral</title> von <persName key="E0300642">Barilli</persName>, ein preis <lb break="no"/>gekröntes Machwerk nach <title key="E0400491" rend="dq-du-oo">Cavalleria <lb/>rusticana</title>, nur schlechter, weil präten <lb break="no"/>tiöser. Die Erstaufführung von <title key="E0400492" rend="dq-du">Boris <lb/>Godunow</title> glänzte durch einen ausgezeich <lb break="no"/>neten Sänger (<persName key="E0300643">Zalewsk<choice><sic>y</sic><corr>i</corr></choice></persName>); Dirigent <lb/>(<persName key="E0300644">Vital<choice><sic>i</sic><corr>e</corr></choice></persName>), Regie <choice><abbr>u.</abbr><expan>und</expan></choice> Bühnenbild wieder <lb/>ziemlich schlecht. Aber das Stück ist <lb/>ganz überraschend <choice><abbr>u.</abbr><expan>und</expan></choice> ich freue mich auf <lb/>die Berliner Aufführung.</p> </postscript></div>
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11Diplomatische Umschrift
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Abends auf dem
Pincio.

Ich reise morgen, Montag, nachts
nach Venedig, wo ich 2-3 Tage
bleibe, dann Wien. Samstag nacht
fahre ich, vielleicht über Leipzig,
nach Berlin.

Der Abschied von Rom ist sehr
schwer; wer weiss, wann ich
wieder so glücklich bin wie hier.
Aber ich freue mich auf das Wie-
dersehen mit Ihnen, u. das hilft.
Danke für Ihren Brief. Ich bin
glücklich, dass einige meiner

                                                                
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12Diplomatische Umschrift
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Ideen mit Ihren Äusserungen
übereinstimmen. Manchmal glaube
ich, dass schon diese paar Wochen
südlicher Sonne Dinge zur Entfal-
tung gebracht haben, die längst
in mir ruhten; jedenfalls spüre
ich einen heftigen Tatendrang
u. bin angefüllt mit Plänen.
Ich hoffe, Sie bei gutem Be-
finden anzutreffen.

Auf frohes Wiedersehen!

Ihr stets dankbarer
Kurt Weill.

                                                                
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Überlieferung
Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 5367 | olim: Mus.ep. K. Weill 9 |

Nachweis Kalliope

Zustand
Der Brief ist gut erhalten.
Umfang
6 Blatt, 12 beschriebene Seiten
Hände/Stempel
  • Hand des Absenders Kurt Weill, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift
  • Hand des Archivars, der mit Bleistift die Signaturen eingetragen, eine Foliierung vorgenommen und das Briefdatum ergänzt hat
  • Hand des Archivars, der die Zuordnung innerhalb des Busoni-Nachlasses mit Rotstift vorgenommen hat
  • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
  • Bibliotheksstempel (blaue Tinte)
Bildquelle
Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz: 123456789101112

Zusammenfassung
Weill [… S. 1–3 noch zu ergänzen]; verehrt die bildende Kunst Roms, vergleicht sie mit der „Musik Bachs und Mozarts; findet nach anfänglichen Schwierigkeiten auch Zugang zur antiken Plastik; [… S. 7 ff. noch zu ergänzen].
Incipit
am ersten Tag meines römischen Aufenthaltes

Inhaltlich Verantwortliche
Christian Schaper Ullrich Scheideler
bearbeitet von
Stand
21. September 2021: in Bearbeitung (in der Erfassungs-/Codierungsphase)
Stellung in diesem Briefwechsel
Vorausgehend
Benachbart in der Gesamtedition
Vorausgehend
Frühere Ausgaben
Theurich 1990, S. 121 f. Theurich 1998, S. 31–35