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Mus.ep. A. Schönberg 20
(Busoni-Nachl.
B II)
Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4559
Arnold Schönberg, Berlin-Zehlendorf-Wannseebahn
Machnower Chaussee, Villa Lepcke.
22/1. 1912

Lieber verehrter Herr Busoni, nun habe ich
die Besetzung für meine 8händige Orchesterstück=
Aufführung beisammen. Und jetzt, wo ich nicht
mehr in den Verdacht kommen kann – denn
diese Möglichkeit hielt mich tatsächlich ab – daß
ich mir durch Schmeichelei Ihre Mitwirkung
errobern will, kann ich Ihnen über Ihre
Kompositionen mit aller Wärme das sagen,
wozu es mich drängt. Schönberg hatte am 19. Januar 1912 ein Konzert in Berlin unter der Leitung Oskar Frieds besucht, in dem drei Werke Busonis zur Aufführung gelangt waren: die "Fantasia Contrappuntistica", die "Berceuse Elégiaque" sowie das Klavierkonzert.

Am nächsten gieng mir die Berceuse,
die ein sehr schönes, tief ergreifendes Stück
ist. Die hat durchaus, vom Anfang bis zum
Schluß stark auf mich gewirkt und mich, wie
gesagt, wirklich bewegt. Dann aber hat mir
auch das Klavier-Konzert, das mir seiner=
zeit in Wien (ich sage es ehrlich) gänzlich
mißfallen hat , diesmal auch ausgezeichnet
gefallen. Ich verstehe das nicht, und es scheint,
daß wir, die wir zu den Besten zu gehören
glauben, doch oft genug versagen. Ich hatte
wirklich einen ausgezeichneten Eindruck.
Das Stück ist von A–Z ein Satz von fabel= Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin
[1]

Arnold Schönberg, Berlin-Zehlendorf-Wannseebahn
Machnower Chaussee, Villa Lepcke.
22/1. 1912

Lieber verehrter Herr Busoni,

nun habe ich die Besetzung für meine 8händige Orchesterstück-Aufführung beisammen. Und jetzt, wo ich nicht mehr in den Verdacht kommen kann – denn diese Möglichkeit hielt mich tatsächlich ab – dass ich mir durch Schmeichelei Ihre Mitwirkung erobern will, kann ich Ihnen über Ihre Kompositionen mit aller Wärme das sagen, wozu es mich drängt. Schönberg hatte am 19. Januar 1912 ein Konzert in Berlin unter der Leitung Oskar Frieds besucht, in dem drei Werke Busonis zur Aufführung gelangt waren: die "Fantasia Contrappuntistica", die "Berceuse Elégiaque" sowie das Klavierkonzert.

Am nächsten ging mir die Berceuse, die ein sehr schönes, tief ergreifendes Stück ist. Die hat durchaus, vom Anfang bis zum Schluss stark auf mich gewirkt und mich, wie gesagt, wirklich bewegt. Dann aber hat mir auch das Klavier-Konzert, das mir seinerzeit in Wien (ich sage es ehrlich) gänzlich missfallen hat , diesmal auch ausgezeichnet gefallen. Ich verstehe das nicht, und es scheint, dass wir, die wir zu den Besten zu gehören glauben, doch oft genug versagen. Ich hatte wirklich einen ausgezeichneten Eindruck. Das Stück ist von A–Z ein Satz von fabelhafter Architektur, ununterbrochen fließend, voller Einfälle und wunderbarer Stimmungen. Staunenswert ist es, dass Sie sich über ein so großes umfangreiches Stück immer den Überblick gewahrt haben, dass es wirklich als etwas einheitliches ununterbrochenes wirkt. Nun: bei der Fuge kam ich zu keinem rechten Genuss wegen der sehr schlechten Aufführung und der unglaublich unrichtigen Instrumentation. Ich sagte zu Webern während des Konzerts: „Man hört gar nie die Hauptstimmen, sondern immer nur das Thema.“ Das ist zu gleichen Teilen Schuld der Aufführung und der Instrumentation. Denn bei der Fuge sind es naturgemäß die Nebenstimmen, welche die zusammenhangbildenden Gegensätze herbei schaffen. Aber die ausschließliche Hervorhebung der Hauptthemen, die macht sich sehr gelehrt, bringt aber nie eine Musik-Wirkung hervor. Ich meine fast, das Thema muss meistens als Begleitung zu den Nebenstimmen erscheinen. Das Thema ist sozusagen die Grundfarbe, der neutrale Hintergrund, aus dem die Zeichnung, die Formen und Farben hervortreten sollen. Wenn aber der Hintergrund hervortritt (!!!) dann liegt alles Übrige im Schatten. Jede Stimmung, jeder Fluss, alle Gegensätze hören sich auf. — Nichtsdestoweniger spürte ich – was mir ja auch vom Lesen der Klavierausgabe her bekannt war – den großen Zug und die Ausdruckskraft auch dieses Werkes. Vor allem aber die kontrapunktische Kunst!

Es ist mir eine großes Vergnügen, Ihnen das Alles sagen zu können, denn vielleicht konnte ich zu Ihnen jenes richtige Verhältnis bis jetzt noch nicht finden, weil ich zu Ihren Kompositionen in einem schiefen Verhältnis stand. Nun ich aber zu meiner größten Freude, Sie auch von dieser Seite her schätzen gelernt habe, hoffe ich, dass das bestimmt anders sein wird. Ich habe Sie natürlich als Reproduzierenden, als Charakter und Menschen immer geschätzt. Aber mir ist der Produzierende das Wichtige und deshalb wurde ich Ihnen bisher nicht gerecht.

Ich grüße Sie vielmals herzlichst und bin Ihr ergebener

Arnold Schönberg

NB Möchten Sie nicht eine Probe meiner Orchesterstücke anhören? Die erste ist bei Ibach (Steglitzer Straße )am Dienstag um 3 Uhr!

                                                                
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wahrt haben, daß es wirklich als etwas einheitliches
ununterbrochenes wirkt. Nun: bei der Fuge kam
ich zu keinem rechten Genuß wegen der sehr
schlechten Aufführung und der unglaublich unrichtigen
Instrumentation. Ich sagte zu Webern
während des Konzerts: „Man hört gar
nie die Hauptstimmen, sondern immer
nur das Thema.“ Das ist zu gleichen Theilen
Schuld der Aufführung und der Instrumentation.
Denn bei der Fuge sind es naturgemäß
die Nebenstimmen, welche die zusammen=
hangbildenden Gegensätze herbei schaffen.
Aber die ausschließliche Hervorhebung
der Hauptthemen, die macht sich sehr
gelehrt, bringt aber nie eine Musik=
Wirkung hervor. Ich meine fast, das Thema
muß meistens als Begleitung zu
den Nebenstimmen […] höchstens 2 Zeichen: durchgestrichen. erscheinen. Das Thema
ist sozusagen die Grundfarbe, der neutrale
Hintergrund, aufs dem die Zeichnung, die

                                                                
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[2] Formen und Farben hervortreten sollen. Wenn
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liegt alles Uebrige im Schatten. Jede
Stimmung, jeder Fluß, alle Gegensätze hören
sich auf. — Nichtsdestoweniger spürte
ich – was mir ja auch vom Lesen der
Klavierausgabe herbekannt war – demn
großen Zug und die Ausdruckskraft
auch dieses Werkes. Vor Allem aber die
kontrapunktische Kunst!

Es ist mir eine großes Vergnügen, Ihnen
das Alles sagen […] höchstens 1 Zeichen: durchgestrichen. zu können, denn vielleicht konnte
ich zu Ihnen jenes richtige Verhältnis bis jetzt noch
nicht finden, weil ich zu Ihren Kompositionen
in einem schiefen Verhältnis stand. Nun
ich aber zu meiner größten Freude, Sie auch von
dieser Seite her schätzen gelernt habe, hoffe ich,
daß das bestimmt anders sein wird. Ich
habe Sie natürlich als Reproducierender, als
Karakter und Mensch immer geschätzt. Aber
mir ist der Prozduzierende das Wichtige und
deshalb wurde ich Ihnen bisher nicht gerecht.

Ich grüße Sie vielmals herzlichst und bin Ihr
ergebener

Arnold Schönberg

NB Möchten Sie nicht eine Probe meiner Orchesterstücke an=
hören? Die erste ist bei Ibach (Steglitzer Straße 3)[…] höchstens 1 Zeichen: überschrieben. am Dienstag um 3 Uhr!

[2]
                                                                
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5Diplomatische Umschrift
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Empfängeradresse auf der Vorderseite:

Herrn Ferruccio Busoni
Berlin W30
Viktoria Luiseplatz 11
Poststempel vorne:

                                                                

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6Diplomatische Umschrift
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Absenderadresse auf der Rückseite:

Arnold Schönberg
Berlin-Zehlendorf-Wannseebahn
Machnower Chaussee, Villa Lepcke.
Ferner durchgestrichene alte Signatur: Mus.ep. A. Schönberg 20 sowie durchgestrichener Sammlungszuordnung:
Nachlaß Busoni
B II und handschriftlich Signatur des Umschlags: Mus.Nachl. F. Busoni B II, 4559-Beil

                                                                

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