Faksimile
Diplomatische Umschrift
Lesefassung
XML
Mus.ep. Ferruccio Busoni 23
Mus.Nachl. F. Busoni B I, 542
(Nachlaß Busoni B I)
[1]

Verehrter Freund.

Ihre “Recensionen” sind mir
von größtem Werthe und bei
jeder Veröffentlichung zähle
ich im Stillen darauf.

Die Sonatina wurde hier
verschimpft, die mMildesten
fanden in ihr eine Nachahmung
Debussy’s! Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin

Ich müßte meine kleine
Aesthetik
neu redigiren, nicht
Alles ist darin wohl deutlich
genug ausgedrückt.

Ich bin ein Anbeter der Form!!

Ich bin überempfindlich
dafür u. diese meine Schwäche
d macht, dass ich viel leide,
weil so oft gegen Form gesündigt

Verehrter Freund.

Ihre „Rezensionen“ sind mir von größtem Werte, und bei jeder Veröffentlichung zähle ich im Stillen darauf.

Die Sonatina wurde hier verschimpft, die Mildesten fanden in ihr eine Nachahmung Debussys!

Ich müsste meine kleine Ästhetik neu redigieren, nicht alles ist darin wohl deutlich genug ausgedrückt.

Ich bin ein Anbeter der Form!!

Ich bin überempfindlich dafür, und diese meine Schwäche macht, dass ich viel leide, weil so oft gegen Form gesündigt wird – auch im Leben, im Abstatten und Beenden eines Besuches, im Einschenken einer Tasse Tee, in einer Programmzusammenstellung, in Gesten, Worten, Handlungen.

Aber ich lehne mich gegen überlieferte und unabänderliche Formen auf und empfinde, dass jeder Gedanke, jedes Motiv, jedes Individuum eine eigene im Verhältnis zum Gedanken, zum Motiv, zum Individuum stehende Form haben muss.

So ist es in der Natur, und der Keim enthält schon die ausgewachsene Pflanze.

Sie verstehen mich aus diesen wenigen Sätzen, doch könnte ich sehr ausführlich darüber schreiben.

In der Wiener Universal-Edition erschien dieser Tage ein von mir klaviermäßig-gestaltetes Stückchen von Arnold Schönberg, auf das ich Sie aufmerksam mache. (Leider habe ich kein Exemplar zur Verfügung.) Es wird Sie abstoßen, namentlich im harmonischen Klang, aber es enthält eine eigene Empfindung und scheint mir eben in seiner Form vollendet. –

Die Architektonik der Musik ist die Sphäre, der Inhalt muss nur darin richtig verteilt sein.

Das hat derselbe Schönberg in einem jüngst hier aufgeführten Orchesterpoem (Pelleas und Melisande) nicht verstanden. Es ist wie ein Sack, der mit kantigen Gegenständen gepfropft ist. – Aber auch dieses Stück zeigt Eigenart, Unabhängigkeit und stellenweise auch Schönheit. (Es ist mit 29 Jahren komponiert.)

Ich könnte noch lange mit Ihnen schwätzen – – –

Vielen Dank für Ihr sehr freundliches Interesse. Ich grüße Sie und Ihre Frau Gemahlin herzlich und achtungsvoll.

Ihr

Ferruccio Busoni

Berlin, 8. November 1910.
                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"> <note type="shelfmark" resp="#archive" place="top-left"> <subst><del rend="strikethrough">Mus.ep. Ferruccio Busoni 23</del><add place="below">Mus.Nachl. F. Busoni B I, 542</add></subst> </note> <note type="shelfmark" resp="#archive" place="top-right"> <del rend="none margin-right"><stamp resp="#sbb_st_blue"><handShift new="#archive"/>(<handShift new="#sbb_st_blue"/>Nachlaß Busoni <handShift new="#archive_red"/>B I<handShift new="#archive"/>)</stamp></del> </note> <note type="foliation" place="right" rend="small" resp="#archive">[1]</note> <opener> <salute rend="indent space-above">Verehrter Freund.</salute> </opener> <p>Ihre <soCalled rend="dq-uu">Re<choice><orig>c</orig><reg>z</reg></choice>ensionen</soCalled> sind mir <lb/>von größtem Wert<orig>h</orig>e<reg>,</reg> und bei <lb/>jeder Veröffentlichung zähle <lb/>ich im Stillen darauf.</p> <p rend="indent-first">Die <title key="E0400220">Sonatina</title> wurde hier <lb/>verschimpft, die <subst><del rend="overwritten">m</del><add place="across">Mildesten</add></subst> <lb/>fanden in ihr eine Nachahmung <lb/><persName key="E0300021">Debussy<orig>’</orig>s</persName>! <note type="stamp" place="inline" resp="#dsb_st_red" xml:id="dsb_st"> <stamp rend="round border align(center) small">Deutsche <lb/>Staatsbibliothek <lb/><placeName key="E0500029"><hi rend="spaced-out">Berlin</hi></placeName> </stamp> </note> </p> <p rend="indent-first"> Ich mü<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>te <rs key="E0400043">meine kleine <lb/><choice><orig>Ae</orig><reg>Ä</reg></choice>sthetik</rs> neu redigi<reg>e</reg>ren, nicht <lb/><choice><orig>A</orig><reg>a</reg></choice>lles ist darin wohl deutlich <lb/>genug ausgedrückt.</p> <p rend="indent">Ich bin ein Anbeter der Form!!</p> <p rend="indent-first">Ich bin überempfindlich <lb/>dafür<reg>,</reg> <choice><abbr>u.</abbr><expan>und</expan></choice> <add place="above">diese</add> meine Schwäche <lb/><del rend="strikethrough">d</del> macht, dass ich viel leide, <lb/>weil so oft gegen Form gesündigt </p></div>
2Faksimile
2Diplomatische Umschrift
2XML

[2] wird – auch im Leben, im
Abstatten u. Beenden eines
Besuches, im Einschenken
einer Tasse Thee, in einer
Programmzusammenstellung,
in Gesten, Worten, Handlungen.

Aber ich lehne mich gegen
überlieferte u. unabaenderliche
Formen auf u. empfinde
dass jeder Gedanke, jedes Motiv,
jedes Individuum eine eigene
im Verhältnis zum Gedanken,
zum Motiv, zum Individuum
stehende Form haben muss.

So ist es in der Natur und
der Keim enthält schon die
ausgewachsene Pflanze.

Sie verstehen mich aus
diesen wenigen Sätzen, doch
könnte ich sehr ausführlich
darüber schreiben.

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"><p rend="indent-first" type="split"> <note type="foliation" place="top-right" resp="#archive">[2]</note> wird – auch im Leben, im <lb/>Abstatten <choice><abbr> u.</abbr><expan>und</expan></choice> Beenden eines <lb/>Besuches, im Einschenken <lb/>einer Tasse T<orig>h</orig>ee, in einer <lb/>Programmzusammenstellung, <lb/>in Gesten, Worten, Handlungen.</p> <p>Aber ich lehne mich gegen <lb/><hi rend="underline">überlieferte</hi> <choice><abbr>u.</abbr><expan>und</expan></choice><hi rend="underline"> unab<choice><orig>ae</orig><reg>ä</reg></choice>nderliche</hi> <lb/><hi rend="underline">Formen</hi> auf <choice><abbr> u.</abbr><expan>und</expan></choice> empfinde<reg>,</reg> <lb/>dass jeder Gedanke, jedes Motiv, <lb/>jedes Individuum eine <hi rend="underline">eigene</hi> <lb/>im Verhältnis zum Gedanken, <lb/>zum Motiv, zum Individuum <lb/>stehende Form haben muss.</p> <p>So ist es in der Natur<reg>,</reg> und <lb/>der <hi rend="underline">Keim</hi> enthält schon die <lb/>ausgewachsene Pflanze.</p> <p rend="indent-first">Sie verstehen mich aus <lb/>diesen wenigen Sätzen, doch <lb/>könnte ich sehr ausführlich <lb/>darüber schreiben.</p> </div>
3Faksimile
3Diplomatische Umschrift
3XML

In der Wiener Universal-Edition
erschien dieser Tage ein von mir
claviermässig=gestaltetes Stückchen

von Arnold Schönberg, auf das ich
Sie aufmerksam mache. (Leider
habe ich kein Ex. zur Verfügung)
Es wird Sie abstossen, namentlich
im harmonischen Klang, aber
es enthält eine eigene Empfindung
u. scheint mir eben in seiner
Form vollendet. _

Die Architektonik der Musik ist
die Sphaere, der Inhalt muss
nur darin richtig vertheilt sein.

                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"> <p>In der <placeName key="E0500002">Wiener</placeName> <orgName key="E0600004">Universal-Edition</orgName> <lb/>erschien dieser Tage <rs key="E0400032">ein von mir <lb/><choice><orig>c</orig><reg>k</reg></choice>laviermä<choice><orig>ss</orig><reg>ß</reg></choice>ig<pc>=</pc>gestaltetes Stückchen</rs> <lb/>von <persName key="E0300023"><hi rend="underline">Arnold</hi> <hi rend="underline">Schönberg</hi></persName>, auf das ich <lb/>Sie aufmerksam mache. (Leider <lb/>habe ich kein <choice><abbr> Ex.</abbr><expan>Exemplar</expan></choice> zur Verfügung<reg>.</reg>) <lb/>Es wird Sie absto<choice><orig>ss</orig><reg>ß</reg></choice>en, namentlich <lb/>im harmonischen Klang, aber <lb/>es enthält eine eigene Empfindung <lb/><choice><abbr> u.</abbr><expan>und</expan></choice> scheint mir eben in <hi rend="underline">seiner</hi> <lb/>Form vollendet. <choice><orig>_</orig><reg>–</reg></choice></p> <p rend="indent-first">Die Architektonik der Musik ist <lb/>die <soCalled rend="dq-uu"><hi rend="underline">Sph<choice><orig>ae</orig><reg>ä</reg></choice>re</hi></soCalled>, der Inhalt muss <lb/>nur darin richtig vert<orig>h</orig>eilt sein.</p> </div>
4Faksimile
4Diplomatische Umschrift
4XML

Das hat derselbe Schönberg in einem
jüngst hier aufgeführten Orchesterpoem
(Pelleas + Melisande) nicht verstanden.
Es ist wie ein Sack, der mit kantigen
Gegenständen gepfropft ist. – Aber auch
dieses Stück zeigt Eigenart, Unabhängigkeit
u. stellenweise auch Schönheit. (Es ist mit
29 Jahren componirt.) Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin

Ich könnte noch lange mit
Ihnen schwätzen – – –

Vielen Dank für Ihr sehr
freundliches Interesse. Ich grüße
Sie u. Ihre Frau Gemahlin herzlich
u. achtungsvoll.

Ihr

Ferruccio Busoni

Berlin 8 Nov. 1910.
                                                                
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="split"> <p rend="indent-first">Das hat derselbe <persName key="E0300023">Schönberg</persName> in einem <lb/>jüngst hier aufgeführten Orchesterpoem <lb/><title key="E0400012">(Pelleas <choice><orig>+</orig><reg>und</reg></choice> Melisande)</title> <hi rend="underline">nicht</hi> verstanden.<!-- Schönberg hatte Busoni das Stück schon 1903 einmal vorgelegt, s. Briefwechsel --> <lb/>Es ist wie ein Sack, der mit kantigen <lb/>Gegenständen gepfropft ist. – Aber auch <lb/>dieses Stück zeigt Eigenart, Unabhängigkeit <lb/><choice><abbr> u.</abbr><expan>und</expan></choice> stellenweise auch Schönheit. (Es ist mit <lb/>29 Jahren <choice><orig>c</orig><reg>k</reg></choice>omponi<reg>e</reg>rt.) <note type="stamp" place="margin-left" resp="#dsb_st_red"> <stamp rend="round border align(center) small">Deutsche <lb/>Staatsbibliothek <lb/><placeName key="E0500029"><hi rend="spaced-out">Berlin</hi></placeName> </stamp> </note></p> <p rend="indent-first">Ich könnte noch lange mit <lb/>Ihnen schwätzen – – –</p> <p rend="indent-first">Vielen Dank für Ihr sehr <lb/>freundliches Interesse. Ich grüße <lb/>Sie <choice><abbr> u.</abbr><expan>und</expan></choice> <rs key="E0300434">Ihre Frau Gemahlin</rs> herzlich <lb/><choice><abbr> u.</abbr><expan>und</expan></choice> achtungsvoll.</p> <closer> <salute rend="align(center)">Ihr</salute> <signed rend="align(right)"><persName key="E0300017">Ferruccio Busoni</persName></signed> <dateline> <placeName key="E0500029">Berlin</placeName><reg>,</reg> <date when-iso="1910-11-08">8<reg>.</reg> <choice><abbr> Nov.</abbr><expan>November</expan></choice> 1910</date>. </dateline> </closer> </div>
5Faksimile
5Diplomatische Umschrift
5XML
Berlin
-8.11.10.5-6N
* 30 c
Herrn Robert Freund
Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin
Zürich.
Untere Zäune 7.
                                                                <note xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="stamp" place="top-right" resp="#post">
                                <stamp sameAs="post_abs" rend="round border majuscule align(center)" xml:id="post_abs">
                                    <placeName key="E0500029">Berlin</placeName>
                                    <lb/>-<date when-iso="1910-11-08">8.11.10</date>.5-6N
                                    <lb/>* 30 c
                                </stamp>
                            </note>
                                                                
<address xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" rend="align(center)"> <addrLine>Herrn <persName key="E0300208">Robert Freund</persName></addrLine> <note type="stamp" place="left" resp="#dsb_st_red"> <stamp rend="round border align(center) small">Deutsche <lb/>Staatsbibliothek <lb/><placeName key="E0500029"><hi rend="spaced-out">Berlin</hi></placeName> </stamp> </note> <addrLine><hi rend="underline large"><placeName key="E0500132">Zürich</placeName>.</hi></addrLine> <addrLine><placeName key="E0500495">Untere Zäune 7</placeName>.</addrLine> </address>
6Faksimile
6Diplomatische Umschrift
6XML
Zürich
-9.XI.10–2
Brf. Exp.
Mus.Nachl. F. Busoni B I, 542-Beil.
8. Nov. 1910 m. 2 Marken
Nachlaß Busoni B I
Mus.ep. F. Busoni 23
                                                                <note xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="stamp" place="top-center" resp="#post">
                                <stamp xml:id="post_rec" rend="round border majuscule align(center) rotate(45)">
                                    <placeName key="E0500132">Zürich</placeName>
                                    <lb/>-<date when-iso="1910-11-09">9.XI.10</date>–2
                                    <lb/>Brf. Exp.
                                </stamp>
                            </note>
                                                                <note xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="shelfmark" place="center" resp="#archive" rend="space-above">
                                <add xml:id="addSig">Mus.Nachl. F. Busoni B I, 542-Beil.</add>
                            </note>
                                                                <note xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="dating" resp="#unknown_hand" rend="align(center)" xml:id="arch_date"><date when-iso="1910-11-08">8. <choice><abbr> Nov.</abbr><expan>November</expan></choice> 1910</date>
                            </note>
                                                                <note xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="annotation" resp="#archive" rend="align(center) small">m. 2 Marken</note>
                                                                <note xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="shelfmark" place="bottom-center" resp="#archive">
                                <del xml:id="delSig" rend="strikethrough"><stamp resp="#sbb_st_blue">Nachlaß Busoni <handShift new="#archive_red"/>B I</stamp><handShift new="archive"/>Mus.ep. F. Busoni 23</del>
                            </note>
                                                                <substJoin xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" target="#addSig #delSig"/>