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75.13 Aug 1919

Lieber, Verehrter,

ich zweifle nicht, dass es
bei Liszt auf Intuition ankam. Er
verwandte übrigens den liturgischen
Gesang als „Dichter“, nicht als Forscher.

Als ich d’Annunzio in Paris aufsuchte,
war er mit seinem Drama „La
Pisanella“ beschäftigt. – Auf einem
Regal stand eine ganze kleine
Bibliothek von Büchern, die von
der Geschichte Cyperus handelten,
auf welcher Insel sein Stück sich ab-
spielt. – Nur in 3 von diesen Bänden
war je eine Seite durch ein Papier-
streifen angemerkt. Ein charakterisierender
Satz, den eine solche Seite enthielt,
hatte ihm genügt, nur die Athmosphäre
des Landes u. der Zeit für seinen Zweck
zu erfassen. Das Übrige hat er nie gelesen.

– Ein Gegenstück. In Genf gibt es
einen Professeus M., Zeichenlehrer
an der Akademie. Als er selber
dort noch Schüler war, wurde ihm
als Schlussaufgabe auftragen: die
Werkstätte eines Uhrmachers
als Bild darzustellen.

Lieber, Verehrter,

ich zweifle nicht, dass es bei Liszt auf Intuition ankam. Er verwandte übrigens den liturgischen Gesang als „Dichter“, nicht als Forscher.

Als ich d’Annunzio in Paris aufsuchte, war er mit seinem Drama „La Pisanella“ beschäftigt. – Auf einem Regal stand eine ganze kleine Bibliothek von Büchern, die von der Geschichte Cyperus handelten, auf welcher Insel sein Stück sich abspielt. – Nur in 3 von diesen Bänden war je eine Seite durch ein Papierstreifen angemerkt. Ein charakterisierender Satz, den eine solche Seite enthielt, hatte ihm genügt, nur die Athmosphäre des Landes und der Zeit für seinen Zweck zu erfassen. Das Übrige hat er nie gelesen.

– Ein Gegenstück. In Genf gibt es einen Professeus M., Zeichenlehrer an der Akademie. Als er selber dort noch Schüler war, wurde ihm als Schlussaufgabe auftragen: die Werkstätte eines Uhrmachers als Bild darzustellen. Darauf verschwand M. auf dreiviertel Jahr, und nur die Register erinnerten sich noch des Umstandes. Am Ende des Jahres tauchte aber M. wieder auf mit einer von Studien protzenden Mappe; mehrere hundert Blätter, worauf die geringsten Bestandteile einer Uhr einzeln und peinlich beobachtet und wiedergegeben waren. – Das Bild hat er nie gemalt. –

Ich glaube, Liszt hat es eher wie d’Annunzio gemacht. Warum spannen Sie ihn gerade von dieser Seite an, der des gregorianischen Cantus? Hat er nicht von Bach – über Bellini – und Schubert und Weber – bis Wagner, alles sich zu eigen gemacht, die Volksweisen aller Völker im richtigen Geiste verarbeitet; weshalb sollte er just vorn Gregor Halt machen? – Katholik war er stets, überdies, und Rom sein Aufenthalt.

– Dank für Ihren theuren Brief. Vielleicht besucht Sie Frau Gerdar.

Ihr herzlich und verehrungsvoll

13. A. 1919. ergebener

F. Busoni

                                                                
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(2)
Darauf verschwand M. auf drei-
viertel Jahr, und nur die Register
erinnerten sich noch des Umstandes.
Am Ende des Jahres tauchte aber
M. wieder auf mit einer von
Studien protzenden Mappe; mehrere
hundert Blätter, worauf die
geringsten Bestandteile einer Uhr
einzeln u. peinlich beobachtet u. wiedergegeben
waren. – Das Bild hat er nie gemalt. –

Ich glaube, Liszt hat es eher
wie d’Annunzio gemacht. Warum
spannen Sie ihn gerade von dieser
Seite an, der des gregorianischen Cantus?
Hat er nicht von Bach – über Bellini –
u. Schubert u. Weber – bis Wagner, alles sich zu
eigen gemacht, die Volksweisen aller
Völker im richtigen Geiste verarbeitet;
weshalb sollte er just vorn Gregor
Halt machen? – Katholik war er stets,
überdies, und Rom sein Aufenthalt.

– Dank für Ihren theuren Brief.
Vielleicht besucht Sie Frau Gerdar.

Ihr herzlich u. verehrungsvoll

13. A. 1919. ergebener

F. Busoni

                                                                
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