Ferruccio Busoni an Arnold Schönberg arrow_backarrow_forward

Zürich · 24. November 1916

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* The * Library * of * Congress *

Lieber und hoch-geschätzer Arnold Schönberg,

Ihr Brief war mir eine der
erfreulichsten Überraschungen, Offenbar war Busoni tatsächlich von Schönbergs Schreiben angetan; am nächsten Tag äußerte er sich in einem Brief an José Vianna da Motta anerkennend über Schönbergs Ausführungen zu Krieg und Frieden (Theurich 1979, S. 131). und
ich rechne es Ihnen schön an, dass
Sie mich ausersehen haben, um
Ihrem Herzen Luft zu machen.

Bei dem Züricher III. Symphonie=
Konzert stand Ihr „Pelleas und
Melisande“
auf dem Programm,
und schon freuten sich die
Rechtdenkenden auf diese
Klänge, als das Werk – infolge
des nicht eingetroffenen Materials –
aus der Liste verschwand.

Gestern noch – mit einem
intelligenten Herrn Bülau Franz Wolfgang Bülau war 1916 Konzertmeister des Tonhalle-Orchesters Zürich.
besangen wir Ihr Harmoniebuch.

Sie ersehen daraus, daß
man noch für das Gute
Manches übrig behält. Darum

Lieber und hochgeschätzer Arnold Schönberg,

Ihr Brief war mir eine der erfreulichsten Überraschungen, Offenbar war Busoni tatsächlich von Schönbergs Schreiben angetan; am nächsten Tag äußerte er sich in einem Brief an José Vianna da Motta anerkennend über Schönbergs Ausführungen zu Krieg und Frieden (Theurich 1979, S. 131). und ich rechne es Ihnen schön an, dass Sie mich ausersehen haben, um Ihrem Herzen Luft zu machen.

Bei dem Züricher III. Symphonie-Konzert stand Ihr „Pelleas und Melisande“ auf dem Programm, und schon freuten sich die Rechtdenkenden auf diese Klänge, als das Werk – infolge des nicht eingetroffenen Materials – aus der Liste verschwand.

Gestern noch – mit einem intelligenten Herrn Bülau Franz Wolfgang Bülau war 1916 Konzertmeister des Tonhalle-Orchesters Zürich. besangen wir Ihr Harmoniebuch.

Sie ersehen daraus, dass man noch für das Gute manches übrig behält. Darum hätte ich gewünscht, von Ihrem gegenwärtigen Schaffen Umständlicheres berichtet zu erfahren. Die gewaltsame zehnmonatliche Unterbrechung Schönberg war im November 1915 als tauglich gemustert worden. Von Mitte Dezember 1915 bis Juni 1916 war er beim Militär. Im September 1917 wurde er erneut eingezogen. muss schwer auf dasselbe gelastet haben, aber umso ungestümer müsste es wieder hervorbrechen.

Ich schrieb ein kleines Feuilleton über den Soldaten-Tod eines hervorragenden Malers; Busonis Aufsatz „Der Kriegsfall Boccioni“, datiert Zürich, August 1916“. keine Friedensschrift, aber eine, worin die Kunst – in einer knappen Andeutung – gegen den Krieg abgewogen wird. Sie hat ein leises Echo erweckt, wie schon daraus zu schließen ist, dass etwas davon auch zu Ihren Ohren drang.

Was wissen Sie von Frau Mahler? Busoni hatte noch nicht von Alma Mahlers Hochzeit mit Walter Gropius (18. August 1915) erfahren. Nach Gustav Mahlers Tod standen Busoni und Alma Mahler noch in Kontakt, insbesondere wegen der Organisation der Zinsvergabe durch die Gustav-Mahler-Stiftung an Arnold Schönberg. Der Kontakt riss dann jedoch ab, da Busoni auf Alma Mahlers Briefe nicht mehr antwortete. Ihr letzter Brief an Busoni (23. März 1916) ist mit Alma Mahler unterzeichnet (Theurich 1979, S. 136). Die Ehe mit Gropius war abseits der Öffentlichkeit geschlossen worden: Alma hatte Gropius um eine schnelle Hochzeit gebeten, „ohne dass es ein Mensch erfährt“ (Hilmes 2004, S. 160), und empfand die Ehe bald als „sozialen Abstieg“ (ibid., S. 164).

Und welcher ist Ihr Verkehr?

Nun muss man zuversichtlich hoffen und auf den Frieden hin in dem Sinne arbeiten, dass er uns nicht überrasche, bevor wir in dem, das uns gegeben ist, etwas vollbracht haben. Das ist unser schönster Sieg, wenn wir als Ergebnis unser Schaffen gegen des Anderen Zerstörung stellen können! Das Bleibende gegen das Zerfallende.

Jeder tue, was er am besten zu tun vermag; sich selbst gründlich zu schöpfen, bleibe die wahrste Lebenserfüllung.

Ich wünsche Ihnen das Freundschaftlichste. Auf Wiedersehen und -lesen.

Ihr herzlichst ergebener

F. Busoni

24. Nov. 1916.
                                                                
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hätte ich gewünscht von Ihrem
gegenwärtigen Schaffen Umständlicheres
berichtet zu erfahren. Die gewalt-
-same 10-monatliche Unterbrechung Schönberg war im November 1915 als tauglich gemustert worden. Von Mitte Dezember 1915 bis Juni 1916 war er beim Militär. Im September 1917 wurde er erneut eingezogen.
muss schwer auf dasselbe gelastet
haben, aber um so umngestümer
müßte es wieder hervorbrechen.

Ich schrieb ein kleines
Feuilleton über den Soldaten=
Tod eines hervorragenden Malers; Busonis Aufsatz „Der Kriegsfall Boccioni“, datiert Zürich, August 1916“.
keine Friedensschrift, aber eine,
worin die Kunst – in einer
knappen Andeutung – gegen den
Krieg abgewogen wird. Sie hat
ein kleineleises Echo erweckt, wie
schon daraus zu schließen ist,
daß Etwas davon auch zu Ihren
Ohren drang.

Was wissen Sie von Frau Mahler? Busoni hatte noch nicht von Alma Mahlers Hochzeit mit Walter Gropius (18. August 1915) erfahren. Nach Gustav Mahlers Tod standen Busoni und Alma Mahler noch in Kontakt, insbesondere wegen der Organisation der Zinsvergabe durch die Gustav-Mahler-Stiftung an Arnold Schönberg. Der Kontakt riss dann jedoch ab, da Busoni auf Alma Mahlers Briefe nicht mehr antwortete. Ihr letzter Brief an Busoni (23. März 1916) ist mit Alma Mahler unterzeichnet (Theurich 1979, S. 136). Die Ehe mit Gropius war abseits der Öffentlichkeit geschlossen worden: Alma hatte Gropius um eine schnelle Hochzeit gebeten, „ohne dass es ein Mensch erfährt“ (Hilmes 2004, S. 160), und empfand die Ehe bald als „sozialen Abstieg“ (ibid., S. 164).

Und welcher ist Ihr Verkehr?

                                                                
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Nun muss man zuversichtlich
hoffen und auf den Frieden hin
in dem Sinne arbeiten, daß er
uns nicht überraschte, Theurich 1977 (195) und Theurich 1979 (202): „überrascht“. bevor wir
in dem, wdas uns gegeben ist,
Etwas vollbracht haben. Das ist
unser schönster Sieg, wenn wir
als Ergebnis unser Schaffen
gegen des Anderen Zerstörung
stellen können! Das Bleibende
gegen das Zerfallende.

Jeder thue, was er am besten zu thun
vermag; sich selbst
gründlich zu schöpfen bleibe die
bestewahrste Lebenserfüllung.

Ich wünsche Ihnen
das Freundschaftlichste.
Auf Wiedersehen u =Lesen.

Ihr herzlichst ergebener

F. Busoni

24 Nov. 1916.
                                                                
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Überlieferung
USA | Washington, D. C. | The Library of Congress | Music Division | Arnold Schoenberg Collection |

Nachweis Arnold-Schönberg-Center, Wien

Zustand
Der Brief ist gut erhalten.
Umfang
3 Blatt, 3 beschriebene Seiten
Kollation
Nur die Vorderseiten sind beschrieben.
Hände/Stempel
  • Hand des Absenders Ferruccio Busoni, Brieftext in schwarzer Tinte, in lateinischer Schreibschrift.
  • Bibliotheksstempel (rote Tinte)
Bildquelle
The Library of Congress: 123

Zusammenfassung
Busoni berichtet von der ausgefallenen Zürcher Aufführung von Schönbergs Pelleas und Melisande sowie von seiner sehr positiven Aufnahme der Harmonielehre Schönbergs; erkundigt sich nach Schönbergs Schaffen und nach Alma Mahler; versteht es als notwendige Friedensvorbereitung, künstlerische Schöpfung der Zerstörung entgegenzusetzen.
Incipit
Ihr Brief war mir eine der erfreulichsten Überraschungen

Inhaltlich Verantwortliche
Christian Schaper Ullrich Scheideler
bearbeitet von
Stand
3. Februar 2020: in Korrekturphase (Transkription abgeschlossen, Auszeichnungen codiert, zur Korrekturlesung freigegeben)
Stellung in diesem Briefwechsel
Vorausgehend Folgend
Benachbart in der Gesamtedition
Frühere Ausgaben
Theurich 1977, S. 195 Theurich 1979, S. 201 f. (Brief), S. 131–133 (Kommentar) Beaumont 1987, S. 420